Mein Bett ist eine feste Burg

Zu seinen Marotten gehört auch diese: Wenn er nachts kurz aufwacht, um gleich wieder in den Schlaf einzutauchen, rechnet er rasch noch die verbleibende Zeit bis zum Aufstehen aus. Wie spät ist es? Zwei Uhr fünfundzwanzig und der Wecker ist gestellt auf sieben Uhr dreißig? Das macht weitere fünf Stunden und fünf Minuten im Bett, wie beruhigend. Seine Lagerstatt teilt er mit keinem, sie ist seine Burg, sein Fort und der Schlaf der Schutzwall, hinter dem er sich geborgen weiß vor allen Zumutungen. Ruckzuck schlummert er mit diesem Sicherheitsgefühl wieder ein.

Der Vorgang kann sich in einer Nacht zwei-, dreimal wiederholen. Die immer exakt ermittelte Restschlafzeit wird zwar kürzer, doch mindert das den Effekt nicht. Es kommt nur auf die freudige Gewissheit an, dass noch Zeit in der Schlaffestung verbracht werden kann. Dass Zeit relativ sei, nie erscheint es ihm so plausibel wie etwa um fünf Uhr siebzehn. Ja, ja, Einstein und die Realität der Zeit als Illusion …

Sechs Uhr achtundzwanzig? Das macht – das Kopfrechnen fiel schon mal leichter. Es ist immerhin noch eine gute Stunde und vielleicht ist ja doch was dran an Zenons Paradoxon? Wie war das noch, Achilles holt die Schildkröte niemals ein? Der kurz Aufgewachte sackt gleich wieder weg.

Dann findet er sich auf einmal in einer Hamburger Wohnung vor. Er erkennt nichts wieder, er weiß nur, es ist eben sein Zuhause dort. Die anwesenden Mitbewohner kennt er gar nicht und wundert sich doch nicht darüber. Sie haben jetzt zwei neue Hausangestellte - wenn sie nur hurtiger wären, er muss doch bald zum Bahnhof. Das Frühstücksei kommt mit Verspätung auf den Tisch. Es passiert noch das eine oder andere Missgeschick.

Er weiß genau, sein ICE geht um sieben Uhr neunzehn. Den muss und wird er erreichen. Und in Mannheim wird er vom Zug abgeholt. Also rasch vom Tisch aufstehen, wie spät ist es denn schon? Fünf vor sieben? Kaum zu glauben. Jedenfalls keine Zeit mehr, noch irgendetwas einzupacken. Er wird alles in Mannheim neu besorgen müssen. Zähneputzen entfällt auch.

Schon ist er draußen im Trab unterwegs. Er schneidet Ecken ab, läuft diagonal über Kreuzungen. Wie weit ist es denn noch bis zur U-Bahn? Ob er den Hauptbahnhof gerade noch rechtzeitig erreichen wird? Das erscheint ihm allmählich immer fraglicher. Dann hetzt er quer über eine Blumenrabatte, trampelt Stiefmütterchen und Goldlack nieder – und erwacht in seinem Berliner Bett, von tiefem Schrecken erfüllt. Wie spät? Sieben Uhr zwanzig? Da lohnt sich kein Einschlafen mehr. Besser gleich aufstehen und den Wecker abstellen.
 

Anders Tell

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Hallo Arno,
der Text ruft Erinnerung in mir wach. Das Bett als Bollwerk gegen das Außen. Eine Bastion des Schutzes für einen begrenzten Zeitraum. In manchen Zeiten die einzige Zuflucht.
Anders
 

petrasmiles

Mitglied
Da ging jetzt in meinem Kopf etwas durcheinander - zuerst dachte ich an Heine, aber der nannte es 'Gruft', dann kurz überlegt, dass war ja Luther, der Gott seine feste Burg nannte. Und was mach' ich jetzt mit den beiden in meinem Kopf (die sicher wenig miteinander anfangen könnten ...) egal, wegwischen.

Dein Protagonist erinnert mich an meinem Mann. Bei ihm kann ich mich auch erinnern, dass er seufzend auf den Wecker schaute und selig wieder in sein Kissen sank. Ein Ritual ist es eher nicht, aber eine sinnliche Freude am Entspannen - so lange es geht. (Ich bin da eher ein Bettflüchter, auch ohne Wecker; ich frage mich, auf den Wecker blickend und ausrechnend, wie viel Schlaf ich hatte, ob ich schon aufstehen kann, oder besser noch eine Stunde dranhänge. Ich mag die frühe Stunde gar zu gern ...)

Das Ritual des Nachrechnens in umgekehrter Reihenfolge ist mir fremd, aber ich kann es nachvollziehen - wenn ich dem Protagonisten auch wünschen würde, dass er durchschläft. Aber dann hätten wir ja keine Geschichte. Das Bett als so ein intimer Ort eines Individuums ist wirklich bisher vernachlässigt worden. Schön, dass Du ihm einen Text gewidmet hast.
Dass aber ausgerechnet der Wonneschläfer von einem Zu-spät-komm-Alptraum geplagt wird, ist bitter, aber realistisch. Und die nächste Nacht kommt bestimmt :)

Liebe Grüße
Petra
 



 
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