Missgeschick

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anemone

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Mit Fensterleder und Eimer kam ich vor der großen Fensterscheibe an. Sie war leicht undurchsichtig geworden und vom Wohnzimmer aus, das normalerweise den Blick auf den nachbarlichen Ententeich freigab, konnte ich diesen kaum noch erkennen. Sie würde sich also lohnen, diese Reinigungsaktion und da Fensterputzen zu meiner Lieblingsbeschäftigung gehört, wie sich ja denken lässt, machte ich mich sogleich an die Arbeit.

Kaum hatte ich den Schwamm in das Wasser des Putzeimers getaucht, vernahm ich ein seltenes Geräusch. Es kam vom entfernten Ufer des Teichs herüber. Dort schien eine Ente dieses flügelschlagende Geräusch zu verursachen.

Ich lief bis an den Zaun und lauerte hinüber: Genau erkannte ich nicht, was dort so vor sich ging, aber dass sich ein blauer Streifen im Flügel befand, ließ mich darauf schließen, dass mich die Sache nichts anging und sicherlich zwei Enten mit der Paarung beschäftigt waren. Es waren auch noch andere Enten in der Nähe.

Ich wendete mich wieder meiner unliebsamen Tätigkeit zu und kaum hatte ich die Scheibe vollends vom Schmutz befreit, machte ich mir doch so meine Gedanken: Sollte ein Entenakt so lange dauern, denn immer noch hörte ich das oder die Tier(e) mit den Flügeln schlagen.

Schnell lief ich ins Wohnzimmer, um aus der unteren Schublade des Schranks diesen selten benutzten Feldstecher zu holen. Er war recht gut eingepackt in der dazugehörigen Tasche und noch im Lauf entfernte ich die Deckelchen, die es verhinderten, dass Schmutz an die Lupengläser kam. Ich warf sie schnell auf den Terassentisch und beobachtete vom Zaun aus, was sich dort unten am Teich abspielte. Nun sah ich es genau: Eine Ente war in Not. Sie hing an der Uferböschung fest und versuchte verzweifelt, sich zu befreien. Für einen Moment war es still. Die anderen Enten hatten sich inzwischen vom Ort des Geschehens entfernt und schwammen so, als wenn es sie nichts anging in Ruhe weiter. Die gefangene Ente lag erschöpft da, um Luft zu schnappen. Höchste Eile war also geboten.

Ich sah hinüber auf die andere Seite unseres Grenzflüsschens. Kein Problem, dorthin könnte ich gelangen, denn unser Sohn hatte ein stabiles Brett dort fest angebracht.
Ich balancierte zwischen den Brennesseln am dieseitigen Ufer einher über die schmale Brücke und stand nun am anderen Ufer der Ley, wie unser Grenzflüsschen heißt. Die Ente hatte wohl etwas Kraft geschöpft und versuchte erneut sich zu befreien, was ihr aber auch diesmal nicht gelang. Ich versuchte inzwischen an die entgegen gesetzte Seite des Teichs zu gelangen, stand aber plötzlich vor zwei unlösbaren Problemen. Das eine war der Zaun an der rechten Seite, das andere war der Zaun an der linken Seite des Teiches. Vom diesseitigen Ufer sah ich einige Kinder, die damit beschäftigt waren in und an der Ley zu spielen und auf Bäumen herum zu klettern. „Wer von euch will einer Ente das Leben retten?“ rief ich hinüber und plötzlich standen sie alle vor mir. Sie mussten geflogen sein, diese Retter. Sie flogen ebenso schnell über den Zaun, der für mich ein unüberwindbares Problem darstellte und kaum standen sie am besagten Ufer, war die Ente plötzlich verschwunden.

Sie tauchte unter, aus Angst vor den Kindern und sie tauchte wieder auf und schwamm allen davon. Ich war erleichtert, denn diese Bande hätte bei der Rettungsaktion möglicherweise ebenfalls getaucht und was dann?

Wir lachten, ich bedankte mich bei ihnen mit den Worten: „Nun ist es nicht mehr nötig, die Ente hat sich schon selbst befreit!“ Wir sahen ihr noch hinterher und dann begab ich mich schnell wieder an meine Arbeit.
 

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