modernes Quartett

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wiesner

Mitglied
modernes Quartett


die zwölf Tische im Essraum
akkurat gedeckt
zurechtgerückt
beinah einander
der achte leicht schräg


auch im elften stockwerk
ist sonntag
sie schaut noch mal
die windbeutel stehen
der aufzug schweigt
sie schaut noch mal
in die tiefe


Die Art zu gehen kennt er
und eilt in den Hausflur.
Es ist totenstill.
Zurück am Couchtisch
zählt er die Nachbarn durch.
Erste Regentropfen.


Der Brief mit Rand.
Als sie ihn öffnen will,
klingelt es.
Sie legt ihn zur Seite,
lauscht und wartet.
 

Ubertas

Mitglied
Lieber Béla,

ein absolut starkes Gedicht mit atmosphärischer Wirkung. Jede Strophe dieses Quartetts eine spannungsgeladene Szene, ein Zögern darin. Die vermeintliche "Ordnung" zerfällt, still und unaufhaltsam. Es schwelt unter den Oberflächen.
"beinah einander" erscheint mir hier zentral.
Klasse!!

Liebe Grüße,
ubertas
 

wiesner

Mitglied
Herzlichen Dank, liebe Ubertas!
Ich bin mir nicht sicher - 'modern' könnte, kritisch betrachtet, als Ausrede für die zurückhaltende formale Verklammerung der Strophen empfunden werden. Möglicherweise reicht dann nicht das übergreifende Thema, um als Bindungskraft standzuhalten. Andererseits dürften die Strophen als eigenständige Gedichte zu wenig Kraft haben, obwohl sie ihre jeweiligen Themen zu Bildern abzuschließen scheinen. Ich bin mir nicht sicher ...
Auffällig ist - wir wissen es mit großer Selbstverständlichkeit! - die Personenbezogenheit einer Einsamkeit/Verlassenheit. Klingt fast komisch, ist aber unabdingbare Wahrheit, so, wie es wahr und irgendwie komisch ist, dass die gemeinten Personen immer abwesend sind. Dein Argument, beinah einander sei zentral in diesem Gedicht, ist somit völlig richtig.
Passivität ist in diesem komplexen Kanon auch von Bedeutung ... in die tiefe ... am Couchtisch. Das allerletzte Wort im Text lautet wartet. Nicht ohne Grund.

Gruß
Béla


Gruß und Dank auch an Manfred!
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Béla,

eine beeindruckendes Gedicht über Einsamkeit und das Warten. Gerade die letzte Strophe (ich sehe hier einen Trauerbrief) ist besonders stark.
Ich empfehle es!

Liebe Grüße
Manfred
 

Ubertas

Mitglied
Lieber Béla,

ich bin mir sicher, dass "modern" hier eben nicht missverstanden wird. Ganz im Gegenteil, gerade die Zurückhaltung, die Fragmentierung drückt genau das aus, was es ist: Isolation, moderne. Die Bindungskraft des von dir gewählten Titels steigt, in der Abgeschiedenheit der jeweiligen Strophen. Würde sich zwischen den Übergängen zu viel abzeichnen, wäre es neben dem, was das Gedicht ausdrückt (gewiss nicht nur für mich), widersprüchlich. Hier wird nichts mehr gehalten, das Einzige, das lose weiter existiert, sind die einzelnen Individuen im bitterem Fehlen der Gemeinten. Selbst der achte Tisch (unendlich?), ein Gegenstand, steht schräg. So wie es das Leben wird, wenn es aus dem Gleichgewicht gerät, kein Halt mehr existiert, kein Arm mehr umarmt.
Manfred hat es in so treffende Worte gefasst: Einsamkeit und das Warten. Es wird in deinem Gedicht so eindringlich fühlbar, du hast das Passive, das Unerhörte in einer Weise zu einem Gedicht, zu einem Quartett gemacht, das mit hineinblicken lässt in die Tiefe, in die Totenstille eines Menschen, der Nachbarn zählt, sie niemals antrifft, nur noch Regentropfen wahrnimmt und ich glaube, selbst dieses Geräusch erscheint monoton. Es ist nicht mehr Sonntag, es ist ein gnadenloses Schweigen, die Tür des Aufzugs öffnet sich nicht. Jemand anderen erreicht ein Brief..
Man kann gerne im Nachgang behaupten, er hätte die gleiche Gedanken gehabt, doch genau diesen Gedanken an den Trauerbrief teile ich mit Manfred.
Dein Gedicht ist ein Meisterwerk in seiner Komposition. Es hält allem Stand, nicht ohne Grund.
Ich bin überwältigt von der Wirkungskraft, die du erzielst. Es gibt Gedichte, die liest man. Es gibt Gedichte, die bleiben, die tiefer fühlen, weil sie nicht nur nach Worten greifen, sondern alles um sie herum verstanden haben.
Noch einmal: Klasse!!

Liebe Grüße,
ubertas
 

wiesner

Mitglied
An Manfred meinen Dank für die Empfehlung!

Sehr gefreut habe ich mich über den Sternenregen von Tula und Dimpfelmoser. Danke Euch beiden!

Und Dir, liebe Ubertas, danke schön für das ausführliche Kompliment! Ein Lob, das langsam bei mir ankommt ...

Gruß an Euch alle
Béla
 



 
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