Mindblowing Poems

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Willibald

Mitglied
Mindblowing Poems
(ziemlich lang, diese Erzählung)


http://up.picr.de/33984247an.jpg

Rezzo

Mittwochs diese Doppelstunde Leistungskurs Deutsch beim Doc Schneider, Abiturtraining: Ein barockes Sonett von Gryphius im Vergleich mit einem Gedicht von Trakl. In Baden-Würtemberg gestellt. Schnarchig, aber nicht ganz schnarchig.

Dann stehen wir zusammen im Chemiehof, fünf Minuten für die Zigarettenpause, Rezzo tippt mir an die Stirn, an die Brust: „Was Lyrisches, was Poetisches, Sven!”
"Hä?"
„Was Lyrisches, was Poetisches brauch ich von dir, Du komischer Vogel, für die Schülerzeitung. Du versteckst doch immer deine Songtexte hinten im Ordner. Manche sagen, du machst doofe Gedichte. Ich sage: Du machst Wortgeschenke. Du stellst dich den Anforderungen, in Lyrik und in Prosa. Stinklangweilige Kommentare und Berichte haben wir genug auf Lager.”

Er gluckst, der Blödmann, dann fächelt er mit der Hand vor meinem Gesicht: Einfach drauflos schreiben. Den Alltag skizzieren, eine Szene aus der - er kichert - Adoleszenz. Auch im Leben von öden Langweilern stecke Poesie.
"Wie witzig", sage ich.
"Nö", meint er, „ist ernst, probier es. Vielleicht ein Gedicht, vielleicht eine short story.”
"Ok, mal gucken."
„Guck mal nicht so lang, Sven. Das Leben vor dem Abitur gleicht einer Rennebahn.” "
O ja", knurre ich, „aber immerhin mit Zäsur, vor gleicht.” Und gucke verstohlen, ob Mirjam das gehört hat. Sie hat.
„Schon, schon“, sagte Rezzo, „aber" - er hebt den Zeigefinger leererlike - "die Zäsur" - er spitzt den Mund, das Frettchen, und dann reimt er auch noch - "kommt nach Abitur.“ Mirjam grinst.

Nachmittags ging´s zum Aldi, wollte eine Flasche Kentucky Bourbon Whiskey kaufen. Rezzo sagt, Whiskey inspiriere ihn, da schreiben sich seine Sachen für die Schülerzeitung wie von selbst. Rezzo feiert sich dann: Er speichert seinen Text ab, fährt den Computer runter, macht in seinem Zimmer ein Feuer, tanzt darum herum, singt „loved” und die Nachbarn klopfen an die Wände den Rhythmus.

Rezzo, der Große. Er ist wirklich groß. Key Account Manager. Wer kam auf die Idee, die Schülerzeitung "JBB-Jetzt” ins Netz zu stellen? Eine aktuelle Johannes- Butzbach-Gymnasium-Zeitung mit Forum? Wer ist der geniale Macher? Rezzo. Chefredakteur, flache Mimik, effizient. Seine Redakteure schreiben, wenn sie inspiriert sind. Und die Leser können Leserbriefe direkt in die Forum-Kontaktbox schreiben, wenn sie beim Lesen inspiriert wurden. Bloß, dass kaum einer schreibt. Low Performer, mentale Selbstaktivierung gleich Null.

Auf schwarzen Eulenschwingen

Beim Aldi guckte mich die Kassiererin an, kaum älter als ich, ich gucke sie an.
„Du bist schon über sechzehn? Whiskey an Jugendliche, das ist nicht drin.”
"Ich bin Sven. Sven Rappe. Achtzehn. Du kennst mich doch vom Sehen. Du gehst öfters mit Mirjam zum `Da Toni´."
Sie lächelt: "Klar, aber ich will deinen Ausweis trotzdem. Das macht sich gut beim Chef. Er beobachtet durch den Spiegel die Kasse, Probleme mit dem Aufsichtsamt. Du glaubst gar nicht, wieviel Jungs von fünfzehn oder sechzehn hier Alkohol holen wollen. Zum Mädchen Anbaggern. “

„Oh, wie blöd”, sagte ich gedehnt-ironisch, und schaute verstohlen in den Einwegspiegel, zeigte ihr meinen Ausweis und zog mit meiner Flasche in der Plastik-Tüte ab. Zuhause setzte ich mich rezzo-like in die Nähe des Computers an den Schreibtisch. Mineralwasser, Glas, Whiskey-Flasche.

Bin schon längst nicht mehr sechzehn, weiß aber noch gut, wie das ist. Du gehst an den Mädchen vorbei, die kichern plötzlich, kriegen Schluckauf, verdrehen die Augen. Du wirst rot. – Du gehst in den Supermarkt. Die Kassiererin mustert schweigend die Flasche in deiner Hand. Du ziehst belämmert ab. Und die Damen in der Kassenschlange gucken dir nach, fixieren deine rosa Ohren und du spürst, wie sie rot und röter werden. „Adoleszenz”, hatte unser Biologielehrer Peter Wissmattinger doziert, „das ist: Hormonrasen, kordiale Mikro-Spasmen, rosa Ohrwascheln.” "Ohrwascheln" - aus Oberbayern der Mann, in Unterfranken aufgeschlagen. Hat eine Sportlerlaufbahn, hinter sich, sieht man ihm noch an.

Ich schenkte mir ein, schaute in das Glas, 1 ccm Whiskey und 5 ccm Selters mischten sich. Und da kam es rabenschwarz und rosa über mich: Solo sein, der Main, ein lyrisches Ich, Sätze wie „Mag uns wer?”, Verszeilen, richtige, mit Rhythmus und Reim. Clemens Brentano, Freiherr von Eichendorff, der barocke Gryphius, ein schlanker Heine, die ganzen Kerle aus dem Kursordner, blickten aus dem Glas, zwinkerten.

Ich brauchte eine Stunde, Rohentwurf, dann Feilen und Polieren; dann war es vorläufig fertig. Ich lud den Text ins Rezzo-Netz, Schülerzeitung „JBB-Jetzt”, Sparte "Mind-blowing Poems" und las ihn mit Vergnügen, meinen Text.

Sterne, dünn glitzernd

Ich blicke in die weite Ferne,
am Himmel glitzern dünn die Sterne,
Ganz solo sitze ich am Main.
Mag mich wer? Ich glaube: nein.

Und auf schwarzen Eulenschwingen
fällt die Traurigkeit mich an
will mir in die Schläfe dringen.
Fluch Dir, Vogel, bist kein Wahn!

O Du, der diese Zeilen liest,
Und schwarze Wesen vor Dir siehst.
Du fühlst wie ich, hörst Klagerufe?
Dein Lächeln stellt mich auf die Hufe!
S. R.


Kopfkino

Hufe und R., Rappe, gut was? Ich schaute mir eine halbe Stunde die drei Strophen auf dem Bildschirm an, von oben nach unten, von unten nach oben: „Lyrisches Ich”, melancholisch, sitzt am Main. Eulenvogelattacke, richtig trist, irgenwie metaphorisch. Männliche Kadenz, weibliche Kadenz, raffiniertes Reimschema, weitgehend Jambus als metrisches Gitter, aber zweimal Akzentakkumulation (ähä: Hebungsprall. Sagt Schneider. Heiterkeit.) - bei "Mag mich wer" und "O Du". In der dritten Strophe dann die Leseranrede. Witziger, ironischer Touch, dieser Heinrich Heine hat sowas drauf, also vergleichbar nur, natürlich: setze mich um Gotteswillen nicht gleich, auch wenn Größenwahnsinn angesagt ist, Tanz den Rezzo.

So ein brillantes Gedicht! Muss man feiern! Party! Also: Eiswürfel aus dem Kühlfach holen, ins Glas füllen, klickern lassen, über dem Text den Kopf senken, meditieren. Ab einem bestimmten Punkt kommt die Trance. Das Kopfkino beginnt zu laufen, die Zimmerwände öffnen sich und du kannst plötzlich alles sehen. Da sitzen sie, surfen im Internet und klicken spontan unsere Zeitung an. Mundwinkel nach unten, die Augenbrauen nach oben, zappen weg, leicht verächtlich, weiter im Netz, unberührt von Poesie. Low Performer, sagt mein Vater, Bildungsforscher mit Arbeitsstelle in Würzburg.

Aber da sitzt Mirjam. Hat viermal in München die Rocky Horror Picture Show angeschaut. Da gibt es, sagt sie, ein Kino an der Isar. Spielt das seit sieben Jahren. Und die Leute singen mit. Time Warp, RiffRaff und das alles. Auch im Leistungskurs Deutsch, hohe Stirn, lacht über meine Jokes, weil: Sie ist intelligent, sie ist schlau, sie ist schön. Lyrik ist wie „lyrics”, sagt sie, tanzende Worte und Sätze, tanzende Texte, sagt sie. Musik. Die liest das genau, die anderen sind spätestens bei der zweiten Strophe mit den Eulenschwingen ausgestiegen. Aber Mirjam, also Mirjam, die liest den Text bis zum Ende. Und dann noch einmal.

Sie kann in dem Stil schreiben. Der Vater hat wahnsinnig viel Bücher im Wohnzimmer, Germanist und Linguist. Heute morgen im LK war sie auf die Takte von Andreas Gryphius doch tatsächlich abgefahren, Alexandriner mit Zäsuren: „Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn/Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten …” Der Doc hatte die Stimmung genutzt, hatte eine kreative Schreibübung eingeschoben und wir probierten den Gryphius-Stil.

Rezzo trug etwas vor von Gleitflügen. In den Tälern Bourbon-Kentuckys. Es wurde sehr lustig. Von nebenan der Französischlehrer steckte den Kopf rein, was da los ist. Und: Wir bereiten doch gerade die Klausur vor, Herr Kollege Doktor Schneider. Auf dem Heimweg wollte Mirjam gleich nach Hause. Niente "Da Toni". Matheklausur am Donnerstag. Der Grundkurs.

Amors gefiederte Axt

Kreisende Eiswürfel im Glas, ziemlich klein, klickern nicht mehr, sirren kreiselnd. Ab und zu ein Blick in den Mail-Ordner auf der unteren Leiste meines Bildschirms. Puh, wenn überhaupt von jemandem, dann könnte von Mirjam eine Antwort kommen, nicht jetzt, natürlich nicht jetzt, irgendwann.

Und was soll ich sagen? Um 21.00 Uhr erscheint dieser Text, DER TEXT, auf dem Screen:

Am Main
(Dem rappenschwarzen Melancholicus zugeeignet)

I've got to keep control
I remember doing the time-warp
Drinking those moments when
The Blackness would hit me

Am Main, da wächst der Rebensaft,
er wird mit Fleiß gepfleget.
Ach, süß und köstlich wirkt die Kraft
Von Traubenhaut umheget.

Nach Glück ein jeder Mensch verlangt
Wer einsam ist, der fluchet.
Und wo ein Fluch im Netze prangt
verstehst du gleich: man suchet.

Hinweg mit dir, du Eulen-Nacht,
Dein Flügel wird gestutzet.
Der Fluss, der Sommer, alles lacht.
Die Au ist grün geputzet.


P.S.
Gruß von der S. übrigens.
(Seit wann dürfen die bei Aldi mit 17 an die Kasse?)
Wir sehen uns morgen nach der Matheklausur, muss jetzt unbedingt schlafen.
M.



Tja, das hat Mirjam geschrieben. Erschütternd. Bin seit zwei Stunden so was von erschüttert, musste alles aufschreiben, im Tagebuch festhalten, fiebrig, heiß die Stirn. Hab an Mirjam gemailt. Vielleicht ist sie doch noch wach und liest es. Wenn nicht, spätestens morgen.

Jetzt um 0.30 hör ich auf, bin voll von zwei kleinen Gläsern Whiskey ohne Kohlensäure, bin gestreift von Amors gefiederter Axt, behämmert von Amors Flügelschlag, von Mirjams Hammertext beflügelt. Loved. Die Flasche stell ich besser weg, weg in die Küche.

Wär ja blöd, ich sehe Mirjam morgen vor der Klausur auf dem Gang und bin im Tran, mir fällt nix ein, dann räuspere ich mich und sage unsicher zuerst „Guten Morgen“ und dann gleich hinterher, weil sie aus München zu uns nach Unterfranken kam: „Grüß Gott!“ Stilsicher, poly-glott. Und bisschen peinlich. Und sie lächelt ein bisschen stolz und sagt vielleicht: „Mei, ich bin´s doch nur.“

Anmerkung:
Mirjams Lieblingslied in der Rocky-Horror-Picture-Show
https://www.youtube.com/watch?v=umj0gu5nEGs]RiffRaffs Time-Warp
 
A

aligaga

Gast
Jaja, so ein "Time-Warp" hat's ganz schön in sich. Wer den hinter sich hat, muss gucken, ob auch noch alle Knöpfe dran sind am Sakko oder am Röckchen.

Bei dem deinen ist leider einer abgesprungen, lieber @Willibald - die Geschichte spielt, wenn, wie das Mädel erzählt, die "Show" in dem Münchner Kino erst seit sieben Jahren ablief, 1984. Das lässt Orwell zwar herzlich grüßen, aber einen eigenen Computer hatten die Schöler damals noch nicht, und auch das Internet mit seinen vielen schönen Foren gab's noch nicht. Damals schrob man hierzulande noch mit "Wordstar", unvernetzt, und der winzige Bildschirm war grün.

Aber Schölerzeitungen gab's. @Ali, böhs wie er ist, glaubt nicht, dass der Scheffe einer solchen je auf die Idee gekommen wäre, einen Mitgefangenen um ein Gedicht anzuhauen, und noch weniger, dass es eine gut aussehende Mirjam gegeben haben könnte, die kurz nach dem ersten Eisprung ihre kostbare Zeit damit vertrödelt hätte, bräsige Gedichtlein zu reimen und an Mitschöler zu versenden, E-Mail hin oder her. Das mit den Reimen machten mehr die Omis in den damals vielleicht gerade noch im Gebrauch befindlichen Pösie-Alben (ist "Alben" nicht auch der Plural von Alb?).

Anyway. Der Alkohol-Konsum des hier gezeichneten Simplicissimus ist nach Art und Umfang beängstigend. So früh schon? Womit finanzierte der Kleine denn das, und: wie verburg er das vor seinen gestrengen Eltern, mitsamt dem Eiswürfelgeklapper?

Der von dir zitierte Sportleerer scheint nach @alis Dafürhalten ja ein ziemlicher Depp gewesen zu sein - guhte Leerer stellen die Schöler nicht bloß, sondern inspirieren, motivieren, unterstützen. Man sollte dem Typen, falls er noch lebte, die unverdiente Pension gehörig kürzen!

Heiter

aligaga
 

Willibald

Mitglied
Mindblowing Poems
(ziemlich lang, diese Erzählung)


http://up.picr.de/33984247an.jpg

Rezzo

Mittwochs diese Doppelstunde Leistungskurs Deutsch beim Doc Schneider, Abiturtraining: Ein barockes Sonett von Gryphius im Vergleich mit einem Gedicht von Trakl. In Baden-Würtemberg gestellt. Schnarchig, aber nicht ganz schnarchig.

Dann stehen wir zusammen im Chemiehof, fünf Minuten für die Zigarettenpause, Rezzo tippt mir an die Stirn, an die Brust: „Was Lyrisches, was Poetisches, Sven!”
"Hä?"
„Was Lyrisches, was Poetisches brauch ich von dir, Du komischer Vogel, für die Schülerzeitung. Du versteckst doch immer deine Songtexte hinten im Ordner. Manche sagen, du machst doofe Gedichte. Ich sage: Du machst Wortgeschenke. Du stellst dich den Anforderungen, in Lyrik und in Prosa. Stinklangweilige Kommentare und Berichte haben wir genug auf Lager.”

Er gluckst, der Blödmann, dann fächelt er mit der Hand vor meinem Gesicht: Einfach drauflos schreiben. Den Alltag skizzieren, eine Szene aus der - er kichert - Adoleszenz. Auch im Leben von öden Langweilern stecke Poesie.
"Wie witzig", sage ich.
"Nö", meint er, „ist ernst, probier es. Vielleicht ein Gedicht, vielleicht eine short story.”
"Ok, mal gucken."
„Guck mal nicht so lang, Sven. Das Leben vor dem Abitur gleicht einer Rennebahn.” "
O ja", knurre ich, „aber immerhin mit Zäsur, vor gleicht.” Und gucke verstohlen, ob Mirjam das gehört hat. Sie hat.
„Schon, schon“, sagte Rezzo, „aber" - er hebt den Zeigefinger leererlike - "die Zäsur" - er spitzt den Mund, das Frettchen, und dann reimt er auch noch - "kommt nach Abitur.“ Mirjam grinst.

Nachmittags ging´s zum Aldi, wollte eine Flasche Kentucky Bourbon Whiskey kaufen. Rezzo sagt, Whiskey inspiriere ihn, da schreiben sich seine Sachen für die Schülerzeitung wie von selbst. Rezzo feiert sich dann: Er speichert seinen Text ab, fährt den Computer runter, macht in seinem Zimmer ein Feuer, tanzt darum herum, singt „loved” und die Nachbarn klopfen an die Wände den Rhythmus.

Rezzo, der Große. Er ist wirklich groß. Key Account Manager. Wer kam auf die Idee, die Schülerzeitung "JBB-Jetzt” ins Netz zu stellen? Eine aktuelle Johannes- Butzbach-Gymnasium-Zeitung mit Forum? Wer ist der geniale Macher? Rezzo. Chefredakteur, flache Mimik, effizient. Seine Redakteure schreiben, wenn sie inspiriert sind. Und die Leser können Leserbriefe direkt in die Forum-Kontaktbox schreiben, wenn sie beim Lesen inspiriert wurden. Bloß, dass kaum einer schreibt. Low Performer, mentale Selbstaktivierung gleich Null.

Auf schwarzen Eulenschwingen

Beim Aldi guckte mich die Kassiererin an, kaum älter als ich, ich gucke sie an.
„Du bist schon über sechzehn? Whiskey an Jugendliche, das ist nicht drin.”
"Ich bin Sven. Sven Rappe. Achtzehn. Du kennst mich doch vom Sehen. Du gehst öfters mit Mirjam zum `Da Toni´."
Sie lächelt: "Klar, aber ich will deinen Ausweis trotzdem. Das macht sich gut beim Chef. Er beobachtet durch den Spiegel die Kasse, Probleme mit dem Aufsichtsamt. Du glaubst gar nicht, wieviel Jungs von fünfzehn oder sechzehn hier Alkohol holen wollen. Zum Mädchen Anbaggern. “

„Oh, wie blöd”, sagte ich gedehnt-ironisch, und schaute verstohlen in den Einwegspiegel, zeigte ihr meinen Ausweis und zog mit meiner Flasche in der Plastik-Tüte ab. Zuhause setzte ich mich rezzo-like in die Nähe des Computers an den Schreibtisch. Mineralwasser, Glas, Whiskey-Flasche.

Bin schon längst nicht mehr sechzehn, weiß aber noch gut, wie das ist. Du gehst an den Mädchen vorbei, die kichern plötzlich, kriegen Schluckauf, verdrehen die Augen. Du wirst rot. – Du gehst in den Supermarkt. Die Kassiererin mustert schweigend die Flasche in deiner Hand. Du ziehst belämmert ab. Und die Damen in der Kassenschlange gucken dir nach, fixieren deine rosa Ohren und du spürst, wie sie rot und röter werden. „Adoleszenz”, hatte unser Biologielehrer Peter Wissmattinger doziert, „das ist: Hormonrasen, kordiale Mikro-Spasmen, rosa Ohrwascheln.” "Ohrwascheln" - aus Oberbayern der Mann, in Unterfranken aufgeschlagen. Hat eine Sportlerlaufbahn, hinter sich, sieht man ihm noch an.

Ich schenkte mir ein, schaute in das Glas, 1 ccm Whiskey und 5 ccm Selters mischten sich. Und da kam es rabenschwarz und rosa über mich: Solo sein, der Main, ein lyrisches Ich, Sätze wie „Mag uns wer?”, Verszeilen, richtige, mit Rhythmus und Reim. Clemens Brentano, Freiherr von Eichendorff, der barocke Gryphius, ein schlanker Heine, die ganzen Kerle aus dem Kursordner, blickten aus dem Glas, zwinkerten.

Ich brauchte eine Stunde, Rohentwurf, dann Feilen und Polieren; dann war es vorläufig fertig. Ich lud den Text ins Rezzo-Netz, Schülerzeitung „JBB-Jetzt”, Sparte "Mind-blowing Poems" und las ihn mit Vergnügen, meinen Text.

Sterne, dünn glitzernd

Ich blicke in die weite Ferne,
am Himmel glitzern dünn die Sterne,
Ganz solo sitze ich am Main.
Mag mich wer? Ich glaube: nein.

Und auf schwarzen Eulenschwingen
fällt die Traurigkeit mich an
will mir in die Schläfe dringen.
Fluch Dir, Vogel, bist kein Wahn!

O Du, der diese Zeilen liest,
Und schwarze Wesen vor Dir siehst.
Du fühlst wie ich, hörst Klagerufe?
Dein Lächeln stellt mich auf die Hufe!
S. R.


Kopfkino

Hufe und R., Rappe, gut was? Ich schaute mir eine halbe Stunde die drei Strophen auf dem Bildschirm an, von oben nach unten, von unten nach oben: „Lyrisches Ich”, melancholisch, sitzt am Main. Eulenvogelattacke, richtig trist, irgenwie metaphorisch. Männliche Kadenz, weibliche Kadenz, raffiniertes Reimschema, weitgehend Jambus als metrisches Gitter, aber zweimal Akzentakkumulation (ähä: Hebungsprall. Sagt Schneider. Heiterkeit.) - bei "Mag mich wer" und "O Du". In der dritten Strophe dann die Leseranrede. Witziger, ironischer Touch, dieser Heinrich Heine hat sowas drauf, also vergleichbar nur, natürlich: setze mich um Gotteswillen nicht gleich, auch wenn Größenwahnsinn angesagt ist, Tanz den Rezzo.

So ein brillantes Gedicht! Muss man feiern! Party! Also: Eiswürfel aus dem Kühlfach holen, ins Glas füllen, klickern lassen, über dem Text den Kopf senken, meditieren. Ab einem bestimmten Punkt kommt die Trance. Das Kopfkino beginnt zu laufen, die Zimmerwände öffnen sich und du kannst plötzlich alles sehen. Da sitzen sie, surfen im Internet und klicken spontan unsere Zeitung an. Mundwinkel nach unten, die Augenbrauen nach oben, zappen weg, leicht verächtlich, weiter im Netz, unberührt von Poesie. Low Performer, sagt mein Vater, Bildungsforscher mit Arbeitsstelle in Würzburg.

Aber da sitzt Mirjam. Hat viermal in München die Rocky Horror Picture Show angeschaut. Da gibt es, sagt sie, ein Kino an der Isar. Spielt das seit vielen Jahren. Und die Leute singen mit. Time Warp, RiffRaff und das alles. Auch im Leistungskurs Deutsch, hohe Stirn, lacht über meine Jokes, weil: Sie ist intelligent, sie ist schlau, sie ist schön. Lyrik ist wie „lyrics”, sagt sie, tanzende Worte und Sätze, tanzende Texte, sagt sie. Musik. Die liest das genau, die anderen sind spätestens bei der zweiten Strophe mit den Eulenschwingen ausgestiegen. Aber Mirjam, also Mirjam, die liest den Text bis zum Ende. Und dann noch einmal.

Sie kann in dem Stil schreiben. Der Vater hat wahnsinnig viel Bücher im Wohnzimmer, Germanist und Linguist. Heute morgen im LK war sie auf die Takte von Andreas Gryphius doch tatsächlich abgefahren, Alexandriner mit Zäsuren: „Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn/Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten …” Der Doc hatte die Stimmung genutzt, hatte eine kreative Schreibübung eingeschoben und wir probierten den Gryphius-Stil.

Rezzo trug etwas vor von Gleitflügen. In den Tälern Bourbon-Kentuckys. Es wurde sehr lustig. Von nebenan der Französischlehrer steckte den Kopf rein, was da los ist. Und: Wir bereiten doch gerade die Klausur vor, Herr Kollege Doktor Schneider. Auf dem Heimweg wollte Mirjam gleich nach Hause. Niente "Da Toni". Matheklausur am Donnerstag. Der Grundkurs.

Amors gefiederte Axt

Kreisende Eiswürfel im Glas, ziemlich klein, klickern nicht mehr, sirren kreiselnd. Ab und zu ein Blick in den Mail-Ordner auf der unteren Leiste meines Bildschirms. Puh, wenn überhaupt von jemandem, dann könnte von Mirjam eine Antwort kommen, nicht jetzt, natürlich nicht jetzt, irgendwann.

Und was soll ich sagen? Um 21.00 Uhr erscheint dieser Text, DER TEXT, auf dem Screen:

Am Main
(Dem rappenschwarzen Melancholicus zugeeignet)

I've got to keep control
I remember doing the time-warp
Drinking those moments when
The Blackness would hit me

Am Main, da wächst der Rebensaft,
er wird mit Fleiß gepfleget.
Ach, süß und köstlich wirkt die Kraft
Von Traubenhaut umheget.

Nach Glück ein jeder Mensch verlangt
Wer einsam ist, der fluchet.
Und wo ein Fluch im Netze prangt
verstehst du gleich: man suchet.

Hinweg mit dir, du Eulen-Nacht,
Dein Flügel wird gestutzet.
Der Fluss, der Sommer, alles lacht.
Die Au ist grün geputzet.


P.S.
Gruß von der S. übrigens.
(Seit wann dürfen die bei Aldi mit 17 an die Kasse?)
Wir sehen uns morgen nach der Matheklausur, muss jetzt unbedingt schlafen.
M.



Tja, das hat Mirjam geschrieben. Erschütternd. Bin seit zwei Stunden so was von erschüttert, musste alles aufschreiben, im Tagebuch festhalten, fiebrig, heiß die Stirn. Hab an Mirjam gemailt. Vielleicht ist sie doch noch wach und liest es. Wenn nicht, spätestens morgen.

Jetzt um 0.30 hör ich auf, bin voll von zwei kleinen Gläsern Whiskey ohne Kohlensäure, bin gestreift von Amors gefiederter Axt, behämmert von Amors Flügelschlag, von Mirjams Hammertext beflügelt. Loved. Die Flasche stell ich besser weg, weg in die Küche.

Wär ja blöd, ich sehe Mirjam morgen vor der Klausur auf dem Gang und bin im Tran, mir fällt nix ein, dann räuspere ich mich und sage unsicher zuerst „Guten Morgen“ und dann gleich hinterher, weil sie aus München zu uns nach Unterfranken kam: „Grüß Gott!“ Stilsicher, poly-glott. Und bisschen peinlich. Und sie lächelt ein bisschen stolz und sagt vielleicht: „Mei, ich bin´s doch nur.“

Anmerkung:
Mirjams Lieblingslied in der Rocky-Horror-Picture-Show
https://www.youtube.com/watch?v=umj0gu5nEGs]RiffRaffs Time-Warp
 

Willibald

Mitglied
Mindblowing Poems
(ziemlich lang, diese Erzählung)


http://up.picr.de/33984247an.jpg

Rezzo

Mittwochs diese Doppelstunde Leistungskurs Deutsch beim Doc Schneider, Abiturtraining: Ein barockes Sonett von Gryphius im Vergleich mit einem Gedicht von Trakl. In Baden-Würtemberg gestellt. Schnarchig, aber nicht ganz schnarchig.

Dann stehen wir zusammen im Chemiehof, fünf Minuten für die Zigarettenpause, Rezzo tippt mir an die Stirn, an die Brust: „Was Lyrisches, was Poetisches, Sven!”
"Hä?"
„Was Lyrisches, was Poetisches brauch ich von dir, Du komischer Vogel, für die Schülerzeitung. Du versteckst doch immer deine Songtexte hinten im Ordner. Manche sagen, du machst doofe Gedichte. Ich sage: Du machst Wortgeschenke. Du stellst dich den Anforderungen, in Lyrik und in Prosa. Stinklangweilige Kommentare und Berichte haben wir genug auf Lager.”

Er gluckst, der Blödmann, dann fächelt er mit der Hand vor meinem Gesicht: Einfach drauflos schreiben. Den Alltag skizzieren, eine Szene aus der - er kichert - Adoleszenz. Auch im Leben von öden Langweilern stecke Poesie.
"Wie witzig", sage ich.
"Nö", meint er, „ist ernst, probier es. Vielleicht ein Gedicht, vielleicht eine short story.”
"Ok, mal gucken."
„Guck mal nicht so lang, Sven. Das Leben vor dem Abitur gleicht einer Rennebahn.” "
O ja", knurre ich, „aber immerhin mit Zäsur, vor gleicht.” Und gucke verstohlen, ob Mirjam das gehört hat. Sie hat.
„Schon, schon“, sagte Rezzo, „aber" - er hebt den Zeigefinger leererlike - "die Zäsur" - er spitzt den Mund, das Frettchen, und dann reimt er auch noch - "kommt nach Abitur.“ Mirjam grinst.

Nachmittags ging´s zum Aldi, wollte eine Flasche Kentucky Bourbon Whiskey kaufen. Rezzo sagt, Whiskey inspiriere ihn, da schreiben sich seine Sachen für die Schülerzeitung wie von selbst. Rezzo feiert sich dann: Er speichert seinen Text ab, fährt den Computer runter, macht in seinem Zimmer ein Feuer, tanzt darum herum, singt „loved” und die Nachbarn klopfen an die Wände den Rhythmus.

Rezzo, der Große. Er ist wirklich groß. Key Account Manager. Wer kam auf die Idee, die Schülerzeitung "JBB-Jetzt” ins Netz zu stellen? Eine aktuelle Johannes- Butzbach-Gymnasium-Zeitung mit Forum? Betreuungslehrer und Schüler stellen jeden Monat eine neue Ausgabe ins Netz. Das Forum wird ähnlich betrieben: Ein Gremium überprüft, ob die Einsendungen und Zuschriften publi-ziert werden können. Wer ist der geniale Ober-Macher? Rezzo. Chefredakteur, flache Mimik, effizient. Seine Redakteure schreiben, wenn sie inspiriert sind. Und die Leser können Leserbriefe direkt in die Forum-Kontaktbox schreiben, wenn sie beim Lesen inspiriert wurden. Bloß, dass kaum einer schreibt. Low Performer, mentale Selbstaktivierung gleich Null.

Auf schwarzen Eulenschwingen

Beim Aldi guckte mich die Kassiererin an, kaum älter als ich, ich gucke sie an.
„Du bist schon über sechzehn? Whiskey an Jugendliche, das ist nicht drin.”
"Ich bin Sven. Sven Rappe. Achtzehn. Du kennst mich doch vom Sehen. Du gehst öfters mit Mirjam zum `Da Toni´."
Sie lächelt: "Klar, aber ich will deinen Ausweis trotzdem. Das macht sich gut beim Chef. Er beobachtet durch den Spiegel die Kasse, Probleme mit dem Aufsichtsamt. Du glaubst gar nicht, wieviel Jungs von fünfzehn oder sechzehn hier Alkohol holen wollen. Zum Mädchen Anbaggern. “

„Oh, wie blöd”, sagte ich gedehnt-ironisch, und schaute verstohlen in den Einwegspiegel, zeigte ihr meinen Ausweis und zog mit meiner Flasche in der Plastik-Tüte ab. Zuhause setzte ich mich rezzo-like in die Nähe des Computers an den Schreibtisch. Mineralwasser, Glas, Whiskey-Flasche.

Bin schon längst nicht mehr sechzehn, weiß aber noch gut, wie das ist. Du gehst an den Mädchen vorbei, die kichern plötzlich, kriegen Schluckauf, verdrehen die Augen. Du wirst rot. – Du gehst in den Supermarkt. Die Kassiererin mustert schweigend die Flasche in deiner Hand. Du ziehst belämmert ab. Und die Damen in der Kassenschlange gucken dir nach, fixieren deine rosa Ohren und du spürst, wie sie rot und röter werden. „Adoleszenz”, hatte unser Biologielehrer Peter Wissmattinger doziert, „das ist: Hormonrasen, kordiale Mikro-Spasmen, rosa Ohrwascheln.” "Ohrwascheln" - aus Oberbayern der Mann, in Unterfranken aufgeschlagen. Hat eine Sportlerlaufbahn, hinter sich, sieht man ihm noch an.

Ich schenkte mir ein, schaute in das Glas, 1 ccm Whiskey und 5 ccm Selters mischten sich. Und da kam es rabenschwarz und rosa über mich: Solo sein, der Main, ein lyrisches Ich, Sätze wie „Mag uns wer?”, Verszeilen, richtige, mit Rhythmus und Reim. Clemens Brentano, Freiherr von Eichendorff, der barocke Gryphius, ein schlanker Heine, die ganzen Kerle aus dem Kursordner, blickten aus dem Glas, zwinkerten.

Ich brauchte eine Stunde, Rohentwurf, dann Feilen und Polieren; dann war es vorläufig fertig. Ich lud den Text ins Rezzo-Netz, Schülerzeitung „JBB-Jetzt”, Sparte "Mind-blowing Poems" und las ihn mit Vergnügen, meinen Text.

Sterne, dünn glitzernd

Ich blicke in die weite Ferne,
am Himmel glitzern dünn die Sterne,
Ganz solo sitze ich am Main.
Mag mich wer? Ich glaube: nein.

Und auf schwarzen Eulenschwingen
fällt die Traurigkeit mich an
will mir in die Schläfe dringen.
Fluch Dir, Vogel, bist kein Wahn!

O Du, der diese Zeilen liest,
Und schwarze Wesen vor Dir siehst.
Du fühlst wie ich, hörst Klagerufe?
Dein Lächeln stellt mich auf die Hufe!
S. R.


Kopfkino

Hufe und R., Rappe, gut was? Ich schaute mir eine halbe Stunde die drei Strophen auf dem Bildschirm an, von oben nach unten, von unten nach oben: „Lyrisches Ich”, melancholisch, sitzt am Main. Eulenvogelattacke, richtig trist, irgenwie metaphorisch. Männliche Kadenz, weibliche Kadenz, raffiniertes Reimschema, weitgehend Jambus als metrisches Gitter, aber zweimal Akzentakkumulation (ähä: Hebungsprall. Sagt Schneider. Heiterkeit.) - bei "Mag mich wer" und "O Du". In der dritten Strophe dann die Leseranrede. Witziger, ironischer Touch, dieser Heinrich Heine hat sowas drauf, also vergleichbar nur, natürlich: setze mich um Gotteswillen nicht gleich, auch wenn Größenwahnsinn angesagt ist, Tanz den Rezzo.

So ein brillantes Gedicht! Muss man feiern! Party! Also: Eiswürfel aus dem Kühlfach holen, ins Glas füllen, klickern lassen, über dem Text den Kopf senken, meditieren. Ab einem bestimmten Punkt kommt die Trance. Das Kopfkino beginnt zu laufen, die Zimmerwände öffnen sich und du kannst plötzlich alles sehen. Da sitzen sie, surfen im Internet und klicken spontan unsere Zeitung an. Mundwinkel nach unten, die Augenbrauen nach oben, zappen weg, leicht verächtlich, weiter im Netz, unberührt von Poesie. Low Performer, sagt mein Vater, Bildungsforscher mit Arbeitsstelle in Würzburg.

Aber da sitzt Mirjam. Hat viermal in München die Rocky Horror Picture Show angeschaut. Da gibt es, sagt sie, ein Kino an der Isar. Spielt das seit vielen Jahren. Und die Leute singen mit. Time Warp, RiffRaff und das alles. Auch im Leistungskurs Deutsch, hohe Stirn, lacht über meine Jokes, weil: Sie ist intelligent, sie ist schlau, sie ist schön. Lyrik ist wie „lyrics”, sagt sie, tanzende Worte und Sätze, tanzende Texte, sagt sie. Musik. Die liest das genau, die anderen sind spätestens bei der zweiten Strophe mit den Eulenschwingen ausgestiegen. Aber Mirjam, also Mirjam, die liest den Text bis zum Ende. Und dann noch einmal.

Sie kann in dem Stil schreiben. Der Vater hat wahnsinnig viel Bücher im Wohnzimmer, Germanist und Linguist. Heute morgen im LK war sie auf die Takte von Andreas Gryphius doch tatsächlich abgefahren, Alexandriner mit Zäsuren: „Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn/Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten …” Der Doc hatte die Stimmung genutzt, hatte eine kreative Schreibübung eingeschoben und wir probierten den Gryphius-Stil.

Rezzo trug etwas vor von Gleitflügen. In den Tälern Bourbon-Kentuckys. Es wurde sehr lustig. Von nebenan der Französischlehrer steckte den Kopf rein, was da los ist. Und: Wir bereiten doch gerade die Klausur vor, Herr Kollege Doktor Schneider. Auf dem Heimweg wollte Mirjam gleich nach Hause. Niente "Da Toni". Matheklausur am Donnerstag. Der Grundkurs.

Amors gefiederte Axt

Kreisende Eiswürfel im Glas, ziemlich klein, klickern nicht mehr, sirren kreiselnd. Ab und zu ein Blick in den Mail-Ordner auf der unteren Leiste meines Bildschirms. Puh, wenn überhaupt von jemandem, dann könnte von Mirjam eine Antwort kommen, nicht jetzt, natürlich nicht jetzt, irgendwann.

Und was soll ich sagen? Um 21.00 Uhr erscheint dieser Text, DER TEXT, auf dem Screen:

Am Main
(Dem rappenschwarzen Melancholicus zugeeignet)

I've got to keep control
I remember doing the time-warp
Drinking those moments when
The Blackness would hit me

Am Main, da wächst der Rebensaft,
er wird mit Fleiß gepfleget.
Ach, süß und köstlich wirkt die Kraft
Von Traubenhaut umheget.

Nach Glück ein jeder Mensch verlangt
Wer einsam ist, der fluchet.
Und wo ein Fluch im Netze prangt
verstehst du gleich: man suchet.

Hinweg mit dir, du Eulen-Nacht,
Dein Flügel wird gestutzet.
Der Fluss, der Sommer, alles lacht.
Die Au ist grün geputzet.


P.S.
Gruß von der S. übrigens.
(Seit wann dürfen die bei Aldi mit 17 an die Kasse?)
Wir sehen uns morgen nach der Matheklausur, muss jetzt unbedingt schlafen.
M.



Tja, das hat Mirjam geschrieben. Erschütternd. Bin seit zwei Stunden so was von erschüttert, musste alles aufschreiben, im Tagebuch festhalten, fiebrig, heiß die Stirn. Hab an Mirjam gemailt. Vielleicht ist sie doch noch wach und liest es. Wenn nicht, spätestens morgen.

Jetzt um 0.30 hör ich auf, bin voll von zwei kleinen Gläsern Whiskey ohne Kohlensäure, bin gestreift von Amors gefiederter Axt, behämmert von Amors Flügelschlag, von Mirjams Hammertext beflügelt. Loved. Die Flasche stell ich besser weg, weg in die Küche.

Wär ja blöd, ich sehe Mirjam morgen vor der Klausur auf dem Gang und bin im Tran, mir fällt nix ein, dann räuspere ich mich und sage unsicher zuerst „Guten Morgen“ und dann gleich hinterher, weil sie aus München zu uns nach Unterfranken kam: „Grüß Gott!“ Stilsicher, poly-glott. Und bisschen peinlich. Und sie lächelt ein bisschen stolz und sagt vielleicht: „Mei, ich bin´s doch nur.“

Anmerkung:
Mirjams Lieblingslied in der Rocky-Horror-Picture-Show
https://www.youtube.com/watch?v=umj0gu5nEGs]RiffRaffs Time-Warp
 

Willibald

Mitglied
Mindblowing Poems
(ziemlich lang, diese Erzählung)


http://up.picr.de/33984247an.jpg

Rezzo

Mittwochs diese Doppelstunde Leistungskurs Deutsch beim Doc Schneider, Abiturtraining: Ein barockes Sonett von Gryphius im Vergleich mit einem Gedicht von Trakl. In Baden-Würtemberg gestellt. Schnarchig, aber nicht ganz schnarchig.

Dann stehen wir zusammen im Chemiehof, fünf Minuten für die Zigarettenpause, Rezzo tippt mir an die Stirn, an die Brust: „Was Lyrisches, was Poetisches, Sven!”
"Hä?"
„Was Lyrisches, was Poetisches brauch ich von dir, Du komischer Vogel, für die Schülerzeitung. Du versteckst doch immer deine Songtexte hinten im Ordner. Manche sagen, du machst doofe Gedichte. Ich sage: Du machst Wortgeschenke. Du stellst dich den Anforderungen, in Lyrik und in Prosa. Stinklangweilige Kommentare und Berichte haben wir genug auf Lager.”

Er gluckst, der Blödmann, dann fächelt er mit der Hand vor meinem Gesicht: Einfach drauflos schreiben. Den Alltag skizzieren, eine Szene aus der - er kichert - Adoleszenz. Auch im Leben von öden Langweilern stecke Poesie.
"Wie witzig", sage ich.
"Nö", meint er, „ist ernst, probier es. Vielleicht ein Gedicht, vielleicht eine short story.”
"Ok, mal gucken."
„Guck mal nicht so lang, Sven. Das Leben vor dem Abitur gleicht einer Rennebahn.” "
O ja", knurre ich, „aber immerhin mit Zäsur, vor gleicht.” Und gucke verstohlen, ob Mirjam das gehört hat. Sie hat.
„Schon, schon“, sagte Rezzo, „aber" - er hebt den Zeigefinger leererlike - "die Zäsur" - er spitzt den Mund, das Frettchen, und dann reimt er auch noch - "kommt nach Abitur.“ Mirjam grinst.

Nachmittags ging´s zum Aldi, wollte eine Flasche Kentucky Bourbon Whiskey kaufen. Rezzo sagt, Whiskey inspiriere ihn, da schreiben sich seine Sachen für die Schülerzeitung wie von selbst. Rezzo feiert sich dann: Er speichert seinen Text ab, fährt den Computer runter, macht in seinem Zimmer ein Feuer, tanzt darum herum, singt „loved” und die Nachbarn klopfen an die Wände den Rhythmus.

Rezzo, der Große. Er ist wirklich groß. Key Account Manager. Wer kam auf die Idee, die Schülerzeitung "JBB-Jetzt” ins Netz zu stellen? Eine aktuelle Johannes- Butzbach-Gymnasium-Zeitung mit Forum? Betreuungslehrer und Schüler stellen jeden Monat eine neue Ausgabe ins Netz. Das Forum wird ähnlich betrieben: Ein Gremium überprüft, ob die Einsendungen und Zuschriften publi-ziert werden können. Wer ist der geniale Ober-Macher? Rezzo. Chefredakteur, flache Mimik, effizient. Seine Redakteure schreiben, wenn sie inspiriert sind. Und die Leser können Leserbriefe direkt in die Forum-Kontaktbox schreiben, wenn sie beim Lesen inspiriert wurden. Bloß, dass kaum einer schreibt. Low Performer, mentale Selbstaktivierung gleich Null.

Auf schwarzen Eulenschwingen

Beim Aldi guckte mich die Kassiererin an, kaum älter als ich, ich gucke sie an.
„Du bist schon über sechzehn? Whiskey an Jugendliche, das ist nicht drin.”
"Ich bin Sven. Sven Rappe. Achtzehn. Du kennst mich doch vom Sehen. Du gehst öfters mit Mirjam zum `Da Toni´."
Sie lächelt: "Klar, aber ich will deinen Ausweis trotzdem. Das macht sich gut beim Chef. Er beobachtet durch den Spiegel die Kasse, Probleme mit dem Aufsichtsamt. Du glaubst gar nicht, wieviel Jungs von fünfzehn oder sechzehn hier Alkohol holen wollen. Zum Mädchen Anbaggern. “

„Oh, wie blöd”, sagte ich gedehnt-ironisch, und schaute verstohlen in den Einwegspiegel, zeigte ihr meinen Ausweis und zog mit meiner Flasche in der Plastik-Tüte ab. Zuhause setzte ich mich rezzo-like in die Nähe des Computers an den Schreibtisch. Mineralwasser, Glas, Whiskey-Flasche.

Bin schon längst nicht mehr sechzehn, weiß aber noch gut, wie das ist. Du gehst an den Mädchen vorbei, die kichern plötzlich, kriegen Schluckauf, verdrehen die Augen. Du wirst rot. – Du gehst in den Supermarkt. Die Kassiererin mustert schweigend die Flasche in deiner Hand. Du ziehst belämmert ab. Und die Damen in der Kassenschlange gucken dir nach, fixieren deine rosa Ohren und du spürst, wie sie rot und röter werden. „Adoleszenz”, hatte unser Biologielehrer Peter Wissmattinger doziert, „das ist: Hormonrasen, kordiale Mikro-Spasmen, rosa Ohrwascheln.” "Ohrwascheln" - aus Oberbayern der Mann, in Unterfranken aufgeschlagen. Hat eine Sportlerlaufbahn, hinter sich, sieht man ihm noch an.

Ich schenkte mir ein, schaute in das Glas, 1 ccm Whiskey und 5 ccm Selters mischten sich. Und da kam es rabenschwarz und rosa über mich: Solo sein, der Main, ein lyrisches Ich, Sätze wie „Mag uns wer?”, Verszeilen, richtige, mit Rhythmus und Reim. Clemens Brentano, Freiherr von Eichendorff, der barocke Gryphius, ein schlanker Heine, die ganzen Kerle aus dem Kursordner, blickten aus dem Glas, zwinkerten.

Ich brauchte eine Stunde, Rohentwurf, dann Feilen und Polieren; dann war es vorläufig fertig. Ich lud den Text ins offene Rezzo-Netz, Lyrik ist unbedenklich, Sparte "Mind-blowing Poems" und las ihn mit Vergnügen, meinen Text.

Sterne, dünn glitzernd

Ich blicke in die weite Ferne,
am Himmel glitzern dünn die Sterne,
Ganz solo sitze ich am Main.
Mag mich wer? Ich glaube: nein.

Und auf schwarzen Eulenschwingen
fällt die Traurigkeit mich an
will mir in die Schläfe dringen.
Fluch Dir, Vogel, bist kein Wahn!

O Du, der diese Zeilen liest,
Und schwarze Wesen vor Dir siehst.
Du fühlst wie ich, hörst Klagerufe?
Dein Lächeln stellt mich auf die Hufe!
S. R.


Kopfkino

Hufe und R., Rappe, gut was? Ich schaute mir eine halbe Stunde die drei Strophen auf dem Bildschirm an, von oben nach unten, von unten nach oben: „Lyrisches Ich”, melancholisch, sitzt am Main. Eulenvogelattacke, richtig trist, irgenwie metaphorisch. Männliche Kadenz, weibliche Kadenz, raffiniertes Reimschema, weitgehend Jambus als metrisches Gitter, aber zweimal Akzentakkumulation (ähä: Hebungsprall. Sagt Schneider. Heiterkeit.) - bei "Mag mich wer" und "O Du". In der dritten Strophe dann die Leseranrede. Witziger, ironischer Touch, dieser Heinrich Heine hat sowas drauf, also vergleichbar nur, natürlich: setze mich um Gotteswillen nicht gleich, auch wenn Größenwahnsinn angesagt ist, Tanz den Rezzo.

So ein brillantes Gedicht! Muss man feiern! Party! Also: Eiswürfel aus dem Kühlfach holen, ins Glas füllen, klickern lassen, über dem Text den Kopf senken, meditieren. Ab einem bestimmten Punkt kommt die Trance. Das Kopfkino beginnt zu laufen, die Zimmerwände öffnen sich und du kannst plötzlich alles sehen. Da sitzen sie, surfen im Internet und klicken spontan unsere Zeitung an. Mundwinkel nach unten, die Augenbrauen nach oben, zappen weg, leicht verächtlich, weiter im Netz, unberührt von Poesie. Low Performer, sagt mein Vater, Bildungsforscher mit Arbeitsstelle in Würzburg.

Aber da sitzt Mirjam. Hat viermal in München die Rocky Horror Picture Show angeschaut. Da gibt es, sagt sie, ein Kino an der Isar. Spielt das seit vielen Jahren. Und die Leute singen mit. Time Warp, RiffRaff und das alles. Auch im Leistungskurs Deutsch, hohe Stirn, lacht über meine Jokes, weil: Sie ist intelligent, sie ist schlau, sie ist schön. Lyrik ist wie „lyrics”, sagt sie, tanzende Worte und Sätze, tanzende Texte, sagt sie. Musik. Die liest das genau, die anderen sind spätestens bei der zweiten Strophe mit den Eulenschwingen ausgestiegen. Aber Mirjam, also Mirjam, die liest den Text bis zum Ende. Und dann noch einmal.

Sie kann in dem Stil schreiben. Der Vater hat wahnsinnig viel Bücher im Wohnzimmer, Germanist und Linguist. Heute morgen im LK war sie auf die Takte von Andreas Gryphius doch tatsächlich abgefahren, Alexandriner mit Zäsuren: „Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn/Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten …” Der Doc hatte die Stimmung genutzt, hatte eine kreative Schreibübung eingeschoben und wir probierten den Gryphius-Stil.

Rezzo trug etwas vor von Gleitflügen. In den Tälern Bourbon-Kentuckys. Es wurde sehr lustig. Von nebenan der Französischlehrer steckte den Kopf rein, was da los ist. Und: Wir bereiten doch gerade die Klausur vor, Herr Kollege Doktor Schneider. Auf dem Heimweg wollte Mirjam gleich nach Hause. Niente "Da Toni". Matheklausur am Donnerstag. Der Grundkurs.

Amors gefiederte Axt

Kreisende Eiswürfel im Glas, ziemlich klein, klickern nicht mehr, sirren kreiselnd. Ab und zu ein Blick in den Mail-Ordner auf der unteren Leiste meines Bildschirms. Puh, wenn überhaupt von jemandem, dann könnte von Mirjam eine Antwort kommen, nicht jetzt, natürlich nicht jetzt, irgendwann.

Und was soll ich sagen? Um 21.00 Uhr erscheint dieser Text, DER TEXT, auf dem Screen:

Am Main
(Dem rappenschwarzen Melancholicus zugeeignet)

I've got to keep control
I remember doing the time-warp
Drinking those moments when
The Blackness would hit me

Am Main, da wächst der Rebensaft,
er wird mit Fleiß gepfleget.
Ach, süß und köstlich wirkt die Kraft
Von Traubenhaut umheget.

Nach Glück ein jeder Mensch verlangt
Wer einsam ist, der fluchet.
Und wo ein Fluch im Netze prangt
verstehst du gleich: man suchet.

Hinweg mit dir, du Eulen-Nacht,
Dein Flügel wird gestutzet.
Der Fluss, der Sommer, alles lacht.
Die Au ist grün geputzet.


P.S.
Gruß von der S. übrigens.
(Seit wann dürfen die bei Aldi mit 17 an die Kasse?)
Wir sehen uns morgen nach der Matheklausur, muss jetzt unbedingt schlafen.
M.



Tja, das hat Mirjam geschrieben. Erschütternd. Bin seit zwei Stunden so was von erschüttert, musste alles aufschreiben, im Tagebuch festhalten, fiebrig, heiß die Stirn. Hab an Mirjam gemailt. Vielleicht ist sie doch noch wach und liest es. Wenn nicht, spätestens morgen.

Jetzt um 0.30 hör ich auf, bin voll von zwei kleinen Gläsern Whiskey ohne Kohlensäure, bin gestreift von Amors gefiederter Axt, behämmert von Amors Flügelschlag, von Mirjams Hammertext beflügelt. Loved. Die Flasche stell ich besser weg, weg in die Küche.

Wär ja blöd, ich sehe Mirjam morgen vor der Klausur auf dem Gang und bin im Tran, mir fällt nix ein, dann räuspere ich mich und sage unsicher zuerst „Guten Morgen“ und dann gleich hinterher, weil sie aus München zu uns nach Unterfranken kam: „Grüß Gott!“ Stilsicher, poly-glott. Und bisschen peinlich. Und sie lächelt ein bisschen stolz und sagt vielleicht: „Mei, ich bin´s doch nur.“

Anmerkung:
Mirjams Lieblingslied in der Rocky-Horror-Picture-Show
https://www.youtube.com/watch?v=umj0gu5nEGs]RiffRaffs Time-Warp
 

Willibald

Mitglied
Mindblowing Poems
(ziemlich lang, diese Erzählung)


http://up.picr.de/33984247an.jpg

Rezzo

Mittwochs diese Doppelstunde Leistungskurs Deutsch beim Doc Schneider, Abiturtraining: Ein barockes Sonett von Gryphius im Vergleich mit einem Gedicht von Trakl. In Baden-Würtemberg gestellt. Schnarchig, aber nicht ganz schnarchig.

Dann stehen wir zusammen im Chemiehof, fünf Minuten für die Zigarettenpause, Rezzo tippt mir an die Stirn, an die Brust: „Was Lyrisches, was Poetisches, Sven!”
"Hä?"
„Was Lyrisches, was Poetisches brauch ich von dir, Du komischer Vogel, für die Schülerzeitung. Du versteckst doch immer deine Songtexte hinten im Ordner. Manche sagen, du machst doofe Gedichte. Ich sage: Du machst Wortgeschenke. Du stellst dich den Anforderungen, in Lyrik und in Prosa. Stinklangweilige Kommentare und Berichte haben wir genug auf Lager.”

Er gluckst, der Blödmann, dann fächelt er mit der Hand vor meinem Gesicht: Einfach drauflos schreiben. Den Alltag skizzieren, eine Szene aus der - er kichert - Adoleszenz. Auch im Leben von öden Langweilern stecke Poesie.
"Wie witzig", sage ich.
"Nö", meint er, „ist ernst, probier es. Vielleicht ein Gedicht, vielleicht eine short story.”
"Ok, mal gucken."
„Guck mal nicht so lang, Sven. Das Leben vor dem Abitur gleicht einer Rennebahn.”
O ja", knurre ich, „aber immerhin mit Zäsur, vor gleicht.” Und gucke verstohlen, ob Mirjam das gehört hat. Sie hat.
„Schon, schon“, sagte Rezzo, „aber" - er hebt den Zeigefinger leererlike - "die Zäsur" - er spitzt den Mund, das Frettchen, und dann reimt er auch noch - "kommt nach Abitur.“ Mirjam grinst.

Nachmittags ging´s zum Aldi, wollte eine Flasche Kentucky Bourbon Whiskey kaufen. Rezzo sagt, Whiskey inspiriere ihn, da schreiben sich seine Sachen für die Schülerzeitung wie von selbst. Rezzo feiert sich dann: Er speichert seinen Text ab, fährt den Computer runter, macht in seinem Zimmer ein Feuer, tanzt darum herum, singt „loved” und die Nachbarn klopfen an die Wände den Rhythmus.


Rezzo, der Große. Er ist wirklich groß. Key Account Manager sozusagen. Wer kam auf die Idee, die Schülerzeitung "JBB-Jetzt” ins Netz zu stellen undden Direktor zu überzeugen? Eine aktuelle Johannes-Butzbach-Gymnasium-Zeitung mit Forum? Betreuungslehrer und Schüler stellen jeden Monat eine neue Ausgabe ins Netz. Beim Forum geht man ähnlich vor: Ein Gremium überprüft, ob die Einsendungen und Zuschriften publiziert werden können. Wer ist der geniale Ober-Macher? Rezzo. Chefredakteur, flache Mimik, effizient. Seine Redakteure schreiben, wenn sie inspiriert sind. Und die Leser können Leserbriefe direkt in die Forum-Kontaktbox schicken, wenn sie beim Lesen inspiriert wurden. Bloß, dass kaum einer schreibt. Low Performer, mentale Selbstaktivierung gleich Null.


Auf schwarzen Eulenschwingen

Beim Aldi guckte mich die Kassiererin an, kaum älter als ich, ich gucke sie an.
„Du bist schon über sechzehn? Whiskey an Jugendliche, das ist nicht drin.”
"Ich bin Sven. Sven Rappe. Achtzehn. Du kennst mich doch vom Sehen. Du gehst öfters mit Mirjam zum `Da Toni´."
Sie lächelt: "Klar, aber ich will deinen Ausweis trotzdem. Das macht sich gut beim Chef. Er beobachtet durch den Spiegel die Kasse, Probleme mit dem Aufsichtsamt. Du glaubst gar nicht, wieviel Jungs von fünfzehn oder sechzehn hier Alkohol holen wollen. Zum Mädchen Anbaggern. “

„Oh, wie blöd”, sagte ich gedehnt-ironisch, und schaute verstohlen in den Einwegspiegel, zeigte ihr meinen Ausweis und zog mit meiner Flasche in der Plastik-Tüte ab. Zuhause setzte ich mich rezzo-like in die Nähe des Computers an den Schreibtisch. Mineralwasser, Glas, Whiskey-Flasche.

Bin schon längst nicht mehr sechzehn, weiß aber noch gut, wie das ist. Du gehst an den Mädchen vorbei, die kichern plötzlich, kriegen Schluckauf, verdrehen die Augen. Du wirst rot. – Du gehst in den Supermarkt. Die Kassiererin mustert schweigend die Flasche in deiner Hand. Du ziehst belämmert ab. Und die Damen in der Kassenschlange gucken dir nach, fixieren deine rosa Ohren und du spürst, wie sie rot und röter werden. „Adoleszenz”, hatte unser Biologielehrer Peter Wissmattinger doziert, „das ist: Hormonrasen, kordiale Mikro-Spasmen, rosa Ohrwascheln.” "Ohrwascheln" - aus Oberbayern der Mann, in Unterfranken aufgeschlagen. Hat eine Sportlerlaufbahn, hinter sich, sieht man ihm noch an.

Ich schenkte mir ein, schaute in das Glas, 1 ccm Whiskey und 5 ccm Selters mischten sich. Und da kam es rabenschwarz und rosa über mich: Solo sein, der Main, ein lyrisches Ich, Sätze wie „Mag uns wer?”, Verszeilen, richtige, mit Rhythmus und Reim. Clemens Brentano, Freiherr von Eichendorff, der barocke Gryphius, ein schlanker Heine, die ganzen Kerle aus dem Kursordner, blickten aus dem Glas, zwinkerten.

Ich brauchte eine Stunde, Rohentwurf, dann Feilen und Polieren; dann war es vorläufig fertig. Ich lud den Text ins offene Rezzo-Netz, Lyrik ist unbedenklich, Sparte "Mind-blowing Poems" und las ihn mit Vergnügen, meinen Text.

Sterne, dünn glitzernd

Ich blicke in die weite Ferne,
am Himmel glitzern dünn die Sterne,
Ganz solo sitze ich am Main.
Mag mich wer? Ich glaube: nein.

Und auf schwarzen Eulenschwingen
fällt die Traurigkeit mich an
will mir in die Schläfe dringen.
Fluch Dir, Vogel, bist kein Wahn!

O Du, der diese Zeilen liest,
Und schwarze Wesen vor Dir siehst.
Du fühlst wie ich, hörst Klagerufe?
Dein Lächeln stellt mich auf die Hufe!
S. R.


Kopfkino

Hufe und R., Rappe, gut was? Ich schaute mir eine halbe Stunde die drei Strophen auf dem Bildschirm an, von oben nach unten, von unten nach oben: „Lyrisches Ich”, melancholisch, sitzt am Main. Eulenvogelattacke, richtig trist, irgenwie metaphorisch. Männliche Kadenz, weibliche Kadenz, raffiniertes Reimschema, weitgehend Jambus als metrisches Gitter, aber zweimal Akzentakkumulation (ähä: Hebungsprall. Sagt Schneider. Heiterkeit.) - bei "Mag mich wer" und "O Du". In der dritten Strophe dann die Leseranrede. Witziger, ironischer Touch, dieser Heinrich Heine hat sowas drauf, also vergleichbar nur, natürlich: setze mich um Gotteswillen nicht gleich, auch wenn Größenwahnsinn angesagt ist, Tanz den Rezzo.

So ein brillantes Gedicht! Muss man feiern! Party! Also: Eiswürfel aus dem Kühlfach holen, ins Glas füllen, klickern lassen, über dem Text den Kopf senken, meditieren. Ab einem bestimmten Punkt kommt die Trance. Das Kopfkino beginnt zu laufen, die Zimmerwände öffnen sich und du kannst plötzlich alles sehen. Da sitzen sie, surfen im Internet und klicken spontan unsere Zeitung an. Mundwinkel nach unten, die Augenbrauen nach oben, zappen weg, leicht verächtlich, weiter im Netz, unberührt von Poesie. Low Performer, sagt mein Vater, Bildungsforscher mit Arbeitsstelle in Würzburg.

Aber da sitzt Mirjam. Hat viermal in München die Rocky Horror Picture Show angeschaut. Da gibt es, sagt sie, ein Kino an der Isar. Spielt das seit vielen Jahren. Und die Leute singen mit. Time Warp, RiffRaff und das alles. Auch im Leistungskurs Deutsch, hohe Stirn, lacht über meine Jokes, weil: Sie ist intelligent, sie ist schlau, sie ist schön. Lyrik ist wie „lyrics”, sagt sie, tanzende Worte und Sätze, tanzende Texte, sagt sie. Musik. Die liest das genau, die anderen sind spätestens bei der zweiten Strophe mit den Eulenschwingen ausgestiegen. Aber Mirjam, also Mirjam, die liest den Text bis zum Ende. Und dann noch einmal.

Sie kann in dem Stil schreiben. Der Vater hat wahnsinnig viel Bücher im Wohnzimmer, Germanist und Linguist. Heute morgen im LK war sie auf die Takte von Andreas Gryphius doch tatsächlich abgefahren, Alexandriner mit Zäsuren: „Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn/Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten …” Der Doc hatte die Stimmung genutzt, hatte eine kreative Schreibübung eingeschoben und wir probierten den Gryphius-Stil.

Rezzo trug etwas vor von Gleitflügen. In den Tälern Bourbon-Kentuckys. Es wurde sehr lustig. Von nebenan der Französischlehrer steckte den Kopf rein, was da los ist. Und: Wir bereiten doch gerade die Klausur vor, Herr Kollege Doktor Schneider. Auf dem Heimweg wollte Mirjam gleich nach Hause. Niente "Da Toni". Matheklausur am Donnerstag. Der Grundkurs.

Amors gefiederte Axt

Kreisende Eiswürfel im Glas, ziemlich klein, klickern nicht mehr, sirren kreiselnd. Ab und zu ein Blick in den Mail-Ordner auf der unteren Leiste meines Bildschirms. Puh, wenn überhaupt von jemandem, dann könnte von Mirjam eine Antwort kommen, nicht jetzt, natürlich nicht jetzt, irgendwann.

Und was soll ich sagen? Um 21.00 Uhr erscheint dieser Text, DER TEXT, auf dem Screen:

Am Main
(Dem rappenschwarzen Melancholicus zugeeignet)

I've got to keep control
I remember doing the time-warp
Drinking those moments when
The Blackness would hit me

Am Main, da wächst der Rebensaft,
er wird mit Fleiß gepfleget.
Ach, süß und köstlich wirkt die Kraft
Von Traubenhaut umheget.

Nach Glück ein jeder Mensch verlangt
Wer einsam ist, der fluchet.
Und wo ein Fluch im Netze prangt
verstehst du gleich: man suchet.

Hinweg mit dir, du Eulen-Nacht,
Dein Flügel wird gestutzet.
Der Fluss, der Sommer, alles lacht.
Die Au ist grün geputzet.


P.S.
Gruß von der S. übrigens.
(Seit wann dürfen die bei Aldi mit 17 an die Kasse?)
Wir sehen uns morgen nach der Matheklausur, muss jetzt unbedingt schlafen.
M.



Tja, das hat Mirjam geschrieben. Erschütternd. Bin seit zwei Stunden so was von erschüttert, musste alles aufschreiben, im Tagebuch festhalten, fiebrig, heiß die Stirn. Hab an Mirjam gemailt. Vielleicht ist sie doch noch wach und liest es. Wenn nicht, spätestens morgen.

Jetzt um 0.30 hör ich auf, bin voll von zwei kleinen Gläsern Whiskey ohne Kohlensäure, bin gestreift von Amors gefiederter Axt, behämmert von Amors Flügelschlag, von Mirjams Hammertext beflügelt. Loved. Die Flasche stell ich besser weg, weg in die Küche.

Wär ja blöd, ich sehe Mirjam morgen vor der Klausur auf dem Gang und bin im Tran, mir fällt nix ein, dann räuspere ich mich und sage unsicher zuerst „Guten Morgen“ und dann gleich hinterher, weil sie aus München zu uns nach Unterfranken kam: „Grüß Gott!“ Stilsicher, poly-glott. Und bisschen peinlich. Und sie lächelt ein bisschen stolz und sagt vielleicht: „Mei, ich bin´s doch nur.“

Anmerkung:
Mirjams Lieblingslied in der Rocky-Horror-Picture-Show
https://www.youtube.com/watch?v=umj0gu5nEGs]RiffRaffs Time-Warp
 

Willibald

Mitglied
Gratias, aligaga,

für die Aufhellung von Textschwächen. Klar ist die Wirkung dann beeinträchtigt, wenn Milieu und Setting der Figuren grob verzerrt sind. Habe dort revidiert und zu korrigieren versucht, wo mir die Änderung plausibel schien/scheint. Vor allem ist das die rechtliche Bindung und entsprechende Organisation der Schülerzeitung.

Das Museumskino an der Isar spielt nun den Horrorfilm nach "vielen Jahren", so ist die Computeraffinität plausibel und an manchen Gymnasien auch seit einigen Jahren Fakt. Der Biologielehrer aus Oberbayern kam bei den Schülern mit solchen Sprüchen sehr gut an, gerade bei den vitalen und intelligenten. Alkohol-Gefährdung mit 1ccm zunächst und dann aus Feiergründen und wegen Euphorie über Poem und Poemantwort mit zwei kleinen Gläsern scheußlichen Aldi-Whisky? Ich weiß nicht. Ob Rezzo wirklich säuft, ist fraglich und sei dahingestellt.

Die Omi-Sache greift nicht, glaube ich: Was bis vor einiger Zeit in Deutsch-Leistungskursen mit zwölf interessierten Schülern in Sachen kreatives und analytisches Schreiben möglich war, ist doch ganz erheblich anders als das vielen bekannte und dann in der öffentlichen Diskussion generalisierte Standard-Modell verschulten Lernens. Wahrscheinlich und hoffentlich greift Bayern bald wieder auf ein solches Kursmodell wenigstens partiell zurück. Immerhin war auch nach Aufgabe der Kollegstufe in den obligatorischen P- und W-Kursen noch intensive Betreuung von Kleingruppen möglich.

Vale

ww
 
A

aligaga

Gast
Jaja, die Kleingruppen! Exoten oder pars pro toto? Man weiß nicht recht, was man sich wünschen sollte.

@Ali glaubt, dass hierzulande mehr als 80 Protzent eines zeitgenössischen Jahrganges im Deutschunterricht lernen, wie man Aufsätze schreibt, worauf es bei einem Sonett ankäme, wie man eine Geschichte aufbaut, was Grass uns sagen wollte, als er auf's Blech trommelte, und wie grausig das Frauenbild der doitschen Romantiker war.

Aber es ist wie im Sportunterricht. Der Leerer zeigt ihnen den Bauchaufschwung, den Kreuzhang und den Handstand auf den Holmen, aber die wenigsten Schöler können's am Ende und fallen kläglich durch, wenn sie sich später bei der Polizei bewerben.

Der Direktor des Ernst-Mach-Gymnasiums in Haar bei München hieß Wirsing. Ein Redaktör der Schölerzeitung (die es längst nicht mehr gibt) hatte mal als Titelbild einen Wirsingkopf auf eine Klopapierrolle gestellt, um diesen "Hals" eine Krawatte geknotet und dort, wo bei der Kugel der Mund hätte sein können, ein Loch gebohrt und eine brennende Filterzigarette hineingesteckt (Wirsing war starker Raucher). Mei, war das eine Gaudi!

Der Redaktör, der @ali gut bekannt ist, hatte noch nie in seinem Leben ein Gedicht verfasst oder gar publiziert. Gleichwohl konnte er sich nach dieser Nummer vor VerehrerInnen kaum retten.

So ungerecht kann diese Scheißwelt sein!

Quietschvergnügt

aligaga
 

Willibald

Mitglied
Werter Ali!

Bleiben wir noch einmal bei der Plausibilität der beiden Figuren (und der gewissen Ungerechtigkeit, dass dieser Redakteur ohne Lyrikproduktion erotische Erfolge zuhauf verzeichnen konnte.

Fachgesimpel 1: Plausibilität

Sven Rappe ist nun kein Simplicissimus, eher ein etwas schüchterner Junge, in einem Leistungskurs mit Mijam, Rezzo und Co. Er ist halt kein energiegeladener, hypersportlicher Kipper. Von Sven ist bekannt, er schreibt Gedichte und Songs (versteckt hinten Ordner). Mirjam wieder hat einen germanistisch-linguistischen Vater samt seiner exuberanten Fachbibliothek. Das heißt: Das alles ist nicht so arg fremd, wenn es um Gryphius-Sonette und Trakl-Eruptionen geht. Die natürliche Abscheu des jungen Volkes vor solchen antiquarischen Texten ist perforiert.

Der Lehrer Doc Schneider lässt in der Kleingruppe - neben der Analyse (von Semantik, Syntax, poetisch-lyrischen Abweichungen) sehr wohl creativ-writing und argumentative Problemfälle vom Stapel.

Also eine gewisse Routine der Schüler ist nach einem Jahr da, ganz abgesehen davon, dass sich für einen LK Deutsch erfahrungsgemäß wirklich protzentual recht Sprachbegabte und Argumentationsbegabte melden.

Fachgesimpel 2: Bavarian Holland Beer


Von Doc Schneider mal ein paar Anregungen zum creative writing. Einmal ein Sonett, dann was Linguistisch-Juristisches (circa 2013):

(a) Unsterbliches Sonett

Tasten Sie den sechshebigen Rhythmus, das Reimschema und die Bildwelt der ersten Strophe (Quartett) ab.

Versuchen Sie das zweite Quartett und die zwei Terzette in Rohskizze zu entwerfen. Sie können dabei die vorgeschlagenen Reimwörter benutzen.

Im Bus

Ich sitz im Bus und denk: da stimmt doch etwas nicht.
Der Fahrer wirkt so müd, so fahrig und verbraucht,
er atmet stockend schwer, die Lunge pfeift und faucht.
Die Haut wirkt gelblich-grau und teigig sein Gesicht.
Eine (feine) Arbeit:

Im Bus

Ich sitz im Bus und denk: da stimmt doch etwas nicht…
Der Fahrer wirkt so müd, so fahrig und verbraucht,
er atmet stockend schwer, die Lunge pfeift und faucht.
Die Haut wirkt gelblich-grau und teigig sein Gesicht.

Die junge Frau vor mir, sie zittert, schaudert, friert -
sie dreht sich um und schreit: ihr Haar wird weiß und dünn,
die Lippen schrumpfen ein, ihr Busen schwindet hin.
Die Zähne fallen aus, der Kiefer skelettiert.

Ganz wurscht wohin ich schau, ich sehe Falten, Tweed,
ein letzter Muskelrest, der sich zusammenzieht.
Es breitet schnell sich aus und es macht nimmer Halt:

vergilben Knochen da, zerbröckelt dort die Haut
es stinkt nach Friedhof und: auch nach gekochtem Kraut.
Die Alte rührt mich an - da wird mir plötzlich kalt …
b) Ein Streitfall für Iuristic-linguistic Masterminds

Bedenke die Semantik von „Bayern“, „Bayrisch“: Denotation? Konnotation?

Anstoß: Was bedeutet das Wort "Bayer"?

? In Bayern geboren?
? Wohnsitz in Bayern?
? Deutsche Staatsbürgerschaft?
? Kombinationen bisheriger Merkmale?
? Denotation – Konnotation?

Die holländische Brauerei Bavaria Beer verkauft in den grenznahen Regionen Deutschlands ein Bier namens „Bavaria. Holland. Beer“.

Bayerische Brauereien klagen gegen diese Bezeichnung, mit etwa folgenden Argumenten:

- Der Name führt den Käufer in die Irre.
Das ist nicht Bayern.
- Ein „örtliches Qualitätssiegel“ soll ein mittel-
positives bis miserables Image aufpolieren.
- Gut, dieses Bavaria wird mit Hopfen, Malz
und Wasser nach dem Bayrischen Reinheits-
gebot gebraut.
Trotzdem: Münchner Weißwürste kommen nur
aus München. Bayrisches Bier nur aus Bayern.
- Kundentäuschung ist das und markttechnisch unfair.
Aufgabe

Wie steht es um die Stichhaltigkeit der Anklage?

Formulieren Sie – auch wenn es dem Patrioten vielleicht schwer fällt eine Verteidigung der Holland-Brauerei? Ein möglichst gutes Plädoyer

Ihre Mitkollegiaten halten nun das Plädoyer für die Holland-Brauerei. Nehmen Sie die Argumente auf und zausen Sie in ihrem eigenen Gegenplädoyer die "holländischen Argumente" kräftig durch.

https://hywelsbiglog.files.wordpress.com/2008/07/image35-bhb-front1.jpg

Ungefähr in so einem Biotop bewegen sich Mirjam und Sven.
Aber klar doch, dein Redakteur hatte Schlag bei Mädchen, der Unterzeichnete auch erst, als er für die Schule im Hallenhandballtor stand.

Aber so ungerecht ist das alles nicht: Der gute Songschreiber und Textfiesler hat auch gute Paarungschancen, glaube ich.

(3) Fazit: Knalltrocken und ernüchternd

Der Hauptgrund dafür, dass Männer und Frauen längerfristige Bindungen eingehen, ist - so die soziobiologische Perspektive - in der Ur-Umwelt (ancestral environment; environment of evolutionary adaption) gegründet, von deren Anforderungen die menschliche Instinktausstattung und die Lebensstrategien bestimmt werden, auch wenn diese Ur-Umwelt in der heutigen Welt allenfalls in entlegenen Regionen zu erkennen ist. Die frühere Anpassung agiert noch heute.

Mann und Frau streben in der Ur-Umwelt danach, in den Zeiten mit knappen wirtschaftlichen Ressourcen - einem Urwelt-Standard - ihrem Nachwuchs und auch sich selbst die bestmöglichen Überlebenschancen zu sichern. Das gilt auch als sozusagen unterbewusstes Programm für die Gene eines Paares: Die Partner wollen - das ist der "biologische Imperativ" - sich selbst reproduzieren, was durch die Kombination von Chromosomen in der Fortpflanzung geschieht.

Die Untersuchung norddeutscher Kirchenbücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert ergab: Bauern aller sozialen Schichten waren mit etwa dreißig Jahren verheiratet. Aber bezogen auf die Bräute gab es Unterschiede. Je reicher ein Bauer, desto eher bekam er eine relativ junge Frau, die damit das längstmögliche Reproduktionsvermögen in die Ehe einbrachte.

Dass es sehr häufig auch ihre Wahl war, einen reichen Mann zu heiraten, hat - so die Soziobiologen - für sie den Vorteil, ein besonders geeignetes Reproduktionsumfeld für die eigenen Gene gefunden zu haben. Außerdem ist in diesen Ehen die Geburtenfolge höher als in den Ehen der sozial niedrigeren Schichten: Dort mag es auch viele Kinder geben, aber die Kindersterblichkeit ist höher. Und: Arbeitet die Frau in besonders energiefordernder Weise für den Lebensunterhalt der Familie mit, so ist auch die Geburtenrate geringer als die in reichen Familien.

Daher zeigt sich am Beispiel der reichen Bauern ein allgemeines Gesetz: Die bestmögliche Genverbreitung ist gebunden an eine hohe soziale Position des Mannes und an die Jugendlichkeit der Frau. Beide Partner schöpfen den größtmöglichen Vorteil in dieser Paarkombination.

Das mag dann -analog - den Sportler aber auch den Dichter attraktiv erscheinen lassen.


Vale quietschvergnügt!
 

Willibald

Mitglied
Mindblowing Poems
(ziemlich lang, diese Erzählung)


http://up.picr.de/33984247an.jpg

Rezzo

Mittwochs diese Doppelstunde Leistungskurs Deutsch beim Doc Schneider, Abiturtraining: Ein barockes Sonett von Gryphius im Vergleich mit einem Gedicht von Trakl. In Baden-Würtemberg gestellt. Schnarchig, aber nicht ganz schnarchig.

Dann stehen wir zusammen im Chemiehof, fünf Minuten für die Zigarettenpause, Rezzo tippt mir an die Stirn, an die Brust: „Was Lyrisches, was Poetisches, Sven!”
"Hä?"
„Was Lyrisches, was Poetisches brauch ich von dir, Du komischer Vogel, für die Schülerzeitung. Du versteckst doch immer deine Songtexte hinten im Ordner. Manche sagen, du machst doofe Gedichte. Ich sage: Du machst Wortgeschenke. Du stellst dich den Anforderungen, in Lyrik und in Prosa. Stinklangweilige Kommentare und Berichte haben wir genug auf Lager.”

Er gluckst, der Blödmann, dann fächelt er mit der Hand vor meinem Gesicht: Einfach drauflos schreiben. Den Alltag skizzieren, eine Szene aus der - er kichert - Adoleszenz. Auch im Leben von öden Langweilern stecke Poesie.
"Wie witzig", sage ich.
"Nö", meint er, „ist ernst, probier es. Vielleicht ein Gedicht, vielleicht eine short story.”
"Ok, mal gucken."
„Guck mal nicht so lang, Sven. Das Leben vor dem Abitur gleicht einer Rennebahn.”
O ja", knurre ich, „aber immerhin mit Zäsur, vor gleicht.” Und gucke verstohlen, ob Mirjam das gehört hat. Sie hat.
„Schon, schon“, sagte Rezzo, „aber" - er hebt den Zeigefinger leererlike - "die Zäsur" - er spitzt den Mund, das Frettchen, und dann reimt er auch noch - "kommt nach Abitur.“ Mirjam grinst.

Nachmittags ging´s zum Aldi, wollte eine Flasche Kentucky Bourbon Whiskey kaufen. Rezzo sagt, Whiskey inspiriere ihn, da schreiben sich seine Sachen für die Schülerzeitung wie von selbst. Rezzo feiert sich dann: Er speichert seinen Text ab, fährt den Computer runter, macht in seinem Zimmer ein Feuer, tanzt darum herum, singt „loved” und die Nachbarn klopfen an die Wände den Rhythmus.


Rezzo, der Große. Er ist wirklich groß. Key Account Manager sozusagen. Wer kam auf die Idee, die Schülerzeitung "JBB-Jetzt” ins Netz zu stellen undden Direktor zu überzeugen? Eine aktuelle Johannes-Butzbach-Gymnasium-Zeitung mit Forum? Betreuungslehrer und Schüler stellen jeden Monat eine neue Ausgabe ins Netz. Beim Forum geht man ähnlich vor: Ein Gremium überprüft, ob die Einsendungen und Zuschriften publiziert werden können. Wer ist der geniale Ober-Macher? Rezzo. Chefredakteur, flache Mimik, effizient. Seine Redakteure schreiben, wenn sie inspiriert sind. Und die Leser können Leserbriefe direkt in die Forum-Kontaktbox schicken, wenn sie beim Lesen inspiriert wurden. Bloß, dass kaum einer schreibt. Low Performer, mentale Selbstaktivierung gleich Null.


Auf schwarzen Eulenschwingen

Beim Aldi guckte mich die Kassiererin an, kaum älter als ich, ich gucke sie an.
„Du bist schon über sechzehn? Whiskey an Jugendliche, das ist nicht drin.”
"Ich bin Sven. Sven Rappe. Achtzehn. Du kennst mich doch vom Sehen. Du gehst öfters mit Mirjam zum `Da Toni´."
Sie lächelt: "Klar, aber ich will deinen Ausweis trotzdem. Das macht sich gut beim Chef. Er beobachtet durch den Spiegel die Kasse, Probleme mit dem Aufsichtsamt. Du glaubst gar nicht, wieviel Jungs von fünfzehn oder sechzehn hier Alkohol holen wollen. Zum Mädchen Anbaggern. “

„Oh, wie blöd”, sagte ich gedehnt-ironisch, und schaute verstohlen in den Einwegspiegel, zeigte ihr meinen Ausweis und zog mit meiner Flasche in der Plastik-Tüte ab. Zuhause setzte ich mich rezzo-like in die Nähe des Computers an den Schreibtisch. Mineralwasser, Glas, Whiskey-Flasche.

Bin schon längst nicht mehr sechzehn, weiß aber noch gut, wie das ist. Du gehst an den Mädchen vorbei, die kichern plötzlich, kriegen Schluckauf, verdrehen die Augen. Du wirst rot. – Du gehst in den Supermarkt. Die Kassiererin mustert schweigend die Flasche in deiner Hand. Du ziehst belämmert ab. Und die Damen in der Kassenschlange gucken dir nach, fixieren deine rosa Ohren und du spürst, wie sie rot und röter werden. „Adoleszenz”, hatte unser Biologielehrer Peter Wissmattinger doziert, „das ist: Hormonrasen, kordiale Mikro-Spasmen, rosa Ohrwascheln.” "Ohrwascheln" - aus Oberbayern der Mann, in Unterfranken aufgeschlagen. Hat eine Sportlerlaufbahn, hinter sich, sieht man ihm noch an.

Ich schenkte mir ein, schaute in das Glas, 1 ccm Whiskey und 5 ccm Selters mischten sich. Und da kam es rabenschwarz und rosa über mich: Solo sein, der Main, ein lyrisches Ich, Sätze wie „Mag uns wer?”, Verszeilen, richtige, mit Rhythmus und Reim. Clemens Brentano, Freiherr von Eichendorff, der barocke Gryphius, ein schlanker Heine, die ganzen Kerle aus dem Kursordner, blickten aus dem Glas, zwinkerten.

Ich brauchte eine Stunde, Rohentwurf, dann Feilen und Polieren; dann war es vorläufig fertig. Ich lud den Text ins offene Rezzo-Netz, Lyrik ist unbedenklich, Sparte "Mind-blowing Poems" und las ihn mit Vergnügen, meinen Text.

Sterne, dünn glitzernd

Ich blicke in die weite Ferne,
am Himmel glitzern dünn die Sterne,
Ganz solo sitze ich am Main.
Mag mich wer? Ich glaube: nein.

Und auf schwarzen Eulenschwingen
fällt die Traurigkeit mich an
will mir in die Schläfe dringen.
Fluch Dir, Vogel, bist kein Wahn!

O Du, der diese Zeilen liest,
Und schwarze Wesen vor Dir siehst.
Du fühlst wie ich, hörst Klagerufe?
Dein Lächeln stellt mich auf die Hufe!
S. R.


Kopfkino

Hufe und R., Rappe, gut was? Ich schaute mir eine halbe Stunde die drei Strophen auf dem Bildschirm an, von oben nach unten, von unten nach oben: „Lyrisches Ich”, melancholisch, sitzt am Main. Eulenvogelattacke, richtig trist, irgenwie metaphorisch. Männliche Kadenz, weibliche Kadenz, raffiniertes Reimschema, weitgehend Jambus als metrisches Gitter, aber zweimal Akzentakkumulation (ähä: Hebungsprall. Sagt Schneider. Heiterkeit.) - bei "Mag mich wer" und "O Du". In der dritten Strophe dann die Leseranrede. Witziger, ironischer Touch, dieser Heinrich Heine hat sowas drauf, also vergleichbar nur, natürlich: setze mich um Gotteswillen nicht gleich, auch wenn Größenwahnsinn angesagt ist, Tanz den Rezzo.

So ein brillantes Gedicht! Muss man feiern! Party! Also: Eiswürfel aus dem Kühlfach holen, ins Glas füllen, klickern lassen, über dem Text den Kopf senken, meditieren. Ab einem bestimmten Punkt kommt die Trance. Das Kopfkino beginnt zu laufen, die Zimmerwände öffnen sich und du kannst plötzlich alles sehen. Da sitzen sie, surfen im Internet und klicken spontan unsere Zeitung an. Mundwinkel nach unten, die Augenbrauen nach oben, zappen weg, leicht verächtlich, weiter im Netz, unberührt von Poesie. Low Performer, sagt mein Vater, Bildungsforscher mit Arbeitsstelle in Würzburg.

Aber da sitzt Mirjam. Hat viermal in München die Rocky Horror Picture Show angeschaut. Da gibt es, sagt sie, ein Kino an der Isar. Spielt das seit vielen Jahren. Und die Leute singen mit. Time Warp, RiffRaff und das alles. Auch im Leistungskurs Deutsch, hohe Stirn, lacht über meine Jokes, weil: Sie ist intelligent, sie ist schlau, sie ist schön. Lyrik ist wie „lyrics”, sagt sie, tanzende Worte und Sätze, tanzende Texte, sagt sie. Musik. Die liest das genau, die anderen sind spätestens bei der zweiten Strophe mit den Eulenschwingen ausgestiegen. Aber Mirjam, also Mirjam, die liest den Text bis zum Ende. Und dann noch einmal.

Sie kann in dem Stil schreiben. Der Vater hat wahnsinnig viel Bücher im Wohnzimmer, Germanist und Linguist. Heute morgen im LK war sie auf die Takte von Andreas Gryphius doch tatsächlich abgefahren, Alexandriner mit Zäsuren: „Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn/Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten …” Der Doc hatte die Stimmung genutzt, hatte eine kreative Schreibübung eingeschoben und wir probierten den Gryphius-Stil.

Rezzo trug etwas vor von Gleitflügen. In den Tälern Bourbon-Kentuckys. Es wurde sehr lustig. Von nebenan der Französischlehrer steckte den Kopf rein, was da los ist. Und: Wir bereiten doch gerade die Klausur vor, Herr Kollege Doktor Schneider. Auf dem Heimweg wollte Mirjam gleich nach Hause. Niente "Da Toni". Matheklausur am Donnerstag. Der Grundkurs.

Amors gefiederte Axt

Kreisende Eiswürfel im Glas, ziemlich klein, klickern nicht mehr, sirren kreiselnd. Ab und zu ein Blick in den Mail-Ordner auf der unteren Leiste meines Bildschirms. Puh, wenn überhaupt von jemandem, dann könnte von Mirjam eine Antwort kommen, nicht jetzt, natürlich nicht jetzt, irgendwann.

Und was soll ich sagen? Um 21.00 Uhr erscheint dieser Text, DER TEXT, auf dem Screen:

Am Main
(Dem rappenschwarzen Melancholicus zugeeignet)

I've got to keep control
I remember doing the time-warp
Drinking those moments when
The Blackness would hit me

Am Main, da wächst der Rebensaft,
er wird mit Fleiß gepfleget.
Ach, süß und köstlich wirkt die Kraft
Von Traubenhaut umheget.

Nach Glück ein jeder Mensch verlangt
Wer einsam ist, der fluchet.
Und wo ein Fluch im Netze prangt
verstehst du gleich: man suchet.

Hinweg mit dir, du Eulen-Nacht,
Dein Flügel wird gestutzet.
Der Fluss, der Sommer, alles lacht.
Die Au ist grün geputzet.


P.S.
Gruß von der S. übrigens.
(Seit wann dürfen die bei Aldi mit 17 an die Kasse?)
Wir sehen uns morgen nach der Matheklausur, muss jetzt unbedingt schlafen.
M.



Tja, das hat Mirjam geschrieben. Erschütternd. Bin seit zwei Stunden so was von erschüttert, musste alles aufschreiben, im Tagebuch festhalten, fiebrig, heiß die Stirn. Hab an Mirjam gemailt. Vielleicht ist sie doch noch wach und liest es. Wenn nicht, spätestens morgen.

Jetzt um 0.30 hör ich auf, bin voll von zwei kleinen Gläsern Whiskey ohne Kohlensäure, bin gestreift von Amors gefiederter Axt, behämmert von Amors Flügelschlag, von Mirjams Hammertext beflügelt. Loved. Die Flasche stell ich besser weg, weg in die Küche.

Wär ja blöd, ich sehe Mirjam morgen vor der Klausur auf dem Gang und bin im Tran, mir fällt nix ein, dann räuspere ich mich und sage unsicher zuerst „Guten Morgen“ und dann gleich hinterher, weil sie aus München zu uns nach Unterfranken kam: „Grüß Gott!“ Stilsicher, poly-glott. Und bisschen peinlich. Und sie lächelt ein bisschen stolz und sagt vielleicht: „Mei, ich bin´s doch nur.“

Anmerkung:

Mirjams Lieblingslied in der Rocky-Horror-Picture-Show
https://www.youtube.com/watch?v=umj0gu5nEGs]RiffRaffs
Time-Warp

Der Treff "Da Toni" (Eisdiele und mehr)
http://up.picr.de/33990951xs.jpg
 
A

aligaga

Gast
Fachgesimpel 1

Mit Gedichten und Gesängen eo ipso machte man sich in den Bildungsanstalten Nachkriegsdeutschlands keineswegs bekannt, sondern allenphalls suspekt. Im Cyberwald der Schöler wird heute nicht gedichtet, sondern gesmst. Barocke Gedichte sind ebenso mausetot wie Barockmusik und finden nur ganz schwer noch ein Publikum. Wenn überhaupt, ist’s Anlasslührik und Hintergrundmusi.

Dass die Kinder bibliophilen Eltern nachgeraten, ist Wunschdenken, das einer genaueren Betrachtung kaum standhält. In aller Regel halten Kinder und Jugendliche heutzutage ja schon den Geruch einer Bibliothek oder einer Buchhandlung nicht aus. Ein hübsches, junges Schulmädel vertut seine knapp bemessene Zeit aus freien Stücken ganz gewiss nicht daheim in Papis Bibliothek, sondern geht mit Marco ins Freibad. Oder mit Kevin ins Kino.

Dass ein rückgewandtes Elternhaus bei jungen Menschen die Abscheu vor Spinnwebenlührik und gespreizten Schreittänzen perforierte, glaubt @ali nicht. Ganz im Gegentheil – da wird der Keim für spätere Allergien und allerlei andere Unverträglichkeiten gelegt, die kaum oder gar nicht zu heilen sind.

Fachgesimpel 2

Produkt- und Herkunftsbezeichnungen haben, nicht nur im Lebensmittelbereich, ihren Ursprung weniger in der oft recht wolkigen Semantik, sondern in glasklaren Gesetzen und Verordnungen.

Die „Münchner Weißwurst“ muss keineswegs in München gefertigt werden (auch wenn Ex-Bürgermeister Ude das gern so gehabt hätte und die Stadt München gemeinsam mit dem Großmetzger und damaligen 60er-Präse Wildmoser dafür vor Gericht gezogen ist); sie kann auch in Worpswede oder in Beijing hergestellt und immer dann Münchner Weißwurst genannt werden, wenn gebrühte, reiskorngroß geschnitt’ne Häute vom Kalbskopf ins Brät gemixt werden.

Der „Münchner Leberkäs“ kann jederzeit auch in Hamburg gebacken werden – vorausgesetzt, er enthält keine Innereien. Und das Wiener Würstchen heißt, wenn es in Ösiland auf den Teller kommt, „Frankfurter“.

Fraglich also, ob es denn Sinn machte, im Zeitalter des Globalismus und der Integrationswellen mit „America first“ anzukommen. Der Stiefel, auf dem „Made in Italy“ prangt, wird tatsächlich in Italien hergestellt. In der Toscana, in Pistoia. Aber nicht von Italienern, sondern von den 20 000 Chinesen, die dort in Erdlöchern hausen und für ein Spottgeld das argentinische Oberleder auf fernöstliche Gummisohlen leimen.

Fachgesimpel 3

Mein lieber @Willi! Dass die menschlichen Instinkte und Triebabfuhren auf Genomen basieren, die schon der Neanderthaler oder der Cro-Magnon-Mensch hatte, wissen heute eigentlich alle. Was viele immer noch nicht zu wissen scheinen, ist, dass seit geraumer Zeit die Mädchen nicht mehr warten, bis sie genommen werden, sondern selbst aktiv sind. Bei den SchölerInnen ist die Kohle des Jünglings zweitrangig – die Mädelz kriegen ebensoviel Taschengeld wie die. Wichtiger ist denen, wie der Kerl aussieht und wie er sich benimmt.

Den heutigen Mädelz zu unterstellen, sie hätten‘s schon in der Penne nur auf’s Geld und die spätere Versorgung ihrer Brut abgesehen, ist ziemlich gewagt. Du lieber Gott – das könnte bei offenen Diskussionen ohne weiteres bis zum physischen Schlagabtausch führen. Nicht „me 2“, sondern „you definitely not.“

Wer schon mal mit zeitgenössischen Töchtern zu tun hatte, die Abitur machten (das sind heute mehr als 50 Protzent aller!), weiß, dass ausgerechnet die Süßesten von ihnen immer noch auf die größten Taugenichtse hereinphallen.

Froh und munter

aligaga
 

Willibald

Mitglied
Hm, vielleicht mal Lust den Gerhard Henschel zu lesen? "Bildungsroman"?

Aber gewiss auch ohne diese Lektüre ist sehr diskutabel die Anziehungskraft und Bewusstseinlage pubertierender 14-16jähriger im Kontext mit diesen tollen Mädels, allüberall.

Esprit und Herzensbildung und dann aber dieser Trickster-Habitus von allenfalls leidlich sportlichen Figuren. Halt nicht solche Prachtkerle wie Kipper im Dantebad.

greetse

ww
 

Willibald

Mitglied
also Du verstehst vielleicht hier, weil kürzer: manche Jungen ohne Kippers harte Schule sind halt bezwingend unbeholfen.
 
A

aligaga

Gast
"Kipper", o Willibald, ist eine Romanfigur, die sich aus allerley stinknormalen Gestalten speist, wie es sie hierzulande immer schon zuhauf gibt oder gegeben hat. Dass Jungs, die über das Signalement eines Handballspielers, eines Zehnkämpfers, Schwimmers, eines Eishockeyspielers oder eines Diskuswerfers verfügen und zudem ein bisschen Hirn haben, kamen oder kommen bei den kleinen Mädchen immer schon viel leichter an als jene, die nur davon singen oder sangen. Warum sollten sie sich diesertwegen schuldig fühlen?

Nichts gegen den Rhythmus eines zünftigen Hexameters oder das stringente Reimschema eines Sonetts - besser ist's, wenn man als Junge auf der Suche nach einem significant other beim Boogie nicht aus dem Takt kommt und das Mädchen sicher werfen und wieder auffangen kann. Oder als Mädchen nicht wie die Toffifee angewalzt kommt, sondern fliegen kann wie Tinker Bell.

Das ist, gibt @ali zu, ganz schön ungerecht.

Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel; wie schade, dass die so genannten "inneren Werte" beim anderen Geschlecht anfangs kaum Beachtung finden. Der Schmelzprozess beginnt, nicht nur in jungen Jahren, immer erst an der Oberfläche und verläuft von außen nach innen. Wie dumm, wenn sich dann über kurz oder lang herausstellt, dass im Kern des Apolls oder der Aphrodite keine Substanz ruht, sondern nur Hohlheit hallt. Oft ist es dann aber zu spät, und das Kind liegt schon im Brunnen.

Die so genannte "Unbeholfenheit" gibt's auf beiden Seiten; sie ist eo ipso nichts Schlimmes, jedem Jungtier zu eigen und erzeugt keine Ressentiments, sondern eher Zuwendungs- und Beschützerinstinkte. Man sollte sie nicht mit der "Unsicherheit" verwechseln, die tödlich sein kann wie übler Körpergeruch oder schlechtes Benehmen.

Wenn du genau hinguckst, o @Willibald, dann erkennst du, dass "Kipper" einen Charakter hat wie eine Deutsche Dogge oder ein Irischer Wolfshund. Es sind dies in der Regel gut aussehende, ziemlich große Tiere, die sich ihrer Stäke aber nicht bewusst sind. Sie kommen mit einem Minderwertigkeitskomplex zur Welt und werden ihn zu Lebzeiten nicht mehr los. Jedes Kind kann sie um den Finger wickeln.

Heiter

aligaga
 

Willibald

Mitglied
Das ist ein bisschen Aneinander-Vorbeireden bisher.

(1) Erstkontakt Kipper und Ina im Dantebad

Es ist gar nicht zweifelhaft, dass Mädchen sich den sportlichen, gut aussehenden Jungmann - mit etwas Grips beim Jungmann - gerne aussuchen. Und dass dabei bei Männchen und Weibchen gewisse Grundschemata ablaufen. Devendra Singh ist da gar nicht so sehr überholt. Bleiben wir ein bisschen bei dieser Art der biologischen Perspektive und schauen auf die Geschichten von Sven und vor allem von Skipper.

Er war aus dem Wasser gestiegen, hatte sich neben dem Becken des Münchner Dante-Stadions in die Sonne gelegt und zu dösen versucht, Wibergs voluminöses „Chemielehrbuch für Mediziner“ als Kopfstütze nutzend. Aber daraus war nichts geworden, denn ein paar Minuten später hörte er einen dumpfen Einschlag gleich neben sich und war von oben bis unten nass geworden, schreckte hoch und sah das Mädchen aus dem Wirbel dicht am Beckenrand auftauchen, ihre Augen erst geschlossen und danach gerade so blau wie die seinen.

Sie musste absichtlich dorthin gesprungen sein und beim Eintauchen die Beine angezogen haben, hatte die Ellbogen auf der Beckenbegrenzung, das Kinn in die Hände gestützt und lächelnd gefragt: „Wohl nass geworden, Mister Universum?“

Er war aufgestanden und hatte auf sie hinuntergeblickt. Sie schien ihm gleichalt, ein Madonnengesicht, brünette Haare, ein unglaublicher Mund und ein schwarzer Einteiler.

„Wo kommst Du Lauser denn her?“, hatte er gefragt und sich das Wasser von Brust und Armen gestreift.

„Von ganz oben!“

Sie hatte auf den Turm gedeutet und ihm dann die Hand hingestreckt. Er griff zu und holte das Mädchen mit einem Zug aus dem Becken. Sie hielt seine Pranke fest, schüttelte sie und sagte: „Ina.“ Ihre Hand war im Vergleich zu der seinen schmal und glatt, fast wie die eines Kindes. „Christian“, hatte er gebrummt und sich nach dem tropfenden Buch gebückt.

„O je, das tut mir jetzt aber leid!“ Sie versuchte, den Wälzer mit seinem Handtuch trocken zu tupfen. „Medizinstudent?“ „Tiermediziner“, sagte er automatisch. Das Mädchen war sehr zierlich und hatte eine Wahnsinnsfigur.

„Und jetzt pack dich wieder!“

Aber sie hatte sich schon hingesetzt und das Lehrbuch in der Luft geschwenkt. „Das wird schon wieder. Ich hab dich vorhin schwimmen sehen. Du bist ein Professioneller, stimmt’s?“

„Und wenn?“

Das Mädchen legte das Buch weg, drückte das Wasser aus seinen halblangen Haaren und nahm sie nach vorn. „Du kommst von der langen Strecke“, hatte es gesagt, „das sieht man dir an. Ein Versöhnungseis bei Sarcletti?“
(2) Strategie, Strategie

Da kann man jetzt schon mächtig was analysieren im Detail und in der Makroebene. Aber das ist ja alles doch recht bekannt, so etwa: Vor und in der Paarbeziehung beginnt einer der grundlegenden Interessenkonflikte, weil Männer und Frauen auf unterschiedliche Weise zu einem für sie optimalen Fortpflanzungserfolg kommen. Am Anfang müssen Männer weitaus weniger in ihren Nachwuchs investieren als Frauen; sie könnten sich theoretisch direkt nach der Kopulation davonmachen und hoffen, dass die Frau das Kind allein aufzieht, weil für sie höhere Anfangsinvestitionen - die Schwangerschaft, die Mühsal der Geburt und das Stillen - auf dem Spiel stehen. Sie wird sich auch ohne Mann um das Kind sorgen. Wenn auch sicher oft mit weniger Erfolg.

Deshalb sichten und erwarten die Weibchen vor einer festen Bindung an einen Mann von diesem verschiedene Vorleistungen, um sicher zu sein, dass der potentielle Kindsvater sich auch an der weiteren Versorgung und Pflege beteiligt. Auch und obwohl die Verhütung und Pille diese Regularien gar nicht mehr notwendig machen.

Daher kommt es für die Männer darauf an, attraktive und paarungswillige Frauen davon zu überzeugen, dass sie gute Versorger sind. Ihre Strategie besteht daher hauptsächlich aus entsprechender Selbstdarstellung. Man stellt seine Intelligenz aus, man lässt sehr frühzeitig seinen Beruf erkennen, kurz man(n) signalisiert seinen hohen Status.

Frauen hingegen, die das höhere Risiko und die höhere Anfangsinvestition bei der Fortpflanzung tragen, sind zunächst einmal „attraktiv“ und jugendlich. Die durch die entsprechenden Signale aktivierten Männchen produzieren sich, die Weibchen wählen mehr oder weniger indirekt zwischen den Bewerbern aus. Sie entscheiden sehr viel mehr bei der Partnerwahl als der Mann.

So ist denn der Medizinstudent Kipper sehr wohl interessant, dazu dann noch die Supersportlerfigur samt sichtbarem Beleg für Sportlichkeit in den Schwimmvorgängen. Und bei Kipper gibt es das Reagieren auf die zierliche "Wahnsinnsfigur", das "Madonnengesicht" und auch auf das schelmisch-kluge Redenkönnen Inas samt der von ihr initieerten "Versöhnungsgeste bei Sarcletti".

Beider Auswahlkriterien hängen gewiss vom eigenen Partnermarktwert ab. So wird ein Mann zwar eine möglichst attraktive Frau suchen, aber sie darf nur so attraktiv sein, dass er mit seiner eigenen sozialen und körperlichen Attraktivität potentielle Nebenbuhler gerade noch neutralisieren kann. Die attraktive Frau wird gewiss auch einen körperlich attraktiven Mann suchen. Doch dürfte dabei der potentielle Versorgerstatus einen so hohen Wert haben, dass geringere körperliche Attraktivität des Mannes ausbalanciert wird.

Wer die Kippergeschichte kennt, weiß dass in der Sequenz vor dem Motorradunfall ein Pari an Attraktivität vorliegt. (Nebenbei: In der Re-Union der beiden wird starkt akzentuiert, wieviel Potenzial der Gesuchte hat. Das geht hin bis zur Quantität der entsprechenden Flüssigkeiten). Und dass in der Phase unmittelbar nach dem Unfall eine ganz empfindliche psychische Selbstdestruktion fast selbständig abläuft, ist in dieser biologischen Perspektive plausibel.

(3) Sven, der schmächtige Schlurch und Schluri

Jetzt zum Vergleich Svens versus Christian:

Kipper ist aber in der Erstkontaktszene ein erprobter, ein voll ausgebildeter Liebhaber. Er hatte schon sehr früh sexuellen Kontakt zur Frau des Funktionärs ("Mein Großer") und ist von daher in mehr als einer Hinsicht attraktiv und selbstgewiss, bei allen frühkindlichen und späteren Verletztungen.

Der Sven Rappe dagegen ist etwa achtzehn Jahre alt, wohl sehr unerfahren und versucht sein Glück mit einer durchaus komisch-heiteren Selbstbeschreibung von Solosein und dem Liebesruf, man möge sich erbarmen und ihn wieder "auf die Hufe stellen". Dabei arbeitet er mit einem barocken, antiquarischen Code und weiß und hofft, dass gewisse Adressaten seines Umfeldes dieses spielerische Vermögen von einigermaßen hoher Sprachkompetenz für witzig und attraktiv halten und sich ansprechen lassen.

Die Strategie scheint mir gar nicht dumm zu sein. Man sollte immerhin bedenken, er kann sich eben nicht als brummig-erwachsener Medizinsportcrack produzieren. Er kennt eher solche Schrecklichkeiten und ihren Charme:

http://up.picr.de/34018508zt.jpg

Und so setzt er eben - in der Sven-Geschichte gar nicht deppert, auch wenn ali da höchste Zweifel kultiviert - seinen "opahaften" Sprachwitz ein. Und - der Adressat merke auf - er agiert recht clever mit dem postmodernen Code, der eben Schein-Naivität und Humor kultiviert.

Nur/besonders gewisse alii - aligaga findet sich da in einer übergroßen Mehrheit - finden das opihaft, peinlich und irrealistisch, verstiegen, illusionistisch und mehr so Zeugs.

greetse

ww
 
A

aligaga

Gast
Mein lieber @Willibald,

wenn du den Beginn von @alis Geschichterln sorgfältig durchblättertest, müsste dir auffallen, dass "Kipper" etwas tut, was bei paarungswilligen Göttinnen in aller Regel die Sicherung herausfliegen lässt - er schickt sie grob weg: "Und jetzt pack dich wieder!"

Der Leser erfährt, dass "Kipper" das Mädchen zunächst als unbotmäßigen Eindringling in seine (autistische) Privatsphäre betrachtet. Wörtlich heißt's später: Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, sondern nach dem ersten Fick. Er muss sogar eine Aufnahmeprüfung bei den Eltern bestehen.

Dabei hält er sich weder für gut aussehend noch für in irgendeiner Form begabt, sondern in vielerlei Hinsicht anormal und defizitär.

Ina ist, wie schon gesagt, ein Tank-Girl. Sie lässt sich nicht so leicht abschrecken und will auch nicht gleich schwanger werden, sondern macht klare Ansagen, wann, wo und wie. Das kennzeichnet die selbstbewussten Mädchen, die es schon damals (1998) reichlich gab. Die kamen oft nicht nur aus gutem Hause, sondern wussten genau, was und wie sie's wollten. Sie kriegten schon damals ihre Babies nicht mehr mit zwanzig, sondern mit dreißig; jetzt sind sie fünfunddreißig und älter.

Bis dahin vergnügen sie sich, weil sie sich's leisten können, nach Kräften in irgendwelchen Szenen, fliegen für ein Jahr nach Neuseeland, verlieben und entlieben sich und machen gleichzeitig Karriere als Psychologin, Zahnärztin, Literaturprofessorin, Musikerin oder Diplomkauffrau. Manche gehen auch erfolgreich in die Politik. Das ist alles längst nichts Besonderes mehr.

Sorry, lieber @Willibald, wenn der böhse @ali deine Exegese über die Paarungsbereitschaft von homo sapiens und die vermuteten, rustikalen Reflexbögen nicht mehr für zeitgemäß hält und darin keine brauchbare Grundlage für einen Gesellschaftsroman erkennen mag. Diese Muster haben heute keinen rechten Gebrauchswert mehr.

Wir sollten uns vom Äußeren „Kippers“ nicht blenden lassen. Er hat nur einen minimal anders ausgeformten Chitinpanzer wie Gregor Samsa; de facto sieht er sich innerlich als einen Kerf wie dieser, der hilflos auf dem Rücken liegt und mit seinen fünf Beinchen zappelt. Irgendwo steckt auch in ihm der faulende Apfel, nicht vom Vater, sondern von der Mutti geschleudert. Ob „Kipper“ am Ende erlöst wird oder krepieren muss wie Kafkas alter ego, wissen wir (noch) nicht.

Wie schon gesagt, o @Willibald – @ali hält den Ansatz, eine blendend aussehende, gescheite Schölerin hielte sich mit einem (gleichaltrigen!!) Buben nur deshalb auf, weil sie im Elternhause verstaubte Barock-Lührik über die körperliche Anziehungskraft zu stellen „gelernt“ habe, für ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Hm – am Ende sind’s doch immer wieder nur blaue, keine güld’nen Engerln. Damals wie heut ...

Gleichwohl heiter

aligaga
 
A

aligaga

Gast
Nachtrag

Der böhse @ali hat noch ein bisschen nachgedacht über das vermeintliche Aneinandervorbeireden und festgestellt, lieber @Willibald, dass es in der Tat einen ganz wesentlichen Unterschied zwischen den hier durchgenommenen Protagonisten gibt: Der "kleine" Sven ist erst 17, der "große Kipper" aber schon 23. Das sind in dieser Altersstufe nicht bloß Jahre, sondern Lichtjahre. Ein direkter Vergleich der beiden scheint @ali daher kaum möglich.

Er hält "Sven" und die ganze Barock-Nummer als aus literarischer Sicht ein wenig überzeichnet. Manieriert. Sie mag nicht mehr so recht zu einem heutigen Schüleralltag passen, in dem drei Stunden täglich - Mathe-Klausuren hin oder her - im Web gesurft und im Fratzenbuch geblättert wird.

Das Märchen vom Jungen, der vergeblich versucht, mit wuchtiger Klassik oder via Bibliothek an eine Göttin heranzukommen und erst später auf den Trichter kommt, wie's wirklich göng, kann man sich von Charlie Puth erzählen lassen. Der ist zwar auch keine 17 mehr, sieht aber so aus und hat das Stimmchen danach. Er singt damit seiner Angebeteten nicht spinnverwebt gregorianische Choräle, sondern ein Liedchen auf der Höhe der Zeit ...

Heiter

aligaga
 

Willibald

Mitglied
Ach, wackerer Aligaga,

wenn du doch Willibalds Texterln, primäre und sekundäre, auch etwas genauer läsest, so wie zum Beispiel dein "Christkind". Und dann vielleicht nicht auf sowas kommst, wie dass der sehr junge Louis-Armstrong-Käufer mal einfach die Sofaherrlichkeit seiner Alten mit RiffRaff zerlegen sollte... Dass der Sven ja wirklich sehr viel jünger ist als Kipper. Dass Gedichterlnschreiben von Buberln für Mäderln sowas von retroleererdoff ist. Und viele anderen Anmerkungen mehr.

Das wird ein fortgesetzt munterer Dialog.

Bis bald.

ww
 

Willibald

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Munterer Dialog:

w:
Als biologisch orientierte Tifosi können wir der Margaret wohl zustimmen?
Laughter is m
an's most distinctive emotional expression.
Man shares the capacity for love and hate, anger and fear, loyalty and grief, with other living creatures.
But humour, which has an intellectual as well as an emotional element belongs to man
Margaret Mead (anthropologist)
a:
Der Antenne Bayern Song is wie Davids Schleuderstein:

Laptop oder Lederhosn, Snowboard oder Schnupftabak,
fesche Fashion, BMW, AUDI, Gaudi, Pulverschnee.
Hohe Berge, schöne Seen, a Sprache, die nur mia verstehn.
Koane Gangster, wenig Preissn, mei is Bayern schee.
w:

Ja, auch aus Olims Zeiten der Roider Jackl hat was:

A Knödl hot koa Boa, / und a Frosch hot koa Haar, / und a Ochs ko net lacha: / des is ganz gwiß woahr.
Frankk:
Was heißt denn das da eigentlich?

Unsre weißblaua Krampfsepperl
San für mi a rots Tuach.
Wenn jetzt oana Oachkatzelschwoaf sagn ko
Schreibt er scho über Bayern an Buach.

Es gibt Schwarze und Weiße
und d‘ Indianer san rot,
aber de schönste Rass‘ san mir Bayern.
Jetzt wißts es. Pfüa Gott!
w (bei sich):
Country music is three chords and the truth

greetse
ww

Spiel mit Klischees:
https://www.youtube.com/watch?v=gjShsr4EMhk
 

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