Mitte vierzig, männlich

In der U-Bahn heute Mittag ein Gesicht, mir von früher noch gut vertraut. Es ist vielleicht das ansehnlichste im Hamburger Westen, dunkel, seelenvoll, sehr edel. Wir hatten uns trotz gegenseitiger Signale des Wohlwollens einander nie genähert. Warum wohl? War mir zu viel Intelligenz und Bravheit an ihm, neutralisierten sie die Sinnlichkeit? Jetzt schien er merklich verändert, älter geworden, das Gesicht schmaler, die Stirn höher, der Schnurrbart länger, buschiger. Da ist nun etwas Karbonaromäßiges, ein klein wenig Verruchtes, stärker sinnlich. Er bemerkte mich und lugte zeitweise herüber, ich wechselte bei Gelegenheit den Platz. Schönheit war für mich immer nur ein Versprechen von Glück, das nicht gehalten wird.

Nicht auszuschließen, dass er nicht mehr vollkommen gesund ist. Und hoffentlich schreibt nicht auch er noch Bücher über Aids und hält Vorträge. Sogar zu Hause bei uns in N … gibt es jetzt einen davon, aus der Sippe C … Ihre Botschaft ist die banalste: dass Leben lebenswert und Krankheit bekämpfenswert. Es sind doch Unzählige in dieser Lage, heroisch, und bleiben unbeachtet. Im Büro raunt man, Kollege E …, seit vier Monaten krank, habe auch Aids. Er ist ein tüchtiges, überaus integres Mäuschen, wenn auch weniger hübsch.

Was mich auf zwei Tote des vorigen Jahres bringt: Manfred Salzgeber und Barry Graves, beide mit Anfang fünfzig gestorben, in ihrem geliebten Berlin. Ich sehe beides noch vor mir, des einen Ernsthaftigkeit und des anderen vielleicht nur gespielte Lässigkeit. Der schwere wie der leichte Tritt und Auftritt vorbei, nicht wiederholbar. Das war unsere Welt, und eine andere ist nicht in Sicht. Ob T … noch lebt? Schon lange will ich mal im Telefonbuch nachschlagen – Kontakt aufnehmen sicher nicht. Es ist mir ja auch unangenehm, Martin von weitem in der U-Bahn zu bemerken. Ich habe es zweimal so eingerichtet, dass er mich nicht wahrnahm.


Einige Wochen später …

Auf dem Schweriner Bahnhof lief ein Zug aus Greifswald ein, und als er hielt, schaute ein mir vertrautes Gesicht heraus - der Karbonaro von neulich. Es mag noch Zufall gewesen sein, dass er in denselben Wagen wie wir stieg und sich einen Platz in unserer Nähe suchte. Er blieb mir allerdings bis fast nach Hause auf den Fersen. Auf dem U-Bahnhof ging er demonstrativ freundlich an mir vorbei, stieg einen Wagen weiter ein und an meiner Station aus, wie üblich bei ihm, nahm aber, anders als sonst, diesmal denselben Ausgang wie ich. Mit sehr kurzem Abstand hielt er oben Schritt mit mir, ich hörte ihn immer wieder fröhlich pfeifen. Es war irritierend, bin ich nicht längst über diese Sachen hinaus? Nur sein Reiz war noch da, unverändert stark und natürlich wieder etwas platonisch gefärbt.

Im Zug hatte mir *** gesagt, der da sei nicht so jung, wie er wirke, er sei um die vierzig und habe ihnen immer als Muster von Bindungsunfähigkeit gegolten. Ich beobachtete ihn, wie er sich im Zugfenster spiegelte. Er hörte Musik aus einem Kopfhörer, schien nebenbei auf uns zu achten, trank eine Dose Bier. Der Mund kam mir auffallend hart vor, in seinem Winkel etwas Schaum. Im Ganzen dennoch ein harmonischer Eindruck, gefühlvoll und beherrscht. Ungeachtet seines tatsächlichen Alters ist er der klassische romantische junge Mann. Ich bin immer noch neugierig auf ihn. Ich sollte … ich müsste … ich würde … Da ist eine Faser, die mich mit früher verbindet, noch nicht abgerissen. In der Tiefe zieht es ein wenig. Das geht vorbei.
 

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