Meine Zeit

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buchstab

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Es wird uns gegeben haben. Es hat uns gegeben, denn wir leben in der Vergangenheit. Es gibt uns, aber nur in der Zukunft. In Zukunft wird es uns geben. Das wirkliche Leben läuft uns immer ein Stück voraus, solange die Zeit besteht.

Ständig sitzen wir vor diesem Kühlschrank, dessen brennendes oder nichtbrennendes Licht uns so lange wurmt, bis wir ein Loch in seine Tür bohren und das Innere nach außen dringt. Wie bohrt man Löcher in Zeit ?

Wir brauchen Zeit, um zu glauben, was wir glauben - zu fühlen, wahrzunehmen. Ob drei Zehntelsekunden oder eine Ewigkeit, das spielt keine Rolle. Weiter weg von der Wirklichkeit kann keiner sein, als da, wo sie nicht ist. Oder bilden diese Nullkommadrei ein Fenster, um aufs Reale schauen ?

Es ist keine Zeit für ein Nichtleben, alles viel zu schön und grausam und interessant. Ich habe eine Diagnose. So lange geforscht und nun endlich. "Scheiße" denke ich, etwas heilbareres wäre mir lieber gewesen. Immerhin stirbt es sich nicht direkt daran. Gut in Schach zu halten, sagt man. Ich hasse Schach. Seit heute. Mein Körper als Spielbrett. Ich werde mir einen Lügendoktor suchen, einen, der mir für Geld erzählt, daß man da ganz viel machen könne. Guter Plan.

Egal, wie es einem geht. Egal, woran man noch hängt. Egal, wo man gerne wäre. Das Leben fragt nicht. Ist einfach da. Groß. Einen Schritt voraus.

"Die Cilly", meine weißhaarige Nachbarin soll es erfahren. Sonst keiner. Wir könnten einen Lebensqualitätswettbewerb starten, denn ihre Chancen sind soeben um Milliarden Prozentpunkte gestiegen. Ich kaufe manchmal für sie ein.


Feine Erbsen und Möhrchen in Blech.
Eine große Dose Tomaten
Einen Kopf Blumenkohl
Zwei Kilo Kartoffeln
Coca Cola
den billigen Sekt, Du weißt schon.

Nur zum Beispiel.
Die leichten Sachen kann sie selber.
Cilly`s Mann steht auf dem Küchenschrank, eingerahmt in Schwarzweiß, so lange ist das her. Er war Tscheche, kam aus einer Obstundgemüsegroßhändlerfamilie. Sein Vater hat den Laden nach Strich und Faden versoffen. Der Krieg dann alle weiteren Überlegungen überflüssig gemacht.

Um nicht ins Nichts zu fallen, stelle ich mir eine Wand mit Rauhputz rechts neben mir vor. Einen neuen Anorak zum daran entlang schrammen. Schöne Erinnerungen bleiben als weiße Streifen am Ärmel haften. Ich hänge ihnen gerne nach.

Diagnosen hatte ich schon einige. Nette, weniger nette und solche, für die man Ärzte in die arrogante Fresse hauen könnte, folgte man dem alten Auge-um-Auge-Prinzip.
Mein Körper hat Besuch, wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten. Borrelia Burgdorferi heißt die Dame, die sich da so wohl fühlt. Ein schöner Name. Die Dame sitzt in meinen Organen, meinen Gelenken, in meinem Gehirn und überall habe ich ihre Anwesenheit schon gebührend bewundern dürfen. Sie stiehlt meine Zeit und ob ich sie dazu eingeladen habe, ist mir schleierhaft. Da ich nun wenigstens ihren Namen kenne, begrüße ich sie erst einmal. Hallo Borrelia.

"Hallo Cilly" presse ich in die blechernen Sprechschlitze. "Dein Sklave ist da !" Ich darf mich Ihren Sklaven nennen und manchmal sage ich auch "Slawe", denn immerhin kam mein Vater aus der Tschechei. Wir haben etwas gemeinsam. Ihre Familie stammt aus Königsberg.

"Moment" antwortet das Sprechblech und das sagt sie immer, egal, welchen Unsinn ich mir ausgedacht habe. Der Summer summt, das kann er richtig gut und ich drücke mit dem Ellenbogen den Türknauf. Eiche ist das, so an die fünfzig Jahre alt, wie ich. Cilly wohnt im Erdgeschoss, auch wenn es bedeutend theatralischer wäre, mit schweren Taschen in den fünften zu ochsen. Wir haben auch so genug Theater. Die Tür steht schon einen Spalt breit offen und das heißt, daß sie schon weiter in ihrem Zeitplan ist. Kaffee kochen. Cilly kocht unschlagbar Kaffee. Mit Filter. Und Liebe. Ihre Wohnung ist fast gar nicht mit Omakitsch und Rustikalgedöns vollgestopft. Eher straight. Bei ihr habe ich zum ersten mal gemerkt, daß die alten Leute von heute irgendwie jünger sind als früher - von mir aus gesehen. Was das wohl bedeutet ?

"Hallo, lieber Markus !" ruft es aus der Küche. Sie hat mich sicher schon vom Fenster aus gesehen, denn da steht sie oft wie angewachsen und lächelt. Daher kenne ich sie. Ein lächelnder Mensch ist selten geworden und wir haben uns bestimmt drei Jahre nur freundlich gegrüßt, wenn ich nach Hause kam. Von meinem Fenster aus sah ich oft, daß sie den Bus vier Blocks weiter nahm, um zum Supermarkt zu fahren. Irgendwann dann der Rollator.

Ich war gerade zurück aus Georgien und hatte mich von Paula getrennt. Es tat weh. Vor allem ihr. Und ich mußte sie trösten. Konnte definitiv eine Oma gebrauchen. Auch wenn sie dafür viel zu jung war. Sie wurde meine Oma, denn sie wußte schon, wie das geht. Zwei Enkel. In Frankfurt. Weit weg.

Auf der geblümten Tischdecke stehen die Seltmanntassen, die ich so mag. In einem Spankorb viel zu viele Scheiben Graubrot. Aufschnitt und Holländerkäse auf Teakholzbrettern. Einen Brotzeitteller bedecken Gurkenstückchen aus dem Familiensparglas, das ich voriges Mal mitgebracht habe. Auf einem anderen sind Tomatenmandalas in Fächerform angeordnet. Gute Butter, Niespulver, Salz.

Eigentlich lebe ich hauptsächlich von Pflanzen und Milch, aber bei Cilly käme ich mir blöd dabei vor, die Wurstplatte zurück zu schieben, die sie mir hinhält. Schließlich sind wir auf Zeitreise. Bestimmt hätte sie Verständnis dafür, aber ich will hier kein Verständnis. Was ich will ? Ein anderer sein. Ihr Enkel, ihr Sohn, egal. Irgendjemand, den sie sich wünscht.
Ich liebe den Moment, wenn sie den Kaffee einschenkt. Sie tut es für mich. Sie müsste das nicht.

Cilly hat die weißesten Echthaare, die man sich vorstellen kann und ich unterstelle ihr, daß sie sie bleicht. Dann lacht sie nur wie ein Glöckchen und einmal habe ich danach sogar ihre Hände auf meinem Haar gefühlt. Und mich garnicht gewehrt.

Heute bin ich nicht nur zu Besuch. Ich bin evakuiert. Man hat eine 10 Tonnen Fliegerbombe auf dem Gelände des Seniorenheims gefunden und zwischen Cillys und meinem Häuserblock verläuft die unsichtbare Grenze, innerhalb derer man heute seine Wohnung solange meiden muß, bis der Zünder des Monsters entschärft ist. Es ist viertel vor vier und eigentlich sollte das Spektakel um drei vorbei sein. Ein kleines Küchenradio plappert leise und singt dann wieder Lieder. Noch nichts neues.

So lange war ich noch nie hier. Langsam gehen mir die üblichen Patterns aus, mit denen ich den braven Enkelsohn mime.

Meine Neuigkeiten liegen mir wie ein Kilo Wurst im Bauch. Ich möchte kotzen. Schreien. Jammern. In der Vergangenheit ein Kind zeugen, das mich unsterblich macht. Wurstkinder gebären. Diese Frau hat den Krieg noch miterlebt und Krankheiten gehören zu ihrem täglich Brot. Wer wieder im Krankenhaus ist oder gestorben erzählt sie mir ganz oft. Ich kenne die Leute nicht. Nie.

"Ist alles in Ordnung ?" Ihr Blick prüft mein Lächeln.

"Der Schinken ist echt lecker. Vom Ohlsen ?" Ich muß meinen Mundwinkeln mehr Aufmerksamkeit schenken. Der Schinken ist immer von Ohlsen.

"Ich meine nicht den Schinken. Du bist so blass heute. "

So etwas hat sie noch nie getan. Ich hasse es, wenn man mir sagt, daß ich Scheiße aussehe. Eigentlich reicht es mir für heute dicke. Gestern habe ich gelesen, daß Wutausbrüche zu den häufigeren Symptomen gehören. Davon hatte ich genug in den letzten Jahren. Die Wurstbombe tritt mich gerade. Ich reibe mir das Gesicht mit den Händen ab. "Wurstausbruch", denke ich.

"So. Besser ?" Das muß reichen. Ein unschuldigeres Unschuldsgesicht kann ich nicht.

"Viel besser !" Unter diesen weißen Haaren lassen mich nun zwei grüne Verfolgerscheinwerfer immer blasser wirken. "Grün niemals lange direkt aufs Gesicht !" habe ich an der Bühne gelernt. "Das kommt meistens unvorteilhaft, das gibt Ärger !"

Cilly mustert mich nur, bestimmt kann man schon Ornamente auf meinem Gesicht ausmachen. Ich habe den Drang, unter den Küchentisch zu kriechen und wie früher Füße in Hausschuhen zu beobachten. Da war ich auch oft ganz blass und man hat mir das gerne gesagt.

Cilly trägt cremefarbene Kunstlederpantoffel mit halbhohem Absatz. So etwas gab es bei uns zuhause nicht. Es ging funktionaler zu. Cord, Filz, Lammfell regierten dort, wo ich herkomme. Im Sommer oft Vollplastik.

"Soll ich Dir einen Tee kochen ?" Ihr Blick, der mich wie ein Kalb am Lasso hat, wird immer weicher und ich immer verkrampfter. Tee kommt bei mir nur in die Tüte, wenn ich überhaupt nicht mehr kann.

Ich kann nicht mehr. "Ich will keinen Scheißtee !" brülle ich und werde hässlich dabei. Mein Kopf sinkt in die Handmuscheln. Für einen Moment bin ich unterm Tisch. Ruhe. Schuhe.

" bekanntgegeben, daß die Räumung erfolgreich abgeschloßen ist ...", dringt von ganz weit her zu mir durch.

Jetzt muß ich es ihr erzählen und dann wird sie mir einen vom Krieg draufkleben und davon, was sie schon alles hinter sich hat mit so einem "Jungchen-ach-so-schlimm-ist-das-doch-nicht" - Gesicht und dann ...

Ich höre das Schmatzen der Kühlschranktür. "Aufmachen mußt Du, ich tue mir schwer damit." Der billige Sekt steht da und ich höre Schritte auf dem Teppich im Nebenraum. Da war ich noch nie. Das leise Beben, wenn die leicht verkantete Glastür eines Vitrinenschranks geöffnet wird. Oft wünschte ich, Gräser würden so klingeln, wenn der Wind im trockenen Sommer durch eine Wiese streicht.

Ein Plastikkorken findet sich unter der Folie.

Cilly kennt jetzt eines Kurzfassung meines Lebens. Mir fällt auf, daß ich immer nur ihr zugehört habe. Samariter sind keine Freunde. Wir sind jetzt welche.


Wir stehen alle bloß in der Schlange an, an deren Ende das Hörensagen liegt. Manchmal tuschelt uns etwas entgegen und uns ist, als wäre es von da vorne gekommen. Manches können wir nicht glauben. Manches glauben wir. Manches wollen wir nicht glauben.

Dem aufhelfen, der umfällt. Dem das Bein stellen, der sich vordrängelt. Nur den nach vorne lassen, der gar nichts begreifen will. Langsam entlang tasten. Keinem seinen Dienstgrad verraten. Keinem verraten, daß es keinen gibt.

Ich setze einen Fuß auf die Treppe. Schönes Muster.

Ich habe Zeit.
 

buchstab

Mitglied
Es wird uns gegeben haben. Es hat uns gegeben, denn wir leben in der Vergangenheit. Es gibt uns, aber nur in der Zukunft. In Zukunft wird es uns geben. Das wirkliche Leben läuft uns immer ein Stück voraus, solange die Zeit besteht.

Ständig sitzen wir vor diesem Kühlschrank, dessen brennendes oder nichtbrennendes Licht uns so lange wurmt, bis wir ein Loch in seine Tür bohren und das Innere nach außen dringt. Wie bohrt man Löcher in Zeit ?

Wir brauchen Zeit, um zu glauben, was wir glauben - zu fühlen, wahrzunehmen. Ob drei Zehntelsekunden oder eine Ewigkeit, das spielt keine Rolle. Weiter weg von der Wirklichkeit kann keiner sein, als da, wo sie nicht ist. Oder bilden diese Nullkommadrei ein Fenster, um aufs Reale schauen ?

Es ist keine Zeit für ein Nichtleben, alles viel zu schön und grausam und interessant. Ich habe eine Diagnose. So lange geforscht und nun endlich. "Scheiße" denke ich, etwas heilbareres wäre mir lieber gewesen. Immerhin stirbt es sich nicht direkt daran. Gut in Schach zu halten, sagt man. Ich hasse Schach. Seit heute. Mein Körper als Spielbrett. Ich werde mir einen Lügendoktor suchen, einen, der mir für Geld erzählt, daß man da ganz viel machen könne. Guter Plan.

Egal, wie es einem geht. Egal, woran man noch hängt. Egal, wo man gerne wäre. Das Leben fragt nicht. Ist einfach da. Groß. Einen Schritt voraus.

"Die Cilly", meine weißhaarige Nachbarin soll es erfahren. Sonst keiner. Wir könnten einen Lebensqualitätswettbewerb starten, denn ihre Chancen sind soeben um Milliarden Prozentpunkte gestiegen. Ich kaufe manchmal für sie ein.


Feine Erbsen und Möhrchen in Blech.
Eine große Dose Tomaten
Einen Kopf Blumenkohl
Zwei Kilo Kartoffeln
Coca Cola
den billigen Sekt, Du weißt schon.

Nur zum Beispiel.
Die leichten Sachen kann sie selber.
Cilly`s Mann steht auf dem Küchenschrank, eingerahmt in Schwarzweiß, so lange ist das her. Er war Tscheche, kam aus einer Obstundgemüsegroßhändlerfamilie. Sein Vater hat den Laden nach Strich und Faden versoffen. Der Krieg dann alle weiteren Überlegungen überflüssig gemacht.

Um nicht ins Nichts zu fallen, stelle ich mir eine Wand mit Rauhputz rechts neben mir vor. Einen neuen Anorak zum daran entlang schrammen. Schöne Erinnerungen bleiben als weiße Streifen am Ärmel haften. Ich hänge ihnen gerne nach.

Diagnosen hatte ich schon einige. Nette, weniger nette und solche, für die man Ärzte in die arrogante Fresse hauen könnte, folgte man dem alten Auge-um-Auge-Prinzip.
Mein Körper hat Besuch, wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten. Borrelia Burgdorferi heißt die Dame, die sich da so wohl fühlt. Ein schöner Name. Die Dame sitzt in meinen Organen, meinen Gelenken, in meinem Gehirn und überall habe ich ihre Anwesenheit schon gebührend bewundern dürfen. Sie stiehlt meine Zeit und ob ich sie dazu eingeladen habe, ist mir schleierhaft. Da ich nun wenigstens ihren Namen kenne, begrüße ich sie erst einmal. Hallo Borrelia.

"Hallo Cilly" presse ich in die blechernen Sprechschlitze. "Dein Sklave ist da !" Ich darf mich Ihren Sklaven nennen und manchmal sage ich auch "Slawe", denn immerhin kam mein Vater aus der Tschechei. Wir haben etwas gemeinsam. Ihre Familie stammt aus Königsberg.

"Moment" antwortet das Sprechblech und das sagt sie immer, egal, welchen Unsinn ich mir ausgedacht habe. Der Summer summt, das kann er richtig gut und ich drücke mit dem Ellenbogen den Türknauf. Eiche ist das, so an die fünfzig Jahre alt, wie ich. Cilly wohnt im Erdgeschoss, auch wenn es bedeutend theatralischer wäre, mit schweren Taschen in den fünften zu ochsen. Wir haben auch so genug Theater. Die Tür steht schon einen Spalt breit offen und das heißt, daß sie schon weiter in ihrem Zeitplan ist. Kaffee kochen. Cilly kocht unschlagbar Kaffee. Mit Filter. Und Liebe. Ihre Wohnung ist fast gar nicht mit Omakitsch und Rustikalgedöns vollgestopft. Eher straight. Bei ihr habe ich zum ersten mal gemerkt, daß die alten Leute von heute irgendwie jünger sind als früher - von mir aus gesehen. Was das wohl bedeutet ?

"Hallo, lieber Markus !" ruft es aus der Küche. Sie hat mich sicher schon vom Fenster aus gesehen, denn da steht sie oft wie angewachsen und lächelt. Daher kenne ich sie. Ein lächelnder Mensch ist selten geworden und wir haben uns bestimmt drei Jahre nur freundlich gegrüßt, wenn ich nach Hause kam. Von meinem Fenster aus sah ich oft, daß sie den Bus vier Blocks weiter nahm, um zum Supermarkt zu fahren. Irgendwann dann der Rollator.

Ich war gerade zurück aus Georgien und hatte mich von Paula getrennt. Es tat weh. Vor allem ihr. Und ich mußte sie trösten. Konnte definitiv eine Oma gebrauchen. Auch wenn sie dafür viel zu jung war. Sie wurde meine Oma, denn sie wußte schon, wie das geht. Zwei Enkel. In Frankfurt. Weit weg.

Auf der geblümten Tischdecke stehen die Seltmanntassen, die ich so mag. In einem Spankorb viel zu viele Scheiben Graubrot. Aufschnitt und Holländerkäse auf Teakholzbrettern. Einen Brotzeitteller bedecken Gurkenstückchen aus dem Familiensparglas, das ich voriges Mal mitgebracht habe. Auf einem anderen sind Tomatenmandalas in Fächerform angeordnet. Gute Butter, Niespulver, Salz.

Eigentlich lebe ich hauptsächlich von Pflanzen und Milch, aber bei Cilly käme ich mir blöd dabei vor, die Wurstplatte zurück zu schieben, die sie mir hinhält. Schließlich sind wir auf Zeitreise. Bestimmt hätte sie Verständnis dafür, aber ich will hier kein Verständnis. Was ich will ? Ein anderer sein. Ihr Enkel, ihr Sohn, egal. Irgendjemand, den sie sich wünscht.
Ich liebe den Moment, wenn sie den Kaffee einschenkt. Sie tut es für mich. Sie müsste das nicht.

Cilly hat die weißesten Echthaare, die man sich vorstellen kann und ich unterstelle ihr, daß sie sie bleicht. Dann lacht sie nur wie ein Glöckchen und einmal habe ich danach sogar ihre Hände auf meinem Haar gefühlt. Und mich garnicht gewehrt.

Heute bin ich nicht nur zu Besuch. Ich bin evakuiert. Man hat eine 10 Tonnen Fliegerbombe auf dem Gelände des Seniorenheims gefunden und zwischen Cillys und meinem Häuserblock verläuft die unsichtbare Grenze, innerhalb derer man heute seine Wohnung solange meiden muß, bis der Zünder des Monsters entschärft ist. Es ist viertel vor vier und eigentlich sollte das Spektakel um drei vorbei sein. Ein kleines Küchenradio plappert leise und singt dann wieder Lieder. Noch nichts neues.

So lange war ich noch nie hier. Langsam gehen mir die üblichen Patterns aus, mit denen ich den braven Enkelsohn mime.

Meine Neuigkeiten liegen mir wie ein Kilo Wurst im Bauch. Ich möchte kotzen. Schreien. Jammern. In der Vergangenheit ein Kind zeugen, das mich unsterblich macht. Wurstkinder gebären. Diese Frau hat den Krieg noch miterlebt und Krankheiten gehören zu ihrem täglich Brot. Wer wieder im Krankenhaus ist oder gestorben erzählt sie mir ganz oft. Ich kenne die Leute nicht. Nie.

"Ist alles in Ordnung ?" Ihr Blick prüft mein Lächeln.

"Der Schinken ist echt lecker. Vom Ohlsen ?" Ich muß meinen Mundwinkeln mehr Aufmerksamkeit schenken. Der Schinken ist immer von Ohlsen.

"Ich meine nicht den Schinken. Du bist so blass heute. "

So etwas hat sie noch nie getan. Ich hasse es, wenn man mir sagt, daß ich Scheiße aussehe. Eigentlich reicht es mir für heute dicke. Gestern habe ich gelesen, daß Wutausbrüche zu den häufigeren Symptomen gehören. Davon hatte ich genug in den letzten Jahren. Die Wurstbombe tritt mich gerade. Ich reibe mir das Gesicht mit den Händen ab. "Wurstausbruch", denke ich.

"So. Besser ?" Das muß reichen. Ein unschuldigeres Unschuldsgesicht kann ich nicht.

"Viel besser !" Unter diesen weißen Haaren lassen mich nun zwei grüne Verfolgerscheinwerfer immer blasser wirken. "Grün niemals lange direkt aufs Gesicht !" habe ich an der Bühne gelernt. "Das kommt meistens unvorteilhaft, das gibt Ärger !"

Cilly mustert mich nur, bestimmt kann man schon Ornamente auf meinem Gesicht ausmachen. Ich habe den Drang, unter den Küchentisch zu kriechen und wie früher Füße in Hausschuhen zu beobachten. Da war ich auch oft ganz blass und man hat mir das gerne gesagt.

Cilly trägt cremefarbene Kunstlederpantoffel mit halbhohem Absatz. So etwas gab es bei uns zuhause nicht. Es ging funktionaler zu. Cord, Filz, Lammfell regierten dort, wo ich herkomme. Im Sommer oft Vollplastik.

"Soll ich Dir einen Tee kochen ?" Ihr Blick, der mich wie ein Kalb am Lasso hat, wird immer weicher und ich immer verkrampfter. Tee kommt bei mir nur in die Tüte, wenn ich überhaupt nicht mehr kann.

Ich kann nicht mehr. "Ich will keinen Scheißtee !" brülle ich und werde hässlich dabei. Mein Kopf sinkt in die Handmuscheln. Für einen Moment bin ich unterm Tisch. Ruhe. Schuhe.

" bekanntgegeben, daß die Räumung erfolgreich abgeschloßen ist ...", dringt von ganz weit her zu mir durch.

Jetzt muß ich es ihr erzählen und dann wird sie mir einen vom Krieg draufkleben und davon, was sie schon alles hinter sich hat mit so einem "Jungchen-ach-so-schlimm-ist-das-doch-nicht" - Gesicht und dann ...

Ich höre das Schmatzen der Kühlschranktür. "Aufmachen mußt Du, ich tue mir schwer damit." Der billige Sekt steht da und ich höre Schritte auf dem Teppich im Nebenraum. Da war ich noch nie. Das leise Beben, wenn die leicht verkantete Glastür eines Vitrinenschranks geöffnet wird. Oft wünschte ich, Gräser würden so klingeln, wenn der Wind im trockenen Sommer durch eine Wiese streicht.

Ein Plastikkorken findet sich unter der Folie.

Cilly kennt jetzt eine Kurzfassung meines Lebens. Mir fällt auf, daß ich immer nur ihr zugehört habe. Samariter sind keine Freunde. Wir sind jetzt welche.


Wir stehen alle bloß in der Schlange an, an deren Ende das Hörensagen liegt. Manchmal tuschelt uns etwas entgegen und uns ist, als wäre es von da vorne gekommen. Manches können wir nicht glauben. Manches glauben wir. Manches wollen wir nicht glauben.

Dem aufhelfen, der umfällt. Dem das Bein stellen, der sich vordrängelt. Nur den nach vorne lassen, der gar nichts begreifen will. Langsam entlang tasten. Keinem seinen Dienstgrad verraten. Keinem verraten, daß es keinen gibt.

Ich setze einen Fuß auf die Treppe. Schönes Muster.

Ich habe Zeit.
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Buchstab,
So ganz 100% habe ich Deinem Text nicht folgen können. Bereits der erste Satz, hat es ja schon in sich. Als die Geschichte sich dann auf Cilly konzentrierte, empfand ich Neugier: Ihre Beschreibungen, ihr Mann, der in schwarz weiss über dem Kühlschrank hängt (!), etc… Das erzählte erzeugte ein Bild, dem ich gern gefolgt bin.

Aber im Grossen und Ganzen habe ich den Eindruck, dass der Text zu sehr aus dem eigenen Blickwinkel geschrieben ist, und so mancher Schwierigkeiten hat, sich hier reinzudenken, oder dem zu folgen: Man nehme den Anfang der Geschichte, oder Z. B diesen Satz: Um nicht ins Nichts zu fallen, stelle ich mir eine Wand mit Rauhputz rechts neben mir vor. Einen neuen Anorak zum daran entlang schrammen. Schöne Erinnerungen bleiben als weiße Streifen am Ärmel haften. Ich hänge ihnen gerne nach.

Mh…Schwer. Wobei ich Texte, die irgendwie aus der Norm fallen, besondern gerne lese. Und trotzdem beherrschst Du das. Diese Art zu schreiben kommt Dir locker aus dem Ärmel und wahrscheinlich ist es Dir völlig Schnuppe – ob andere Dir folgen können oder nicht. Für mich jedenfalls ist es ein Text, “der etwas hat”, aber aus dem man noch sehr viel mehr herausholen kann.
Lieben Gruss,
Ji
 

buchstab

Mitglied
zeit

Hallo Ji Rina,

vielen Dank für die nette Rückmeldung !

Mein (leidlich bewährter) Weg an etwas Kreatives heranzugehen ist immer der gewesen, erst einmal ordentlich Chaos zu veranstalten. Von dem bleiben normalerweise nach einer Zeit nur gewisse Eigenheiten zurück, wenn das Handwerk sich dann doch durchsetzt. Das würde ich so nicht jedem empfehlen ! :D
Im Moment lote ich noch aus, wie viel Geschwurbel verträglich und verständlich ist. Deine Kritik trifft genau den Punkt. Es sind (wieder mal) zwei Texte, die unabhängig voneinander entstanden sind und einer davon ist definitiv nicht zum Verstehen gedacht, eher zum darüber sinnieren. Ich glaube, daß der in diesem Zusammenhang viel persönlicher wirkt, als er es ist. Wenn einen dieses hin und her aber zu sehr aus dem Lesefluß haut, ist das doof. Vielleicht verwerfe ich diese Erzählweise, vielleicht führt sie zu etwas sinnvollem.

Ich lese zur Zeit sehr gerne einfach und gut erzählte Geschichten, auch wenn die Kunst mich andernorts des Verstandes berauben darf. Ich mag beides. Es ist mir beileibe nicht wurscht, ob man mir folgen kann. Eher so : Manchmal ist es mir wichtig, manchmal mache ich es gerne rätselhaft.Der Weg geht aber in der Langprosa definitiv zur Transparenz.:)

Ich schau mal, ob es für mich stimmt, eine "leichtere" Version anzubieten, werde ihn aber erstmal so stehen lassen, denn vielleicht kommt mir der eine oder die andere auch so "auf die Schliche."

lg

buchstab
 

Ji Rina

Mitglied
@Buchstab,
Ich glaub, ich weiss was Du meinst: Ein Agglomerat an Energie und Kreativität, dass nur noch in die richtigen Backformen fliessen muss (oder ähnlich...)
Ji
 

buchstab

Mitglied
form in halt

Genau - oder gerne auch ein Aggromolat und Förmchen.:)
So lange wird der spinnerte buchstab noch gebraucht.

lieben Gruß !
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo buchstab!

Die ersten Sätze deiner Geschichte haben mich gezwungen, aufmerksam und mit Verstand zu lesen, um zu erfassen, was du meinst. Deine Gedanken über die Zeit und wie wir sie wahrnehmen, haben mich mehr und mehr gefesselt und auch nicht mehr losgelassen, als deutlich wurde, dass sie, die Lebenszeit, plötzlich deinem Protagonisten ihre Begrenztheit offenbarte ("Diagnose"). Voller Mitgefühl konnte ich ihm dann folgen zur Nachbarin, deren Trost er sich wünscht, obwohl er sich dafür schämt, ihn zu brauchen. Und zum Schluss dieses wunderschöne Ende!

Von wegen "Geschwurbel"! Deine Erzählweise ist langsam, anspruchsvoll (vielleicht sogar schwierig), anschaulich mit einem guten Blick fürs Detail, (die Einkaufsliste), manchmal ein bisschen pathetisch ("Egal, wie es einem geht. Egal, woran man noch hängt. Egal, wo man gerne wäre. Das Leben fragt nicht. Ist einfach da. Groß. Einen Schritt voraus."), aber immer originell (z. B. "Mein Körper hat Besuch...).

Mich hat deine Erzählung begeistert und gleichzeitig gerührt zurückgelassen. Danke!

PS. Die Korrektur von Rechtschreibfehlern überlasse ich den Lektoren. ;)

Gruß, Hyazinthe
 

buchstab

Mitglied
Liebe Hyazinthe,

vielen Dank, dass Du die Geschichte wirklich gelesen hast. ;)
Mich beschäftigen meist ein oder mehrere Grundthemen, denen ich mich auf verschiedenen Wegen nähere. Ich liebe es, daraus etwas Neues zusammen zu bauen. Wie schon angedeutet geht es dabei oft um ein austarieren der einzelnen Teile.Es kann sein, dass im vorliegenden Fall noch das eine oder andere Wort rausfliegt, um woanders verbaut zu werden, aber im Großen und Ganzen finde ich auch, dass man verstehen kann, worum es geht.
Begriffe wie "Geschwurbel" sind natürlich als billigstes Understatement zu verstehen. :D Ich mag das Wort einfach.

lg

buchstab
 
A

aligaga

Gast
Auch wenn es vor kurzem zwischen dir und @ali zu Missverständnissen gekommen ist - das ändert nichts daran, dass dies hier zwar keine Erzählung, sondern wohl eher eine Impression, im übrigen aber ein gelungener Text ist, der hervorgehoben zu werden verdiente.

Wie wohltuend, wenn der Leser nicht dampfgebügelt, sondern nur sachte (nota bene an den richtigen Stellen!) angestupst wird, um sich seine eigenen Vorstellungen zu den Bildern zu machen, die du ihm zeigst.

Um's in der Bildersprache zu sagen: Die meisten knipsen, nur ein paar wenige können malen.

Kleines großes Kino!

Gruß

aligaga
 

buchstab

Mitglied
Lieber aligaga,

vielen Dank ! Es freut mich, daß Dir die Geschichte gefällt.
Vielleicht bringt es Dir auch etwas näher, wie ich manchmal arbeite. Von gewissen schwer verdaulichen Texten landet u.U. nur hier und da ein Scheibchen in einem solchen. Manchmal auch eine Scheibe.

Über die Erzählform müssen wir ganz bestimmt nicht streiten.

Eine Erzählung im klassischen Sinne ist es sicher nicht, es war fast schon eine Bauchentscheidung, den Text da einzuordnen. Auf jeden Fall ist das Kind im weitesten Sinne eine Prosa geworden ;)

lg

buchstab
 

buchstab

Mitglied
Es wird uns gegeben haben. Es hat uns gegeben, denn wir leben in der Vergangenheit. Es gibt uns, aber nur in der Zukunft. In Zukunft wird es uns geben. Das wirkliche Leben läuft uns immer ein Stück voraus, solange die Zeit besteht.

Ständig sitzen wir vor diesem Kühlschrank, dessen brennendes oder nicht
brennendes Licht uns so lange wurmt, bis wir ein Loch in seine Tür bohren und das Innere nach außen dringt. Wie bohrt man Löcher in Zeit ?

Wir brauchen Zeit, um zu glauben, was wir glauben - zu fühlen, wahrzunehmen. Ob drei Zehntelsekunden oder eine Ewigkeit, das spielt keine Rolle. Weiter weg von der Wirklichkeit kann keiner sein, als da, wo sie nicht ist. Oder bilden diese Nullkommadrei ein Fenster, um aufs Reale schauen ?

Es ist keine Zeit für ein Nichtleben, alles viel zu schön und grausam und interessant. Ich habe eine Diagnose. So lange geforscht und nun endlich. "Scheiße" denke ich, etwas Heilbareres wäre mir lieber gewesen. Immerhin stirbt es sich nicht direkt daran. Gut in Schach zu halten, sagt man. Ich hasse Schach. Seit heute. Mein Körper als Spielbrett. Ich werde mir einen Lügendoktor suchen, einen, der mir für Geld erzählt, dass man da ganz viel machen könne. Guter Plan.

Egal, wie es einem geht. Egal, woran man noch hängt. Egal, wo man gerne wäre. Das Leben fragt nicht. Ist einfach da. Groß. Einen Schritt voraus.

"Die Cilly", meine weißhaarige Nachbarin soll es erfahren. Sonst keiner. Wir könnten einen Lebensqualitätswettbewerb starten, denn ihre Chancen sind soeben um Milliarden Prozentpunkte gestiegen. Ich kaufe manchmal für sie ein.


Feine Erbsen und Möhrchen in Blech.
Eine große Dose Tomaten
Einen Kopf Blumenkohl
Zwei Kilo Kartoffeln
Coca Cola
den billigen Sekt, Du weißt schon.

Nur zum Beispiel.
Die leichten Sachen kann sie selber.
Cilly`s Mann steht auf dem Küchenschrank, eingerahmt in Schwarzweiß, so lange ist das her. Er war Tscheche, kam aus einer Obstundgemüsegroßhändlerfamilie. Sein Vater hat den Laden nach Strich und Faden versoffen. Der Krieg dann alle weiteren Überlegungen überflüssig gemacht.

Um nicht ins Nichts zu fallen, stelle ich mir eine Wand mit Rauhputz rechts neben mir vor. Einen neuen Anorak zum daran entlang schrammen. Schöne Erinnerungen bleiben als weiße Streifen am Ärmel haften. Ich hänge ihnen gerne nach.

Diagnosen hatte ich schon einige. Nette, weniger nette und solche, für die man Ärzte in die arrogante Fresse hauen könnte, folgte man dem alten Auge-um-Auge-Prinzip.
Mein Körper hat Besuch, wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten. Borrelia Burgdorferi heißt die Dame, die sich da so wohl fühlt. Ein schöner Name. Die Dame sitzt in meinen Organen, meinen Gelenken, in meinem Gehirn und überall habe ich ihre Anwesenheit schon gebührend bewundern dürfen. Sie stiehlt meine Zeit und ob ich sie dazu eingeladen habe, ist mir schleierhaft. Da ich nun wenigstens ihren Namen kenne, begrüße ich sie erst einmal. Hallo Borrelia.

"Hallo Cilly" presse ich in die blechernen Sprechschlitze. "Dein Sklave ist da !" Ich darf mich Ihren Sklaven nennen und manchmal sage ich auch "Slawe", denn immerhin kam mein Vater aus der Tschechei. Wir haben etwas gemeinsam. Ihre Familie stammt aus Königsberg.

"Moment" antwortet das Sprechblech und das sagt sie immer, egal, welchen Unsinn ich mir ausgedacht habe. Der Summer summt, das kann er richtig gut und ich drücke mit dem Ellenbogen den Türknauf. Eiche ist das, so an die fünfzig Jahre alt, wie ich. Cilly wohnt im Erdgeschoss, auch wenn es bedeutend theatralischer wäre, mit schweren Taschen in den fünften zu ochsen. Wir haben auch so genug Theater. Die Tür steht schon einen Spalt breit offen und das heißt, dass sie schon weiter in ihrem Zeitplan ist. Kaffee kochen. Cilly kocht unschlagbar Kaffee. Mit Filter. Und Liebe. Ihre Wohnung ist fast gar nicht mit Omakitsch und Rustikalgedöns vollgestopft. Eher straight. Bei ihr habe ich zum ersten Mal gemerkt, daß die alten Leute von heute irgendwie jünger sind als früher - von mir aus gesehen. Was das wohl bedeutet ?

"Hallo, lieber Markus !" ruft es aus der Küche. Sie hat mich sicher schon vom Fenster aus gesehen, denn da steht sie oft wie angewachsen und lächelt. Daher kenne ich sie. Ein lächelnder Mensch ist selten geworden und wir haben uns bestimmt drei Jahre nur freundlich gegrüßt, wenn ich nach Hause kam. Von meinem Fenster aus sah ich oft, daß sie den Bus vier Blocks weiter nahm, um zum Supermarkt zu fahren. Irgendwann dann der Rollator.

Ich war gerade zurück aus Georgien und hatte mich von Paula getrennt. Es tat weh. Vor allem ihr. Und ich musste sie trösten. Konnte definitiv eine Oma gebrauchen. Auch wenn sie dafür viel zu jung war. Sie wurde meine Oma, denn sie wusste schon, wie das geht. Zwei Enkel. In Frankfurt. Weit weg.

Auf der geblümten Tischdecke stehen die Seltmanntassen, die ich so mag. In einem Spankorb viel zu viele Scheiben Graubrot. Aufschnitt und Holländerkäse auf Teakholzbrettern. Einen Brotzeitteller bedecken Gurkenstückchen aus dem Familiensparglas, das ich voriges Mal mitgebracht habe. Auf einem anderen sind Tomatenmandalas in Fächerform angeordnet. Gute Butter, Niespulver, Salz.

Eigentlich lebe ich hauptsächlich von Pflanzen und Milch, aber bei Cilly käme ich mir blöd dabei vor, die Wurstplatte zurück zu schieben, die sie mir hinhält. Schließlich sind wir auf Zeitreise. Bestimmt hätte sie Verständnis dafür, aber ich will hier kein Verständnis. Was ich will ? Ein anderer sein. Ihr Enkel, ihr Sohn, egal. Irgendjemand, den sie sich wünscht.
Ich liebe den Moment, wenn sie den Kaffee einschenkt. Sie tut es für mich. Sie müsste das nicht.

Cilly hat die weißesten Echthaare, die man sich vorstellen kann und ich unterstelle ihr, dass sie sie bleicht. Dann lacht sie nur wie ein Glöckchen und einmal habe ich danach sogar ihre Hände auf meinem Haar gefühlt. Und mich gar nicht gewehrt.

Heute bin ich nicht nur zu Besuch. Ich bin evakuiert. Man hat eine 10 Tonnen Fliegerbombe auf dem Gelände des Seniorenheims gefunden und zwischen Cillys und meinem Häuserblock verläuft die unsichtbare Grenze, innerhalb derer man heute seine Wohnung solange meiden muss, bis der Zünder des Monsters entschärft ist. Es ist viertel vor vier und eigentlich sollte das Spektakel um drei vorbei sein. Ein kleines Küchenradio plappert leise und singt dann wieder Lieder. Noch nichts neues.

So lange war ich noch nie hier. Langsam gehen mir die üblichen Patterns aus, mit denen ich den braven Enkelsohn mime.

Meine Neuigkeiten liegen mir wie ein Kilo Wurst im Bauch. Ich möchte kotzen. Schreien. Jammern. In der Vergangenheit ein Kind zeugen, das mich unsterblich macht. Wurstkinder gebären. Diese Frau hat den Krieg noch miterlebt und Krankheiten gehören zu ihrem täglich Brot. Wer wieder im Krankenhaus ist oder gestorben erzählt sie mir ganz oft. Ich kenne die Leute nicht. Nie.

"Ist alles in Ordnung ?" Ihr Blick prüft mein Lächeln.

"Der Schinken ist echt lecker. Vom Ohlsen ?" Ich muss meinen Mundwinkeln mehr Aufmerksamkeit schenken. Der Schinken ist immer von Ohlsen.

"Ich meine nicht den Schinken. Du bist so blass heute. "

So etwas hat sie noch nie getan. Ich hasse es, wenn man mir sagt, dass ich Scheiße aussehe. Eigentlich reicht es mir für heute dicke. Gestern habe ich gelesen, dass Wutausbrüche zu den häufigeren Symptomen gehören. Davon hatte ich genug in den letzten Jahren. Die Wurstbombe tritt mich gerade. Ich reibe mir das Gesicht mit den Händen ab. "Wurstausbruch", denke ich.

"So. Besser ?" Das muss reichen. Ein unschuldigeres Unschuldsgesicht kann ich nicht.

"Viel besser !" Unter diesen weißen Haaren lassen mich nun zwei grüne Verfolgerscheinwerfer immer blasser wirken. "Grün niemals lange direkt aufs Gesicht !" habe ich an der Bühne gelernt. "Das kommt meistens unvorteilhaft, das gibt Ärger !"

Cilly mustert mich nur, bestimmt kann man schon Ornamente auf meinem Gesicht ausmachen. Ich habe den Drang, unter den Küchentisch zu kriechen und wie früher Füße in Hausschuhen zu beobachten. Da war ich auch oft ganz blass und man hat mir das gerne gesagt.

Cilly trägt cremefarbene Kunstlederpantoffel mit halbhohem Absatz. So etwas gab es bei uns zuhause nicht. Es ging funktionaler zu. Cord, Filz, Lammfell regierten dort, wo ich herkomme. Im Sommer oft Vollplastik.

"Soll ich Dir einen Tee kochen ?" Ihr Blick, der mich wie ein Kalb am Lasso hat, wird immer weicher und ich immer verkrampfter. Tee kommt bei mir nur in die Tüte, wenn ich überhaupt nicht mehr kann.

Ich kann nicht mehr. "Ich will keinen Scheißtee !" brülle ich und werde hässlich dabei. Mein Kopf sinkt in die Handmuscheln. Für einen Moment bin ich unterm Tisch. Ruhe. Schuhe.

" bekanntgegeben, dass die Räumung erfolgreich abgeschlossen ist ...", dringt von ganz weit her zu mir durch.

Jetzt muß ich es ihr erzählen und dann wird sie mir einen vom Krieg draufkleben und davon, was sie schon alles hinter sich hat mit so einem "Jungchen-ach-so-schlimm-ist-das-doch-nicht" - Gesicht und dann ...

Ich höre das Schmatzen der Kühlschranktür. "Aufmachen musst Du, ich tue mir schwer damit." Der billige Sekt steht da und ich höre Schritte auf dem Teppich im Nebenraum. Da war ich noch nie. Das leise Beben, wenn die leicht verkantete Glastür eines Vitrinenschranks geöffnet wird. Oft wünschte ich, Gräser würden so klingeln, wenn der Wind im trockenen Sommer durch eine Wiese streicht.

Ein Plastikkorken findet sich unter der Folie.

Cilly kennt jetzt eine Kurzfassung meines Lebens. Mir fällt auf, dass ich immer nur ihr zugehört habe. Samariter sind keine Freunde. Wir sind jetzt welche.


Wir stehen alle bloß in der Schlange an, an deren Ende das Hörensagen liegt. Manchmal tuschelt uns etwas entgegen und uns ist, als wäre es von da vorne gekommen. Manches können wir nicht glauben. Manches glauben wir. Manches wollen wir nicht glauben.

Dem aufhelfen, der umfällt. Dem das Bein stellen, der sich vordrängelt. Nur den nach vorne lassen, der gar nichts begreifen will. Langsam entlang tasten. Keinem seinen Dienstgrad verraten. Keinem verraten, dass es keinen gibt.

Ich setze einen Fuß auf die Treppe. Schönes Muster.

Ich habe Zeit.
 

CPMan

Mitglied
Lieber buchstab,

die Kommentare zu deinem Text haben mich neugierig gemacht. Ich fing an zu lesen, und konnte die Begeisterung der anderen Leser sofort nachvollziehen.

Da ist zum einen die assoziative Erzählweise des Protagonisten, der, offensichtlich von einer schweren Krankheit befallen, in einem zynisch-melancholisch-resignierenden Tonfall, wie ich finde, berichtet, was ihm so gerade in den Kopf kommt.

In den ersten Paragraphen finden sich tatsächlich ein paar schöne, tiefgründige Gedanken, die sprachlich subtil und mittelbar daher kommen:

"Scheiße" denke ich, etwas Heilbareres wäre mir lieber gewesen. Immerhin stirbt es sich nicht direkt daran. Gut in Schach zu halten, sagt man. Ich hasse Schach. Seit heute. Mein Körper als Spielbrett. Ich werde mir einen Lügendoktor suchen, einen, der mir für Geld erzählt, dass man da ganz viel machen könne. Guter Plan.
Gerade dieses Sprunghafte der Gedankengänge (von der idiomatischen Wendung zum wortwörtlichen Schach) wirkte auf mich so nachvollziehbar als wären es die tatsächlichen Gedanken eines 'Todgeweihten' und sofort stellte sich bei mir die Frage nach der Authentizität des Textes ein, was ja, literarisch gesehen, ein gutes Zeichen ist.

Im weiteren Verlauf des Textes aber ließ meine Begeisterung merklich nach und ich suchte vergeblich nach Ausdrücken, Gedanken und Wortspielereien, die ich eingangs gefunden hatte und die die Lektüre des Textes so vielversprechend machten.

Die Beziehung zu Cilly z.B. ließ mich kalt, die Banalität des Gesagten wird nicht sprachlich oder durch die Gedanken des 'Todgeweihten' interessanter gemacht. So jedenfalls mein persönlicher Eindruck.

Am Ende der Lektüre war ich ein wenig enttäuscht, weil das Versprechen am Anfang für mich nicht eingelöst wurde.

Liebe Grüße,

CPMan
 

buchstab

Mitglied
schach

Lieber CP Man,

so ist das im Leben, die einen hätten`s gern schwerer und verkünstelter, die anderen einfach nur leichter verständlich ;)

Bei diesem Text war mir wichtig, dass die Sprache nicht so schwer würde wie das Thema. Ob das gar zu weit in eine gefällige Richtung ging, darüber habe ich (auch angesichts der anderen Lesermeinungen) noch gar nicht nachgedacht.
Denkbar wäre für mich allerdings nur, die Zügel in den einklammernden Kommentaren aus der Tiefe des Erzählers (Rauhputz usw) etwas anzuziehen.

Die Beziehung der beiden im Sinne von spürbarer Interaktion wird ziemlich ausgespart, das ist richtig.

Statt
Cilly kennt jetzt eine Kurzfassung meines Lebens. Mir fällt auf, dass ich immer nur ihr zugehört habe. Samariter sind keine Freunde. Wir sind jetzt welche.
wäre hier dafür Platz gewesen, denn da entwickelt sie sich ja erst richtig.
Hat mich aber nicht interessiert und tut es auch jetzt nicht. Es gibt einige Texte, die lose mit diesem verknüpft sind, vielleicht findet das dort noch einen Platz.

Es gibt für mich aber tatsächlich nur einen Aspekt der Beziehung, der wichtig für den Kern der Geschichte ist - außer, dass sie allgemein als Katalysator für die Entwicklung des Prot wirkt. Dieser Aspekt bleibt vielleicht im Hintergrund, ist aber letzten Endes schachspielentscheidend. Ist zwar kein großes Geheimnis, verraten will ich es aber doch nicht.

Ich bin zur Zeit selten hier im Forum, daher hats ein bissl gedauert.

liebe Grüße,

buchstab
 

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