Mit Ü50 zum ersten Rockkonzert

nachtvogel

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Mit Ü50 zum ersten Rockkonzert



Worauf ich mich mit meinem „Ja“, meine Mannschaftskameradin in die Kulturfabrik zu begleiten, eingelassen hatte, wusste ich zunächst nicht. Erst als ich bei ihr im Auto Richtung alte Fabrikhalle saß, erfuhr ich, dass ich heute zu einem Konzert der Gruppe Sweet gehen würde.

Noch nie bin ich auf einem Rock-, Pop- oder Sonstwie-Konzert gewesen. Als Kind und Jugendliche war ich zu arm, als Studentin zu sehr anderweitig mit einem Mann beschäftigt und als junge Mutter zu gebunden an meine eigenen (kleinen) Fans.

Doch nun Ü50 mit Geld für ein Konzert und außerdem Zeit, stand ich in der zweiten Reihe vor der Konzert-Bühne und wusste, dass ich einen hervorragenden Blick auf die Band und das Publikum zugleich haben würde.
Mein erstes Staunen galt einem alternen Rocker in der ersten Reihe neben mir: lange, gelockte, grau-schwarze Haarzotteln auf dem Kopf, unter seiner ebenfalls schwarzen, ledernen Röhrenhose, ein Rollstuhl. Rollstuhllfahrer dürfen in die erste Reihe, erfuhr ich. Insgeheim beneidete ich ihn um seinen Logenplatz mit Sitzgelegenheit, um seine Bedürftigkeit allerdings nicht. Da erhob sich dieser Mann plötzlich von seinem rollenden Stuhl, informierte einen Begleiter, dass er rasch noch zum Klo laufe und verschwand eilig in der Menge.

Wenig später startete das Konzert mit einer Vorgruppe. Der Bandleader und Frontsänger gab sich viel Mühe, Leben in das etwas schlappe, emotionslose 55 Plus - Publikum zu bringen. Mehrfach versicherte er uns, dass wir als Zuschauer „super“ seien. Doch Begeisterung kam erst auf, als wir auf sein ins Publikum geschriene „Krefeld!“ mit „Yeah, yeah, yeah!!“, antworten durften. Das kannten wir nämlich, so ähnlich jedenfalls – vom Kölner Karneval.

Dann ein Lichterspektakel, begleitet von einem eindrucksvollen Schlagzeugsolo – der Herrgott selber schien angekündigt zu werden. Und dann kamen tatsächlich Herrgötter - dem Begeisterungssturm der Ü55er zumindest nach, sie sahen aber aus wie ganz normale Männer mit 70 plus – allerdings mit langen Haaren oder wer keine hatte mit einer langhaarigen Perücke. Der Frontsänger hatte außerdem Charme und eine immer noch recht männliche Ausstrahlung - wie nicht nur ich feststellte. „I love you!“, tönte eine Frauenstimme von weiter hinten. Gespannt richteten sich meine Ohren in Richtung Ruferin. Na, kommt es? Kommt es,, das „Ich will ein Kind von dir!“, der Gedanke amüsierte mich, doch nein, den Gefallen tat die Frauenstimme mir nicht.

Die Lieder, die die Sweeties performten, sollten alles bekannte Hits sein. Zunächst verstand ich jedoch nicht, worum es ging. Mein Englisch war zu schlecht. Schließlich erklärte ein Sweety, dass sich unsere Ohren etwas erholen müssten und sie jetzt was Ruhiges spielen würden. Daher zog jeder von ihnen einen Schemel heran und nahm auf ihm notgedrungen Platz. Jetzt verstand ich die Texte auch deutlich besser. Feuer fing ich, als der Smarte anfing mehrfach singend zu versichern:“ She was a lady, a starlight - lady!“ Das gefiel mir, da fand ich mich wieder – allerdings hatte die Geschichte einen Haken. Ich, also die Lady hatte irgendwohin zu kommen tonight.

Immer wieder schaute ich insgeheim ins Seniorenpublikum und immer, wenn ich schaute, sah ich zwei Frauen, die mich ansahen. Ich beobachtete sie und sie beobachteten mich. Auch der smarte Sweetie hatte jemanden im Blick. Sie schwang zwei Cheerleaderpushen und schüttelte sie und ihre Hüfte vor Begeisterung. Ihr zuzusehen war sicher eine Freude, die sich der Sweety auch immer wieder gönnte. Unglücklicherweise stand ich schräg hinter ihr in seinem Blickfeld. Sein Lächeln in ihre Richtung entgleiste für einen Augenblick, als ich einmal unbedacht und sorglos gähnte.

Das Konzert war auf dem Höhepunkt als in einem Lichtgewitter die Sweeties mit ihren Gitarren über die Bühne fetzten, kurz stoppten, wenn sie an der Getränkeversorgung beim Schlagzeug vorbeikamen, ein paar Schlucke Mineralwasser oder Cola nahmen und dann wieder weitertobten. Ein Sweety heizte die Fans zu Begeisterungsschreie an, als er ihnen in einer mir unbekannten Zeichensprache Botschaften zukommen ließ. Der Ü70er fasste sich an den Genitalbereich mit der einen Hand und zeigte mit der anderen und einem ausgstreckten Zeigefinger mehrfach in die Zuhörermenge. Dann zuckten seine Hände als Fäuste in die Höhe, die dann zu zwei hochgestreckten Daumen wurden. Jubel, Applaus, begeisterte Pfiffe, strahlende Gesichter und ein Sweety, der mit dem Handy seine Fans filmte, zeigte, dass der Abend ein voller Erfolg gewesen sein musste.
Nach einem furiosen Ende blieben viele Konzertbesucher noch, um sich mit der Vorgruppe fotografieren zu lassen und die Bilder später ins Netz zu stellen. Und auch ich hatte meinen Grund, länger zu bleiben als geplant. Nach zwei Stunden Stehen auf dem selben Fleck hatte eine Mischung aus abgekautem und achtlos weggeworfenem Kaugummi zusammen mit verschüttetem Bier meine Schuhe auf dem Boden ….festbetoniert.
 

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