John Goodman
Mitglied
Kapitel 1
Fahles Vollmondlicht ruhte über dem Nebel. Ein Rudel Hunde heulte auf einem Felsvorsprung unter einer knorrigen Eiche. Der Fluss riss Treibholz mit sich. Am Ufer standen Menschen. Sie winkten Namira; ihre Münder bewegten sich stumm auf und ab. Eine Frau verharrte zwischen ihnen, das Gesicht lag im Schatten, sie kehrte ihr den Rücken zu und verschwand in der Dunkelheit. Das Heulen der Hunde zerfaserte in jaulende Sirenen.
Namira streckte die Hand aus, setzte zu einem Schritt an und versank im Schlamm, der sich um ihre Knöchel schloss, sie abwärts saugte, über ihren Rumpf stieg, das Kinn bedeckte, zwischen die Lippen drückte, in Mund und Nase quoll, die Lunge flutete, und sie gänzlich verschluckte. Schwärze.
Wasser prasselte auf Blech. Stimmen überschlugen sich. Viele Stimmen.
Namira riss die verklebten Lider auseinander. Die Umgebung blieb ein trüber Schleier.
»Halt! Bleiben sie alle hinter dem Absperrband!«
»... müsst ihr helfen! Brüllte eine raue Männerstimme. »Wie lange soll das noch dauern?«
»Treten Sie zurück! Ich warne sie, bleiben sie hinter dem Band. Nochmal werde ich mich nicht wiederholen.«
Stiefel scharrten über Asphalt.
»Festhalten! Packt ihn!«
Dumpfer Aufprall.
Ein Kind schluchzte. Aufgeregtes Gemurmel und Rufe aus der Menschenmenge.
»Run— Runter von mir!«, keuchte die Stimme gepresst. »Namira … Sie ist noch … ich … ich muss … zu ihr.«
In dem Schreien lag echte Besorgnis. Mr. Sullivan?
»Lassen Sie … mich … ich … ich muss— Namira, hörst du mich!« Sullivans Stimme schlug in ein Schluchzen um.
»Unten bleiben verdammt! Noch ein Zucken und Sie wandern wegen Behinderung der Rettungsarbeiten direkt in die Zelle. Das Letzte, was wir hier brauchen, ist ein Nachbar, der offensichtlich zu tief ins Glas geschaut hat.«
»Henry, bist du verrückt geworden?!«, rief eine Frau. »Lass die Leute ihre Arbeit machen.«
»Links halten! Wandkontakt!«
»Check! Schlauch kommt nach!«
»Druck erhöhen, auf fünf Bar kommen!«
Namira versuchte sich zu erinnern, was sie gestern gemacht hatte. Ein Pochen hinter den Schläfen riss den Gedanken ab. Scheiße, dröhnte ihr die Birne, als wäre der Dachstuhl auf ihren Schädel gekracht. Etwas Pelziges belagerte den Gaumen, seltsamer Gestank lag in der Luft. Sie blinzelte. Der Schleier vor ihren Augen wich scharfen Konturen. Ihr Kinn gegen Brust gedrückt. Sie zwang ihren Kopf zur Drehung. Das Genick blieb starr. Eine gezackte Linie schälte sich aus dem Dunst: ein geborstener Balken. Qualm von verschmortem Plastik drang in die Nase. Trümmer lasteten auf ihr. Von den Schultern zog sich die Bruchkante einer Mauer aufwärts. Die Zimmerdecke war Glaswolle und gesplittertes Holz.
Aus den Rissen im Gebälk lösten sich erste Tropfen: Einer perlte vom verkohlten Balken ab, fing kurz das Blaulicht ein und fiel. Ein Tropfen nach dem anderen klatschte auf ihre Stirn, auf ihre Wangen, in die Augenwinkel. Kleine Einschläge auf ihrer Haut. Feuchtigkeit rann über ihr Gesicht, sickerte in den Stoff ihres Tops, sammelte sich in den Kuhlen der Schlüsselbeine.
Aber sie spürte … nichts. Sie fühlte überhaupt nichts.
Im Kopf erlosch das Stechen. Ihre Kehle schnürte sich zu. Der Drang nach Luft zu schnappen. Ihr Brustkorb hob sich nicht. Sie kniff die Augen zusammen. Wartete auf das vertraute Pochen hinter den Schläfen. Nichts. Nicht einmal mehr ein Herzschlag.
NICHT ECHT! NICHT ECHT! NICHT ECHT!
Sie zwang die Lippen auseinander, wollte einen Laut herauspressen, und blieb stumm.
Das Brüllen der Feuerwehrleute, die Sirenen, Sullivans heisere Rufe verebbten zu einem fernen Rauschen.
Sie versuchte, einen Finger zu krümmen. Die Zehen im Schutt auszustrecken.
Regungslos. Ihr Geist war hellwach, aber der Körper antwortete nicht. Die Trümmer hätten sie erdrücken müssen. Sie müsste schreien. Und im eigenen Blut ertrinken. Stattdessen vollkommene Leere. Warum war sie dann nicht tot? Weil das nicht echt war. Gefangen in einem abgefuckten Albtraum. Wach auf! Wach auf! WACH VERDAMMT NOCH MAL AUF!
Strom zuckte durch Fleisch und Knochen, schlug in ihr Herz. Es pochte einige Male gegen das Brustbein und erstarb. Funken sprühten auf die Netzhaut. Knirschende Zähne. Der Körper bäumte sich auf.
Knall. Die Hand riss durch die Trümmer nach oben. Eine Lichtblase dehnte sich aus, verdampfte den Schutt und tauchte Namira in grelles Weiß.
Acht Jahre alt, umzäunt von den rostigen Gittern des Kinderheims. Ein Grashalm zwischen den Zähnen. Bitterer Pflanzensaft auf der Zunge.
Hinter ihr das Geschrei spielender Kinder auf dem Schotter. Sie lag im Kamillenbeet, die Beine ausgestreckt, und starrte in die Mittagssonne. Ohne zu blinzeln. Tränen liefen über die Schläfen. Weiß biss in die Pupillen.
Das Leuchten zog sich zurück, hinterließ einen Nebel, der träge im Kreis waberte; dicht und rostrot glimmend.
In seinem Inneren schwangen Myriaden winziger Funken, tanzten in engen Schleifen umeinander, nur um sich im nächsten Wimpernschlag gegenseitig auszulöschen. Kaum waren die Paare erloschen, flackerten an anderer Stelle weitere Funken auf. Bis die Luft zu flimmern begann, der Nebel sich verdichtete, zu einer gleißenden Flüssigkeit entzündete, und als Fontäne in den Nachthimmel peitschte.
Eine Druckwelle erfasste das umliegende Mauerwerk. Risse jagten durch den Beton. Mit einem trockenen Bersten fetzte das Fundament in Stücke. Scharfkantiges Gestein schoss an ihren Augen vorbei. Boden im Rücken gab ruckartig nach. Sie brach ein. Ein Grollen verwandelte das Erdreich in einen Krater, der sie nach unten riss. Ihr Sichtfeld: nur noch ein kreisrundes Loch. Der Unterkörper lag schräg angewinkelt. Sie war völlig nackt. Einzelne Sterne am Himmel blitzten durch den Staubschleier, und die Stimmen der Außenwelt drangen wieder zu ihr durch; verzerrt, voller Angst.
Wildes Durcheinander weglaufender Schritte. Stolpern. Gehetzter Atem. Jemand rief nach einem Kind, eine Frau wimmerte. Ein weiteres Geräusch zerriss die Luft. Etwas schlug ein. Metall ächzte. Klirrender Glasregen auf dem Asphalt. Alarmanlagen setzten mit wirrem Piepen ein.
»Nicht stehen bleiben, lauft weiter!«, rief eine brüchige Stimme.
»Rückzug! Alle Einheiten sofort zurück!«, krächzte es aus einem Funkgerät irgendwo in der Nähe der Ruine.
Die Verwüstung um sie herum wirkte genauso unwirklich wie die Tatsache, dass sie an den Händen, am Körper keine Reibung spürte. Keinen Widerstand, keine Härte; nur eine andere Form des Nichts. Bloß weg hier! Aufstehen, einfach nur verschwinden.
Tief in ihr schaltete etwas um.
Der Oberkörper schob sich aus der Liegeposition nach vorn. Eine fließende Bewegung, als würde eine Kraft sie nach oben ziehen, doch ohne Zug, ohne Druck in den Füßen. Der Körper durchschnitt den Rauch. In feinen Schwaden schlängelte er sich zwischen den Beinen hindurch, bis sie aufrecht stand.
Sie blickte über die zerfetzte Kante des Kraters. Wenige Schritte entfernt lag unter einem Betonblock ein Körper. Seltsam verdreht. Ein Arm ragte steif in die Höhe. Trümmerteile waren als glühende Geschosse in die Fassaden geschlagen, rissen tiefe Furchen in den Asphalt. Schwarzer Qualm stieg auf. Von parkenden Autos floss Metall, sammelte sich zu Glutpfützen, kleine Flammen zuckten über die Ränder. Luft flirrte.
Das Kunstleder eines Fahrersitzes schlug Blasen, zog Fäden, tropfte sirrend zu Boden. Quer über der Straße stand ein verlassener Feuerwehrwagen. Stumm drehte sich das Blaulicht.
Ihr Blick riss ab, fiel zurück auf den Betonblock. Auf den Arm. Zwei Finger weggeknickt, flach gegen den Handrücken.
Aber nur ein Gedanke schoss durch ihren Verstand: Das war nicht echt. Das konnte nicht echt sein. Wenn sie jetzt die Augen schloss und bis zehn zählte, würde sie aufwachen und die Kühle ihres Lakens spüren.
Kapitel 2
Augen zu. Eins. Zwei. Drei. Gleich war sie weg. Im Bett. Die Decke über dem Kopf. Weiterhin kein Herzschlag. Warum hörte sie ihr Herz nicht? Ihre Brust bewegte sich nicht. Kein Heben, kein Senken. Nur dieses Nichts in ihr. Vier. Fünf. Sechs. Gleich würde sie aufwachen. WACH AUF! Einfach nur den Wind auf der Haut fühlen. Spüren, wie die Lunge sich füllte. Das brennende Ziehen in der Brust, wenn man die Luft zu lange anhielt. Nichts. Sieben. Acht. Neun. Bitte. Einfach nur wieder atmen. Zehn.
Sie riss die Augen auf. Qualm. Flammen. Silhouetten in der Ferne. Sie rannten. Ihre Stimmen drangen nur noch als Echo herüber.
Die Fassade des Nachbarhauses war aufgerissen. Das Haus von Mr. Sullivan. Staub rieselte aus dem Mauerwerk. Hinter geborstenen Fenstern fraß sich Feuer in die Vorhänge. Gurgelnder Schrei irgendwo aus den Trümmern hinter einem Autowrack.
Raus aus diesem Loch.
Hände stiegen der Kraterkante entgegen. Luft flirrte um die Arme, verzerrte den Blick auf die Flammen und den aufgeplatzten Asphalt.
Flimmerndes Licht stauchte sich zu blauen Bögen um die Glieder. Weißes Glühen kräuselte sich an den Fingern, quoll in zähen Fäden die Handrücken empor. Ihr Bein winkelte an. Funken tänzelten über die Kniescheibe. Was war das für eine Scheiße? Bewegung stoppen. Halt. Hör auf. HÖR AUF!
Zwischen den Handflächen zündete ein Lichtpunkt, blähte sich zur Kugel auf, schlug ihr als steriles Weiß ins Gesicht, tilgte den Brandgestank und verpuffte.
Mattes Abendlicht kehrte zurück. Bittere Säure eines unreifen Apfels füllte den Rachen, begleitet vom Rost einer Münze, die sie mal als Kind in den Mund genommen hatte. Sie versuchte zu spucken. Nichts. Reglos wie bei einer Leiche.
In der Krümmung aus schwarzem Glas verschwamm ihre Gestalt um das blaue Glühen der Augen. Der gebündelte Schweif ihrer Haare hatte sich vom Nacken gelöst, schwebte träge.
Waren ihre Haare länger geworden?
Kreisrund schnitt die Aushöhlung durch die Kraterwand und den Betonblock. Darunter gelbe Einsatzkleidung und Fleisch, bündig an der Schnittkante: vom porösen Inneren des Oberarmknochens über Rippenansätze und Herzkammern entlang der Wirbelsäule. Magensack und Darmschlingen zuckten. Glibber. Hüftknochen splitterte. Beton sackte ab, zerquetschten den Rumpf. Ein nasses Knacken. Blut und Weichteile quollen hervor, rutschten die Glätte hinab, schmatzten auf den Kratergrund vor ihre Füße. Dunst von fauligen Eiern stieg aus den Innereien. Ein Würgereflex bäumte sich auf und zerschellte an ihrer Leere. Etwas Gallenartiges verblieb irgendwo in der Kehle. Ein Ruck: Die Hand sollte die Nase zuhalten. Arme hingen starr an den Schultern.
Einfach nur lächerlich. Vermutlich irgendein Hirnspuk. Eine dieser Nächte, in denen man im Kopf festsaß und die Synapsen Amok liefen. Sie kannte das Zeug aus etlichen Foren: Der Geist war hellwach, der Körper lag wie tot im Bett. Man erlebte den krassesten Film. Die Regel galt: Wenn man wusste, dass es nicht stimmte, brach der Albtraum ab. Oder konnte ihn zumindest steuern. Und wenn doch kein Albtraum. Was dann? Tot? Und das hier nur— Nein.
Knisterndes Holz in den Flammen. Jaulende Alarmanlagen.
Ein Knall. Der Vorderreifen des Löschwagens detonierte, zerfetzte den Radkasten. Scheiben barsten. Eine Feuerwalze fegte über den Boden. Brennende Gummifetzen hagelten in den Krater. Metallsplitter prallten an ihrer Brust ab. Die verbogene Achse rammte in den Asphalt.
Sie schloss ihre Lider. Offenbar der einzige Teil dieses Körpers, den sie bewusst ansprechen konnte.
Klick. Ein Kippschalter schnappte um. Das Dröhnen in ihren Ohren verstummte.
Namira riss die Lider auf. Tiefschwarz drängte in ihr Blickfeld. Eisbonbon schoss in den Kopf, packte das gallenartige Etwas. Bittere Mandel setzte sich im Rachen fest. Ätzend. Trocken. Unter ihr wölbte sich ein Schildbuckel. Kobaltblau säumte den Bogen, glühte in Cyan auf. Über den Erdrand brach der Ansatz einer kalkweißen Schweißflamme. Im Eigenschatten des Planeten pulsierten goldene Lichtadern zwischen den Bergrippen. Die Alpen: zerfurchtes Gestein mit eisigen Graten. Eine schwarze Sichel des Mittelmeers schnitt in die Landmasse. Der Stiefel von Italien ragte als schmaler Sporn in das Wasser. Sie schwenkte den Blick nach Paris, dass einsam in der Ebene glomm. Ein dichtes Flussgeflecht zog bis an die Nordsee.
Die Erdkrümmung flachte ab — eine Wand, die senkrecht vor ihren Augen hochwuchs. Wind zischte. Paris raste an den Rand und verschwand. Gebirgsketten fächerten sich auf in Schluchten. Das Lichtnetz von Zürich trieb auseinander.
Träume sollten für gewöhnlich enden, wenn man fiel. Musste sie erst aufschlagen? Würde sie dann in den eigenen vier Wänden aufwachen? Das kühle Bettlaken auf der Haut. Aber wenn das wirklich kein Traum war. Was war es dann? Der Sturtz in den Tod. Man würde sie als blutigen Fleck vom Stein kratzen. Ihr Schrei prallte gegen taubes Fleisch und erstickte.
Ein Stechen hinter ihrem Auge. Sie riss die Arme nach vorn. Unter den Handflächen zündete eine Lichtscheibe, jagte kreisrund nach außen, schluckte die Nacht. Metallisches Kreischen.
Erdränder krümmten sich wie Papier im Feuer. Stille. In der Schwärze flammte die Sonne auf. Augen fixierten die blauschimmernde Lichtscheibe, die den halben Planeten umspannte und verblasste. Meere verkümmerten zu Pfützen. Kontinente zu schemenhaften Flecken.
Sie schoss über kreideweiße Gesteinswüste. Kraterkämme warfen gezackte Schatten, verzogen sich zu Schlieren. Die Nasenspitze raste an der Bruchkante eines Abgrunds vorbei. Fingerkuppen streiften den grauen Staub. Weißes Gleißen — entzündete die Steinmasse zu einem Lichtmeer. Schmelzblasen schwollen an und zerplatzten. Seitwärts peitschten Plasmawellen hoch, zogen hauchdünne Filamente, barsten in Tropfen. Schwarze Blitze zuckten auf ihrer Netzhaut. Sie blinzelte. Der Felskörper verdunkelte die Erdscheibe und stürzte in die Tiefe. Eine glühende Kerbe spaltete die Nachtseite.
Eisblaue Lichtschweife bäumten sich entlang der Wölbung auf, fächerten auseinander wie die Flügel eines Schmetterlings und trieben in die Leere. Hatte sie gerade den ... den Mond berührt? Die Welt schrumpfte auf Zweifingerbreite, bis sie die gesamte Menschheit hinter einem Daumennagel verdecken konnte.
Sie streckte die Hand nach der Sonne. Licht säumte ihre Knöchel.
Irgendwo hatte sie gelesen, dass Sterbende halluzinierten. Die Neuronen feuerten ein letztes Mal und dehnten eine Sekunde zur Ewigkeit.
Von wegen, das Leben zog noch einmal an einem vorbei. Lächerlich. Vielleicht war das auch besser so. Ihr musste nicht vor Augen geführt werden, dass sie ihre Zeit vergeudet hatte.
Also war sie tot. Die Trümmer ihres Daches hatten sie zerdrückt. Kein Schmerz, keine Atmung, kein Herzschlag. Nur diese Hölle. Und die Erde: nur noch ein Glanzpunkt.
Vanille. Eine beißende Süße. Aufgeweichte Zuckerstreusel verliefen zu bunten Schlieren in der Eisschmelze und drängten sich auf die Zunge — oder das, was sie dafür hielt. Geschmack entstand ohnehin erst im Gehirn; hatte der Sprecher der Dokumentationsreihe Wunderwerk Mensch erklärt.
Vorausgesetzt, man besaß noch eins.
Und doch erinnerte es sie an matschigen Waffelteig, der am Gaumen kleben blieb. Sie hatte versucht, ihn mit der Zunge wegzuschieben. Vergeblich. Schließlich musste sie in den Mund greifen. Frau Brunner, die immer so aussah, als hätte sie etwas Falsches gegessen, packte sie am Arm. Es zieme sich nicht für eine Dame, Essensreste aus dem Mund zu kratzen. Sie schlug ihr auf die Finger.
Dann war das hier so etwas wie ihre Seele? Leuchtende Strähnen drifteten vor dem Gesicht. Ihre Hand glitt über die Brust, folgte der flachen Bauchdecke hinab zum Ansatz ihrer Schamhaare. Nichts. Nicht einmal taub. Sie konnte genauso gut ins Leere greifen. Augen verharrten an den Zehenspitzen.
Sie hatte nie an diesen Quatsch geglaubt. Und trotzdem schien etwas dran zu sein. Ein Drogentrip. Hieß es bei Pilzen nicht so, dass man den Verstand verlor und zu den Sternen segelte? Eine außerkörperliche Erfahrung. Hätte sie noch eine Stimme besessen, sie hätte gelacht. Weil es bedeutete, dass dieser Zustand ein Ende fand. Irgendwann hörte jeder Trip auf. Aber woher überhaupt sollte sie an das Zeug kommen?
Entlang ihrer Konturen zündete ein Glühen. Kobaltblauer Schimmer überzog die Haut, hüllte ihre Unterarme ein und zog in hauchdünnen Fäden um ihren Unterleib.
Sie hob die Hände vor das Gesicht. Funken sprühten von ihren Knöcheln ab, barsten in roten Blitzen an den Handkanten.
War das der Augenblick, in dem sie sich auflöste? Zu Staub zerfiel? Sie krümmte nacheinander die Finger. Zwischen den Kuppen sprangen Funken, zogen Lichtbögen und stoben davon. Offensichtlich nicht. Außerdem war das ganze Seelengerede ohnehin absurd. Es musste eine einfache Erklärung geben. Und die einfachste war: Sie halluzinierte im Fieberwahn. Mr. Sullivans aufgerissene Fassade. Flammen, die nach den Vorhängen lechzten. Schreie fliehender Nachbarn. Brennendes Blech. Der reglose Körper vor der Kraterkante, sauber geteilt.
Vielleicht kauerte sie bereits in der Ecke einer Gummizelle und starrte sabbernd an das Deckenpolster. Wenn sie wirklich tot war, dann war sie verdammt noch mal tot. Eine Leiche dachte nicht, schmeckte kein Vanilleeis und hatte sich gefälligst an nichts zu erinnern. Sie versuchte, die Tage davor zusammenzuraffen. Irgendetwas, das diesen Zustand begründete. Sie stand an der Haustür, den Schlüssel ins Schloss geschoben. Mr. Sullivan drüben auf der Veranda, der sie anlächelte und ihr eine gute Nacht wünschte. Der Rest: ein klaffendes Loch.
Kapitel 3
Die Sonne war zu einem Zehnrappenstück geschrumpft. Guns N’ Roses lief in dem kleinen Lokal, das sie zufällig entdeckt hatte. Warmer Fleischsaft auf der Zunge, geschmolzener Bergkäse, die Säure eingelegter Gurken und die fruchtige Süße von Preiselbeer-Dip. Dass man einen Burger auch dippen konnte, hätte man ihr früher sagen müssen. Oder einfach nur die Zehen in den feuchten Sand graben. Kühle Gischt über die Füße schwappen lassen. Segelspitzen am Horizont beobachten. So zumindest hatte sie sich Urlaub vorgestellt. Aber sie war noch nie am Strand. Genau genommen noch nie außerhalb von Zürich. Das Restlicht der Erde flackerte auf und erlosch.
Namira drehte der Sonne den Rücken zu und starrte in die Finsternis — bis ein Sternenmeer anschwoll. Schwarze Adern durchzogen den reliefartigen Teppich aus Silbersand. Bernstein wölbte sich um das Goldleuchten im Zentrum. Sie streckte die Hand aus. An den Fingerkuppen entflammte ein gelbviolettes Glühen, strömte in Lichtfäden den Unterarm hinauf. Smaragdfunken verwirbelten an Wimpern und Wangen. Einer zog Kreise vor ihrer Pupille, verengte die Bahn, sprang nach außen und begann von vorn.
Aus der Tiefe stach ein Lichtpunkt hervor, brannte schärfer als das restliche Gewimmel. Sie liebte Weltraum-Dokumentationen. Galaxienhaufen, schwarze Löcher, eine Sprecherstimme, die von Milliarden Lichtjahren erzählte, untermalt von epischer Musik. Geblieben war davon kaum. Eigentlich peinlich. Wenn sie jetzt jemand gefragt hätte, wie viele Planeten um die Sonne kreisten – sie hätte raten müssen. Waren es acht? Oder neun? Hatte man diesen einen Felsbrocken am Ende nicht wieder rausgeworfen?
Das Leuchten wuchs zu einer Kupfermünze, wölbte sich, verlor die Glätte und verdrängte das Licht der Sterne. Dunstschleier folgten der Rundung.
Ein Fremdkörper schoss heran: bauchiger Kasten aus Goldfolie. Flügel, überzogen von dunkelblauen Waben. Seitlich ragte eine Gitterstruktur aus Dreiecken, daran eine weiße Schale. Auf dem Rumpf die US-amerikanische Flagge und das NASA-Logo. Das Ding riss nach hinten weg.
Rostrot explodierte in ihrem Blickfeld.
Am Rand der Sphäre reflektierte ein Eispanzer das Sonnenlicht. Bergrücken warfen langgezogene Schatten über die Wüste.
Fester Boden! Endlich. Der Ausgang. Das war er. Sie musste nur an dem Fels zerschellen, dann riss die Halluzination ab. Der Aufprall. Er würde sie wachrütteln, ihr Bewusstsein zurück in den Schädel rammen. Und alles wäre wie zuvor. Eng. Grau.
Burger mit Preiselbeerdip. Vanilleeis und Zuckerstreusel. Einfach nur die Sonne auf der Haut spüren. Den Wind in den Haaren. Dem Vogelgezwitscher lauschen. Das Erste, was sie machen würde, wenn sie aufwachte: Urlaub. Sie würde in den Urlaub fahren, auf jeden Fall. Sie hatte das viel zu lange vor sich hergeschoben. Der ganze Aufwand. Die Schlangen an den Gates, das Gedränge beim Boarding. Fremde Menschen dicht an dicht. So viele Menschen. Jedes Mal hatte sie sich lieber in ihren vier Wänden verkrochen.
Der gekrümmte Horizont einer Hochebene dehnte sich aus. Sie durchschlug den Dunstschleier. Felsschluchten stürzten in Terrassen ab. Zwischen den Hängen erstreckten sich Dünen aus gefurchten Rippen. Weißes Glühen schluckte sie. Metallisches Kreischen zerhackte sich in ein Piepen. Ein Hauch von Wärme auf der Haut. Sie riss die Augen auf und starrte an die Zimmerdecke. Weiche Matratze im Rücken. Sonnenlicht fiel durch die Vorhänge, legte Staubkanten auf Bücherregal und Kommode. Sie erhob ihren Oberkörper, die Bettdecke rutschte an den Brüsten hinab. Fingerspitzen strichen über den Baumwollsaum. Ihr Blick wanderte zum Wecker auf dem Nachttisch. Sie streckte eine Hand aus, drückte die breite Taste. Klick. Das Piepen erstarb. Ein Vogel flatterte heran, tippte mit dem Schnabel gegen Glas und besang vor dem gekippten Fenster die Zürcher Morgenruhe. Die Melodie verzog sich, verharrte auf einer monotonen Frequenz, übersteuerte zu einem schrillen Pfeifen. Sie schnellte die Arme hoch, schlug beide Hände auf die Ohren. Stechen unter der Schädeldecke.
Das Bett brach weg, riss sie mit in die Tiefe. Der Körper rammte die Schachtwand. Risse jagten durch das Schwarzglas, ihr Arm pflügte eine Furche. Sie prallte mit der Stirn auf den Grund, wirbelte herum und blieb auf dem Rücken liegen. Scherben mit scharfen Flanken trieben auseinander und sanken zurück. Ein Felskeil schlug vor ihrem Gesicht ein. Aus dem Basaltglas starrte ihr Spiegelbild sie an. Verzerrt. Blass. Ein Haarriss spaltete das blaue Glühen ihrer Augen. Namiras Kopf ruckte zur Seite.
Glasperlen regneten, zogen Funkenschlieren, prasselten auf Wangen und Stirn, rollten in die Mulde des Bauchnabels, sammelten sich zwischen den Schenkeln.
Ihr Blick stieg den Schacht empor. Am oberen Ende stand der kreisrunde Ausschnitt des Himmels in lachsfarbenem Dunst. Darin verharrte eine kleine Sonne. Felsbrocken lösten sich von den Bruchrändern, prallten an Wandvorsprüngen ab und taumelten in weiten Bögen hinunter. Ein Spitzgezackter schlug auf ihr Brustbein und zerschellte. Gesteinssplitter stoben davon. Trümmer krachten verstreut um ihren Körper nieder. Staubfontänen schossen aus dem Geröll. Der Schleier quoll vor die Öffnung und streute das Licht in ein Graugelb. Salz und verbranntes Karamell legten sich auf ihre Zunge. Der Versuch, sie an den Gaumen zu drücken und an den Zahnreihen entlangzuführen, scheiterte.
Das Schmatzen von Eingeweiden. Eine Frau, die nach ihrem Kind schrie.
NEIN! NEIN, VERDAMMT!
Der Boden in ihrem Rücken explodierte. Sie schnellte nach oben, kippte vornüber. Unter den Kniescheiben zündete weißes Glühen. Glas verdampfte, hinterließ zwei glatte Mulden. Sie sackte ein. Ihre Faust riss empor, raste abwärts. Vor den Knöcheln blähte sich eine Lichtkugel auf, glitt an ihrer Haut entlang. Kreischende Sägeblätter frästen durch ihren Schädel. Die Blase hölte den Stein aus und verpuffte. Sie fiel. Licht krümmte sich um Arme und Schultern.
Namira stieß sich hoch. Glühen an den Fersen. Sie sank in die Kante der Vertiefung, warf sich gegen die Schachtwand, hämmerte die Fäuste in den Basalt. Lichtblasen brachen aus den Einschlägen hervor, schwollen an, schluckten das Gestein und die Ränder benachbarter Sphären. Das Leuchten riss ab.
Ein Nest aus ineinandergreifenden Mulden klaffte ihr entgegen. Dutzende blaue Augen starrten sie an.
In einem der Forenbeiträge hatte einer gewarnt: Manchmal schaltete das Gehirn den Reflex ab, wenn der Traum so dicht geworden war, dass der Körper den Sturz einfach schluckte, statt aufzuwachen. Dann blieb nur das Sterben. Doch der Selbsterhaltungstrieb wehrte sich. Es verlangte eine Überwindung, zu der kaum jemand fähig war. Wer zu lange zögerte, blieb hängen, akzeptierte den Traum als neue Realität. Sie hatte damals darüber gelacht und den Tab geschlossen.
Sie hob den Arm, presste die Finger zum Keil. Vorn ballte sich ein gleißender Punkt. Über den Handrücken zogen Lichtfäden, wanden sich spiralförmig den Unterarm hinauf.
Fingerspitzen rammten das Brustbein. Das Gleißen brach in Tentakeln auf, peitschte um ihre Hüften, schlang sich um den Brustkorb und verblasste.
Sie schlug die Faust gegen das Kinn, hämmerte in die Schläfe, traf Wangenknochen und Stirn. Blitze zuckte um ihr Gesicht. Mit jedem Schlag wurde das Dröhnen leiser und wich dem fernen Rauschen eines Windes. Beide Hände griffen in den Schopf, rissen an den Wurzeln. Strähnen glitten zwischen den Fingern hindurch. Blaue Funken sprühten. Sie wickelte das Haar um die Faust und zerrte daran, wieder glitt es aus dem Griff.
Namira ließ sich auf alle Viere fallen. Weißes Gleißen brach unter Knien und Handflächen hervor. Gestein löste sich auf. Die Glieder sanken in die Mulde.
Im Basaltglas lag ihr Spiegelbild. Tränen schäumten in den Augen, verfingen sich als Bläschen in den Wimpern, froren zu Spitzen. Sie blinzelte. Eiskristalle trieben aufwärts. Eine Falte grub sich zwischen die Brauen. Lippen bebten, wichen auseinander. Ein Stechen in der Brust.
Heiseres Schluchzen drang an ihre Ohren. Ihre Stimme? Fremd. Dumpf. Klanglos wie unter Wasser.
Warum machte sie sich überhaupt noch etwas vor? Sie kannte längst die Wahrheit.
Fortsetzung folgt
Fahles Vollmondlicht ruhte über dem Nebel. Ein Rudel Hunde heulte auf einem Felsvorsprung unter einer knorrigen Eiche. Der Fluss riss Treibholz mit sich. Am Ufer standen Menschen. Sie winkten Namira; ihre Münder bewegten sich stumm auf und ab. Eine Frau verharrte zwischen ihnen, das Gesicht lag im Schatten, sie kehrte ihr den Rücken zu und verschwand in der Dunkelheit. Das Heulen der Hunde zerfaserte in jaulende Sirenen.
Namira streckte die Hand aus, setzte zu einem Schritt an und versank im Schlamm, der sich um ihre Knöchel schloss, sie abwärts saugte, über ihren Rumpf stieg, das Kinn bedeckte, zwischen die Lippen drückte, in Mund und Nase quoll, die Lunge flutete, und sie gänzlich verschluckte. Schwärze.
Wasser prasselte auf Blech. Stimmen überschlugen sich. Viele Stimmen.
Namira riss die verklebten Lider auseinander. Die Umgebung blieb ein trüber Schleier.
»Halt! Bleiben sie alle hinter dem Absperrband!«
»... müsst ihr helfen! Brüllte eine raue Männerstimme. »Wie lange soll das noch dauern?«
»Treten Sie zurück! Ich warne sie, bleiben sie hinter dem Band. Nochmal werde ich mich nicht wiederholen.«
Stiefel scharrten über Asphalt.
»Festhalten! Packt ihn!«
Dumpfer Aufprall.
Ein Kind schluchzte. Aufgeregtes Gemurmel und Rufe aus der Menschenmenge.
»Run— Runter von mir!«, keuchte die Stimme gepresst. »Namira … Sie ist noch … ich … ich muss … zu ihr.«
In dem Schreien lag echte Besorgnis. Mr. Sullivan?
»Lassen Sie … mich … ich … ich muss— Namira, hörst du mich!« Sullivans Stimme schlug in ein Schluchzen um.
»Unten bleiben verdammt! Noch ein Zucken und Sie wandern wegen Behinderung der Rettungsarbeiten direkt in die Zelle. Das Letzte, was wir hier brauchen, ist ein Nachbar, der offensichtlich zu tief ins Glas geschaut hat.«
»Henry, bist du verrückt geworden?!«, rief eine Frau. »Lass die Leute ihre Arbeit machen.«
»Links halten! Wandkontakt!«
»Check! Schlauch kommt nach!«
»Druck erhöhen, auf fünf Bar kommen!«
Namira versuchte sich zu erinnern, was sie gestern gemacht hatte. Ein Pochen hinter den Schläfen riss den Gedanken ab. Scheiße, dröhnte ihr die Birne, als wäre der Dachstuhl auf ihren Schädel gekracht. Etwas Pelziges belagerte den Gaumen, seltsamer Gestank lag in der Luft. Sie blinzelte. Der Schleier vor ihren Augen wich scharfen Konturen. Ihr Kinn gegen Brust gedrückt. Sie zwang ihren Kopf zur Drehung. Das Genick blieb starr. Eine gezackte Linie schälte sich aus dem Dunst: ein geborstener Balken. Qualm von verschmortem Plastik drang in die Nase. Trümmer lasteten auf ihr. Von den Schultern zog sich die Bruchkante einer Mauer aufwärts. Die Zimmerdecke war Glaswolle und gesplittertes Holz.
Aus den Rissen im Gebälk lösten sich erste Tropfen: Einer perlte vom verkohlten Balken ab, fing kurz das Blaulicht ein und fiel. Ein Tropfen nach dem anderen klatschte auf ihre Stirn, auf ihre Wangen, in die Augenwinkel. Kleine Einschläge auf ihrer Haut. Feuchtigkeit rann über ihr Gesicht, sickerte in den Stoff ihres Tops, sammelte sich in den Kuhlen der Schlüsselbeine.
Aber sie spürte … nichts. Sie fühlte überhaupt nichts.
Im Kopf erlosch das Stechen. Ihre Kehle schnürte sich zu. Der Drang nach Luft zu schnappen. Ihr Brustkorb hob sich nicht. Sie kniff die Augen zusammen. Wartete auf das vertraute Pochen hinter den Schläfen. Nichts. Nicht einmal mehr ein Herzschlag.
NICHT ECHT! NICHT ECHT! NICHT ECHT!
Sie zwang die Lippen auseinander, wollte einen Laut herauspressen, und blieb stumm.
Das Brüllen der Feuerwehrleute, die Sirenen, Sullivans heisere Rufe verebbten zu einem fernen Rauschen.
Sie versuchte, einen Finger zu krümmen. Die Zehen im Schutt auszustrecken.
Regungslos. Ihr Geist war hellwach, aber der Körper antwortete nicht. Die Trümmer hätten sie erdrücken müssen. Sie müsste schreien. Und im eigenen Blut ertrinken. Stattdessen vollkommene Leere. Warum war sie dann nicht tot? Weil das nicht echt war. Gefangen in einem abgefuckten Albtraum. Wach auf! Wach auf! WACH VERDAMMT NOCH MAL AUF!
Strom zuckte durch Fleisch und Knochen, schlug in ihr Herz. Es pochte einige Male gegen das Brustbein und erstarb. Funken sprühten auf die Netzhaut. Knirschende Zähne. Der Körper bäumte sich auf.
Knall. Die Hand riss durch die Trümmer nach oben. Eine Lichtblase dehnte sich aus, verdampfte den Schutt und tauchte Namira in grelles Weiß.
Acht Jahre alt, umzäunt von den rostigen Gittern des Kinderheims. Ein Grashalm zwischen den Zähnen. Bitterer Pflanzensaft auf der Zunge.
Hinter ihr das Geschrei spielender Kinder auf dem Schotter. Sie lag im Kamillenbeet, die Beine ausgestreckt, und starrte in die Mittagssonne. Ohne zu blinzeln. Tränen liefen über die Schläfen. Weiß biss in die Pupillen.
Das Leuchten zog sich zurück, hinterließ einen Nebel, der träge im Kreis waberte; dicht und rostrot glimmend.
In seinem Inneren schwangen Myriaden winziger Funken, tanzten in engen Schleifen umeinander, nur um sich im nächsten Wimpernschlag gegenseitig auszulöschen. Kaum waren die Paare erloschen, flackerten an anderer Stelle weitere Funken auf. Bis die Luft zu flimmern begann, der Nebel sich verdichtete, zu einer gleißenden Flüssigkeit entzündete, und als Fontäne in den Nachthimmel peitschte.
Eine Druckwelle erfasste das umliegende Mauerwerk. Risse jagten durch den Beton. Mit einem trockenen Bersten fetzte das Fundament in Stücke. Scharfkantiges Gestein schoss an ihren Augen vorbei. Boden im Rücken gab ruckartig nach. Sie brach ein. Ein Grollen verwandelte das Erdreich in einen Krater, der sie nach unten riss. Ihr Sichtfeld: nur noch ein kreisrundes Loch. Der Unterkörper lag schräg angewinkelt. Sie war völlig nackt. Einzelne Sterne am Himmel blitzten durch den Staubschleier, und die Stimmen der Außenwelt drangen wieder zu ihr durch; verzerrt, voller Angst.
Wildes Durcheinander weglaufender Schritte. Stolpern. Gehetzter Atem. Jemand rief nach einem Kind, eine Frau wimmerte. Ein weiteres Geräusch zerriss die Luft. Etwas schlug ein. Metall ächzte. Klirrender Glasregen auf dem Asphalt. Alarmanlagen setzten mit wirrem Piepen ein.
»Nicht stehen bleiben, lauft weiter!«, rief eine brüchige Stimme.
»Rückzug! Alle Einheiten sofort zurück!«, krächzte es aus einem Funkgerät irgendwo in der Nähe der Ruine.
Die Verwüstung um sie herum wirkte genauso unwirklich wie die Tatsache, dass sie an den Händen, am Körper keine Reibung spürte. Keinen Widerstand, keine Härte; nur eine andere Form des Nichts. Bloß weg hier! Aufstehen, einfach nur verschwinden.
Tief in ihr schaltete etwas um.
Der Oberkörper schob sich aus der Liegeposition nach vorn. Eine fließende Bewegung, als würde eine Kraft sie nach oben ziehen, doch ohne Zug, ohne Druck in den Füßen. Der Körper durchschnitt den Rauch. In feinen Schwaden schlängelte er sich zwischen den Beinen hindurch, bis sie aufrecht stand.
Sie blickte über die zerfetzte Kante des Kraters. Wenige Schritte entfernt lag unter einem Betonblock ein Körper. Seltsam verdreht. Ein Arm ragte steif in die Höhe. Trümmerteile waren als glühende Geschosse in die Fassaden geschlagen, rissen tiefe Furchen in den Asphalt. Schwarzer Qualm stieg auf. Von parkenden Autos floss Metall, sammelte sich zu Glutpfützen, kleine Flammen zuckten über die Ränder. Luft flirrte.
Das Kunstleder eines Fahrersitzes schlug Blasen, zog Fäden, tropfte sirrend zu Boden. Quer über der Straße stand ein verlassener Feuerwehrwagen. Stumm drehte sich das Blaulicht.
Ihr Blick riss ab, fiel zurück auf den Betonblock. Auf den Arm. Zwei Finger weggeknickt, flach gegen den Handrücken.
Aber nur ein Gedanke schoss durch ihren Verstand: Das war nicht echt. Das konnte nicht echt sein. Wenn sie jetzt die Augen schloss und bis zehn zählte, würde sie aufwachen und die Kühle ihres Lakens spüren.
Kapitel 2
Augen zu. Eins. Zwei. Drei. Gleich war sie weg. Im Bett. Die Decke über dem Kopf. Weiterhin kein Herzschlag. Warum hörte sie ihr Herz nicht? Ihre Brust bewegte sich nicht. Kein Heben, kein Senken. Nur dieses Nichts in ihr. Vier. Fünf. Sechs. Gleich würde sie aufwachen. WACH AUF! Einfach nur den Wind auf der Haut fühlen. Spüren, wie die Lunge sich füllte. Das brennende Ziehen in der Brust, wenn man die Luft zu lange anhielt. Nichts. Sieben. Acht. Neun. Bitte. Einfach nur wieder atmen. Zehn.
Sie riss die Augen auf. Qualm. Flammen. Silhouetten in der Ferne. Sie rannten. Ihre Stimmen drangen nur noch als Echo herüber.
Die Fassade des Nachbarhauses war aufgerissen. Das Haus von Mr. Sullivan. Staub rieselte aus dem Mauerwerk. Hinter geborstenen Fenstern fraß sich Feuer in die Vorhänge. Gurgelnder Schrei irgendwo aus den Trümmern hinter einem Autowrack.
Raus aus diesem Loch.
Hände stiegen der Kraterkante entgegen. Luft flirrte um die Arme, verzerrte den Blick auf die Flammen und den aufgeplatzten Asphalt.
Flimmerndes Licht stauchte sich zu blauen Bögen um die Glieder. Weißes Glühen kräuselte sich an den Fingern, quoll in zähen Fäden die Handrücken empor. Ihr Bein winkelte an. Funken tänzelten über die Kniescheibe. Was war das für eine Scheiße? Bewegung stoppen. Halt. Hör auf. HÖR AUF!
Zwischen den Handflächen zündete ein Lichtpunkt, blähte sich zur Kugel auf, schlug ihr als steriles Weiß ins Gesicht, tilgte den Brandgestank und verpuffte.
Mattes Abendlicht kehrte zurück. Bittere Säure eines unreifen Apfels füllte den Rachen, begleitet vom Rost einer Münze, die sie mal als Kind in den Mund genommen hatte. Sie versuchte zu spucken. Nichts. Reglos wie bei einer Leiche.
In der Krümmung aus schwarzem Glas verschwamm ihre Gestalt um das blaue Glühen der Augen. Der gebündelte Schweif ihrer Haare hatte sich vom Nacken gelöst, schwebte träge.
Waren ihre Haare länger geworden?
Kreisrund schnitt die Aushöhlung durch die Kraterwand und den Betonblock. Darunter gelbe Einsatzkleidung und Fleisch, bündig an der Schnittkante: vom porösen Inneren des Oberarmknochens über Rippenansätze und Herzkammern entlang der Wirbelsäule. Magensack und Darmschlingen zuckten. Glibber. Hüftknochen splitterte. Beton sackte ab, zerquetschten den Rumpf. Ein nasses Knacken. Blut und Weichteile quollen hervor, rutschten die Glätte hinab, schmatzten auf den Kratergrund vor ihre Füße. Dunst von fauligen Eiern stieg aus den Innereien. Ein Würgereflex bäumte sich auf und zerschellte an ihrer Leere. Etwas Gallenartiges verblieb irgendwo in der Kehle. Ein Ruck: Die Hand sollte die Nase zuhalten. Arme hingen starr an den Schultern.
Einfach nur lächerlich. Vermutlich irgendein Hirnspuk. Eine dieser Nächte, in denen man im Kopf festsaß und die Synapsen Amok liefen. Sie kannte das Zeug aus etlichen Foren: Der Geist war hellwach, der Körper lag wie tot im Bett. Man erlebte den krassesten Film. Die Regel galt: Wenn man wusste, dass es nicht stimmte, brach der Albtraum ab. Oder konnte ihn zumindest steuern. Und wenn doch kein Albtraum. Was dann? Tot? Und das hier nur— Nein.
Knisterndes Holz in den Flammen. Jaulende Alarmanlagen.
Ein Knall. Der Vorderreifen des Löschwagens detonierte, zerfetzte den Radkasten. Scheiben barsten. Eine Feuerwalze fegte über den Boden. Brennende Gummifetzen hagelten in den Krater. Metallsplitter prallten an ihrer Brust ab. Die verbogene Achse rammte in den Asphalt.
Sie schloss ihre Lider. Offenbar der einzige Teil dieses Körpers, den sie bewusst ansprechen konnte.
Klick. Ein Kippschalter schnappte um. Das Dröhnen in ihren Ohren verstummte.
Namira riss die Lider auf. Tiefschwarz drängte in ihr Blickfeld. Eisbonbon schoss in den Kopf, packte das gallenartige Etwas. Bittere Mandel setzte sich im Rachen fest. Ätzend. Trocken. Unter ihr wölbte sich ein Schildbuckel. Kobaltblau säumte den Bogen, glühte in Cyan auf. Über den Erdrand brach der Ansatz einer kalkweißen Schweißflamme. Im Eigenschatten des Planeten pulsierten goldene Lichtadern zwischen den Bergrippen. Die Alpen: zerfurchtes Gestein mit eisigen Graten. Eine schwarze Sichel des Mittelmeers schnitt in die Landmasse. Der Stiefel von Italien ragte als schmaler Sporn in das Wasser. Sie schwenkte den Blick nach Paris, dass einsam in der Ebene glomm. Ein dichtes Flussgeflecht zog bis an die Nordsee.
Die Erdkrümmung flachte ab — eine Wand, die senkrecht vor ihren Augen hochwuchs. Wind zischte. Paris raste an den Rand und verschwand. Gebirgsketten fächerten sich auf in Schluchten. Das Lichtnetz von Zürich trieb auseinander.
Träume sollten für gewöhnlich enden, wenn man fiel. Musste sie erst aufschlagen? Würde sie dann in den eigenen vier Wänden aufwachen? Das kühle Bettlaken auf der Haut. Aber wenn das wirklich kein Traum war. Was war es dann? Der Sturtz in den Tod. Man würde sie als blutigen Fleck vom Stein kratzen. Ihr Schrei prallte gegen taubes Fleisch und erstickte.
Ein Stechen hinter ihrem Auge. Sie riss die Arme nach vorn. Unter den Handflächen zündete eine Lichtscheibe, jagte kreisrund nach außen, schluckte die Nacht. Metallisches Kreischen.
Erdränder krümmten sich wie Papier im Feuer. Stille. In der Schwärze flammte die Sonne auf. Augen fixierten die blauschimmernde Lichtscheibe, die den halben Planeten umspannte und verblasste. Meere verkümmerten zu Pfützen. Kontinente zu schemenhaften Flecken.
Sie schoss über kreideweiße Gesteinswüste. Kraterkämme warfen gezackte Schatten, verzogen sich zu Schlieren. Die Nasenspitze raste an der Bruchkante eines Abgrunds vorbei. Fingerkuppen streiften den grauen Staub. Weißes Gleißen — entzündete die Steinmasse zu einem Lichtmeer. Schmelzblasen schwollen an und zerplatzten. Seitwärts peitschten Plasmawellen hoch, zogen hauchdünne Filamente, barsten in Tropfen. Schwarze Blitze zuckten auf ihrer Netzhaut. Sie blinzelte. Der Felskörper verdunkelte die Erdscheibe und stürzte in die Tiefe. Eine glühende Kerbe spaltete die Nachtseite.
Eisblaue Lichtschweife bäumten sich entlang der Wölbung auf, fächerten auseinander wie die Flügel eines Schmetterlings und trieben in die Leere. Hatte sie gerade den ... den Mond berührt? Die Welt schrumpfte auf Zweifingerbreite, bis sie die gesamte Menschheit hinter einem Daumennagel verdecken konnte.
Sie streckte die Hand nach der Sonne. Licht säumte ihre Knöchel.
Irgendwo hatte sie gelesen, dass Sterbende halluzinierten. Die Neuronen feuerten ein letztes Mal und dehnten eine Sekunde zur Ewigkeit.
Von wegen, das Leben zog noch einmal an einem vorbei. Lächerlich. Vielleicht war das auch besser so. Ihr musste nicht vor Augen geführt werden, dass sie ihre Zeit vergeudet hatte.
Also war sie tot. Die Trümmer ihres Daches hatten sie zerdrückt. Kein Schmerz, keine Atmung, kein Herzschlag. Nur diese Hölle. Und die Erde: nur noch ein Glanzpunkt.
Vanille. Eine beißende Süße. Aufgeweichte Zuckerstreusel verliefen zu bunten Schlieren in der Eisschmelze und drängten sich auf die Zunge — oder das, was sie dafür hielt. Geschmack entstand ohnehin erst im Gehirn; hatte der Sprecher der Dokumentationsreihe Wunderwerk Mensch erklärt.
Vorausgesetzt, man besaß noch eins.
Und doch erinnerte es sie an matschigen Waffelteig, der am Gaumen kleben blieb. Sie hatte versucht, ihn mit der Zunge wegzuschieben. Vergeblich. Schließlich musste sie in den Mund greifen. Frau Brunner, die immer so aussah, als hätte sie etwas Falsches gegessen, packte sie am Arm. Es zieme sich nicht für eine Dame, Essensreste aus dem Mund zu kratzen. Sie schlug ihr auf die Finger.
Dann war das hier so etwas wie ihre Seele? Leuchtende Strähnen drifteten vor dem Gesicht. Ihre Hand glitt über die Brust, folgte der flachen Bauchdecke hinab zum Ansatz ihrer Schamhaare. Nichts. Nicht einmal taub. Sie konnte genauso gut ins Leere greifen. Augen verharrten an den Zehenspitzen.
Sie hatte nie an diesen Quatsch geglaubt. Und trotzdem schien etwas dran zu sein. Ein Drogentrip. Hieß es bei Pilzen nicht so, dass man den Verstand verlor und zu den Sternen segelte? Eine außerkörperliche Erfahrung. Hätte sie noch eine Stimme besessen, sie hätte gelacht. Weil es bedeutete, dass dieser Zustand ein Ende fand. Irgendwann hörte jeder Trip auf. Aber woher überhaupt sollte sie an das Zeug kommen?
Entlang ihrer Konturen zündete ein Glühen. Kobaltblauer Schimmer überzog die Haut, hüllte ihre Unterarme ein und zog in hauchdünnen Fäden um ihren Unterleib.
Sie hob die Hände vor das Gesicht. Funken sprühten von ihren Knöcheln ab, barsten in roten Blitzen an den Handkanten.
War das der Augenblick, in dem sie sich auflöste? Zu Staub zerfiel? Sie krümmte nacheinander die Finger. Zwischen den Kuppen sprangen Funken, zogen Lichtbögen und stoben davon. Offensichtlich nicht. Außerdem war das ganze Seelengerede ohnehin absurd. Es musste eine einfache Erklärung geben. Und die einfachste war: Sie halluzinierte im Fieberwahn. Mr. Sullivans aufgerissene Fassade. Flammen, die nach den Vorhängen lechzten. Schreie fliehender Nachbarn. Brennendes Blech. Der reglose Körper vor der Kraterkante, sauber geteilt.
Vielleicht kauerte sie bereits in der Ecke einer Gummizelle und starrte sabbernd an das Deckenpolster. Wenn sie wirklich tot war, dann war sie verdammt noch mal tot. Eine Leiche dachte nicht, schmeckte kein Vanilleeis und hatte sich gefälligst an nichts zu erinnern. Sie versuchte, die Tage davor zusammenzuraffen. Irgendetwas, das diesen Zustand begründete. Sie stand an der Haustür, den Schlüssel ins Schloss geschoben. Mr. Sullivan drüben auf der Veranda, der sie anlächelte und ihr eine gute Nacht wünschte. Der Rest: ein klaffendes Loch.
Kapitel 3
Die Sonne war zu einem Zehnrappenstück geschrumpft. Guns N’ Roses lief in dem kleinen Lokal, das sie zufällig entdeckt hatte. Warmer Fleischsaft auf der Zunge, geschmolzener Bergkäse, die Säure eingelegter Gurken und die fruchtige Süße von Preiselbeer-Dip. Dass man einen Burger auch dippen konnte, hätte man ihr früher sagen müssen. Oder einfach nur die Zehen in den feuchten Sand graben. Kühle Gischt über die Füße schwappen lassen. Segelspitzen am Horizont beobachten. So zumindest hatte sie sich Urlaub vorgestellt. Aber sie war noch nie am Strand. Genau genommen noch nie außerhalb von Zürich. Das Restlicht der Erde flackerte auf und erlosch.
Namira drehte der Sonne den Rücken zu und starrte in die Finsternis — bis ein Sternenmeer anschwoll. Schwarze Adern durchzogen den reliefartigen Teppich aus Silbersand. Bernstein wölbte sich um das Goldleuchten im Zentrum. Sie streckte die Hand aus. An den Fingerkuppen entflammte ein gelbviolettes Glühen, strömte in Lichtfäden den Unterarm hinauf. Smaragdfunken verwirbelten an Wimpern und Wangen. Einer zog Kreise vor ihrer Pupille, verengte die Bahn, sprang nach außen und begann von vorn.
Aus der Tiefe stach ein Lichtpunkt hervor, brannte schärfer als das restliche Gewimmel. Sie liebte Weltraum-Dokumentationen. Galaxienhaufen, schwarze Löcher, eine Sprecherstimme, die von Milliarden Lichtjahren erzählte, untermalt von epischer Musik. Geblieben war davon kaum. Eigentlich peinlich. Wenn sie jetzt jemand gefragt hätte, wie viele Planeten um die Sonne kreisten – sie hätte raten müssen. Waren es acht? Oder neun? Hatte man diesen einen Felsbrocken am Ende nicht wieder rausgeworfen?
Das Leuchten wuchs zu einer Kupfermünze, wölbte sich, verlor die Glätte und verdrängte das Licht der Sterne. Dunstschleier folgten der Rundung.
Ein Fremdkörper schoss heran: bauchiger Kasten aus Goldfolie. Flügel, überzogen von dunkelblauen Waben. Seitlich ragte eine Gitterstruktur aus Dreiecken, daran eine weiße Schale. Auf dem Rumpf die US-amerikanische Flagge und das NASA-Logo. Das Ding riss nach hinten weg.
Rostrot explodierte in ihrem Blickfeld.
Am Rand der Sphäre reflektierte ein Eispanzer das Sonnenlicht. Bergrücken warfen langgezogene Schatten über die Wüste.
Fester Boden! Endlich. Der Ausgang. Das war er. Sie musste nur an dem Fels zerschellen, dann riss die Halluzination ab. Der Aufprall. Er würde sie wachrütteln, ihr Bewusstsein zurück in den Schädel rammen. Und alles wäre wie zuvor. Eng. Grau.
Burger mit Preiselbeerdip. Vanilleeis und Zuckerstreusel. Einfach nur die Sonne auf der Haut spüren. Den Wind in den Haaren. Dem Vogelgezwitscher lauschen. Das Erste, was sie machen würde, wenn sie aufwachte: Urlaub. Sie würde in den Urlaub fahren, auf jeden Fall. Sie hatte das viel zu lange vor sich hergeschoben. Der ganze Aufwand. Die Schlangen an den Gates, das Gedränge beim Boarding. Fremde Menschen dicht an dicht. So viele Menschen. Jedes Mal hatte sie sich lieber in ihren vier Wänden verkrochen.
Der gekrümmte Horizont einer Hochebene dehnte sich aus. Sie durchschlug den Dunstschleier. Felsschluchten stürzten in Terrassen ab. Zwischen den Hängen erstreckten sich Dünen aus gefurchten Rippen. Weißes Glühen schluckte sie. Metallisches Kreischen zerhackte sich in ein Piepen. Ein Hauch von Wärme auf der Haut. Sie riss die Augen auf und starrte an die Zimmerdecke. Weiche Matratze im Rücken. Sonnenlicht fiel durch die Vorhänge, legte Staubkanten auf Bücherregal und Kommode. Sie erhob ihren Oberkörper, die Bettdecke rutschte an den Brüsten hinab. Fingerspitzen strichen über den Baumwollsaum. Ihr Blick wanderte zum Wecker auf dem Nachttisch. Sie streckte eine Hand aus, drückte die breite Taste. Klick. Das Piepen erstarb. Ein Vogel flatterte heran, tippte mit dem Schnabel gegen Glas und besang vor dem gekippten Fenster die Zürcher Morgenruhe. Die Melodie verzog sich, verharrte auf einer monotonen Frequenz, übersteuerte zu einem schrillen Pfeifen. Sie schnellte die Arme hoch, schlug beide Hände auf die Ohren. Stechen unter der Schädeldecke.
Das Bett brach weg, riss sie mit in die Tiefe. Der Körper rammte die Schachtwand. Risse jagten durch das Schwarzglas, ihr Arm pflügte eine Furche. Sie prallte mit der Stirn auf den Grund, wirbelte herum und blieb auf dem Rücken liegen. Scherben mit scharfen Flanken trieben auseinander und sanken zurück. Ein Felskeil schlug vor ihrem Gesicht ein. Aus dem Basaltglas starrte ihr Spiegelbild sie an. Verzerrt. Blass. Ein Haarriss spaltete das blaue Glühen ihrer Augen. Namiras Kopf ruckte zur Seite.
Glasperlen regneten, zogen Funkenschlieren, prasselten auf Wangen und Stirn, rollten in die Mulde des Bauchnabels, sammelten sich zwischen den Schenkeln.
Ihr Blick stieg den Schacht empor. Am oberen Ende stand der kreisrunde Ausschnitt des Himmels in lachsfarbenem Dunst. Darin verharrte eine kleine Sonne. Felsbrocken lösten sich von den Bruchrändern, prallten an Wandvorsprüngen ab und taumelten in weiten Bögen hinunter. Ein Spitzgezackter schlug auf ihr Brustbein und zerschellte. Gesteinssplitter stoben davon. Trümmer krachten verstreut um ihren Körper nieder. Staubfontänen schossen aus dem Geröll. Der Schleier quoll vor die Öffnung und streute das Licht in ein Graugelb. Salz und verbranntes Karamell legten sich auf ihre Zunge. Der Versuch, sie an den Gaumen zu drücken und an den Zahnreihen entlangzuführen, scheiterte.
Das Schmatzen von Eingeweiden. Eine Frau, die nach ihrem Kind schrie.
NEIN! NEIN, VERDAMMT!
Der Boden in ihrem Rücken explodierte. Sie schnellte nach oben, kippte vornüber. Unter den Kniescheiben zündete weißes Glühen. Glas verdampfte, hinterließ zwei glatte Mulden. Sie sackte ein. Ihre Faust riss empor, raste abwärts. Vor den Knöcheln blähte sich eine Lichtkugel auf, glitt an ihrer Haut entlang. Kreischende Sägeblätter frästen durch ihren Schädel. Die Blase hölte den Stein aus und verpuffte. Sie fiel. Licht krümmte sich um Arme und Schultern.
Namira stieß sich hoch. Glühen an den Fersen. Sie sank in die Kante der Vertiefung, warf sich gegen die Schachtwand, hämmerte die Fäuste in den Basalt. Lichtblasen brachen aus den Einschlägen hervor, schwollen an, schluckten das Gestein und die Ränder benachbarter Sphären. Das Leuchten riss ab.
Ein Nest aus ineinandergreifenden Mulden klaffte ihr entgegen. Dutzende blaue Augen starrten sie an.
In einem der Forenbeiträge hatte einer gewarnt: Manchmal schaltete das Gehirn den Reflex ab, wenn der Traum so dicht geworden war, dass der Körper den Sturz einfach schluckte, statt aufzuwachen. Dann blieb nur das Sterben. Doch der Selbsterhaltungstrieb wehrte sich. Es verlangte eine Überwindung, zu der kaum jemand fähig war. Wer zu lange zögerte, blieb hängen, akzeptierte den Traum als neue Realität. Sie hatte damals darüber gelacht und den Tab geschlossen.
Sie hob den Arm, presste die Finger zum Keil. Vorn ballte sich ein gleißender Punkt. Über den Handrücken zogen Lichtfäden, wanden sich spiralförmig den Unterarm hinauf.
Fingerspitzen rammten das Brustbein. Das Gleißen brach in Tentakeln auf, peitschte um ihre Hüften, schlang sich um den Brustkorb und verblasste.
Sie schlug die Faust gegen das Kinn, hämmerte in die Schläfe, traf Wangenknochen und Stirn. Blitze zuckte um ihr Gesicht. Mit jedem Schlag wurde das Dröhnen leiser und wich dem fernen Rauschen eines Windes. Beide Hände griffen in den Schopf, rissen an den Wurzeln. Strähnen glitten zwischen den Fingern hindurch. Blaue Funken sprühten. Sie wickelte das Haar um die Faust und zerrte daran, wieder glitt es aus dem Griff.
Namira ließ sich auf alle Viere fallen. Weißes Gleißen brach unter Knien und Handflächen hervor. Gestein löste sich auf. Die Glieder sanken in die Mulde.
Im Basaltglas lag ihr Spiegelbild. Tränen schäumten in den Augen, verfingen sich als Bläschen in den Wimpern, froren zu Spitzen. Sie blinzelte. Eiskristalle trieben aufwärts. Eine Falte grub sich zwischen die Brauen. Lippen bebten, wichen auseinander. Ein Stechen in der Brust.
Heiseres Schluchzen drang an ihre Ohren. Ihre Stimme? Fremd. Dumpf. Klanglos wie unter Wasser.
Warum machte sie sich überhaupt noch etwas vor? Sie kannte längst die Wahrheit.
Fortsetzung folgt
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