Mein erster Tag (vor zweiundzwanzig Jahren)

klara

Mitglied
Das hier, also, ist der Bahnhof!
Die Bahn und die Schienen bringen doch einen Bahnhof zu seinem Namen.
das hier ist doch nur HOF.
Oder?
Wo sind die Schienen? Der Lok?
Ich weiß es, hier wird kein Schuhputzer einen Teelöffel auf die Schienen legen. Wenn ein Zug über den Löffel fährt, wird der Löffel nämlich zu einem Werkzeug für Schuhputzer. Das hat mir ein Junge beigbracht, obwohl ich keine Schuhe anhatte, die er putzen konnte, sondern nur Sandalen, bestehend aus wenigen Riemchen.
Gibt es hier überhaupt Schuhputzer?
Ich kann nicht weiter denken. Meine Erinnerung an ihn ist weg. Ich finde mich plötzlich im Untergrund. Die ganze Stadt scheint dreifach unterkellert zu sein.
Sofort, auf der ersten Rolltreppe weiß ich, dass ich keine Rolltreppen mag. Es ist sicher.
Wie eng man dort mit anderen Menschen neben einander, hinter einander und gegenüber steht?
Wie oft man dort Blickkontakt majestätisch verhindert. Es ist nicht unhöflich.
Wie langatmig die Schritte sein können, obwohl sie schnell, sehr schnell sind?
Und die Bahn, die im Keller fährt, ist auch furchtbar schnell. Ich verliere die Orientierung,
Plötzlich, aus irgend einem Wunder, stehe ich unter freiem Himmel. Ich freue mich darüber.
Doch sogleich entdecke ich ein Netz von Kabeln über meinem Kopf. Da ist ein Zaun zum Himmel.

Die Bewohner dieser Stadt müssen sehr mutig sein.
Oder sehr krank?

Durch die grauen Straßen zwischen den grauen Häusern schreite ich zu meinem neuen Bleibe.
An einer Wand angelehnt, küssen sich zwei Menschen. Ich freue mich über die Liebe. Die Wärme verspricht.
Doch schon bemerke ich, wie unbeteiligt der Mann sich verhält.
UND,
wie er während des Küssens auf die Reifen eines parkenden Autos pinkelt.

Das hier, also, ist die Stadt, die die Werbung als "Stadt mit Herz" beschreibt?

Wenn man mich fragt
(nein keiner fragt mich danach),

ist diese Stadt mit "Herz"- Schrittmacher.
 

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