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„Michelin-Michael“ und Wittenberge

Das Leben ist zu kurz für schlechtes Essen.
Stell dir vor, dass du eine Tagesfliege bist.
Was würdest du an diesem einzigen Tag essen?


Wart ihr schon im Wittenberger Kranhaus? Das alte Lagerhaus (1884) aus Backstein mit einem eigenen Kran für die Beladung der Schiffe auf der Elbe. Was macht man in einem Kranhaus, wenn man nicht mit einem Schiff in Wittenberge ankommt und ent- bzw. beladen werden möchte? Na, man geht beim Sternekoch aus der Normandie Michael Drouin essen. Das ist aber leider nicht mehr möglich. Das Kranhaus in Wittenberge steht zum Verkauf. Michael Drouin sieht keine Zukunft in unserer Region. Ich kann ihn gut verstehen. In der Zeit, wenn mein Mann und ich jammern, dass wir hier so gut wie nirgendwo gut essen gehen können, sind viele regionale “Gourmets” mit dem hiesigen kulinarischen Angebot zufrieden. Am besten ist es, wenn es noch wie früher in der DDR schmeckt.

Man ist es heutzutage gewohnt, in die alte Ölmühle, ins Kranhaus oder in den Kuhstall essen zu gehen. In alten Scheunen werden Konzerte veranstaltet. Das stört mittlerweile niemanden, dass nicht das drin ist, was darauf steht. Man hat kreative Ideen. Wenn ein Kuhstall oder ein Kranhaus sowieso schon da sind, überlegt man sich, etwas daraus zu machen. Warum zum Beispiel keine Gaststätte? Ich postete einmal im Facebook ein Bild aus „Dem Kuhstall auf Dahses Erbhof“ in Glövzin. Mein Schwager Gena las meinen Kommentar mit Hilfe des Google-Übersetzers und fand den Zufall lustig. „Ihr wart doch nicht im Kuhstall“, - meinte er. „Ihr wart in einem Restaurant“. Beides stimmte. Apropos ist „Der Kuhstall” eines der besten Lokale hier in der Gegend. Wir wollen dieses Mal aber ins „Kranhaus by Mika“…

Der frühere, langjährige Chefkoch im Kranhaus war Knut Diete. Er trug zweifellos maßgeblich zum Erfolg des Restaurants bei. Das „Kranhaus” war überregional bekannt. Der einstige Antenne-Brandenburg-Koch Knut Diete war der Star des Hauses. So empfand er das und so präsentierte er sich. Für unseren Geschmack quatschte er etwas zu viel. Zur Begrüßung am Eingang kam öfter sein gewohnter Satz: „Willkommen in meinem Saloon“! „He?“, - drückten unsere Gesichter und die mancher anderer Gäste aus. Vor dem Hauptgang kam ein Gruß aus der Küche: Erdbeeren in Senfsause. Die schmeckten gut. Dieses Dessert war aber schon der Kult im Jahr 2005. Aus dem Jahr stammt der Artikel „Erdbeeren mit Senf “ bereits Kult-Dessert“. Mit der Kellnerin, die das leere Geschirr vom Tisch abräumte, richtete ich im Jahr 2012 meinen Gruß zurück in die Küche aus. Mir kam es unhöflich vor, seinen Gruß nicht zu erwidern.

Die Sprüche mit dem „Saloon” und ähnlichem Kram passten hier einfach nicht zu der Gegend. Die Stadt Wittenberge leidet nach wie vor unter Bevölkerungsrückgang. Die progressiven Menschen suchen ihr Glück in den aus verschiedenen Sichten attraktiveren Gegenden. Der Alltag der gebliebenen passiven Bevölkerung ist etwas einfacher, was auch in Ordnung ist. Wittenberge ist keine Metropole. Es gibt zwar ein paar Tage im Jahr, an denen ein oder anderer Künstler oder Kunstliebhaber sich nach Wittenberge verirrt. Das sind zum Beispiel die Elblandfestspiele in Wittenberge oder die Lotte Lehmann Woche in Perleberg. Ich hätte aber an der Stelle des Chefkochs diese außerordentlichen Events im Kalender fett eingetragen und sich lediglich an diesen Tagen in die Schale geschmissen. Ansonsten reicht die vereinfachte Variante „Guten Abend, es ist schön, dass Sie heute bei uns sind” vollkommen aus. Ich war aber nicht an seiner Stelle. Das war auch gut so. Die Seite im Geschichtsbuch des Kranhauses mit Knut Diete war längst umgeschlagen.

2016 war Knut Diete von Bord. Er machte keine Statements. Als Grund für Schließung des „Kranhauses“ wurde seine Krankheit vermutet. Das Haus war nicht lange herrenlos. Nach Wittenberge kam Mika (Michael Drouin). Der leidenschaftliche Koch ist viel gereist. Bevor er nach Wittenberge kam, führte er acht Jahre ein thailändisches Restaurant auf Mallorca gemeinsam mit einem Franzosen und einem Engländer.

Die Lage vom Kranhaus ist fantastisch. Sie lässt viele Herzen höherschlagen. Mikas Herz war keine Ausnahme. Er wollte es nicht unausprobiert lassen. Er versprach etwas Besonderes zu bieten. Er kochte nur mit frischen Zutaten. Das hatte seine Vor- und Nachteile und bestimmte Einschränkungen. Wir standen bei ihm am Eingang auch schon mal unangemeldet. Der Laden war leer. Die Bedienung fragte uns nach der Vorreservierung. Wir hatten keine. Uns ging alles Mögliche durch den Kopf: „Was bildeten sie sich nur ein? Waren wir nicht fein genug angezogen? Passten unsere „Visagen“ nicht ins vornehme Ambiente?“

Eines Tages reichte es mir. Ich wollte an unserem achten Hochzeitstag unbedingt dahin. Ich schlug die Seite vom Restaurant im Internet auf und fand dort alle Antworten auf unsere Fragen schwarz auf weiß. Alles wurde extra frisch eingekauft, alles abgezählt, alles nur für eine bestimmte Gästezahl vorbereitet. Wer lesen kann und will, ist bekanntlich im Vorteil. Wir meldeten uns an und waren einfach gespannt, was uns erwartete.

An dem Abend waren insgesamt sieben Gäste im Kranhaus. Uns kam es etwas leer vor. Andererseits war es auch gut, dass Gäste etwas entfernt von einander saßen. Man konnte sich ungestört unterhalten, ohne sich Gedanken zu machen, ob jemand am Tisch nebenan unser Gespräch gewollt oder ungewollt „mitschnitt“. Die Zeremonie dauerte in der Tat etwa zweieinhalb Stunden. Zwischen den Gängen wurden lange Pausen angelegt. Wir hatten viel Zeit für Unterhaltung. Den Gesprächsstoff sparte ich vorsorglich vorher auf.

Die Bedienung fiel wegen Krankheit aus. Der Chefkoch Michael Drouin musste für uns sieben höchstpersönlich kochen und servieren. Das war ganz prima. Wir konnten ihn ein wenig ausfragen, was, wie, welche Zutaten, warum so und nicht anders? Das französischkolorierte Deutsch von Mika verlieh dem Geschehen einen besonderen Charme. Ich musste mich beim Zuhören ziemlich konzentrieren, da sein Idiolekt voller französischer Begriffe war. Das, was er auf Deutsch erzählte, kam mir wegen der Aussprache eigentlich auch französisch vor.

Unser Menü bestand aus fünf Gängen. Mit dem zusätzlichen „Gruß“ und dem „Abschied aus der Küche“ waren es insgesamt sieben. Auf den ersten Blick schien es uns, etwas wenig auf dem Teller zu sein. Mein üblicher Spruch dazu lautet: man musste das Essen auf dem Teller suchen. Die Vorgehensweise war aber genau richtig. Die längeren Pausen zwischen den Gängen erlaubten dem Essen im Magen anzukommen, bevor der nächste Gang kam. Zum Schluss war der Magen schön voll. Die von Mika zum Abschied gegönnten selbstgemachten Trüffel-Pralinen waren eindeutig überflüssig, wurden aber selbstverständlich noch reingestopft. Danach kam Bedarf an einem bitteren Kräuterschnaps, mindestens einem Doppelten. Mika bot uns eine „alte Pflaume aus Elsas“ an, die wir auch tranken. Den Witz, der sich bei meinem Mann auf der Zunge drehte, wollten wir nicht rauslassen. Den Bitteren holte ich zu Hause nach. Mein Mann ließ den aus, was dazu führte, dass das ganze kunterbunte Speisenallerlei schwer für den nicht gewohnten Magen war. Selbst Schuld.

Mir gefiel es bei Mika. Ehrlich. Er war zu empfehlen. Er machte aus unserem Hochzeitstag ein kulinarisches Erlebnis. Das Restaurant bekam 2018 die Michelin-Auszeichnung nicht umsonst. Es mangelte leider nur an Gourmets in Wittenberge.

Die Bewertungen bei Google sprachen auch für sich. Ein gewisser Peter Rudolph befürchtete die Wiederholungsgefahr. Jetzt kann er ruhig schlafen. Er ist außer Gefahr.

Das Restaurant steht zum Verkauf. Michael Drouin versuchte es. Beeindruckt blieb derjenige, der mitmachte. Tschüss, Mika. Die Seite im Geschichtsbuch des Kranhauses mit Michael Drouin ist nun auch umgeschlagen worden. Wir lassen uns überraschen, wo der Name des Sternekochs wiederauftaucht. Ich persönlich werde ihn sofort weiterempfehlen. Der sprichwörtlich besagte Bauer muss langsam lernen, auch das zu probieren, was er nicht kennt. Mancher „Bauer“ wird überrascht sein.

Das Kranhaus stellt eine Herausforderung dar. Es zieht an, weckt Ideen und Fantasien bei begabten Menschen auf, eröffnet Möglichkeiten, sorgt aber leider nicht für ein Haus voller Gäste. Wir bleiben gespannt, was die Zukunft bringt. Wir werden unbedingt hingehen und an eigener Haut alles erfahren. Wir werden über unsere Erfahrungen berichten. Versprochen.
 
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