Menschen im Park (ein Wawa Kapitel)

Kyra

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Menschen im Park

Wawa und ihre Freundin Angela saßen in ihrem Lieblingsbaum, einer alten Kastanie, deren unterster Ast eben tief genug war, um mit Hilfe der darüber geworfenen Hundeleine hochklettern zu können. Von da an war der Aufstieg bis zu den beiden bequemen Astgabeln leicht, von denen sie die Isaranlagen bis zur Kennedy-Brücke überblicken konnten. Es war schwül, aber das leise Donnern schien sich nicht zu nähern. Die wenigen Spaziergänger führten meist ihre Hunde aus. Im dichten Laub versteckt hätte keiner die beiden Mädchen gesehen, wäre nicht Wawas Hund winselnd um den Baumstamm gelaufen.
Wawa kannte die meisten Hunde und ihre Besitzer. Den kleinen älteren Herrn mit der Dogge, die träge hinter ihm her schritt, Pit den Boxer der von der kettenrauchenden Haushälterin spazieren geführt wurde und natürlich Tasso, den Setter, der jetzt über die Wiese getollt kam. Tasso gehörte einer Frau, die nach Wawas Meinung haargenau wie Vera Brühne aussah. Wawa rätselte oft, ob sie nicht tatsächlich die Mörderin war, nur war die Brühne ja angeblich im Gefängnis. Aber konnte es noch jemanden geben, der exakt so aussah? Wawa und Angela besprachen dieses Problem jedes mal wenn sie „die Brühne“ sehr aufrecht, mit viel zu hoch erhobenem Kopf durch den Park marschieren sahen.
Heute meinte Wawa zu Angela,
„Meine Mutter hat mir erzählt, dass ganz viele Mörder frei herumlaufen. Keiner weiß das, aber es stimmt“
Angela zupfte nachdenklich den Spliss von ihren Haarspitzen,
„Aber die Brühne ist doch verurteilt, sie kann doch nicht gleichzeitig hier und im Gefängnis sein“
Wawa angelte sich ein Kastanienblatt, um sich die Nase zu putzen, bevor sie ungeduldig antwortete,
„Im Gefängnis sitzt die Falsche, dass hier ist die wirkliche Mörderin. Du brauchst doch nur zu sehen, wie sie geht. So geht kein normaler Mensch. Einem normalen Menschen würde der Kopf abbrechen, wenn er ihn immer so weit nach hinten biegen würde. Ich weiß auch genau, warum sie das macht, damit ihr keiner in die Augen sehen kann“
Angela beobachtete jetzt auch die Brühne, dabei kniff sie die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
Wawa warf lachend ein Stückchen Rinde nach ihr,
„Du kannst doch sowieso nichts sehen ohne Brille. Aber es ist so, wenn man einen Menschen tötet, bleibt das Bild von dem Toten in den Augen des Mörders eingebrannt. Das bekommst du nie wieder weg. Man kann einen Mörder immer an seinen Augen erkennen. Darum hält sie den Kopf so komisch. Meine Mutter hat das in einem Buch gelesen, das stimmt wirklich.“
Wawa rutschte unruhig auf ihrem Ast herum, damit sie die Brühne nicht aus den Augen verlor. Wieder hatte sie vergessen, das alte Opernglas ihrer Großmutter mitzunehmen. Oft stellte sie sich vor, wie sie durch das Fernglas die schmerzverzerrten Gesichter der Toten in den Augen der Frau entdecken würde. Dann würde sie warten, bis sie mit Tasso unter dem Baum vorbeiging, auf dem Wawa jetzt saß. Natürlich hätte Wawa dann nicht ihren dummen Hund dabei, der sie jetzt verriet. Nur Angela sollte dabei sein, damit jemand zusah, wenn sie furchtlos der Frau vor die Füße springen und laut rufen würde,
„Sie sind die Mörderin, ich habe ihre Augen gesehen! Kommen sie besser freiwillig mit zur Polizei. Ich weiß alles über sie.“
Eigentlich traute Wawa sich nicht, von ihrem hohen Ast herunter zu springen, aber die Vorstellung, den Stamm wie ein ungelenker Bär herunterzurutschen, war längst nicht so schön.
Langsam wurde es langweilig auf dem Baum, die Brühne war zwischen den Bäumen der Allee verschwunden, nur der Mann mit der Dogge umrundete wie immer sehr langsam die große Wiese. Während Wawa sich schon an den Abstieg machte, rief sie zu Angela,
„Lass uns zur Isar runter gehen, hier ist ja nichts los“
Nachdem die beiden Mädchen den steilen Abhang zum Uferweg herunterschliddert waren und den holprigen Pfad entlanggingen, fragte Angela beiläufig,
„Hast du eigentlich genau mitbekommen, was mit der Mutter von Kurt passiert ist? Moni hat mir erzählt, dass Till ihr gesagt hat, die Mutter von Kurt wäre abends im Englischen Garten einem komischen Mann begegnet. Erst dachte sie, er sei ein Standbild, so still stand er da.“
Wawa, die vorausging, blieb so abrupt stehen, dass Angela in sie hineinlief und sagte,
„Ich bin in der Pause hinter Kurt und Till hergegangen, aber ich konnte nicht genau verstehen, was sie geredet haben. Kurt hat gesagt, dass der Mann sich ganz plötzlich bewegt hat und seiner Mutter mit ganz tiefer Stimme befohlen hat, die Schuhe auszuziehen.“
Angela schauderte,
„Das ist irre unheimlich. Stell dir vor, jemand steht ganz still da und beobachtet dich. Ganz, ganz still. Und du gehst direkt auf ihn zu und merkst es nicht.“
Wawa war weniger beeindruckt und schwenkte vom Pfad ins Unterholz
„Komm wir gehen hier ans Ufer“
Wawa zog Angela an der Hand durch den Schilfstreifen zum Wasser. Hier setzten sie sich eng nebeneinander auf die Kieselsteine und beobachteten eine Weile die Soldaten, die ein Stück flussabwärts ein Drahtseil über die Isar gespannt hatten und sich nun in Schlauchbooten daran entlang hangelten. Zwei Soldaten hielten sich am Seil fest, damit das Boot nicht abgetrieben wurde, drei andere ruderten. Dazwischen wurden Kommandos gebrüllt, die trotz der Lautstärke weder Wawa noch Angela verstehen konnten. Am anderen Ufer stand ein Soldat, der seine Befehle in ein Megaphon schrie.
Nachdenklich wandte sich Angela an Wawa,
„Warum sollte Kurts Mutter die Schuhe ausziehen, das verstehe ich nicht“
Wawa drehte sich mit wissendem Blick zu ihr,
„Der Mann wollte bestimmt sein Ding in sie reinstecken, du weißt schon, um Kinder zu machen“
Verständnislos sah Angela sie an,
„Warum wollte denn der fremde Mann Kinder von Kurts Mutter? Der kannte sie doch gar nicht. Außerdem hat sie ja schon zwei Kinder“
Wawa schnaubte unwirsch,
„Du verstehst das nicht. Männer warten in der Dunkelheit in den Parks auf Frauen, das weiß doch jedes Kind. Dann müssen die Frauen sich ausziehen. Die Männer stecken ihr Ding dann nur zum Spaß in die Frauen rein. Es ist ihnen einfach egal, ob sie der Frau ein Kind machen.“
Angela sah sie ungläubig an,
„Machen das viele Männer?“
„Nicht sehr viele, aber doch eine ganze Menge, darum sollen Frauen wenn es dunkel wird auch nicht in den Park“
Wawa stand auf, um flache Kiesel zu suchen. Als sie eine Handvoll zusammen hatte, gab sie Angela die Hälfte und meinte,
„Du fängst an, wir zählen alle Sprünge zusammen, wer die meisten hat, ist Sieger“
Während Wawa und Angela die Steine über das Wasser springen ließen, hatten sie nicht bemerkt, dass ein Mann wenige Meter von ihnen ebenfalls ans Ufer getreten war und ihnen ruhig zusah.
Als Wawa zu einem besonders weiten Wurf ausholte, sah sie ihn. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, schleuderte sie den Stein über die Wasseroberfläche. Dabei flüsterte sie zu Angela,
„Da drüben steht M, schau jetzt nicht hin.“
Unwillkürlich drehte Angela mit einem leisen Schreckenslaut den Kopf.
Da stand er wirklich, nur wenige Schritte von ihnen entfernt und beobachtete sie. Wie immer trug er seinen alten, grauen Anzug. Die Knie der Hosen waren ausgebeult und die Jackentaschen mit irgendwelchen schweren Dingen so voll gestopft, dass das Jackett vorne tief herabhing. Gelassen erwiderte er Angelas Blick, bückte sich und warf ebenfalls einen flachen Stein ins Wasser, der allerdings nach einem kleinen Sprung unterging. Der Mann stand zwischen dem Soldatentrupp und den beiden Mädchen. Wawa beobachtete ihn aufmerksam aus den Augenwinkeln, während sie sich langsam ein Stück von ihm weg bewegte, wobei sie weiter Steine über das Wasser flitschte. Angela war in ihrem Schreck schon ein einige Meter vorgelaufen. Wawa und Angela kannten diesen Mann schon lange, sie nannten ihn M. Die beiden hatten sich geschworen, keinem Menschen etwas von ihm zu erzählen, weil sie befürchteten, sonst nicht mehr alleine an der Isar spielen zu dürfen. M war groß und mager. Er ging so gebückt, als hätte er Angst sich den Kopf an etwas zu stoßen. Er sah immer so aus, als würde er grade durch eine zu niedrige Tür gehen. Während Wawa sich jetzt auch schneller von M wegbewegte, bemerke sie wie reglos er dastand, die blassen, langen Hände hingen locker herab, der Schlitz der Hose war geöffnet. Wawa sah einen Zipfel seines weißen Hemdes herausragen. Dies war nicht ungewöhnlich, meist war seine Hose entweder geöffnet oder vorne nass. Alleine heute verunsicherte Wawa sein Gesichtsausdruck, er lächelte und zeigte dabei kleine, etwas gelblichen Zähne und viel Zahnfleisch. Sonst war er immer ernst, noch nie hatte sie ihn lächeln sehen. Wawas kleiner Hund war nirgends zu sehen, er entfernte sich häufig unbemerkt und kam erst am Abend zurück. Mit etwas kläglicher Stimme rief Wawa nach ihm, aber er blieb verschwunden. Fieberhaft überlegte Wawa, wie sie und Angela an M vorbeikommen und in Richtung der Soldaten rennen könnten. Schließlich fiel ihr etwas ein. Sie flüsterte zu Angela,
„Ich weiß was wir machen, damit rechnet M bestimmt nicht. Hör zu, wir tun so als würden wir Fangen spielen. Erst laufen wir hin und her, dann renne ich direkt auf ihn zu. Ich laufe links von M am Ufer entlang und schreie laut, dann wird er sich zu mir umdrehen. Du biegst rechts zum Weg ab und läufst dann zu den Soldaten. Wenn ich sehe, dass du weg bist, laufe ich auch auf den Weg. Wir treffen uns da. Bevor ich loslaufe, fasse ich mir mit dem Finger auf die Nase. Das ist das Zeichen.“
So ungezwungen sie konnten, begannen sie sich zu jagen, zu fangen, klatschten einander ab und versuchten nicht zu M hinzusehen.
Als sie beide in der Nähe von M waren, fasste Wawa sich schnell an die Nase und stürmte direkt auf M zu. Mit ihrem lauten Kreischen hoffte sie auch noch die Aufmerksamkeit der Soldaten zu erregen. Der Trick funktionierte tatsächlich. M drehte sich zu Wawa und streckte beide Arme nach ihr aus. Aber er war nicht schnell genug, er fasste ins Leere, während Wawa weiter rannte, einen scharfen Schwenk machte und zum Uferweg lief. Sie hatte völlig vergessen darauf zu achten, ob Angela sich auch in Sicherheit bringen konnte. So war sie sehr erleichtert, Angela auf dem Pfad zu treffen. Nebeneinader liefen sie bis zu den Soldaten. Außer Atem und mit Seitenstichen ließen sie sich dort ins Gras fallen. Wawa konnte als erste wieder sprechen, „Hast du gesehen, wie er versucht hat mich zu fangen? Seine Hände waren nur so ein Stück von mir weg“
Sie zeigte mit Daumen und Zeigefinger den winzigen Abstand,
„Ich habe seine Hände genau gesehen, seine Finger sind vorne ganz breit und flach. Und seine Nägel sind so lang wie bei einer Frau, nur schmutziger“
Angela lag auf dem Rücken während sie Wawa zuhörte, plötzlich fing sie an zu lachen,
„Du bist gut, schau mal in den Spiegel. Deine Nase ist ganz schwarz. Zeig mal Deine Hände“
Beide sahen lachend auf Wawas schwarze Finger und im nächsten Augenblick stürzte Wawa sich auf Angela und versuchte ihr auch einen schwarzen Fleck auf die Nase zu machen.

Viel später, als Wawa müde im Bett lag, den Hund neben ihrem Bett, hörte sie die Soldaten am Isarufer singen. Unerwartet wurde das Lied unterbrochen und Wawa hörte kurz die verzweifelten Hilferufe einer Frau, dann sangen die Soldaten noch lauter als zuvor.
Wawa schlief ein.
 
Deine

schönste Wawa Geschichte bs jetzt Kyra. Ich habe daran nichts auszusetzen. Ich befürchte allerdings das wir beide unsere Geschichten so mögen weil wir auf derselben Schule waren... Naja, mir macht das nix. ;) . Ich find dich und deine Geschichten sehr gut! Alles Liebe. Kolja.
 

Renee Hawk

Mitglied
Hallo Kyra,

habe die Geschichte ausgedruckt, les' sie aus Zeitmangel aber etwas später *freu*.

Liebe Grüße
Reneè
 
Hallo Kyra

wieder einmal ein gelungener Text, der wunderbar in eine Erzählung passt. Als Kurzgeschichte – und hier kommt mein kleiner Einwand – stören die vielen Handlungsstränge ein wenig. Wirf doch z. B. die Brühne einfach raus, ich denke, du gewinnst dadurch nur.
Ich wünsche dir ein schönes Wochenende
Gruß
Willi
 

Kyra

Mitglied
Hallo Willi,

Als Kurzgeschichte – und hier kommt mein kleiner Einwand – stören die vielen Handlungsstränge ein wenig.

das Problem ist, eigentlich sind die Wawa Geschichten auch nicht wirklich Kurzgeschichten, sondern eine Sammlung die vielleicht mal ein langer Text wird (sobald ich so etwas kann;)).
Daher passen sie auch nicht wirklich in Erzählungen. Ich werde sie zukünftig auch hier hereinstellen und als "Wawa Kapitel" bezeichnen. Sie sollen schon auch einzeln verständlich sein, aber eben auch Teile eines Gesamten sein. Darum ist die Brühne mir wichtig, die war ein gutes Beispiel für die Moral dieser Zeit. Sie war einfach zu frei und zu unmoralisch für diese Zeit. (von Schuld und Unschuld mal ganz abgesehen)

Liebe Grüße

Kyra
 

Renee Hawk

Mitglied
Hallo Kyra,

hab' im Zug von Berlin nach Magdeburg Wawa gelesen, spannend und spielerisch, wie Kinder sind. Freue mich auf's nächste Abenteuer.

Liebe Grüße
Reneè
 

 
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