Meine Zeit mit Jonas

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Maribu

Mitglied
Meine Zeit mit Jonas

Da ich seit einigen Jahren aus dem Arbeitsleben ausgeschieden war, wollte ich mich, nicht nur aus Langeweile, ehrenamtlich engagieren.
Ich besuchte die jährlich stattfindende 'Hamburger Freiwilligenbörse' und entschloss mich, für 'MENTOR-DIE LESELERNHELFER' tätig zu werden. Der Verein hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mit Mentoren leseschwachen Kindern zu helfen.
Normalerweise sollte das Kind eine Stunde pro Woche ein Jahr lang betreut werden. In Ausnahmefällen konnte aber verlängert werden.
Bei "meinem" letzten, inzwischen 14-jährigen Jungen sind es sogar zwei Jahre geworden. Er sagte mir bei Beginn, dass seine Leseschwäche Vererbung sei. Angeblich wären die Gene schuld. Mich wunderte nur, dass er mündlich keine Probleme hatte. Im Gegenteil, er konnte unbefangen und sehr gut formulieren.
Da ich im Spätherbst vom Verein in diese Sonderschule delegiert worden war, konnte ich zwei Theaterkarten als Weihnachtsgeschenk von 'MENTOR' ergattern. Wir sahen uns
'Die unendliche Geschichte', Michael Endes Klassiker der Jugendliteratur, an.
Er war ganz begeistert, da es für ihn der erste Theaterbesuch gewesen war. Seine Eltern waren mit ihm nie in einem Weihnachtsmärchen gewesen. Von'Gute-Nacht-Geschichten'
hatte er auch nichts gehört. Ich fragte ihn, ob es bei ihnen Bücher gäbe. Er zögerte einen Augenblick und meinte dann, ein Buch hätte er schon mal gesehen. - Ich vermute, dass es die Bibel war!

Zum Schluss war ich weniger mit ihm als mit mir unzufrieden! 24 Monate, ungefähr 70 Stunden, hatte ich die Gelegenheit, ihm das Lesen beizubringen! Wenn ich ehrlich war, konnte meine 7-jährige Enkeltochter besser lesen. Das deprimierte! Trotzdem wollte ich nicht aufgeben und ihm ein flüssigeres Lesen mit besser Betonung beibringen. Leider sah das die Vereinssatzung nicht vor!

An jenem Dienstag sagte ich spaßig:
"So Jonas, jetzt schlägt deine letzte Stunde! Du bist erlöst, brauchst dich nicht mehr zu quälen und kannst Gregs Tagebuch beiseite legen."

"Ich bin ganz traurig!" antwortete er, und konnte über meinen Gag nicht lachen.

"Du musst doch nicht traurig sein!" antwortete ich mit Bedauern in der Stimme. "Wir haben doch etwas erreicht, denke mal an unseren Anfang!"

"Ja, aber das meinte ich doch gar nicht! Meine Katze ist vorgestern gestorben!"

"Ach, dass tut mir aber leid! Wie alt ist sie denn geworden?"

"Meine Minka ist vierzehn Jahre alt geworden."

Ich zwang mich zu einem Lächeln. "Eigenartig, so alt wie du jetzt bist. Menschen werden, wenn sie gesund bleiben, um Jahrzehnte älter. Sei froh, dass du das ganze Leben noch vor dir hast!"


"Ich möchte aber jetzt, wo du mich verlässt, diese Schule auch verlassen, weil mein Bruder nach den Schulferien hier eingeschult wird."

"Warum denn das? Ihr könntet doch in den Pausen immer miteinander spielen!"

"Sein Vater hat das gegenüber meiner Mutter durchgesetzt und die Meinung meines Vaters nicht berücksichtigt."

Ich wollte nicht den Fehler machen, spontan mit etwas Phrasenhaftem zu antworten und überlegte einen Moment.
"In der Kirche sagt der Pastor:'Bis der Tod Euch scheidet'!" sagte ich schließlich."Das ist aber die Auffassung eines Mannes, der meint, Gott oder Jesus mehr zu lieben als er jemals eine Frau lieben könnte. Es ist aber besser, auseinander zu gehen, als dem Kind oder den Kindern eine harmonische Ehe vorzuspielen!"
Sofort war mir klar, dass das nicht überzeugte! Wie konnte ich einem 14-Jährigen, dem ich noch nicht mal das Lesen beibringen konnte, so ewas zumuten?!

"Kevin und ich mögen uns nicht.Er hat die gleiche hässliche Nase wie sein Vater, den ich noch weniger mag. Wenn der als Dachdecker vom Dach fallen würde, könnte ich nicht mal weinen!"

"Jonas, so etwas darf man nicht mal denken! Was meinst du, was das für ein schwerer Unfall wäre. Der Mann könnte tot sein oder müsste bis zum Lebensende im Rollstuhl sitzen. Und denke auch an das Leid der Angehörigen!"

Er nickte betrübt. "Ja, ich meinte das ja auch gar nicht so! Aber warum ist der eifersüchtig auf meinen Vater, weil der immer mit mir etwas unternimmt? Und ist böse mit mir, weil ich nicht mit ihm und seinem Sohn ins Kino oder ins Freibad gehen will?"

"Warum eigentlich nicht? Du musst nicht so stur sein und ihm ein bißchen entgegen kommen!"

Da er nicht antworte, fragte ich: "Wie war denn die erste Stunde bei dem von mir empfohlenen Spezialisten?"

"Ach, der hat nur meine Farbschwäche getestet und meinte, bevor er bei mir anfängt, sollte meine Mutter erstmal mit mir zum Augenarzt gehen."

"Was hast du denn mit deinen Augen?"

"Ich kann, genau wie mein Vater, grün und rot nicht unterscheiden."

"Oh, das ist aber gefährlich. Fährt dein Vater denn Auto?"

"Ja, er hat aber kein Problem damit. An jeder Kreuzung weiß er: Oben ist rot, in der Mitte beige, und unten kann dann nur grün sein!"

Ich musste lachen. "Dass darf er aber der Polizei nicht verraten! Dann ist der Führerschein weg!" Und dann wieder ernst: "Gregs Tagebuch haben wir ja nicht durchbekommen. Die letzten Kapitel musst du ohne mich lesen!" Ich schlug das Buch auf. "Ich habe dir eine Widmung geschrieben. Lies mal vor, ich möchte mal wissen, ob meine Frau recht hat, wenn sie sagt:'Deine Klaue kann niemand entziffern!'"

Er lachte. "Du betreust mich jetzt zwei Jahre, wie kann ich da deiner Frau zustimmen?"

Ich war wieder überrascht. Wie konnte ein Junge mit vierzehn Jahren und Leseschwäche so gut formulieren?! Und musste an Hollywood-Filme denken, die ich damals als übersteigerte Phantasie der Drehbuchautoren belächelte. Konnte es so etwas geben? Hat Gott oder die Schöpfung - oder wie immer man es nennen möchte - es so gütig eingerichtet, dass eine Schwäche durch eine Stärke kompensiert wird?

Er holte tief Luft: "FÜR MEIN LESEKIND JONAS ZUR ERINNERUNG AN GEMEINSAME LESESTUNDEN! DEIN MENTOR FELIX BUNGART"
Danach lächelte er verschmitzt: "Die Überschrift von diesem Band 'UND TSCHUESS' passt ja gut.

"Ja, der Titel ist wie auf uns zugeschnitten!" stimmte ich zu. "Aber Tschüss heißt bei uns ja auch 'Auf Wiedersehen!' -
Wenn dir danach ist, kannst du mich gerne anrufen. Vielleicht möchtest du mich am Wochenende mal besuchen? Ich würde dann meinen beiden Enkelkindern Bescheid geben, die in deinem Alter sind. Ihr könntet im Garten Fußball spielen."

Wir gaben uns die Hand und ich sagte lächelnd: "Und Tschüss, Greg! - Nein, Entschuldigung, ich meinte Jonas!"

Er antwortete, ebenfalls lächelnd: "Macht doch nichts! Nach zwei Jahren weiß ich selber nicht mehr, wer ich bin! Es gibt ja dieses Lied: 'In Hamburg sagt man Tschuess, dass heißt auf Wiedersehen!' Ich werd mich daran halten und mich bestimmt bei dir melden! - Herzlichen Dank für alles, Mentor!"
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Wie konnte der eine Leseschwäche haben?!
 

Maribu

Mitglied
Liebe(r) Anonyme(r)

vielen Dank für die "9"!

Ist es unverschämt, um eine kleine
Begründung zu bitten?!

Freundliche Grüße Maribu
 

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