Objektiv betrachtet, war Annabelles Plan für die Geldübergabe gut durchdacht und schloss viele Risiken aus. Dennoch würde Charlotte auf der Hut sein müssen. Einem Schläger wie Pembroke war alles zuzutrauen.
Annabelle reichte der Kollegin Fernglas, Walkie-Talkie und eine alltägliche Stofftüte, was Charlotte alles in die Seitentasche ihrer Jacke schob. Dorothy Pembroke stand ein paar Yards entfernt und hielt die Waffe auf die beiden Frauen gerichtet. Die Mündung schwankte ein wenig hin und her.
Bevor Charlotte die Haustür öffnen konnte, zog Annabelle sie kurz am Arm. „Charlotte, bitte, halte dich an den Plan. Verständige nicht die Polizei. Dorothy wird uns nichts tun, solange alles so verläuft, dass sie heute Abend auf dem Weg ist, das Land zu verlassen. Wenn sie draußen aber das ERT auffahren sieht, dreht sie durch. Ich will nicht, dass sie sich etwas antut.“
Dorothy kam näher und drückte Annabelle die Waffe an den Hinterkopf. „Hör auf deine Freundin. Ich will nichts von dir oder ihr. Ich will nur raus aus der Hölle. Also, in drei Stunden bist du mit dem Geld wieder hier.“
Charlotte trat wortlos hinaus ins Freie und ging zu ihrem Wagen.
Zügig fuhr sie zum südlichen Ende der Queensborough-Eisenbahnbrücke, die über den Fraser River führte. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie noch gut vierzig Minuten Zeit hatte, bis die Geldübergabe stattfinden würde. Sie wendete den Wagen und parkte auf einem Rasenstück nahe an der Brücke. Dann stieg sie aus und schaute sich die Umgebung genau an.
Mit nur wenigen Minuten Abstand ratterten Züge des Nah- und Fernverkehrs über die Eisenbahnbrücke. Autos und Fußgänger mussten eine der anderen Brücken nutzen, die sich wenigstens fünfhundert Yards entfernt befanden.
Die Gegend war unbelebt. Charlotte war der einzige Mensch weit und breit. Ein schmaler Wanderweg verlief einige Yards unter ihr direkt am Fluss entlang. Die Böschung bis dorthin war sehr steil und die nächste Treppe weit entfernt.
Wirklich ein guter Platz, musste Charlotte der Planung Annabelles erneut Respekt zollen.
Sie blickte nach links in die Richtung, aus welcher der Zug kommen würde, der sie interessierte. Die Gleise verliefen ein langes Stück schnurgerade, und mit dem Fernglas konnte sie viele Einzelheiten erkennen.
Immer wieder schaute Charlotte auf die Uhr. Endlich war es kurz nach halb drei am Nachmittag. Sie musste Kontakt aufnehmen, schaltete das Funkgerät ein und sprach: „Dorothy an Trevor. Wo sind Sie?“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis eine Männerstimme erklang. „Kurz vor der Queensborough Bridge. Wir fahren eine Kurve. Jetzt sehe ich die Brücke.“
„Öffnen Sie das Fenster in Fahrtrichtung rechts. Schieben Sie die Tasche ein Stück hinaus und machen Sie sich bereit für den Abwurf.“
Sie ließ den Sprechknopf los, behielt aber den Finger darauf. In der Ferne sah sie die Lokomotive näherkommen. Das grelle, weiße Licht glühte und wurde rasch größer. Der Zug verlangsamte, und dann erreichte die Lok die Brücke. Charlotte sah die Waggons in rund dreißig Yards Entfernung vorbeifahren. Pembroke würde im letzten sitzen. Das besagten die Anweisungen, die er durch die Filmrolle erhalten hatte.
Waggon um Waggon schob sich auf die Brücke.
Da sah Charlotte das Ende des Zuges. Ein Fenster war halb nach unten geschoben. Etwas Rotes ragte heraus. Den Mann selbst konnte sie nicht sehen, da die Fensterscheiben ein wenig spiegelten.
Der letzte Waggon war nun fast an der Zielstelle angelangt. Charlotte wartete noch einen Moment, dann drückte sie den Sprechknopf des Walkie-Talkies. „Jetzt! Werfen Sie!“
Die rote Sporttasche flog aus dem Fenster und beschrieb einen kleinen Bogen, als sie nach unten fiel. Doch Pembroke hatte nach Charlottes Befehl zu lange gezögert. Die Tasche landete nicht auf dem kleinen Rasen kurz vor dem Beginn der Brücke, sondern auf der Brückenkonstruktion selbst. Dort prallte sie von den Querträgern ab, rutschte eine Schräge hinab und blieb schließlich an einem der Brückenpfeiler in einem Kreuzungspunkt mehrerer tragender Elemente hängen - knapp acht Yards über dem Fraser River!
Crap!, fluchte Charlotte, doch mit möglichen Komplikationen hatte auch Annabelle gerechnet.
Der Zug hatte unterdessen mehr als die Hälfte der Brücke überquert. Der nächste Halt lag noch rund zwei Kilometer entfernt. Von dort konnte niemand schnell genug an der Abwurfstelle sein. Vielleicht hatte Pembroke auch Leute angeheuert, die dem Zug folgten, und die in diesem Moment unterrichtet wurden. Doch diese würden sicherlich die Autobahnbrücken angesteuert haben. Auch deren Herfahrt würde dauern. Blieb der unwahrscheinliche Fall, dass irgendjemand mit der Eisenbahnbrücke als Abwurfpunkt gerechnet hatte. Doch noch sah Charlotte niemanden.
Aber Eile tat Not. Charlotte legte Fernglas und Walkie-Talkie ins Gras, kletterte die Böschung hinunter zum Uferweg und rannte in hohem Tempo das kurze Stück bis zum Brückenpfeiler. Noch im Laufen zog sie Block und Stift aus der Gesäßtasche. Rasch war eine Zeichnung von der Geldtasche und den umgebenden Stahlträgern angefertigt. Das Muster der Träger war hochrepetitiv, und die Tasche wies kaum Falten auf, die das eintönige Rot durchbrachen. Dennoch signierte sie ihr Bild und tippte vorsichtig auf die gezeichnete Tasche.
Es geschah nichts, und das hatte Charlotte fast erwartet. Die Kopplung war nur schwach. Also erhöhte sie den Druck. Die Tasche dellte sich ein wenig ein, änderte aber nicht ihre Position. Erneut klopfte Charlotte auf das Bild, aber sie konnte die Lösegeldtasche nicht freibekommen. Noch mehr Kraft wollte sie aber nicht übertragen, denn sollte die reale Tasche aufplatzen und das Geld hinunter in den Fluss segeln, hatte sie wirklich ein Problem.
Also blieb nur die sportliche Methode.
Charlotte stopfte die Zeichenutensilien zurück in die Hosentasche, lief zum Brückenpfeiler und sprang in die Höhe. Sie bekam einen der Querbalken zu fassen und schwang die Beine hinauf. Das Metall war noch kalt und feucht vom Regen am Vormittag, sodass Charlotte, anstatt sich mit den Fingern festzukrallen und sich hochzuziehen, es vorzog, sich mit der Ellenbeuge an die Metallstreben zu hängen. Diese Maßnahme machte den Aufstieg etwas langwieriger, aber deutlich sicherer. Zügig kletterte Charlotte Yard um Yard hinauf, bis sie die verkantete Tasche greifen konnte. Sie zerrte daran, aber das Teil lockerte sich einfach nicht.
Charlotte hatte keine Zeit, weiter zu versuchen, die Tasche freizubekommen, sondern stieg noch einen Yard höher, bis die Sporttasche auf Höhe ihres Beckens lag. Mit einer Ellenbeuge hielt sie sich fest, während die freie Hand den Reißverschluss der roten Tasche aufzog.
„Wenn da jetzt kein Geld drin ist, schreie ich“, murmelte sie. Doch ihre Befürchtung bewahrheitete sich nicht. Sie sah dicke Dollarbündel mit Banderolen der Canadian National Savings Bank, bei der Pembroke sein Konto unterhielt. Charlotte zog die Stofftüte aus ihrer Jackentasche, schüttelte diese einarmig aus, damit sie sich öffnete, und hielt sie mit den Zähnen an einer Halteschlaufe fest. Dann räumte sie die Geldbündel um. Geplant war das ohnehin gewesen, aber eigentlich auf dem Erdboden.
Es dauerte kaum zwei Minuten, dann hatte sie die Tasche geleert. Charlotte zog den Reißverschluss ihrer Jacke auf und stopfte die Geldtüte mit einer Hand zwischen Pullover und Jacke.
In der Ferne sah sie einen Radfahrer auf dem Uferweg auf ihren Standort zukommen.
Ob der zu Pembroke gehört?, fragte sich Charlotte, glaubte es aber nicht. Doch sie wollte auch kein Risiko eingehen, denn bis jetzt hatte die Geldübergabe fast reibungslos geklappt.
Schnell machte sie sich an den Abstieg, sprang aber schon aus vier Yards hinunter und rollte sich gekonnt ab. Den Aufprall nutzend, kam sie katzengleich wieder auf die Beine, wandte sich sofort nach rechts und zog sich an den Pflanzen die Böschung hinauf. Hinter ihr näherte sich der Radfahrer mit dem charakteristischen Geräusch von Reifen, die auf Sand fuhren. Charlotte blickte sich nicht um, hörte aber, dass das Rad, ohne anzuhalten, weiterpreschte.
Charlotte sprang in ihr Auto und fuhr los, wählte jedoch nicht den direkten Weg zurück, sondern bog ein paarmal willkürlich ab. Immer wieder warf sie einen Blick in den Rückspiegel. Die Straßen hier waren nur wenig belebt. Kein Auto fiel ihr sonderlich auf.
Sie überlegte hin und her, ob sie nicht doch die Polizei einschalten sollte, entschied sich aber dagegen. Annabelle wollte es so, und Charlotte traute sich zu, die ganze Sache selbst zu beenden, ohne sich auf Dorothys Versicherung, niemandem etwas anzutun, verlassen zu müssen. Den Gedanken, sich eine Waffe zu besorgen und mitzunehmen, verwarf sie. Dorothy würde sicherlich darauf bestehen, sie zu durchsuchen.
Aber es gab etwas anderes, das Charlotte zu tun gedachte. Es bedurfte ein wenig Vorbereitung, aber dafür blieb noch genügend Zeit. So fuhr sie zu einem kleinen Kostümverleih, dessen Besitzer schon gelegentlich für sie als Maskenbildner gearbeitet hatte.
Hoffentlich ist er in seinem Geschäft, dachte Charlotte.
Sie hatte Glück. Jeremy Millan stand hinter der Ladentheke und lächelte sie freundlich an. „Miss Bernstedt, was für eine Freude, Sie zu sehen! Benötigen Sie wieder meine Dienste? Oder möchten Sie sich ein Kostüm für eine Party ausleihen?“
„Ersteres“, antwortete Charlotte und erklärte dem Mann in wenigen Sätzen, was sie genau wollte.
Jeremy bat sie in eins der Hinterzimmer, wo Charlotte vor dem Schminktisch Platz nahm. Der Maskenbildner öffnete einen Koffer, zog diverse Puder, Tiegel und Pinsel heraus, und machte sich an die Arbeit.
***
Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit, noch bevor Charlotte den Hauseingang erreichte. Annabelle winkte. In der Eingangshalle machte Charlotte sofort einen Schritt zur Seite, sodass sie seitlich vor dem Fenster neben der Tür stand. Die tief in die Stirn gezogene Kapuze verdeckte ihr Gesicht.
Dorothy schälte sich aus dem Schatten der Tür.
Charlotte ergriff sofort die Initiative und sagte im Befehlston: „Lass Annabelle frei, dann bekommst du das Geld und kannst verschwinden.“
Dorothy zuckte bei den lauten Worten zusammen, lehnte dann aber kopfschüttelnd ab. Sie stand direkt hinter ihrer Schwester, so, als wollte sie deren Körper als Schutzschild nutzen, und schob Annabelle nun nach vorne, bis die beiden nur noch einen Schritt von Charlotte entfernt waren. Dorothy griff mit einer Hand nach der Tasche mit dem Geld, doch Charlotte ließ nicht los.
Jetzt war für sie der perfekte Zeitpunkt für Ablenkung und Schock gekommen.
Charlotte schob die Kapuze zurück. „Fast hätte Trevor mich geschafft. Er ist ein Scheusal.“
Im Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel, sah man ihr Gesicht, das maskenbildnerische Verletzungen aufwies, die täuschend echt aussahen: blaue Flecken, getrocknetes Blut, ein wenig glitzernder Eiter.
Dorothy reagierte so, wie Charlotte vermutet hatte.
Die Frau sah das scheinbar misshandelte Gesicht, hörte den Namen ihres Peinigers, und für einen Augenblick schweiften ihre Gedanken zu dem, was sie in der letzten Zeit von dem Mann, der geschworen hatte, sie zu lieben, hatte ertragen müssen.
Charlotte nutzte diesen Moment und sprang nach vorne. Ihre Finger schlossen sich um das Gelenk von Dorothys rechter Hand, welche die Waffe hielt. Stahlhart drückte Charlotte zu, während ihre andere Hand Annabelle aus dem Weg schob. Dann war sie auch schon bei Dorothy und setzte zwei dosierte Handkantenschläge gegen den Hals an. Dorothy stöhnte auf, ließ die Waffe fallen und taumelte zurück gegen eine Kommode, die an der Wand stand. Charlotte hechtete nach und drückte die Frau mit dem Gesicht nach unten auf den Boden.
„Nimm die Waffe! Und bring mir ein Seil!“, rief Charlotte ihrer Kollegin zu. Sie zerrte Dorothys Arme auf den Rücken. Durch den Pullover spürte sie den Körper der Frau - und die nur teilweise verheilten Wunden.
Charlotte zögerte.
Dorothy witterte ihre Chance. Ohne auf eigene Verletzungen zu achten, beugte sie ihren Oberkörper wie eine Schlange nach oben und schlug mit aller Kraft ihren Kopf nach hinten. Charlotte sah die Bewegung, drehte den Kopf, konnte aber dem Schlag nicht vollständig entgehen. Der anfliegende Hinterkopf traf sie seitlich an der Nase, die krachend brach. Charlottes Wahrnehmung trübte sich für einen Sekundenbruchteil, und der Griff um Dorothys Handgelenke lockerte sich. Die Frau konnte ihren rechten Arm befreien, tastete nach vorne und bekam eine der schweren, hölzernen Figuren zu fassen, die beim Anprall an die Kommode heruntergefallen waren.
Dorothy rotierte ihren Körper um die Längsachse, und Charlotte ließ als Reaktion auch den anderen Arm ihrer Gegnerin los, denn sonst hätte Annabelles Schwester sich selbst verletzt. Dorothy konnte sich auf die Seite rollen.
Nachdem Charlotte die Verletzungen gespürt und nicht nur gesehen hatte, widerstrebte es ihr, der Frau, die im letzten Jahr soviel Leid erfahren hatte, noch über Gebühr zusätzliche Schmerzen zu bereiten, und so kämpfte sie nur mit angezogener Handbremse.
Dorothy kannte solche Skrupel nicht, holte aus und schlug die Figur mit voller Wucht in Richtung Charlotte, deren Blick sich wieder klärte. Doch das Holz traf sie an der Wange und ließ einen stechenden Schmerz durch ihr Gesicht fahren. Wieder schlug Dorothy zu, und Charlotte versuchte, ihr die Figur zu entwinden. Doch Dorothy hatte unterdessen eine zweite Skulptur gegriffen und schlug nun wie rasend aus zwei Richtungen auf Charlotte ein. Die Privatdetektivin wehrte die heranfliegenden Skulpturen mit den Unterarmen ab. Stechender Schmerz durchzuckte sie, und sie biss sich auf die Zähne. Aber dann bekam sie Dorothys linke Hand wieder zu fassen und wollte sich gerade zur Seite fallen lassen, um den anderen Arm ihrer Opponentin mit dem Körper auf den Boden zu pinnen, als eine Hand sie am Oberarm packte und wegzog.
„Annabelle, was ...“, keuchte sie und war für einen Moment abgelenkt.
„Lass sie! Ich habe die Waffe“, hörte sie noch die Antwort, doch da traf sie eine der Holzfiguren hart an der Schläfe. Vor Charlottes Augen tanzten Sterne. Reflexartig bog sie den Oberkörper zurück, doch Dorothy holte zum zweiten Schlag aus. Auch dieser traf Charlotte am Kopf.
Sie wurde bewusstlos und sackte zu Boden.
Dorothy aber schwang erneut den Arm, doch Annabelle ging dazwischen.
„Spinnst du? Charlotte ist nicht deine Feindin“, stieß die Privatdetektivin hervor und riss ihrer Schwester die Skulptur aus der Hand.
Dorothys Gesicht, das zuvor zu einer Fratze verzerrt gewesen war, nahm langsam wieder menschliche Züge an. Sie schob Charlotte, die halb über ihr lag, von sich und stand auf.
„Nimm das Geld und verschwinde“, meinte Annabelle und klang betroffen. „So weit sollte es nie kommen. Ich helfe dir weiter, aber es muss jetzt Schluss sein.“
„Du hast recht“, erwiderte Dorothy, aber es klang gleichgültig. „Es tut mir leid. Das hat Charlotte nicht verdient. Hilf ihr bitte, ja?“
Annabelle ging zu der Kollegin und kniete sich auf den Steinboden. Am Hals fühlte sie nach dem Puls und atmete erleichtert auf, als ihre Finger ein kräftiges, regelmäßiges Pochen spürten. Auch die Kopfwunde sah nur nach einer oberflächlichen Verletzung aus. Charlotte würde in Kürze wieder zu sich kommen.
Plötzlich hörte Annabelle in ihrem Rücken ein Pfeifen von links. Eine Zehntelsekunde später spürte sie den Schlag auf ihrem Hinterkopf. „Was ...“, stieß sie noch hervor, bevor sie ohnmächtig zusammenbrach.
Dorothy warf die Holzskulptur zur Seite, lief in den Keller und holte die Stricke aus der Tasche. Wieder in der Eingangshalle fesselte sie zuerst ihrer Schwester die Hände auf dem Rücken, dann die Füße zusammen und schleifte sie ins Bad, wo sie ihr ein dünnes Badetuch als Knebel verpasste. Sie räumte Annabelles Hosentaschen aus und wuchtete ihre Schwester unter Mühen in die Wanne. Das Bad verschloss sie und warf den Schlüssel im Gang zur Seite. Er blieb, kaum sichtbar, hinter einem Pflanzenkübel liegen. Dorothy rannte zurück in die Eingangshalle, wo sie Charlotte an den Armen griff und in die Küche schleifte. Dort rollte sie die Detektivin auf den Bauch, fesselte ihr Hände und Füße und band beide zusätzlich mit einem Strick zusammen. Auch Charlotte wurde mit einem Geschirrhandtuch geknebelt. Dann leerte Dorothy ihrem zweiten Opfer die Taschen. Block, Stift, Funkgerät, Schlüssel und weiteres räumte sie zusammen und stopfte es in eine Tüte, in die sie auch Annabelles Eigentum legte.
Unter dem Wasserhahn säuberte sie sich das Gesicht, um die letzten Reste des getrockneten Bluts zu entfernen, fuhr sich einmal durch die Haare und versteckte dann die Tüte im Wohnzimmer, nachdem sie die Küchentür zugesperrt hatte.
Danach hob sie Annabelles Waffe auf und steckte sie ein.
Dorothy Pembroke nahm den Hausschlüssel und trat hinaus in den Garten, verließ das Grundstück und wandte sich zu Fuß nach Westen. Die Straße war unbelebt, nur selten fuhr ein Wagen vorüber. Nach ein paar Minuten war sie an ihrem Ziel angekommen, betrat die öffentliche Fernsprechkabine und gab der Telefonistin eine Nummer durch, die sie hasste. Sie hielt den Hörer verkehrt herum und legte zusätzlich eine Hand auf die Hörmuschel. Sie wollte die Stimme nicht hören, die sich gleich melden musste.
„Pembroke“, drang es leise aus dem Hörer.
Dorothy fing sofort an zu sprechen. „Schatz, ich bin es. Die Kerle sind mit dem Geld verschwunden. Sie haben mich in einem Haus zurückgelassen, gefesselt. Ich kann nicht weg. Bitte, komm mich abholen. Ich bin Kingston Road, 2312. Bitte komm alleine, ohne Polizei. Ich will nur zu dir.“ Die letzten Worte klangen bettelnd, so, als hinge ihr Leben davon ab. Es war ein Tonfall, den Trevor mochte.
Dann hängte sie schnell ein.
Wieder wechselte ihre Stimmung. Mit einem zufriedenen Lächeln verließ sie die Telefonzelle. Trevor Pembroke würde alleine kommen, dessen war sich Dorothy sicher.
Rasch lief sie zurück zu dem Ferienhaus, das Annabelle für eine Woche gemietet hatte.
Die Haustür ließ sie unverschlossen, legte die Geldtasche in den Spiegelschrank in der Eingangshalle, kletterte nach und zog die Tür bis auf einen kleinen Spalt zu. Außen am oberen Rand hing eine Jacke auf einem Kleiderbügel und verdeckte teilweise, dass die Flügel nicht ganz schlossen. Dorothy hatte gute Sicht auf die Eingangstür.
Geduldig wartete sie.
***
Charlottes Bewusstsein kehrte in die Gegenwart zurück. Sie hielt die Augen weiter geschlossen, bewegte sich nicht und lauschte angestrengt. Doch wo immer sie sich auch befand, um sie herum war nur Stille. Keine Atemgeräusche, keine Schritte, kein Luftzug, wenn sich jemand auch noch so vorsichtig bewegte.
Sie lag auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gedreht. Das, worauf sie lag, war kalt, und sie spürte diese Kälte nicht nur an der Wange sondern auch durch die Kleidung. Ihre Handgelenke schmerzten. Etwas Raues, ein Strick vermutlich, drückte in ihr Gewebe. Dasselbe Gefühl verspürte sie an den Knöcheln. Die Füße ragten in die Luft. Charlotte konnte sich ihre Haltung bildlich vorstellen. Sie war gefesselt, und das nicht zu knapp.
Weiter hatte sich da, wo sie sich befand, nichts getan, und so hob sie vorsichtig das obere Lid ein winziges Stück. Sie sah ein paar Stuhlbeine sowie die dickeren Beine eines Tisches. Rechts schien es heller zu sein. Dort musste ein Fenster liegen.
Die Küche, erkannte sie.
Charlotte rollte sich auf die Seite, winkelte die Knie so weit an, wie es die Fesselung erlaubte, und nahm Schwung. Beim dritten Versuch schaffte sie es, kniete endlich, den Oberkörper aufgerichtet, und blickte sich um. Wie erwartet, war sie alleine.
Automatisch tasteten ihre Hände zu den Hosentaschen. Sie kannte diese Situation zur genüge. Es würde kein größeres Problem sein, freizukommen, denn so straff die Fesseln auch saßen, hatte sie doch ausreichend Spiel in den Handgelenken.
Aber ihre Hände fanden nichts. Die Gesäßtaschen waren leer, und auch die Seitentaschen, die sie mit wilden Verrenkungen erreichen konnte, enthielten weder Block noch Stift. Wieder glitt ihr Blick durch die Küche, aber sie sah nichts, das sie zum Zeichnen verwenden konnte. So untersuchte sie die angeschossene Fliese, doch die Splitter waren kaum fingernagelgroß. Zwar gab es raue Kanten der Fliesenstücke, die noch am Untergrund befestigt waren, aber ein Versuch auf dem Rücken liegend zeigte schnell, dass an ein Aufscheuern der Fesseln hier nicht zu denken war.
So robbte sie zu einer der Schubladen neben der Spüle. Irgendwo musste es hier doch Messer geben.
Plötzlich hörte Charlotte dumpfe Schritte auf der anderen Seite der Küchentür. Sofort hielt sie inne, um auch nicht durch das leiseste Geräusch auf sich aufmerksam zu machen.
Ein Mann rief: „Dorothy, Liebes, wo bist du?“
Charlotte erkannte die Stimme sofort wieder, obwohl sie diese nur ein paar Sätze durch ein Sprechfunkgerät hatte sagen hören. Es war Trevor Pembroke, der gewalttätige Ehemann von Dorothy.
Was, zum Henker, macht der hier?, fragte sich Charlotte. Wie hat er dieses Haus gefunden? Ist mir doch jemand nach der Geldübergabe gefolgt und hat ihn verständigt?
Charlotte wusste nicht, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Das helle Tageslicht, das durch das Fenster hereinfiel, schloss jedoch eine allzu lange Ohnmacht aus. Sie glaubte auch nicht, dass sie einen ganzen Tag verschlafen hatte, denn sie verspürte keinen größeren Durst.
Nun galt es umso mehr, sich schnellstmöglich zu befreien. Pembroke wollte sie in dieser hilflosen Lage nicht begegnen.
Charlotte nahm den Knauf zwischen die Zähne und zog die Schublade langsam auf. Sofort roch sie den intensiven Duft von Gewürzen. Sie robbte auf den Knien zur nächsten Lade, worin sich gefaltete Handtücher befanden. Also weiter. Die dritte Schublade, die sie herauszog, enthielt Besteck. Doch die Messer sahen nicht sonderlich scharf aus. Damit würde sie eine Ewigkeit benötigen, um ihre Fesseln zu durchschneiden.
Crap!, fluchte sie. Hier muss es doch so etwas wie Brotschneidemesser geben. Vielleicht im Schrank?
Auf die gleiche Art wollte sie mit den Zähnen den hohen Eckschrank öffnen. Doch das erwies sich als deutlich schwieriger, schwang die Tür doch zur Seitenwand hin auf. Dort aber befand sich Charlottes Kopf im Weg, wenn sie langsam und kontinuierlich aufzog.
Also anders, dachte sie, nahm den Knauf wieder zwischen die Zähne, riss den Kopf zurück, ließ den Knauf los und wich dem Türblatt aus.
Sie hatte Glück. Die Tür knallte gegen die Wand und blieb offen.
Das Geräusch, das entstand, war nicht sonderlich laut, dennoch schien es der Mann in der Eingangshalle gehört zu haben. Schritte näherten sich der Küche. Dann wurde der Knauf gedreht, doch die Tür ging nicht auf. Pembroke rüttelte daran.
Charlotte sah keine Chance mehr freizukommen. Das einzige, das ihr noch blieb, war, sich ohnmächtig zu stellen. Sie ließ sich zu Boden sinken, legte den Kopf aber so, dass sie die Tür im Blick hatte, an der weiter gerüttelt wurde.
Pembroke rief: „Dorothy, bist du da drinnen?“
Nach ein paar Sekunden Wartezeit entfernten sich die Schritte.
Charlotte schwang sich wieder auf die Knie und robbte zum offenstehenden Eckschrank. Charlottes Augen suchten die Fächer ab. Da! Auf dem Regalboden knapp oberhalb ihres Kopfes lagen scharfe Brotschneidemesser.
Keine Chance, diese irgendwie mit den Zähnen zu erreichen.
Aus der Halle drangen wieder Worte, doch Charlotte verstand nicht, was gesagt wurde.
Die Privatdetektivin robbte zum nächstgelegenen Küchenstuhl und schubste ihn mit der Schulter an die Seitenwand, etwa zwei Fuß vor den Schrank. Sie legte den Oberkörper auf die Sitzfläche, spannte alle Muskeln an und schnellte vor. Nach ein paar Versuchen hatte sie es geschafft, die Knie auch auf den Stuhl zu bringen, und sie konnte sich vorsichtig aufrichten. Dann ließ sie sich nach vorne fallen. Das Kinn knallte auf den Regalboden mit den Messern. Es tat weh, aber das war nicht zu ändern.
Da ertönte wieder ein lautes Rufen aus der Eingangshalle.
Sekunden später folgte ein Schuss.
***
Ein paar Minuten zuvor
Dorothy hörte Schritte auf Kies, die vom Garten kamen. Die Haustür öffnete sich. Der Schatten einer Gestalt schob sich in die Eingangshalle. Dorothy sah noch das Blitzen einer Pistole in Trevors Hand, senkte aber sofort ihren Blick und fixierte den Schrankboden. Sie wollte das Gesicht des Mannes nicht anschauen. Sie durfte ihn nicht direkt anschauen, sonst konnte der Plan fehlgehen.
„Dorothy, Liebes, wo bist du?“, rief Trevor Pembroke. Er klang tief besorgt.
Dorothy zuckte beim Klang der vertrauten Stimme zusammen. Ihre Hände begannen zu zittern. Ein warmes Gefühl durchströmte sie, ein Gefühl, das vor über einem Jahr dazu geführt hatte, dass sie Trevors Heiratsantrag mit einem Freudenschrei angenommen hatte.
Der Mann, der da in der Halle stand, war der sanfte Trevor, der Trevor, den sie liebte, und der nun gekommen war, um sie aus einer, wie er glaubte, schrecklichen Lage zu befreien.
Dorothys Gefühle und Gedanken überschlugen sich. Sie ließ die Hand mit der schussbereiten Waffe sinken.
In ihr keimte die Hoffnung auf, dass ihr Plan vielleicht ein ganz unerwartetes Ergebnis hervorbringen konnte. Sie wollte glauben, dass die Besorgnis in Trevors Stimme ein Zeichen dafür war, dass er das Böse in sich ein für alle Mal besiegt hatte.
Es war eine irrationale Hoffnung, die durch nichts gestützt wurde. Ein Teil von Dorothy wusste das auch, denn Versprechungen, dass von nun an alles besser werden würde, hatte Trevor ihr zuhauf gemacht, wenn er sich nach einem Ausraster tränenreich entschuldigte.
Aber der Wunsch war stark, und so überlegte sie, ob sie einfach aus dem Schrank herauskriechen und sich in Trevors Arme werfen sollte.
Schon streckte sie eine Hand aus, doch irgendetwas tief in ihr hielt sie noch zurück. Die Finger verharrten einen Inch vor dem Türflügel.
„Dorothy, wo bist du?“, rief Trevor erneut. „Geht es dir gut?“
Es war, als kämpften zwei Seelen in ihr. Eine wollte den Plan, den sie zu ihrer Befreiung erdacht hatte, aufgeben und den Schrank aufstoßen, die andere spülte Erinnerungen an das unsagbare Leid hoch, das Trevor ihr angetan hatte.
Da verschwand der Mann aus ihrem eingeschränkten Blickfeld. Ein paar Schritte waren zu hören.
„Dorothy, bist du da drinnen?“
Trevor rüttelte an einer Tür. Es musste die Küche sein. Wieder versuchte er anscheinend, die Tür zu öffnen, gab dann aber auf und lief durch die Halle zu den anderen Räumen, danach hinauf in den ersten Stock. Indes saß Dorothy mit wild hämmerndem Herzen im Spiegelschrank und focht einen erbitterten Kampf mit sich selbst aus.
Als Nächstes stieg Trevor hinab ins Untergeschoss.
Dorothy konnte nicht hören, was er dort tat, aber er würde die Kamera und den Raum finden, in dem das Lösegeldvideo gedreht worden war. Damit würde er Gewissheit erlangen, sich im richtigen Haus zu befinden.
Als Trevor die Durchsuchung des Kellers beendet hatte, ging er wieder hinauf und schlug den Weg zur Küche ein. Was in seiner Durchsuchung noch fehlte, waren die beiden abgeschlossenen Räume. Laut rief er, und diesmal klang seine Stimme nicht besorgt, sondern eher ungehalten: „Was geht hier vor sich? Dorothy, wenn du hier irgendwo bist, mache dich bemerkbar. Ich habe nicht ewig Zeit.“
Die Lautstärke und diese Kälte in der Stimme trafen Dorothy fast körperlich. Unwillkürlich kauerte sie sich tiefer in die Schrankecke und machte sich noch kleiner.
Aber diese Stimme entschied den Kampf in ihr.
Der Traum von einer schönen gemeinsamen Zukunft zerplatzte jäh.
Dorothy hob die Waffe und zielte durch den schmalen Spalt zwischen den Schranktürflügeln. Ihr brach der Schweiß wieder aus allen Poren, und es durchlief sie abwechselnd heiß und kalt.
Und dann trat Trevor in ihr Blickfeld.
Dorothy stieß mit der freien Hand die Schranktür auf und feuerte sofort. Die Kugel traf Trevor, der beim Geräusch, das vom Spiegelschrank kam, den Kopf drehte, in die Schulter. Der Anprall wirbelte ihn herum. Seine Hand fuhr in die Seitentasche des Jacketts, um die Waffe wieder herauszuholen, die er, da ihm offenbar hier keine Gefahr drohte, dort verstaut hatte. Doch schon schlug die zweite Kugel in seinen Bauch ein. Sein Gesicht zeigte Unverständnis und Unglauben, dann Wut, als er erkannte, wer auf ihn schoss. Er öffnete den Mund, doch die Worte, die hervorquollen, konnten Dorothy nichts mehr anhaben. Sie nahm sie gar nicht bewusst wahr.
Trevors Hand zog quälend langsam seine Waffe hervor, doch er kam nicht mehr dazu, sie auf Dorothy zu richten, die wieder abdrückte. Die dritte Kugel schlug in Trevors Oberkörper ein. Er stolperte nach vorne, sein Blick wie hypnotisierend auf die Frau gerichtet. Wieder sagte er etwas, doch die Worte blieben unverständlich. Blut quoll aus seinem Mund.
Er kam nicht mehr weit.
Schwer stürzte er zu Boden, aber Dorothy feuerte weiter. Die vierte Kugel schlug in Trevors unterem Rücken ein, die fünfte seitlich in den Hals. Unter seinem Körper bildete sich eine Blutlache, die sich träge ausbreitete.
Wieder zog Dorothy durch, doch es klickte nur. Die Trommel war leer.
Dorothy kroch aus dem Schrank, schleuderte den Revolver von sich, riss die Tasche mit dem Geld an sich und stürmte aus dem Haus.
Nur ein Gedanke beherrschte sie: Es war vorbei.
***
Charlotte ließ sich durch den Schuss nicht beirren. Nur kurz ging ihr die Frage durch den Kopf, ob Pembroke vielleicht auf Annabelle geschossen hatte, die ja irgendwo im Haus war, und die er für die Entführerin halten musste. Ob er sie als Schwester seiner Frau erkannte?
Sie drückte das Kinn auf den Griff des Messers, zog es zu sich und ließ es auf die Fliesen fallen. Es klirrte, aber das spielte keine Rolle. Sie musste sich eiligst befreien. So fiel sie mehr, als dass sie geordnet vom Stuhl stieg, zu Boden. Der Beckenknochen knallte auf den harten Untergrund, aber Charlotte konnte vermeiden, dass ihr Kopf ebenfalls aufschlug. Sofort griff sie das Messer, drehte es in den gefesselten Händen und begann rasend schnell damit, die Seile zu bearbeiten.
Wieder bellte ein Schuss in der Halle. Er kam aus derselben Richtung wie der erste.
Mit dem scharfen Messer dauerte es nicht lange, bis der Strick riss. Drei weitere Schüsse folgten, dann hörte Charlotte rennende Schritte und das Öffnen der Haustür. Von den Fußfesseln hatte sie sich ebenfalls schnell befreit und lief zum Fenster.
Sie sah noch, wie Dorothy, eine Tasche fest an sich gepresst, auf dem Trottoir nach rechts abbog und wegrannte.
Charlotte hielt sich nicht mit der Küchentür auf. Sie musste schnellstmöglich in die Halle, denn vielleicht brauchte Annabelle ihre Hilfe. So nahm sie aus einem der Unterschränke einen Topf und schlug das breite Fenster über der Spüle ein. Mit dem Topfboden schlug sie die spitzen Glasreste an der Dichtung ab, warf den Topf hinaus, kletterte auf die Arbeitsplatte und schlängelte sich durch das Fenster. Leicht federnd landete sie im Garten, nahm den Topf und rannte zur Eingangstür, die aber sperrangelweit offenstand, sodass sie das Fenster daneben nicht einschlagen musste.
Charlotte stürmte in die Eingangshalle und wollte schon nach der Kollegin rufen, als sie Trevor Pembroke bäuchlings auf dem Boden liegen sah. Er rührte sich nicht, und die große Blutlache sprach Bände. Charlotte legte ihm die Hand an den Hals, tastete nach der Aorta, doch sie konnte keinen Puls fühlen. Sie sah die zwei Einschusslöcher, drehte Pembroke auf den Rücken und legte einen Finger unter seine Nase. Nichts. Kein Luftzug deutete an, dass der Mann noch lebte. Flüchtig sah Charlotte an dem blutbesudelten Körper herunter. Drei weitere Wunden konnte sie entdecken. Das passte zu den fünf Schüssen, die sie gehört hatte.
Wiederbelebungsmaßnahmen hatten hier keinen Sinn mehr.
Aber wo war Annabelle? War sie ebenfalls tot? Oder hatte sie geschossen? Oder Dorothy?
„Annabelle!“, schrie Charlotte laut, lauschte und wiederholte den Ruf.
Ihr Kopf ruckte zur Seite, als sie ein undefinierbares Geräusch aus Richtung des abknickenden Korridors vernahm. Sie spurtete den Gang hinunter vorbei an den geöffneten Türen. Da niemand auf ihre Rufe reagierte, konzentrierte sie sich auf die verschlossene Badezimmertür. Sie sah ein Blitzen auf dem Boden, bückte sich und fand einen Schlüssel. Er passte zum Bad.
Ihr Blick fiel sofort auf die zusammengekrümmt in der Badewanne liegende Gestalt, die versuchte, sich über den Wannenrand hinabgleiten zu lassen.
„Warte!“, rief Charlotte und griff Annabelle unter den Achseln. Sie zerrte die Kollegin hinaus, durchsuchte danach den Spiegelschrank und fand ein Päckchen Rasierklingen. Schnell waren auch Annabelles Stricke zerschnitten.
„Wo ist Dorothy?“, fragte die Frau. Ihre Augen drückten Panik aus. Sie rieb sich die Handgelenke. „Ist sie tot? Wer hat da geschossen? Ich dachte für einen Moment, du wärst ...“ Sie sprach nicht weiter.
„Dorothy ist auf und davon mit dem Geld“, erwiderte Charlotte. „Aber Pembroke liegt tot in der Eingangshalle.“
Annabelle drückte sich vom Boden hoch und nahm dankbar Charlottes Hilfe an. „Trevor? Wie kommt dieses Scheusal hierher?“
„Keine Ahnung.“
Die beiden Frauen liefen in die Halle zurück.
Annabelle schaute starr auf den Toten. Ihr Gesicht spiegelte Abscheu wider. „Also hat Dorothy ihn erschossen“, stellte sie das Offensichtliche fest und deutete auf die Waffe - ihre eigene Waffe, die Dorothy ihr abgenommen hatte -, die vor dem Spiegelschrank lag. „Sie hat ihn aus dem Schrank heraus erschossen. Vermutlich hat sie sich dort versteckt, als sie bemerkte, dass er kommt.“
Annabelle ging um den Toten herum und sah eine zweite Waffe. „Also war es Notwehr. Dieser Bastard hat sie bedroht, und sie hat sich gewehrt.“
Charlotte glaubte nicht an diese Hypothese. Die Schüsse waren alle aus derselben Richtung gekommen, also hatte höchstwahrscheinlich nur Dorothy geschossen. Pembroke hätte sicherlich die Gelegenheit gefunden, das Feuer zu erwidern, wenn er einer Waffe Auge in Auge gegenübergestanden hätte. Also waren die Schüsse aus dem Hinterhalt abgegeben worden.
Sie erläuterte ihre Überlegungen der Kollegin, die sich über die Leiche beugte.
„Annabelle, wir müssen die Polizei und die Ambulanz verständigen. Wenn die Cops Dorothy geschnappt haben, wird sie sich erklären können. Sie hat nur wenige Minuten Vorsprung. Wir ...“
Annabelle richtete sich ruckartig auf und drehte sich um. Die Mündung von Trevor Pembrokes Waffe zielte auf Charlotte.
„Nein, Charlotte, wir warten noch ein wenig. Der Kerl ist ohnehin tot. Da spielt es keine Rolle, wann die Sanitäter kommen.“
„Du spinnst. Nimm die Waffe runter!“, entgegnete Charlotte überrascht. Meinte Annabelle diese Drohung ernst? „Ihr beide habt mich nach Strich und Faden reingelegt und ausgenutzt. Das hätte ich von dir nicht erwartet.“
Man sah Annabelle an, dass sie der Vorwurf traf. Dennoch ließ sie die Waffe nicht sinken. „Du musst das verstehen. Ich habe Dorothy im letzten Jahr nicht geholfen. Ich hätte den Kontaktabbruch nicht einfach so hinnehmen dürfen. Ich hätte nachforschen müssen, was los war, wie es ihr ging.“ Sie hustete und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „Bitte, versteh mich. So kann ich ihr wenigstens etwas Vorsprung verschaffen, und sie kann ein neues Leben beginnen.“
Charlotte verhielt sich ruhig. Sie befand sich fast fünf Yards von Annabelle entfernt. Zu weit für einen Überraschungsangriff. Würde Annabelle wirklich auf sie schießen? Sie beide waren nicht direkt Freundinnen, aber doch gute Kolleginnen, die schon diverse Aufträge miteinander durchgeführt hatten.
„Bitte, Charlotte“, wiederholte Annabelle. „Nur eine Stunde. Danach begleite ich dich zur Polizei und erkläre alles. Dir wird nichts geschehen, da du die ganze Zeit unter Zwang standest.“
„Aber du wirst Ärger bekommen. Und nicht gerade wenig.“
Annabelle Rivers nickte. Sie sah traurig aus, aber auch entschlossen. „Familie geht vor. Und die Welt wird keine bessere sein, wenn Dorothy im Gefängnis landet.“
Danach schwiegen beide. Annabelle schaute immer wieder auf die Uhr, und als die Stunde abgelaufen war, senkte sie die Waffe.
„Geh schon mal vor zum Auto. Ich hole noch das Walkie-Talkie und die anderen Beweisstücke, dann können wir fahren.“
Charlotte zögerte. Sollte dies ein weiterer Vertrauensbruch sein? Würde Annabelle versuchen, durch eins der hinteren Fenster zu fliehen?
„Keine Sorge, ich stehe zu meinem Wort. Ich komme gleich nach. Versprochen.“
Charlotte wandte sich um, verließ das Haus und setzte sich hinter das Steuer ihres Autos, das ein Stück weit die Straße herunter parkte.
Sie wartete. Mit jeder Minute, die verstrich, wurde sie unruhiger.
Wie viele Fehler habe ich heute gemacht, weil ich zu vertrauensselig gewesen bin?, fragte sich die Privatdetektivin.
Doch dann öffnete sich die Haustür. Annabelle trat mit einer Tasche heraus, kam zum Wagen und setzte sich auf den Beifahrersitz.
Charlotte startete den Motor und fuhr direkt zum nächsten Revier des Vancouver PD.
***
Nach drei Stunden, in denen Annabelle verhört wurde und das PD einige Kollegen zum Tatort geschickt hatte, wandte sich endlich ein Ermittler an Charlotte, die auf einem der Besucherstühle saß, die in einem hochfrequentierten Gang aufgestellt waren, und sich mit Kaffee und Tageszeitung die Zeit vertrieb. Der Mann, der aus einem der Dienstzimmer trat und nun auf sie zukam, war um die vierzig Jahre alt und trug das schwarze Haar kurz geschnitten. Der Ausweis, den er ihr hinhielt, wies ihn als Detective Inspector aus.
„Miss Bernstedt, wenn Sie bitte mitkommen wollen.“
Charlotte folgte ihm in einen kahlen Vernehmungsraum ohne Fenster. Der Inspector setzte sich an den Metalltisch und breitete seine Unterlagen vor sich aus. Charlotte nahm ihm gegenüber Platz.
„Wir haben die Aussage von Miss Rivers. Bitte erzählen Sie uns aus Ihrer Sicht, wie sich alles zugetragen hat.“
Charlotte erläuterte in knappen Sätzen, wie sie den Auftrag von Annabelle erhalten hatte, deren Schwester scheinbar zu entführen; wie sie mit Dorothy selbst gesprochen hatte, um sich zu vergewissern, dass alles auf Freiwilligkeit beruhte; wie Dorothy sie mit der Waffe bedroht hatte. Dann schilderte sie die Geldübergabe, dass Dorothy sie niedergeschlagen hatte, wie sie in der Küche aufgewacht war und fünf Schüsse gehört hatte, während sie sich zu befreien versuchte.
Der Inspector hob eine Hand und unterbrach ihren Bericht. „Fünf Schüsse, sagen Sie?“
Charlotte nickte. „Fünf, richtig. In geringem zeitlichem Abstand zueinander. Insgesamt hat es vielleicht zehn, höchstens fünfzehn Sekunden gedauert.“
Der Polizist machte sich Notizen. „Miss Bernstedt, Sie haben eine militärische Ausbildung durchlaufen. Kamen die Schüsse alle aus derselben Waffe?“
Charlotte zögerte mit der Antwort. Eine solche Aussage konnte man rein nach Gehör nicht mit absoluter Sicherheit treffen. „Sie klangen für mich gleich, Sir. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die Schüsse alle aus derselben Richtung gekommen sind.“
„Es war also, Ihrer Meinung nach, kein Schusswechsel?“, vergewisserte sich der Polizist und schaute in seine Unterlagen.
„Nein, Sir. Diesen Eindruck hatte ich definitiv nicht. - Darf ich meinerseits fragen, warum dieser Punkt für Sie so relevant ist? Mr Pembroke weist doch fünf Einschusswunden auf. Das habe ich deutlich gesehen.“
Der Detective dachte kurz nach. Wahrscheinlich überlegte er, ob er Charlotte in einen Teil der vorläufigen Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung einweihen sollte. „Die Crime Scene Unit hat eine Kugel in der Wand neben dem Spiegelschrank gefunden.“
„Stammt sie aus Pembrokes Waffe oder aus Miss Rivers' Revolver?“
Der Detective Inspector lächelte angedeutet. „Die Quelle ist noch nicht abschließend geklärt. Aber das Kaliber schließt Miss Rivers' Waffe aus. - Nun aber haben Sie mich genug ausgefragt. Drehen wir den Spieß also wieder um. Was geschah, nachdem Sie sich aus der Küche befreit hatten?“
Charlotte setzte ihre Schilderung der Ereignisse, unterbrochen von einigen Fragen des Detectives, fort.
Nach einer Stunde Vernehmung erklärte der Inspector abschließend, dass gegen Charlotte keine Anklage erhoben werden würde, da die scheinbare, aber freiwillige Entführung sehr ungewöhnlich, aber keine Straftat war.
„Sie können gehen, Miss Bernstedt.“
„Was geschieht mit Annabelle?“
„Das wird der Kronanwalt entscheiden.“
„Und Dorothy Pembroke?“
„Die Fahndung nach ihr läuft. Es muss noch endgültig geklärt werden, ob es Mord, Totschlag oder Notwehr gewesen ist.“
„Ich entnehme Ihrer Betonung, Sir, dass für das PD die letztere Möglichkeit die wahrscheinlichste ist?“
Wieder lächelte der Detective, vermied aber eine direkte Antwort. „Warten wir auch hier die Anklage ab.“
Charlotte verabschiedete sich und verließ das Police Headquarters.
Sie war sich absolut sicher, nur fünf Schüsse gehört zu haben. Natürlich wäre es möglich, dass jemand geschossen hatte, während sie noch bewusstlos gewesen war. Aber dagegen sprach, dass Trevor Pembroke nach seiner Frau gerufen hatte, und Stimme und Wortwahl legten für Charlotte den Schluss nahe, dass er das Haus gerade erst betreten hatte. Wie also hätte davor jemand diese Waffe abfeuern können?
Nein, für den sechsten Schuss gab es eine ganz einfache Erklärung.
Charlotte war mit einem Mal klar, warum Annabelle unbedingt noch alleine hatte im gemieteten Haus zurückbleiben wollen. Um die Utensilien der Entführung war es ihr nicht gegangen. Sie hatte diesen Schuss abgegeben, um die Lage für ihre Schwester deutlich milder erscheinen zu lassen.
Aber die Polizei würde sicherlich auf denselben Gedanken kommen, und so unterließ Charlotte es, den Inspector auf diese Möglichkeit aufmerksam zu machen, und fuhr nach Hause.
***
Am anderen Morgen frühstückte Charlotte mit Phil in ihrer Wohnung. Gerade hatte sie ihre Erzählung über den seltsamen Auftrag beendet.
„Und du hattest wirklich keinen Verdacht, dass an dieser Entführungsflucht mehr hing?“
„Nein, wirklich nicht. Ich habe Annabelle geglaubt, als sie mir alles erklärt und beschrieben hat, was sie plante. Und dann habe ich die Photos von Dorothys Verletzungen gesehen und mit ihr gesprochen. Ich hatte Mitleid mit der Frau“, erklärte Charlotte und blies über die dampfende Teetasse.
„Verständlich“, gab Phil zurück. „Ich kann mir vorstellen, was du gesehen hast. Fälle häuslicher Gewalt kommen gelegentlich auch auf meinen Schreibtisch.“
Für einen Moment schwiegen beide, dann fragte Phil: „Hast du noch einmal etwas von Annabelle gehört?“
Charlotte setzte die Tasse ab. „Sie hat aus dem Untersuchungsgefängnis angerufen und sich entschuldigt. Sie wird ihre Strafe annehmen und dann wohl Vancouver verlassen. Was glaubst du, wird sie bekommen?“
Phil zuckte die Achseln. „Schwer zu sagen. Erpressung, Bedrohung mit einer Waffe, Strafvereitelung. Ich denke, es kommt darauf an, ob man ihre Schwester als Mörderin anklagt oder nicht. Vielleicht kommt sie mit einer saftigen Geldstrafe davon. Aber ihre Lizenz als Privatdetektivin ist sie auf jeden Fall los.“
„Familie geht vor“, murmelte Charlotte.
„Was meinst du?“
„Das sagte Annabelle, als alles vorbei war.“
„Würdest du ...“, begann Phil, doch Charlotte stoppte ihn mit einer scharfen Geste.
„Ich mag keine What-if-Szenarien. Niemand kann verbindlich sagen, wie man in einer Extremsituation reagiert.“ Sie schnitt ein Brötchen auf und strich ein wenig Erdbeermarmelade darauf. Gedankenverloren biss sie hinein. „Aber eins habe ich gelernt. Falsche Rücksicht ist ein grober Fehler. Ich hätte alles früher beenden können, wenn ich Dorothy nur härter angegriffen hätte.“
„Mach dir keine Vorwürfe“, meinte Phil und legte der Freundin für einen Moment tröstend die Hand auf den Unterarm.
Charlotte straffte sich. „Jetzt aber zu etwas anderem. Und deswegen habe ich dich eigentlich eingeladen.“ Sie nahm einen Umschlag, der am Rand des Esstisches lag, öffnete ihn und zog die Photos heraus, die sie mit ihrer Kamerakonstruktion von der anderen Seite des Ovals geschossen hatte.
„So sieht es dort aus.“
Die beiden blickten auf die auf dem Tisch ausgebreiteten Bilder, die alle das Gleiche zeigten.
Man sah einen Raum, der vermutlich rechteckig war, wenn die Perspektive nicht trog. Die Wände schimmerten metallisch kupferfarben. Auch der Boden glänzte rötlich, wenn auch etwas matter. Was fehlte, war ein Maßstab, ein Objekt, dessen bekannte Größe als Vergleich dienen konnte. Vielleicht etwas, das an eine Schnur gebunden in das Oval geworfen und danach von der Kamera abgelichtet wurde. Charlotte hatte diese Idee sofort nach der Entwicklung der Photos auf ihre To-do-Liste gesetzt.
So aber konnte niemand sagen, ob dieser Raum zwei oder zweihundert Yards breit war.
„Hm“, machte Phil. „Was schließt du daraus?“
„Nichts. Bis jetzt sind es einfach nur erste Bilder. Wir müssen noch weiter experimentieren. Was mich aber am meisten interessiert, ist, wo sich dieser Raum befindet.“ Sie lächelte.
„Du hast eine Idee?“
„Sender und Empfänger, ganz einfach. Wir bringen einen starken Peilsender in das Oval ein und messen. Vielleicht ist der Ort hier in Vancouver.“
Phil schien nicht überzeugt. „Sehr vage Aussichten.“
Charlotte winkte ab. Das Experimentierfieber hatte sie wieder gepackt. „Aber wir machen auch das Gegenteilige und nehmen die Signale der Satelliten des TRANSIT-Systems auf. So können wir ungefähr feststellen, wo sich der Empfänger und damit das Jenseitige des Ovals befindet. Und da wollte ich dich fragen, ob mir vielleicht Dr. Rogers dabei helfen könnte. Er ‚lebt‘ doch für Elektronik. Du kennst ihn doch auch ein wenig privat.“
„Klar. Ich rufe ihn an.“
ENDE
(Weitere Geschichten mit Charlotte in Vorbereitung.)
zu Teil 1
Annabelle reichte der Kollegin Fernglas, Walkie-Talkie und eine alltägliche Stofftüte, was Charlotte alles in die Seitentasche ihrer Jacke schob. Dorothy Pembroke stand ein paar Yards entfernt und hielt die Waffe auf die beiden Frauen gerichtet. Die Mündung schwankte ein wenig hin und her.
Bevor Charlotte die Haustür öffnen konnte, zog Annabelle sie kurz am Arm. „Charlotte, bitte, halte dich an den Plan. Verständige nicht die Polizei. Dorothy wird uns nichts tun, solange alles so verläuft, dass sie heute Abend auf dem Weg ist, das Land zu verlassen. Wenn sie draußen aber das ERT auffahren sieht, dreht sie durch. Ich will nicht, dass sie sich etwas antut.“
Dorothy kam näher und drückte Annabelle die Waffe an den Hinterkopf. „Hör auf deine Freundin. Ich will nichts von dir oder ihr. Ich will nur raus aus der Hölle. Also, in drei Stunden bist du mit dem Geld wieder hier.“
Charlotte trat wortlos hinaus ins Freie und ging zu ihrem Wagen.
Zügig fuhr sie zum südlichen Ende der Queensborough-Eisenbahnbrücke, die über den Fraser River führte. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie noch gut vierzig Minuten Zeit hatte, bis die Geldübergabe stattfinden würde. Sie wendete den Wagen und parkte auf einem Rasenstück nahe an der Brücke. Dann stieg sie aus und schaute sich die Umgebung genau an.
Mit nur wenigen Minuten Abstand ratterten Züge des Nah- und Fernverkehrs über die Eisenbahnbrücke. Autos und Fußgänger mussten eine der anderen Brücken nutzen, die sich wenigstens fünfhundert Yards entfernt befanden.
Die Gegend war unbelebt. Charlotte war der einzige Mensch weit und breit. Ein schmaler Wanderweg verlief einige Yards unter ihr direkt am Fluss entlang. Die Böschung bis dorthin war sehr steil und die nächste Treppe weit entfernt.
Wirklich ein guter Platz, musste Charlotte der Planung Annabelles erneut Respekt zollen.
Sie blickte nach links in die Richtung, aus welcher der Zug kommen würde, der sie interessierte. Die Gleise verliefen ein langes Stück schnurgerade, und mit dem Fernglas konnte sie viele Einzelheiten erkennen.
Immer wieder schaute Charlotte auf die Uhr. Endlich war es kurz nach halb drei am Nachmittag. Sie musste Kontakt aufnehmen, schaltete das Funkgerät ein und sprach: „Dorothy an Trevor. Wo sind Sie?“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis eine Männerstimme erklang. „Kurz vor der Queensborough Bridge. Wir fahren eine Kurve. Jetzt sehe ich die Brücke.“
„Öffnen Sie das Fenster in Fahrtrichtung rechts. Schieben Sie die Tasche ein Stück hinaus und machen Sie sich bereit für den Abwurf.“
Sie ließ den Sprechknopf los, behielt aber den Finger darauf. In der Ferne sah sie die Lokomotive näherkommen. Das grelle, weiße Licht glühte und wurde rasch größer. Der Zug verlangsamte, und dann erreichte die Lok die Brücke. Charlotte sah die Waggons in rund dreißig Yards Entfernung vorbeifahren. Pembroke würde im letzten sitzen. Das besagten die Anweisungen, die er durch die Filmrolle erhalten hatte.
Waggon um Waggon schob sich auf die Brücke.
Da sah Charlotte das Ende des Zuges. Ein Fenster war halb nach unten geschoben. Etwas Rotes ragte heraus. Den Mann selbst konnte sie nicht sehen, da die Fensterscheiben ein wenig spiegelten.
Der letzte Waggon war nun fast an der Zielstelle angelangt. Charlotte wartete noch einen Moment, dann drückte sie den Sprechknopf des Walkie-Talkies. „Jetzt! Werfen Sie!“
Die rote Sporttasche flog aus dem Fenster und beschrieb einen kleinen Bogen, als sie nach unten fiel. Doch Pembroke hatte nach Charlottes Befehl zu lange gezögert. Die Tasche landete nicht auf dem kleinen Rasen kurz vor dem Beginn der Brücke, sondern auf der Brückenkonstruktion selbst. Dort prallte sie von den Querträgern ab, rutschte eine Schräge hinab und blieb schließlich an einem der Brückenpfeiler in einem Kreuzungspunkt mehrerer tragender Elemente hängen - knapp acht Yards über dem Fraser River!
Crap!, fluchte Charlotte, doch mit möglichen Komplikationen hatte auch Annabelle gerechnet.
Der Zug hatte unterdessen mehr als die Hälfte der Brücke überquert. Der nächste Halt lag noch rund zwei Kilometer entfernt. Von dort konnte niemand schnell genug an der Abwurfstelle sein. Vielleicht hatte Pembroke auch Leute angeheuert, die dem Zug folgten, und die in diesem Moment unterrichtet wurden. Doch diese würden sicherlich die Autobahnbrücken angesteuert haben. Auch deren Herfahrt würde dauern. Blieb der unwahrscheinliche Fall, dass irgendjemand mit der Eisenbahnbrücke als Abwurfpunkt gerechnet hatte. Doch noch sah Charlotte niemanden.
Aber Eile tat Not. Charlotte legte Fernglas und Walkie-Talkie ins Gras, kletterte die Böschung hinunter zum Uferweg und rannte in hohem Tempo das kurze Stück bis zum Brückenpfeiler. Noch im Laufen zog sie Block und Stift aus der Gesäßtasche. Rasch war eine Zeichnung von der Geldtasche und den umgebenden Stahlträgern angefertigt. Das Muster der Träger war hochrepetitiv, und die Tasche wies kaum Falten auf, die das eintönige Rot durchbrachen. Dennoch signierte sie ihr Bild und tippte vorsichtig auf die gezeichnete Tasche.
Es geschah nichts, und das hatte Charlotte fast erwartet. Die Kopplung war nur schwach. Also erhöhte sie den Druck. Die Tasche dellte sich ein wenig ein, änderte aber nicht ihre Position. Erneut klopfte Charlotte auf das Bild, aber sie konnte die Lösegeldtasche nicht freibekommen. Noch mehr Kraft wollte sie aber nicht übertragen, denn sollte die reale Tasche aufplatzen und das Geld hinunter in den Fluss segeln, hatte sie wirklich ein Problem.
Also blieb nur die sportliche Methode.
Charlotte stopfte die Zeichenutensilien zurück in die Hosentasche, lief zum Brückenpfeiler und sprang in die Höhe. Sie bekam einen der Querbalken zu fassen und schwang die Beine hinauf. Das Metall war noch kalt und feucht vom Regen am Vormittag, sodass Charlotte, anstatt sich mit den Fingern festzukrallen und sich hochzuziehen, es vorzog, sich mit der Ellenbeuge an die Metallstreben zu hängen. Diese Maßnahme machte den Aufstieg etwas langwieriger, aber deutlich sicherer. Zügig kletterte Charlotte Yard um Yard hinauf, bis sie die verkantete Tasche greifen konnte. Sie zerrte daran, aber das Teil lockerte sich einfach nicht.
Charlotte hatte keine Zeit, weiter zu versuchen, die Tasche freizubekommen, sondern stieg noch einen Yard höher, bis die Sporttasche auf Höhe ihres Beckens lag. Mit einer Ellenbeuge hielt sie sich fest, während die freie Hand den Reißverschluss der roten Tasche aufzog.
„Wenn da jetzt kein Geld drin ist, schreie ich“, murmelte sie. Doch ihre Befürchtung bewahrheitete sich nicht. Sie sah dicke Dollarbündel mit Banderolen der Canadian National Savings Bank, bei der Pembroke sein Konto unterhielt. Charlotte zog die Stofftüte aus ihrer Jackentasche, schüttelte diese einarmig aus, damit sie sich öffnete, und hielt sie mit den Zähnen an einer Halteschlaufe fest. Dann räumte sie die Geldbündel um. Geplant war das ohnehin gewesen, aber eigentlich auf dem Erdboden.
Es dauerte kaum zwei Minuten, dann hatte sie die Tasche geleert. Charlotte zog den Reißverschluss ihrer Jacke auf und stopfte die Geldtüte mit einer Hand zwischen Pullover und Jacke.
In der Ferne sah sie einen Radfahrer auf dem Uferweg auf ihren Standort zukommen.
Ob der zu Pembroke gehört?, fragte sich Charlotte, glaubte es aber nicht. Doch sie wollte auch kein Risiko eingehen, denn bis jetzt hatte die Geldübergabe fast reibungslos geklappt.
Schnell machte sie sich an den Abstieg, sprang aber schon aus vier Yards hinunter und rollte sich gekonnt ab. Den Aufprall nutzend, kam sie katzengleich wieder auf die Beine, wandte sich sofort nach rechts und zog sich an den Pflanzen die Böschung hinauf. Hinter ihr näherte sich der Radfahrer mit dem charakteristischen Geräusch von Reifen, die auf Sand fuhren. Charlotte blickte sich nicht um, hörte aber, dass das Rad, ohne anzuhalten, weiterpreschte.
Charlotte sprang in ihr Auto und fuhr los, wählte jedoch nicht den direkten Weg zurück, sondern bog ein paarmal willkürlich ab. Immer wieder warf sie einen Blick in den Rückspiegel. Die Straßen hier waren nur wenig belebt. Kein Auto fiel ihr sonderlich auf.
Sie überlegte hin und her, ob sie nicht doch die Polizei einschalten sollte, entschied sich aber dagegen. Annabelle wollte es so, und Charlotte traute sich zu, die ganze Sache selbst zu beenden, ohne sich auf Dorothys Versicherung, niemandem etwas anzutun, verlassen zu müssen. Den Gedanken, sich eine Waffe zu besorgen und mitzunehmen, verwarf sie. Dorothy würde sicherlich darauf bestehen, sie zu durchsuchen.
Aber es gab etwas anderes, das Charlotte zu tun gedachte. Es bedurfte ein wenig Vorbereitung, aber dafür blieb noch genügend Zeit. So fuhr sie zu einem kleinen Kostümverleih, dessen Besitzer schon gelegentlich für sie als Maskenbildner gearbeitet hatte.
Hoffentlich ist er in seinem Geschäft, dachte Charlotte.
Sie hatte Glück. Jeremy Millan stand hinter der Ladentheke und lächelte sie freundlich an. „Miss Bernstedt, was für eine Freude, Sie zu sehen! Benötigen Sie wieder meine Dienste? Oder möchten Sie sich ein Kostüm für eine Party ausleihen?“
„Ersteres“, antwortete Charlotte und erklärte dem Mann in wenigen Sätzen, was sie genau wollte.
Jeremy bat sie in eins der Hinterzimmer, wo Charlotte vor dem Schminktisch Platz nahm. Der Maskenbildner öffnete einen Koffer, zog diverse Puder, Tiegel und Pinsel heraus, und machte sich an die Arbeit.
***
Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit, noch bevor Charlotte den Hauseingang erreichte. Annabelle winkte. In der Eingangshalle machte Charlotte sofort einen Schritt zur Seite, sodass sie seitlich vor dem Fenster neben der Tür stand. Die tief in die Stirn gezogene Kapuze verdeckte ihr Gesicht.
Dorothy schälte sich aus dem Schatten der Tür.
Charlotte ergriff sofort die Initiative und sagte im Befehlston: „Lass Annabelle frei, dann bekommst du das Geld und kannst verschwinden.“
Dorothy zuckte bei den lauten Worten zusammen, lehnte dann aber kopfschüttelnd ab. Sie stand direkt hinter ihrer Schwester, so, als wollte sie deren Körper als Schutzschild nutzen, und schob Annabelle nun nach vorne, bis die beiden nur noch einen Schritt von Charlotte entfernt waren. Dorothy griff mit einer Hand nach der Tasche mit dem Geld, doch Charlotte ließ nicht los.
Jetzt war für sie der perfekte Zeitpunkt für Ablenkung und Schock gekommen.
Charlotte schob die Kapuze zurück. „Fast hätte Trevor mich geschafft. Er ist ein Scheusal.“
Im Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel, sah man ihr Gesicht, das maskenbildnerische Verletzungen aufwies, die täuschend echt aussahen: blaue Flecken, getrocknetes Blut, ein wenig glitzernder Eiter.
Dorothy reagierte so, wie Charlotte vermutet hatte.
Die Frau sah das scheinbar misshandelte Gesicht, hörte den Namen ihres Peinigers, und für einen Augenblick schweiften ihre Gedanken zu dem, was sie in der letzten Zeit von dem Mann, der geschworen hatte, sie zu lieben, hatte ertragen müssen.
Charlotte nutzte diesen Moment und sprang nach vorne. Ihre Finger schlossen sich um das Gelenk von Dorothys rechter Hand, welche die Waffe hielt. Stahlhart drückte Charlotte zu, während ihre andere Hand Annabelle aus dem Weg schob. Dann war sie auch schon bei Dorothy und setzte zwei dosierte Handkantenschläge gegen den Hals an. Dorothy stöhnte auf, ließ die Waffe fallen und taumelte zurück gegen eine Kommode, die an der Wand stand. Charlotte hechtete nach und drückte die Frau mit dem Gesicht nach unten auf den Boden.
„Nimm die Waffe! Und bring mir ein Seil!“, rief Charlotte ihrer Kollegin zu. Sie zerrte Dorothys Arme auf den Rücken. Durch den Pullover spürte sie den Körper der Frau - und die nur teilweise verheilten Wunden.
Charlotte zögerte.
Dorothy witterte ihre Chance. Ohne auf eigene Verletzungen zu achten, beugte sie ihren Oberkörper wie eine Schlange nach oben und schlug mit aller Kraft ihren Kopf nach hinten. Charlotte sah die Bewegung, drehte den Kopf, konnte aber dem Schlag nicht vollständig entgehen. Der anfliegende Hinterkopf traf sie seitlich an der Nase, die krachend brach. Charlottes Wahrnehmung trübte sich für einen Sekundenbruchteil, und der Griff um Dorothys Handgelenke lockerte sich. Die Frau konnte ihren rechten Arm befreien, tastete nach vorne und bekam eine der schweren, hölzernen Figuren zu fassen, die beim Anprall an die Kommode heruntergefallen waren.
Dorothy rotierte ihren Körper um die Längsachse, und Charlotte ließ als Reaktion auch den anderen Arm ihrer Gegnerin los, denn sonst hätte Annabelles Schwester sich selbst verletzt. Dorothy konnte sich auf die Seite rollen.
Nachdem Charlotte die Verletzungen gespürt und nicht nur gesehen hatte, widerstrebte es ihr, der Frau, die im letzten Jahr soviel Leid erfahren hatte, noch über Gebühr zusätzliche Schmerzen zu bereiten, und so kämpfte sie nur mit angezogener Handbremse.
Dorothy kannte solche Skrupel nicht, holte aus und schlug die Figur mit voller Wucht in Richtung Charlotte, deren Blick sich wieder klärte. Doch das Holz traf sie an der Wange und ließ einen stechenden Schmerz durch ihr Gesicht fahren. Wieder schlug Dorothy zu, und Charlotte versuchte, ihr die Figur zu entwinden. Doch Dorothy hatte unterdessen eine zweite Skulptur gegriffen und schlug nun wie rasend aus zwei Richtungen auf Charlotte ein. Die Privatdetektivin wehrte die heranfliegenden Skulpturen mit den Unterarmen ab. Stechender Schmerz durchzuckte sie, und sie biss sich auf die Zähne. Aber dann bekam sie Dorothys linke Hand wieder zu fassen und wollte sich gerade zur Seite fallen lassen, um den anderen Arm ihrer Opponentin mit dem Körper auf den Boden zu pinnen, als eine Hand sie am Oberarm packte und wegzog.
„Annabelle, was ...“, keuchte sie und war für einen Moment abgelenkt.
„Lass sie! Ich habe die Waffe“, hörte sie noch die Antwort, doch da traf sie eine der Holzfiguren hart an der Schläfe. Vor Charlottes Augen tanzten Sterne. Reflexartig bog sie den Oberkörper zurück, doch Dorothy holte zum zweiten Schlag aus. Auch dieser traf Charlotte am Kopf.
Sie wurde bewusstlos und sackte zu Boden.
Dorothy aber schwang erneut den Arm, doch Annabelle ging dazwischen.
„Spinnst du? Charlotte ist nicht deine Feindin“, stieß die Privatdetektivin hervor und riss ihrer Schwester die Skulptur aus der Hand.
Dorothys Gesicht, das zuvor zu einer Fratze verzerrt gewesen war, nahm langsam wieder menschliche Züge an. Sie schob Charlotte, die halb über ihr lag, von sich und stand auf.
„Nimm das Geld und verschwinde“, meinte Annabelle und klang betroffen. „So weit sollte es nie kommen. Ich helfe dir weiter, aber es muss jetzt Schluss sein.“
„Du hast recht“, erwiderte Dorothy, aber es klang gleichgültig. „Es tut mir leid. Das hat Charlotte nicht verdient. Hilf ihr bitte, ja?“
Annabelle ging zu der Kollegin und kniete sich auf den Steinboden. Am Hals fühlte sie nach dem Puls und atmete erleichtert auf, als ihre Finger ein kräftiges, regelmäßiges Pochen spürten. Auch die Kopfwunde sah nur nach einer oberflächlichen Verletzung aus. Charlotte würde in Kürze wieder zu sich kommen.
Plötzlich hörte Annabelle in ihrem Rücken ein Pfeifen von links. Eine Zehntelsekunde später spürte sie den Schlag auf ihrem Hinterkopf. „Was ...“, stieß sie noch hervor, bevor sie ohnmächtig zusammenbrach.
Dorothy warf die Holzskulptur zur Seite, lief in den Keller und holte die Stricke aus der Tasche. Wieder in der Eingangshalle fesselte sie zuerst ihrer Schwester die Hände auf dem Rücken, dann die Füße zusammen und schleifte sie ins Bad, wo sie ihr ein dünnes Badetuch als Knebel verpasste. Sie räumte Annabelles Hosentaschen aus und wuchtete ihre Schwester unter Mühen in die Wanne. Das Bad verschloss sie und warf den Schlüssel im Gang zur Seite. Er blieb, kaum sichtbar, hinter einem Pflanzenkübel liegen. Dorothy rannte zurück in die Eingangshalle, wo sie Charlotte an den Armen griff und in die Küche schleifte. Dort rollte sie die Detektivin auf den Bauch, fesselte ihr Hände und Füße und band beide zusätzlich mit einem Strick zusammen. Auch Charlotte wurde mit einem Geschirrhandtuch geknebelt. Dann leerte Dorothy ihrem zweiten Opfer die Taschen. Block, Stift, Funkgerät, Schlüssel und weiteres räumte sie zusammen und stopfte es in eine Tüte, in die sie auch Annabelles Eigentum legte.
Unter dem Wasserhahn säuberte sie sich das Gesicht, um die letzten Reste des getrockneten Bluts zu entfernen, fuhr sich einmal durch die Haare und versteckte dann die Tüte im Wohnzimmer, nachdem sie die Küchentür zugesperrt hatte.
Danach hob sie Annabelles Waffe auf und steckte sie ein.
Dorothy Pembroke nahm den Hausschlüssel und trat hinaus in den Garten, verließ das Grundstück und wandte sich zu Fuß nach Westen. Die Straße war unbelebt, nur selten fuhr ein Wagen vorüber. Nach ein paar Minuten war sie an ihrem Ziel angekommen, betrat die öffentliche Fernsprechkabine und gab der Telefonistin eine Nummer durch, die sie hasste. Sie hielt den Hörer verkehrt herum und legte zusätzlich eine Hand auf die Hörmuschel. Sie wollte die Stimme nicht hören, die sich gleich melden musste.
„Pembroke“, drang es leise aus dem Hörer.
Dorothy fing sofort an zu sprechen. „Schatz, ich bin es. Die Kerle sind mit dem Geld verschwunden. Sie haben mich in einem Haus zurückgelassen, gefesselt. Ich kann nicht weg. Bitte, komm mich abholen. Ich bin Kingston Road, 2312. Bitte komm alleine, ohne Polizei. Ich will nur zu dir.“ Die letzten Worte klangen bettelnd, so, als hinge ihr Leben davon ab. Es war ein Tonfall, den Trevor mochte.
Dann hängte sie schnell ein.
Wieder wechselte ihre Stimmung. Mit einem zufriedenen Lächeln verließ sie die Telefonzelle. Trevor Pembroke würde alleine kommen, dessen war sich Dorothy sicher.
Rasch lief sie zurück zu dem Ferienhaus, das Annabelle für eine Woche gemietet hatte.
Die Haustür ließ sie unverschlossen, legte die Geldtasche in den Spiegelschrank in der Eingangshalle, kletterte nach und zog die Tür bis auf einen kleinen Spalt zu. Außen am oberen Rand hing eine Jacke auf einem Kleiderbügel und verdeckte teilweise, dass die Flügel nicht ganz schlossen. Dorothy hatte gute Sicht auf die Eingangstür.
Geduldig wartete sie.
***
Charlottes Bewusstsein kehrte in die Gegenwart zurück. Sie hielt die Augen weiter geschlossen, bewegte sich nicht und lauschte angestrengt. Doch wo immer sie sich auch befand, um sie herum war nur Stille. Keine Atemgeräusche, keine Schritte, kein Luftzug, wenn sich jemand auch noch so vorsichtig bewegte.
Sie lag auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gedreht. Das, worauf sie lag, war kalt, und sie spürte diese Kälte nicht nur an der Wange sondern auch durch die Kleidung. Ihre Handgelenke schmerzten. Etwas Raues, ein Strick vermutlich, drückte in ihr Gewebe. Dasselbe Gefühl verspürte sie an den Knöcheln. Die Füße ragten in die Luft. Charlotte konnte sich ihre Haltung bildlich vorstellen. Sie war gefesselt, und das nicht zu knapp.
Weiter hatte sich da, wo sie sich befand, nichts getan, und so hob sie vorsichtig das obere Lid ein winziges Stück. Sie sah ein paar Stuhlbeine sowie die dickeren Beine eines Tisches. Rechts schien es heller zu sein. Dort musste ein Fenster liegen.
Die Küche, erkannte sie.
Charlotte rollte sich auf die Seite, winkelte die Knie so weit an, wie es die Fesselung erlaubte, und nahm Schwung. Beim dritten Versuch schaffte sie es, kniete endlich, den Oberkörper aufgerichtet, und blickte sich um. Wie erwartet, war sie alleine.
Automatisch tasteten ihre Hände zu den Hosentaschen. Sie kannte diese Situation zur genüge. Es würde kein größeres Problem sein, freizukommen, denn so straff die Fesseln auch saßen, hatte sie doch ausreichend Spiel in den Handgelenken.
Aber ihre Hände fanden nichts. Die Gesäßtaschen waren leer, und auch die Seitentaschen, die sie mit wilden Verrenkungen erreichen konnte, enthielten weder Block noch Stift. Wieder glitt ihr Blick durch die Küche, aber sie sah nichts, das sie zum Zeichnen verwenden konnte. So untersuchte sie die angeschossene Fliese, doch die Splitter waren kaum fingernagelgroß. Zwar gab es raue Kanten der Fliesenstücke, die noch am Untergrund befestigt waren, aber ein Versuch auf dem Rücken liegend zeigte schnell, dass an ein Aufscheuern der Fesseln hier nicht zu denken war.
So robbte sie zu einer der Schubladen neben der Spüle. Irgendwo musste es hier doch Messer geben.
Plötzlich hörte Charlotte dumpfe Schritte auf der anderen Seite der Küchentür. Sofort hielt sie inne, um auch nicht durch das leiseste Geräusch auf sich aufmerksam zu machen.
Ein Mann rief: „Dorothy, Liebes, wo bist du?“
Charlotte erkannte die Stimme sofort wieder, obwohl sie diese nur ein paar Sätze durch ein Sprechfunkgerät hatte sagen hören. Es war Trevor Pembroke, der gewalttätige Ehemann von Dorothy.
Was, zum Henker, macht der hier?, fragte sich Charlotte. Wie hat er dieses Haus gefunden? Ist mir doch jemand nach der Geldübergabe gefolgt und hat ihn verständigt?
Charlotte wusste nicht, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Das helle Tageslicht, das durch das Fenster hereinfiel, schloss jedoch eine allzu lange Ohnmacht aus. Sie glaubte auch nicht, dass sie einen ganzen Tag verschlafen hatte, denn sie verspürte keinen größeren Durst.
Nun galt es umso mehr, sich schnellstmöglich zu befreien. Pembroke wollte sie in dieser hilflosen Lage nicht begegnen.
Charlotte nahm den Knauf zwischen die Zähne und zog die Schublade langsam auf. Sofort roch sie den intensiven Duft von Gewürzen. Sie robbte auf den Knien zur nächsten Lade, worin sich gefaltete Handtücher befanden. Also weiter. Die dritte Schublade, die sie herauszog, enthielt Besteck. Doch die Messer sahen nicht sonderlich scharf aus. Damit würde sie eine Ewigkeit benötigen, um ihre Fesseln zu durchschneiden.
Crap!, fluchte sie. Hier muss es doch so etwas wie Brotschneidemesser geben. Vielleicht im Schrank?
Auf die gleiche Art wollte sie mit den Zähnen den hohen Eckschrank öffnen. Doch das erwies sich als deutlich schwieriger, schwang die Tür doch zur Seitenwand hin auf. Dort aber befand sich Charlottes Kopf im Weg, wenn sie langsam und kontinuierlich aufzog.
Also anders, dachte sie, nahm den Knauf wieder zwischen die Zähne, riss den Kopf zurück, ließ den Knauf los und wich dem Türblatt aus.
Sie hatte Glück. Die Tür knallte gegen die Wand und blieb offen.
Das Geräusch, das entstand, war nicht sonderlich laut, dennoch schien es der Mann in der Eingangshalle gehört zu haben. Schritte näherten sich der Küche. Dann wurde der Knauf gedreht, doch die Tür ging nicht auf. Pembroke rüttelte daran.
Charlotte sah keine Chance mehr freizukommen. Das einzige, das ihr noch blieb, war, sich ohnmächtig zu stellen. Sie ließ sich zu Boden sinken, legte den Kopf aber so, dass sie die Tür im Blick hatte, an der weiter gerüttelt wurde.
Pembroke rief: „Dorothy, bist du da drinnen?“
Nach ein paar Sekunden Wartezeit entfernten sich die Schritte.
Charlotte schwang sich wieder auf die Knie und robbte zum offenstehenden Eckschrank. Charlottes Augen suchten die Fächer ab. Da! Auf dem Regalboden knapp oberhalb ihres Kopfes lagen scharfe Brotschneidemesser.
Keine Chance, diese irgendwie mit den Zähnen zu erreichen.
Aus der Halle drangen wieder Worte, doch Charlotte verstand nicht, was gesagt wurde.
Die Privatdetektivin robbte zum nächstgelegenen Küchenstuhl und schubste ihn mit der Schulter an die Seitenwand, etwa zwei Fuß vor den Schrank. Sie legte den Oberkörper auf die Sitzfläche, spannte alle Muskeln an und schnellte vor. Nach ein paar Versuchen hatte sie es geschafft, die Knie auch auf den Stuhl zu bringen, und sie konnte sich vorsichtig aufrichten. Dann ließ sie sich nach vorne fallen. Das Kinn knallte auf den Regalboden mit den Messern. Es tat weh, aber das war nicht zu ändern.
Da ertönte wieder ein lautes Rufen aus der Eingangshalle.
Sekunden später folgte ein Schuss.
***
Ein paar Minuten zuvor
Dorothy hörte Schritte auf Kies, die vom Garten kamen. Die Haustür öffnete sich. Der Schatten einer Gestalt schob sich in die Eingangshalle. Dorothy sah noch das Blitzen einer Pistole in Trevors Hand, senkte aber sofort ihren Blick und fixierte den Schrankboden. Sie wollte das Gesicht des Mannes nicht anschauen. Sie durfte ihn nicht direkt anschauen, sonst konnte der Plan fehlgehen.
„Dorothy, Liebes, wo bist du?“, rief Trevor Pembroke. Er klang tief besorgt.
Dorothy zuckte beim Klang der vertrauten Stimme zusammen. Ihre Hände begannen zu zittern. Ein warmes Gefühl durchströmte sie, ein Gefühl, das vor über einem Jahr dazu geführt hatte, dass sie Trevors Heiratsantrag mit einem Freudenschrei angenommen hatte.
Der Mann, der da in der Halle stand, war der sanfte Trevor, der Trevor, den sie liebte, und der nun gekommen war, um sie aus einer, wie er glaubte, schrecklichen Lage zu befreien.
Dorothys Gefühle und Gedanken überschlugen sich. Sie ließ die Hand mit der schussbereiten Waffe sinken.
In ihr keimte die Hoffnung auf, dass ihr Plan vielleicht ein ganz unerwartetes Ergebnis hervorbringen konnte. Sie wollte glauben, dass die Besorgnis in Trevors Stimme ein Zeichen dafür war, dass er das Böse in sich ein für alle Mal besiegt hatte.
Es war eine irrationale Hoffnung, die durch nichts gestützt wurde. Ein Teil von Dorothy wusste das auch, denn Versprechungen, dass von nun an alles besser werden würde, hatte Trevor ihr zuhauf gemacht, wenn er sich nach einem Ausraster tränenreich entschuldigte.
Aber der Wunsch war stark, und so überlegte sie, ob sie einfach aus dem Schrank herauskriechen und sich in Trevors Arme werfen sollte.
Schon streckte sie eine Hand aus, doch irgendetwas tief in ihr hielt sie noch zurück. Die Finger verharrten einen Inch vor dem Türflügel.
„Dorothy, wo bist du?“, rief Trevor erneut. „Geht es dir gut?“
Es war, als kämpften zwei Seelen in ihr. Eine wollte den Plan, den sie zu ihrer Befreiung erdacht hatte, aufgeben und den Schrank aufstoßen, die andere spülte Erinnerungen an das unsagbare Leid hoch, das Trevor ihr angetan hatte.
Da verschwand der Mann aus ihrem eingeschränkten Blickfeld. Ein paar Schritte waren zu hören.
„Dorothy, bist du da drinnen?“
Trevor rüttelte an einer Tür. Es musste die Küche sein. Wieder versuchte er anscheinend, die Tür zu öffnen, gab dann aber auf und lief durch die Halle zu den anderen Räumen, danach hinauf in den ersten Stock. Indes saß Dorothy mit wild hämmerndem Herzen im Spiegelschrank und focht einen erbitterten Kampf mit sich selbst aus.
Als Nächstes stieg Trevor hinab ins Untergeschoss.
Dorothy konnte nicht hören, was er dort tat, aber er würde die Kamera und den Raum finden, in dem das Lösegeldvideo gedreht worden war. Damit würde er Gewissheit erlangen, sich im richtigen Haus zu befinden.
Als Trevor die Durchsuchung des Kellers beendet hatte, ging er wieder hinauf und schlug den Weg zur Küche ein. Was in seiner Durchsuchung noch fehlte, waren die beiden abgeschlossenen Räume. Laut rief er, und diesmal klang seine Stimme nicht besorgt, sondern eher ungehalten: „Was geht hier vor sich? Dorothy, wenn du hier irgendwo bist, mache dich bemerkbar. Ich habe nicht ewig Zeit.“
Die Lautstärke und diese Kälte in der Stimme trafen Dorothy fast körperlich. Unwillkürlich kauerte sie sich tiefer in die Schrankecke und machte sich noch kleiner.
Aber diese Stimme entschied den Kampf in ihr.
Der Traum von einer schönen gemeinsamen Zukunft zerplatzte jäh.
Dorothy hob die Waffe und zielte durch den schmalen Spalt zwischen den Schranktürflügeln. Ihr brach der Schweiß wieder aus allen Poren, und es durchlief sie abwechselnd heiß und kalt.
Und dann trat Trevor in ihr Blickfeld.
Dorothy stieß mit der freien Hand die Schranktür auf und feuerte sofort. Die Kugel traf Trevor, der beim Geräusch, das vom Spiegelschrank kam, den Kopf drehte, in die Schulter. Der Anprall wirbelte ihn herum. Seine Hand fuhr in die Seitentasche des Jacketts, um die Waffe wieder herauszuholen, die er, da ihm offenbar hier keine Gefahr drohte, dort verstaut hatte. Doch schon schlug die zweite Kugel in seinen Bauch ein. Sein Gesicht zeigte Unverständnis und Unglauben, dann Wut, als er erkannte, wer auf ihn schoss. Er öffnete den Mund, doch die Worte, die hervorquollen, konnten Dorothy nichts mehr anhaben. Sie nahm sie gar nicht bewusst wahr.
Trevors Hand zog quälend langsam seine Waffe hervor, doch er kam nicht mehr dazu, sie auf Dorothy zu richten, die wieder abdrückte. Die dritte Kugel schlug in Trevors Oberkörper ein. Er stolperte nach vorne, sein Blick wie hypnotisierend auf die Frau gerichtet. Wieder sagte er etwas, doch die Worte blieben unverständlich. Blut quoll aus seinem Mund.
Er kam nicht mehr weit.
Schwer stürzte er zu Boden, aber Dorothy feuerte weiter. Die vierte Kugel schlug in Trevors unterem Rücken ein, die fünfte seitlich in den Hals. Unter seinem Körper bildete sich eine Blutlache, die sich träge ausbreitete.
Wieder zog Dorothy durch, doch es klickte nur. Die Trommel war leer.
Dorothy kroch aus dem Schrank, schleuderte den Revolver von sich, riss die Tasche mit dem Geld an sich und stürmte aus dem Haus.
Nur ein Gedanke beherrschte sie: Es war vorbei.
***
Charlotte ließ sich durch den Schuss nicht beirren. Nur kurz ging ihr die Frage durch den Kopf, ob Pembroke vielleicht auf Annabelle geschossen hatte, die ja irgendwo im Haus war, und die er für die Entführerin halten musste. Ob er sie als Schwester seiner Frau erkannte?
Sie drückte das Kinn auf den Griff des Messers, zog es zu sich und ließ es auf die Fliesen fallen. Es klirrte, aber das spielte keine Rolle. Sie musste sich eiligst befreien. So fiel sie mehr, als dass sie geordnet vom Stuhl stieg, zu Boden. Der Beckenknochen knallte auf den harten Untergrund, aber Charlotte konnte vermeiden, dass ihr Kopf ebenfalls aufschlug. Sofort griff sie das Messer, drehte es in den gefesselten Händen und begann rasend schnell damit, die Seile zu bearbeiten.
Wieder bellte ein Schuss in der Halle. Er kam aus derselben Richtung wie der erste.
Mit dem scharfen Messer dauerte es nicht lange, bis der Strick riss. Drei weitere Schüsse folgten, dann hörte Charlotte rennende Schritte und das Öffnen der Haustür. Von den Fußfesseln hatte sie sich ebenfalls schnell befreit und lief zum Fenster.
Sie sah noch, wie Dorothy, eine Tasche fest an sich gepresst, auf dem Trottoir nach rechts abbog und wegrannte.
Charlotte hielt sich nicht mit der Küchentür auf. Sie musste schnellstmöglich in die Halle, denn vielleicht brauchte Annabelle ihre Hilfe. So nahm sie aus einem der Unterschränke einen Topf und schlug das breite Fenster über der Spüle ein. Mit dem Topfboden schlug sie die spitzen Glasreste an der Dichtung ab, warf den Topf hinaus, kletterte auf die Arbeitsplatte und schlängelte sich durch das Fenster. Leicht federnd landete sie im Garten, nahm den Topf und rannte zur Eingangstür, die aber sperrangelweit offenstand, sodass sie das Fenster daneben nicht einschlagen musste.
Charlotte stürmte in die Eingangshalle und wollte schon nach der Kollegin rufen, als sie Trevor Pembroke bäuchlings auf dem Boden liegen sah. Er rührte sich nicht, und die große Blutlache sprach Bände. Charlotte legte ihm die Hand an den Hals, tastete nach der Aorta, doch sie konnte keinen Puls fühlen. Sie sah die zwei Einschusslöcher, drehte Pembroke auf den Rücken und legte einen Finger unter seine Nase. Nichts. Kein Luftzug deutete an, dass der Mann noch lebte. Flüchtig sah Charlotte an dem blutbesudelten Körper herunter. Drei weitere Wunden konnte sie entdecken. Das passte zu den fünf Schüssen, die sie gehört hatte.
Wiederbelebungsmaßnahmen hatten hier keinen Sinn mehr.
Aber wo war Annabelle? War sie ebenfalls tot? Oder hatte sie geschossen? Oder Dorothy?
„Annabelle!“, schrie Charlotte laut, lauschte und wiederholte den Ruf.
Ihr Kopf ruckte zur Seite, als sie ein undefinierbares Geräusch aus Richtung des abknickenden Korridors vernahm. Sie spurtete den Gang hinunter vorbei an den geöffneten Türen. Da niemand auf ihre Rufe reagierte, konzentrierte sie sich auf die verschlossene Badezimmertür. Sie sah ein Blitzen auf dem Boden, bückte sich und fand einen Schlüssel. Er passte zum Bad.
Ihr Blick fiel sofort auf die zusammengekrümmt in der Badewanne liegende Gestalt, die versuchte, sich über den Wannenrand hinabgleiten zu lassen.
„Warte!“, rief Charlotte und griff Annabelle unter den Achseln. Sie zerrte die Kollegin hinaus, durchsuchte danach den Spiegelschrank und fand ein Päckchen Rasierklingen. Schnell waren auch Annabelles Stricke zerschnitten.
„Wo ist Dorothy?“, fragte die Frau. Ihre Augen drückten Panik aus. Sie rieb sich die Handgelenke. „Ist sie tot? Wer hat da geschossen? Ich dachte für einen Moment, du wärst ...“ Sie sprach nicht weiter.
„Dorothy ist auf und davon mit dem Geld“, erwiderte Charlotte. „Aber Pembroke liegt tot in der Eingangshalle.“
Annabelle drückte sich vom Boden hoch und nahm dankbar Charlottes Hilfe an. „Trevor? Wie kommt dieses Scheusal hierher?“
„Keine Ahnung.“
Die beiden Frauen liefen in die Halle zurück.
Annabelle schaute starr auf den Toten. Ihr Gesicht spiegelte Abscheu wider. „Also hat Dorothy ihn erschossen“, stellte sie das Offensichtliche fest und deutete auf die Waffe - ihre eigene Waffe, die Dorothy ihr abgenommen hatte -, die vor dem Spiegelschrank lag. „Sie hat ihn aus dem Schrank heraus erschossen. Vermutlich hat sie sich dort versteckt, als sie bemerkte, dass er kommt.“
Annabelle ging um den Toten herum und sah eine zweite Waffe. „Also war es Notwehr. Dieser Bastard hat sie bedroht, und sie hat sich gewehrt.“
Charlotte glaubte nicht an diese Hypothese. Die Schüsse waren alle aus derselben Richtung gekommen, also hatte höchstwahrscheinlich nur Dorothy geschossen. Pembroke hätte sicherlich die Gelegenheit gefunden, das Feuer zu erwidern, wenn er einer Waffe Auge in Auge gegenübergestanden hätte. Also waren die Schüsse aus dem Hinterhalt abgegeben worden.
Sie erläuterte ihre Überlegungen der Kollegin, die sich über die Leiche beugte.
„Annabelle, wir müssen die Polizei und die Ambulanz verständigen. Wenn die Cops Dorothy geschnappt haben, wird sie sich erklären können. Sie hat nur wenige Minuten Vorsprung. Wir ...“
Annabelle richtete sich ruckartig auf und drehte sich um. Die Mündung von Trevor Pembrokes Waffe zielte auf Charlotte.
„Nein, Charlotte, wir warten noch ein wenig. Der Kerl ist ohnehin tot. Da spielt es keine Rolle, wann die Sanitäter kommen.“
„Du spinnst. Nimm die Waffe runter!“, entgegnete Charlotte überrascht. Meinte Annabelle diese Drohung ernst? „Ihr beide habt mich nach Strich und Faden reingelegt und ausgenutzt. Das hätte ich von dir nicht erwartet.“
Man sah Annabelle an, dass sie der Vorwurf traf. Dennoch ließ sie die Waffe nicht sinken. „Du musst das verstehen. Ich habe Dorothy im letzten Jahr nicht geholfen. Ich hätte den Kontaktabbruch nicht einfach so hinnehmen dürfen. Ich hätte nachforschen müssen, was los war, wie es ihr ging.“ Sie hustete und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „Bitte, versteh mich. So kann ich ihr wenigstens etwas Vorsprung verschaffen, und sie kann ein neues Leben beginnen.“
Charlotte verhielt sich ruhig. Sie befand sich fast fünf Yards von Annabelle entfernt. Zu weit für einen Überraschungsangriff. Würde Annabelle wirklich auf sie schießen? Sie beide waren nicht direkt Freundinnen, aber doch gute Kolleginnen, die schon diverse Aufträge miteinander durchgeführt hatten.
„Bitte, Charlotte“, wiederholte Annabelle. „Nur eine Stunde. Danach begleite ich dich zur Polizei und erkläre alles. Dir wird nichts geschehen, da du die ganze Zeit unter Zwang standest.“
„Aber du wirst Ärger bekommen. Und nicht gerade wenig.“
Annabelle Rivers nickte. Sie sah traurig aus, aber auch entschlossen. „Familie geht vor. Und die Welt wird keine bessere sein, wenn Dorothy im Gefängnis landet.“
Danach schwiegen beide. Annabelle schaute immer wieder auf die Uhr, und als die Stunde abgelaufen war, senkte sie die Waffe.
„Geh schon mal vor zum Auto. Ich hole noch das Walkie-Talkie und die anderen Beweisstücke, dann können wir fahren.“
Charlotte zögerte. Sollte dies ein weiterer Vertrauensbruch sein? Würde Annabelle versuchen, durch eins der hinteren Fenster zu fliehen?
„Keine Sorge, ich stehe zu meinem Wort. Ich komme gleich nach. Versprochen.“
Charlotte wandte sich um, verließ das Haus und setzte sich hinter das Steuer ihres Autos, das ein Stück weit die Straße herunter parkte.
Sie wartete. Mit jeder Minute, die verstrich, wurde sie unruhiger.
Wie viele Fehler habe ich heute gemacht, weil ich zu vertrauensselig gewesen bin?, fragte sich die Privatdetektivin.
Doch dann öffnete sich die Haustür. Annabelle trat mit einer Tasche heraus, kam zum Wagen und setzte sich auf den Beifahrersitz.
Charlotte startete den Motor und fuhr direkt zum nächsten Revier des Vancouver PD.
***
Nach drei Stunden, in denen Annabelle verhört wurde und das PD einige Kollegen zum Tatort geschickt hatte, wandte sich endlich ein Ermittler an Charlotte, die auf einem der Besucherstühle saß, die in einem hochfrequentierten Gang aufgestellt waren, und sich mit Kaffee und Tageszeitung die Zeit vertrieb. Der Mann, der aus einem der Dienstzimmer trat und nun auf sie zukam, war um die vierzig Jahre alt und trug das schwarze Haar kurz geschnitten. Der Ausweis, den er ihr hinhielt, wies ihn als Detective Inspector aus.
„Miss Bernstedt, wenn Sie bitte mitkommen wollen.“
Charlotte folgte ihm in einen kahlen Vernehmungsraum ohne Fenster. Der Inspector setzte sich an den Metalltisch und breitete seine Unterlagen vor sich aus. Charlotte nahm ihm gegenüber Platz.
„Wir haben die Aussage von Miss Rivers. Bitte erzählen Sie uns aus Ihrer Sicht, wie sich alles zugetragen hat.“
Charlotte erläuterte in knappen Sätzen, wie sie den Auftrag von Annabelle erhalten hatte, deren Schwester scheinbar zu entführen; wie sie mit Dorothy selbst gesprochen hatte, um sich zu vergewissern, dass alles auf Freiwilligkeit beruhte; wie Dorothy sie mit der Waffe bedroht hatte. Dann schilderte sie die Geldübergabe, dass Dorothy sie niedergeschlagen hatte, wie sie in der Küche aufgewacht war und fünf Schüsse gehört hatte, während sie sich zu befreien versuchte.
Der Inspector hob eine Hand und unterbrach ihren Bericht. „Fünf Schüsse, sagen Sie?“
Charlotte nickte. „Fünf, richtig. In geringem zeitlichem Abstand zueinander. Insgesamt hat es vielleicht zehn, höchstens fünfzehn Sekunden gedauert.“
Der Polizist machte sich Notizen. „Miss Bernstedt, Sie haben eine militärische Ausbildung durchlaufen. Kamen die Schüsse alle aus derselben Waffe?“
Charlotte zögerte mit der Antwort. Eine solche Aussage konnte man rein nach Gehör nicht mit absoluter Sicherheit treffen. „Sie klangen für mich gleich, Sir. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die Schüsse alle aus derselben Richtung gekommen sind.“
„Es war also, Ihrer Meinung nach, kein Schusswechsel?“, vergewisserte sich der Polizist und schaute in seine Unterlagen.
„Nein, Sir. Diesen Eindruck hatte ich definitiv nicht. - Darf ich meinerseits fragen, warum dieser Punkt für Sie so relevant ist? Mr Pembroke weist doch fünf Einschusswunden auf. Das habe ich deutlich gesehen.“
Der Detective dachte kurz nach. Wahrscheinlich überlegte er, ob er Charlotte in einen Teil der vorläufigen Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung einweihen sollte. „Die Crime Scene Unit hat eine Kugel in der Wand neben dem Spiegelschrank gefunden.“
„Stammt sie aus Pembrokes Waffe oder aus Miss Rivers' Revolver?“
Der Detective Inspector lächelte angedeutet. „Die Quelle ist noch nicht abschließend geklärt. Aber das Kaliber schließt Miss Rivers' Waffe aus. - Nun aber haben Sie mich genug ausgefragt. Drehen wir den Spieß also wieder um. Was geschah, nachdem Sie sich aus der Küche befreit hatten?“
Charlotte setzte ihre Schilderung der Ereignisse, unterbrochen von einigen Fragen des Detectives, fort.
Nach einer Stunde Vernehmung erklärte der Inspector abschließend, dass gegen Charlotte keine Anklage erhoben werden würde, da die scheinbare, aber freiwillige Entführung sehr ungewöhnlich, aber keine Straftat war.
„Sie können gehen, Miss Bernstedt.“
„Was geschieht mit Annabelle?“
„Das wird der Kronanwalt entscheiden.“
„Und Dorothy Pembroke?“
„Die Fahndung nach ihr läuft. Es muss noch endgültig geklärt werden, ob es Mord, Totschlag oder Notwehr gewesen ist.“
„Ich entnehme Ihrer Betonung, Sir, dass für das PD die letztere Möglichkeit die wahrscheinlichste ist?“
Wieder lächelte der Detective, vermied aber eine direkte Antwort. „Warten wir auch hier die Anklage ab.“
Charlotte verabschiedete sich und verließ das Police Headquarters.
Sie war sich absolut sicher, nur fünf Schüsse gehört zu haben. Natürlich wäre es möglich, dass jemand geschossen hatte, während sie noch bewusstlos gewesen war. Aber dagegen sprach, dass Trevor Pembroke nach seiner Frau gerufen hatte, und Stimme und Wortwahl legten für Charlotte den Schluss nahe, dass er das Haus gerade erst betreten hatte. Wie also hätte davor jemand diese Waffe abfeuern können?
Nein, für den sechsten Schuss gab es eine ganz einfache Erklärung.
Charlotte war mit einem Mal klar, warum Annabelle unbedingt noch alleine hatte im gemieteten Haus zurückbleiben wollen. Um die Utensilien der Entführung war es ihr nicht gegangen. Sie hatte diesen Schuss abgegeben, um die Lage für ihre Schwester deutlich milder erscheinen zu lassen.
Aber die Polizei würde sicherlich auf denselben Gedanken kommen, und so unterließ Charlotte es, den Inspector auf diese Möglichkeit aufmerksam zu machen, und fuhr nach Hause.
***
Am anderen Morgen frühstückte Charlotte mit Phil in ihrer Wohnung. Gerade hatte sie ihre Erzählung über den seltsamen Auftrag beendet.
„Und du hattest wirklich keinen Verdacht, dass an dieser Entführungsflucht mehr hing?“
„Nein, wirklich nicht. Ich habe Annabelle geglaubt, als sie mir alles erklärt und beschrieben hat, was sie plante. Und dann habe ich die Photos von Dorothys Verletzungen gesehen und mit ihr gesprochen. Ich hatte Mitleid mit der Frau“, erklärte Charlotte und blies über die dampfende Teetasse.
„Verständlich“, gab Phil zurück. „Ich kann mir vorstellen, was du gesehen hast. Fälle häuslicher Gewalt kommen gelegentlich auch auf meinen Schreibtisch.“
Für einen Moment schwiegen beide, dann fragte Phil: „Hast du noch einmal etwas von Annabelle gehört?“
Charlotte setzte die Tasse ab. „Sie hat aus dem Untersuchungsgefängnis angerufen und sich entschuldigt. Sie wird ihre Strafe annehmen und dann wohl Vancouver verlassen. Was glaubst du, wird sie bekommen?“
Phil zuckte die Achseln. „Schwer zu sagen. Erpressung, Bedrohung mit einer Waffe, Strafvereitelung. Ich denke, es kommt darauf an, ob man ihre Schwester als Mörderin anklagt oder nicht. Vielleicht kommt sie mit einer saftigen Geldstrafe davon. Aber ihre Lizenz als Privatdetektivin ist sie auf jeden Fall los.“
„Familie geht vor“, murmelte Charlotte.
„Was meinst du?“
„Das sagte Annabelle, als alles vorbei war.“
„Würdest du ...“, begann Phil, doch Charlotte stoppte ihn mit einer scharfen Geste.
„Ich mag keine What-if-Szenarien. Niemand kann verbindlich sagen, wie man in einer Extremsituation reagiert.“ Sie schnitt ein Brötchen auf und strich ein wenig Erdbeermarmelade darauf. Gedankenverloren biss sie hinein. „Aber eins habe ich gelernt. Falsche Rücksicht ist ein grober Fehler. Ich hätte alles früher beenden können, wenn ich Dorothy nur härter angegriffen hätte.“
„Mach dir keine Vorwürfe“, meinte Phil und legte der Freundin für einen Moment tröstend die Hand auf den Unterarm.
Charlotte straffte sich. „Jetzt aber zu etwas anderem. Und deswegen habe ich dich eigentlich eingeladen.“ Sie nahm einen Umschlag, der am Rand des Esstisches lag, öffnete ihn und zog die Photos heraus, die sie mit ihrer Kamerakonstruktion von der anderen Seite des Ovals geschossen hatte.
„So sieht es dort aus.“
Die beiden blickten auf die auf dem Tisch ausgebreiteten Bilder, die alle das Gleiche zeigten.
Man sah einen Raum, der vermutlich rechteckig war, wenn die Perspektive nicht trog. Die Wände schimmerten metallisch kupferfarben. Auch der Boden glänzte rötlich, wenn auch etwas matter. Was fehlte, war ein Maßstab, ein Objekt, dessen bekannte Größe als Vergleich dienen konnte. Vielleicht etwas, das an eine Schnur gebunden in das Oval geworfen und danach von der Kamera abgelichtet wurde. Charlotte hatte diese Idee sofort nach der Entwicklung der Photos auf ihre To-do-Liste gesetzt.
So aber konnte niemand sagen, ob dieser Raum zwei oder zweihundert Yards breit war.
„Hm“, machte Phil. „Was schließt du daraus?“
„Nichts. Bis jetzt sind es einfach nur erste Bilder. Wir müssen noch weiter experimentieren. Was mich aber am meisten interessiert, ist, wo sich dieser Raum befindet.“ Sie lächelte.
„Du hast eine Idee?“
„Sender und Empfänger, ganz einfach. Wir bringen einen starken Peilsender in das Oval ein und messen. Vielleicht ist der Ort hier in Vancouver.“
Phil schien nicht überzeugt. „Sehr vage Aussichten.“
Charlotte winkte ab. Das Experimentierfieber hatte sie wieder gepackt. „Aber wir machen auch das Gegenteilige und nehmen die Signale der Satelliten des TRANSIT-Systems auf. So können wir ungefähr feststellen, wo sich der Empfänger und damit das Jenseitige des Ovals befindet. Und da wollte ich dich fragen, ob mir vielleicht Dr. Rogers dabei helfen könnte. Er ‚lebt‘ doch für Elektronik. Du kennst ihn doch auch ein wenig privat.“
„Klar. Ich rufe ihn an.“
ENDE
(Weitere Geschichten mit Charlotte in Vorbereitung.)
zu Teil 1