Mit diesen vierzehn zeilen - sonett

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Walther

Mitglied
Mit diesen vierzehn zeilen


Drum spreche ich mit diesen vierzehn zeilen
in eine welt die nicht versteht was ich
versteh weil sich die zeiten stets verkeilen
dass sie zerbricht & schreit so fürchterlich

Die kleine welt die in der kapsel springt
& aus ihr samt um früchtchen aus zu treiben –
ich höre wie der frühling singt & klingt
will meine hände an einander reiben

Als schon der sommerwind den lenz verbrennt
gewitter rasen durch die felder: golden
entleiben ähren sich - der winter kennt

Den herbst & keine rast & weißen tod
& in den gärten dorren blüten dolden
ich steh & sage hier von meiner not
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Das Gedicht ist tieftraurig. Es verwendet die Jahreszeitenmetaphern, stellt sie dem Lebenslauf gegenüber, wobei durch Enjambement die Zeilen ineinander verflochten werden und sich - sich windend - aufdröseln zum Finale, das endgültig wäre, wüssten wir nicht, dass auf den Winter die Wiedergeburt folgt, wenn auch die der Nachkommen. Und dafür leben wir.
 

Tula

Mitglied
Hallo Walther

ich stimme Bernd nicht nur zu, sondern bin auch beeindruckt, dass und wie die Idee in nur 14 Zeilen so überzeugend durchkommt. Der sprachliche Stil macht es dennoch nicht ganz so traurig wie es inhaltlich ist; ich denke, das war auch deine Absicht.

LG
Tula
 

Walther

Mitglied
Hi Bernd,

die klage über den verfall ist wichtiger antrieb für alle lyrik - und natürlich das sonett. das barocksonett "zerstört" ja die (gottes)liebelyrik der frühen sonette, indem es die realität des dreißigjährigen krieges als vanitas-klage entdeckt. die moderne läßt Gott weg. dann steht so etwas da wie das da oben.

es ist die kunst, der sprache in der form ihre freiheit zurückzugeben, die versucht wurde. das kann gelingen, muß aber nicht; darüberhinaus sollten freiheitsgrade für den leser entstehen, in denen dieser sich betten kann und wiederfindet.

dein feedback zeigt an, daß das gelungen sein könnte. danke dafür!

lg W.


lb Tula,

die sprache darf und muß "tanzen" - das ist ihre bestimmung. sie ist der kontrapunkt, den die moderne übrig hat, um der vanitas-stimmung etwas entgegenzusetzen, indem sie anzeigt: schau, ich sterbe in schönheit. das kannst du mir nicht nehmen.

danke fürs lesen und werten!

lg W.
 

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