John Goodman
Mitglied
Kapitel 1
Quietschend kam der Zug zum Stillstand. Die Nachmittagssonne stand tief über der Bahnstation. Hinter den Schienen sangen Vögel in den Birken. Elizabeth trat auf die Metallstufe des Waggons. Der Rucksack drückte schwer auf ihre Schultern. In der rechten Hand hielt sie den Riemen der armeefarbenen Tasche. Das Gepäck stieß gegen den engen Rahmen der Waggontür. Elizabeth zog mit einem Ruck daran. Die Tasche schnellte heraus, schwang herum und traf sie in der Kniekehle. Ihr Gelenk knickte ein. Sie ächzte, stolperte einige Schritte nach vorne.
Vor ihr erstreckte sich der Bahnsteig aus vergrauten Holzbohlen. Einzig dieser Zug passierte den abgelegenen Ort einmal am Tag. Wind strich durch ihr schulterlanges Haar. Die Luft schmeckte frisch; der Spätsommer brachte bereits kühle Tage. Sie schob die Brille auf dem Nasenrücken zurecht. Im hellen Licht verengten sich ihre grünen Augen. Den Reißverschluss ihrer Kapuzenjacke zog sie bis zum Kinn hoch. Darüber trug sie die anthrazitfarbene Jacke und eine schwarze Jeans.
Ein kleiner Unterstand markierte die Haltestelle. Verwittertes Holz prägte das Häuschen, von dessen Wänden pastellgrüne Farbe in Schuppen blätterte. Unter dem Dach hing ein Schild mit der verblichenen Aufschrift Moose River.
Elizabeth stellte die Armeetasche auf die Steinplatten. Aus den Fugen wucherten filigrane Streben mit gelben Tupfern auf den Dolden. Ein Hornkäfer kroch über den Stein, der Lichtpunkt wanderte über das Kastanienschwarz seines Panzers. Er reckte sein Horn nach oben und verschwand in einem Spalt des Holzes. Sie streifte die Riemen des Rucksacks von den Schultern, platzierte ihn auf der hölzernen Bank und nahm daneben Platz.
Aus ihrer Jacke zog sie eine Packung Blättchen und den Plastikbeutel mit Gras. Ihre Finger bewegten sich geübt. Sie drehte den Joint, zündete den Stängel an und nahm einen tiefen Zug. Den Kopf lehnte sie an die raue Holzwand. Ihr Blick wanderte nach oben, vorbei an der Kante des Vordachs. Der Himmel war blau. Rauch stieg als dünner Faden in die Luft. Sie verharrte in dieser Position und wartete.
Ein tiefes Motorengeräusch unterbrach nach einiger Zeit die Stille. Ein alter, beigefarbener Buick bog um die Ecke und rollte langsam vor den Unterstand. Ihre Tante saß am Steuer. Bereits durch die Windschutzscheibe winkte sie ihr zu.
Elizabeth erhob sich von der Bank. Sie warf den Rucksack über die Schultern und griff nach dem Riemen ihrer grünen Armeetasche, der sich in ihrer Hand straffte. Sie ging auf den Wagen zu.
Die Tante kurbelte das Fenster hinunter. „Hi Elizabeth, schön, dass du da bist, ich freue mich so“, rief sie. „Komm, steig ein.“
Sie zögerte, betrachtete das vertraute Gesicht ihrer Tante. Dann öffnete sie die Wagentür und nahm Platz auf dem Polster.
Der Buick bog um eine Kurve. Elizabeth starrte aus dem Fenster. Birken und Eichen glitten an ihnen vorbei. Die Kronen ragten in den Himmel und spendeten Schatten auf dem Asphalt. Zwischen den Stämmen öffnete sich der Blick auf einen See, der von einem Berg flankiert wurde. Sonnenlicht glitzerte auf den Wellen. Eine Fähre zog über das Wasser. Das dumpfe Hupen des Schiffes war im Innenraum des Wagens zu hören.
„Wie war deine Fahrt? Ich hoffe, angenehm?“
Elizabeth blieb still. Ihre Gedanken weilten in New York.
Die Tante drehte den Kopf zur Beifahrerseite. „Beth. Hallo, hörst du mich?“
Sie schreckte auf und wandte sich ihrer Tante zu. „Was... wie bitte? Was hast du gesagt?“
Die Tante lächelte. „Ich fragte nach deiner Ankunft. Verlief die Reise ruhig? Es ist immerhin eine lange Strecke.“
„Ja, war ganz okay.“ Sie blickte wieder durch die Glasscheibe nach draußen. „Es ist wunderschön hier. Das hatte ich völlig vergessen.“
„Ich weiß noch, wie du als Kind uns öfters besucht hast. Ich bin mir sicher, du wirst dich hier sehr schnell wieder einleben.“
Sie nahm eine Hand vom Lenkrad und tätschelte Elizabeths Schulter, während der Wagen einen Hügel hinauffuhr.
Der Buick erreichte die Kuppe des Hügels. Am Straßenrand stand ein hohes, schlichtes Holzkreuz. Die Tante drosselte das Tempo des Wagens. Sie faltete kurz die Hände über dem Lenkrad. „Herr, segne unsere Rückkehr und beschütze dieses Kind“, murmelte sie.
In ihrem Magen zog sich alles zusammen. Sie schloss die Augen. Die Erinnerung an das Krankenhaus in New York war sofort präsent. Ihre Mutter im Bett, umgeben von Geräten und Ärzten. Die Tränen. Elizabeth wollte den Grund für diese Reise anfangs nicht akzeptieren. Aber ihre Mutter benötigte diesen Abstand. Sie benötigte die medizinische Hilfe nach jenem Tag. Sie drängte den Gedanken beiseite, öffnete die Augen und zwang ihren Blick nach vorn.
Hinter der Kuppe breitete sich das Tal aus. Das Dorf lag tiefer im Becken. Die Häuser glichen einander vollständig. Jede Fassade besaß einen Anstrich in stumpfem Weiß. Die hölzernen Zäune wiesen exakt dieselbe Höhe auf. In den Gärten wuchsen Nutzpflanzen in geraden Reihen.
Der Buick rollte den Hügel hinab, direkt auf die Siedlung zu.
Die Haustür schwang auf. Elizabeth trat mit ihren Taschen über die Schwelle.
Die Wände des Flurs trugen rauchig gelbe Farbe. Im Wohnzimmer standen ein graubraunes Sofa und ein hölzerner Beistelltisch. Auf den niedrigen Schränken befanden sich ausschließlich eine weiße Spitzendecke und eine leere Tonschale. Ein hohes Holzregal an der Wand beherbergte dicke Bibeln und Gesangbücher. Einzig das monotone Ticken einer Standuhr erfüllte den Raum.
Die Frage nach einem Internetzugang konnte sie sich sparen. Sie wusste, wie absurd der Gedanke an diesem Ort war. Ein Glück besaß sie noch ihre SIM-Karte mit mobilem Datenvolumen für eine Verbindung zur Außenwelt. Die Unsicherheit über den Empfang wuchs jedoch. Sie zog das Smartphone aus der Jackentasche. Ein flüchtiger Blick auf das Display offenbarte die Tatsache. Die Empfangsbalken schrumpften gegen Null. Die Schultern sackten nach unten.
Ihre Tante beobachtete sie. Ein seltsamer Ausdruck lag in ihren Augen, gepaart mit einer Ablehnung, die Elizabeth nur zu gut kannte.
Sie bewahrte ihr Lächeln und deutete auf das Gerät.
„Das hier wirst du nicht brauchen“, sagte sie.
Elizabeth steckte das Telefon zurück in ihre Jackentasche.
Die Tante unterbrach die Stille erneut. „Komm, ich zeige dir dein Zimmer. Dort hast du als Kind geschlafen, alles ist geblieben wie damals. Nur das Bett hat einen neuen Platz erhalten.“
Sie stiegen die Treppe hinauf. Drei Stufen hintereinander knarzten unter ihren Tritten. Die übrigen Stufen blieben stumm.
Im oberen Stockwerk setzte sich die rauchig gelbe Farbe an den Wänden fort. Auf dem Bett lag eine grauweiße Decke. Elizabeth stellte ihren Rucksack und die grüne Armeetasche auf den Fußboden neben das Gestell. Sie setzte sich auf die Kante der Matratze.
Die Tante verweilte im Türrahmen und lächelte warm. Dann trat sie an das Bett heran, nahm Platz und zog Elizabeth in eine Umarmung.
Elizabeth verharrte einen Moment. Dann legte sie einen Arm um den Rücken ihrer Tante.
Die Frauen lösten den Griff.
„Du hast bestimmt Hunger. Das Essen steht in der Küche bereit. Ich wärme es sofort auf.“
Elizabeth nickte stumm. „Ja, gerne“, sagte sie mit leiser, zurückhaltender Stimme.
Kapitel 2
Die drei saßen am hölzernen Küchentisch. Dampf stieg von den Tellern auf. Ein einfacher Rinderbraten lag in sämiger Soße, umgeben von kleinen Babykartoffeln und grünem Spargel.
Der Onkel faltete die Hände. Die Tante schloss die Augen. Elizabeth folgte dem Beispiel und senkte ihre Lider.
Er erhob seine tiefe Stimme: „Herr, wir danken dir für diese Gaben und deinen Schutz vor der Verderbnis der äußeren Welt. Segne dieses Haus, festige unseren Gehorsam und bewahre unsere Schritte vor dem Abgrund, aus dem es keine Umkehr gibt. Amen.“
Ein kurzes „Amen“ der Tante folgte.
Das mechanische Klackern von Besteck auf dem Porzellan erfüllte die Küche. Die drei schwiegen und konzentrierten sich auf das Essen.
Er legte die Gabel ab. Sein Zeigefinger deutete auf Elizabeths Oberkörper. Unter dem geöffneten Reißverschluss ihrer Kapuzenjacke kam das Skelett-Logo von Social Distortion zum Vorschein.
„Die Band habe ich damals auch oft besucht“, sagte er und ein Lächeln lag auf seinen Lippen. „Die haben echt coole Musik gemacht. Machen sie ja immer noch.“
Dass ihr Onkel auch diese Musik hörte, fiel ihr schwer zu glauben, aber sie erwiderte das Lächeln.
„Ja, deren Songs sind schon gei... ganz stark.“ Das Wort geil schluckte sie im letzten Moment hinunter. Er nickte zustimmend.
Die Stille kehrte an den Tisch zurück. Elizabeth war diese Schweigsamkeit vertraut. In dieser Gemeinde war das Schweigen während der Mahlzeiten üblich. Dennoch hinterließ es eine seltsame Kälte.
Sie spießte eine Stange grünen Spargel auf ihre Gabel, blickte ihre Tante an: „Das schmeckt wirklich köstlich. Du bist eine wunderbare Köchin.“
Allein dafür hat sich die Fahrt hierhin gelohnt, dachte sich Elizabeth.
Die Tante kaute langsam und schluckte den Bissen hinunter. Ihre Augen weiteten sich. Sie ballte die rechte Hand, hielt sie vor den Mund und räusperte sich ausgiebig. Ihr Blick wanderte zum Onkel, verweilte dort und kehrte schließlich zu Elizabeth zurück.
„Du hast es vermutlich vergessen, der Dank gebührt dem Mann des Hauses.“
Die behagliche Stimmung verflog augenblicklich. Der Mann des Hauses? Was sollte das überhaupt bedeuten? Ihre Tante hatte doch das Essen gekocht, dachte Elizabeth. Sie drehte den Kopf widerwillig zum Onkel. Er fixierte sie mit starrem Blick. Seine Miene verlangte nach diesen Worten. So zumindest las sie es in seinem Gesicht. Elizabeth gab nach.
„Danke für das Essen“, sagte sie leise. Sie senkte den Kopf und aß stumm weiter.
Später saß sie in ihrem Zimmer auf der Bettkante. Ihr Smartphone ruhte in ihrer Handfläche. Auf dem Display wanderte die Netzanzeige. Ein einzelner Balken flackerte auf, verschwand wieder und kehrte sprunghaft zurück. Sie erinnerte sich an das schwere Bakelittelefon im Flur. Es stand dort unten auf einer kleinen Kommode und hatte große, klobige Tasten. Ein dickes Kabel verband den Hörer mit der Station. Das Smartphone in ihrer Hand war ihre Verbindung zur Außenwelt – dieses wechselhafte Aufleuchten hielt die Illusion von Erreichbarkeit aufrecht.
Sie tippte den Text in das Feld:
„Hi Mom, bin gesund und munter angekommen. Die Fahrt war ganz okay. Auf dem Weg hat man so viele weite Landschaften gesehen. Ich habe völlig vergessen, wie friedlich dieser Ort eigentlich wirkt. Ich werde hier einige Fotos machen für dich. Ich hoffe, dir geht's gut. Haben die Ärzte schon irgendwas dazu gesagt? Oder dauern die Untersuchungen noch an? Hab dich lieb, Mama.“
Elizabeth drückte auf Senden. Die Nachricht verblieb im Ausgang. Sie hoffte auf eine Übertragung im Laufe des Tages.
Ein leises Klopfen. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Der Kopf ihrer Tante erschien im Rahmen.
„Ich habe fast vergessen, dir zu sagen: Heute findet unsere Gemeindestunde statt. Ich habe ein tolles Kleid für dich herausgesucht.“ Ihre Augen leuchteten.
Die Tante trat in das Zimmer und präsentierte das Gewand. Der Stoff war blassgrün, bedeckt mit verblichenen Blumenmustern.
Elizabeth fixierte den Stoff. „Gemeindestunde? Kann ich nicht einfach hierbleiben? Ich will da gar nicht hin, ich wüsste überhaupt nicht, was ich dort machen soll.“
Die Tante schüttelte den Kopf. „Nein, nein, du kommst auf jeden Fall mit. Das ist gewiss.“
„Muss ich denn das Kleid anziehen, wenn ich schon mit hin muss? Kann ich nicht einfach so gehen, wie ich angezogen bin?“ Sie deutete auf ihre Taschen am Boden neben dem Bett. „Ich könnte mir auch schnell was anderes anziehen.“
Das Lächeln der Tante veränderte sich. „Elisabeth, bitte, mach es nicht schwerer. Ich möchte deine Mutter damit nicht behelligen.“
Die Tante hängte den Stoff über die Stuhllehne. „Du ziehst das Kleid an. Auf jeden Fall. Ich habe das damals auch getragen und dir wird es auch wie angegossen passen. Zieh es gleich an, ja. Wir warten dann unten auf dich.“
Die Tante schloss die Tür. Elizabeth dachte an das Wort: Wir. Mit ihrem Onkel hatte sie wenig gemeinsam, ebenso mit ihrer Tante. Ein falscher Gedanke. Sie liebte ihre Tante. Sie war ein herzensguter Mensch. Die Skepsis schob sie beiseite.
Elizabeth erhob sich von der Matratze. Sie streifte ihre Jeans und das Oberteil ab und schlüpfte in das blassgrüne Gewand. Es roch nach frischem Waschmittel, behielt jedoch die Schwere eines alten Stofffetzens. Einst besaß es ein leuchtendes Grün, nun wirkte es durch unzählige Waschgänge verblasst. Selbst wenn das Kleid neuwertig wäre, hätte sie daran keinen Gefallen gefunden. Damit in die Öffentlichkeit — in New York völlig undenkbar. Vielleicht war das auch besser so. Auf diese Weise würde sie nicht auffallen.
Sie trat vor den kleinen Spiegel an der Wand. Der Stoff überdeckte ihre Brust, spannte sich eng über die Oberarme und ließ einzig die Unterarme frei. Der Saum reichte hinab bis zu den Fußknöcheln. Ihre Finger zupften an dem Material, um den Sitz zu korrigieren. Das Gewand umschloss ihren Hals und kratzte auf der Haut. Ein unangenehmes Gefühl verblieb.
Sie strich den Rock glatt. Sie war jetzt hier. Daran musste sie sich gewöhnen. Sie schluckte jeden Widerspruch hinunter.
Kapitel 3
Der Saal war dicht besetzt. Statt schwerer Kirchenbänke drängten sich einfache, miteinander verkettete Holzstühle Reihe an Reihe. Elizabeth stand in der Dritten. Rechts von ihr verharrte ihre Tante, daneben ragte die Gestalt des Onkels auf. Von der Decke strahlte das weiße, sterile Licht der Leuchtstoffröhren herab, legte harte Schatten unter die Augen der Gläubigen und verlieh der Umgebung die Kälte einer Krankenstation. In der stickigen Luft mischte sich der Geruch von Bohnerwachs mit dem Schweiß der vielen Körper.
Auf dem Holzpodest stimmte der Prediger die Verse über die Wahrheit an. Seine schneidende Stimme gab den Takt vor, ehe die Kehlen acapella einstimmten. Ein disziplinierter Chor ergriff den Raum und ließ die Holzdielen unter den Füßen vibrieren. Der Onkel sang die Strophen frei aus dem Gedächtnis. Neben ihm hielt die Tante das Gesangbuch mit beiden Händen. Dankbar registrierte Elizabeth die tiefe Versunkenheit ihrer Tante. Die ältere Frau fixierte die gedruckten Zeilen und überließ sie ganz ihrem eigenen Schweigen.
Die Arme lagen eng an den Seiten ihres blassgrünen Gewandes. Ihr Blick suchte Halt und fand ihn ganz vorne auf der linken Seite. Dort hob sich das Profil einer jungen Frau ab. Bekleidet mit grauem Rock und weißer Bluse hielt sie das Gesangbuch fest umschlossen. Ein feiner Pony berührte ihre Stirn. Ein streng geflochtener Zopf hob das rotbraune Haar an und legte den Nacken sowie den Übergang zu den Schultern frei. Unter dem weißen Licht der Decke schimmerte ihre Haut blass. Schutzlos. Zerbrechlich.
Der Gesang der Gemeinde verlor an Schärfe. Die Stimmen traten in den Hintergrund und verebbten zu einem fernen Rauschen. Alle Frauen trugen hier hochgeschlossene Kleider, dachte Elizabeth. Warum zeigte sie so viel Haut? Diese Blässe wirkte inmitten der zugeknöpften Masse wie eine Provokation. Sie glitt an den Konturen entlang, über die Hüften zur Bluse, die der glatten Bauchdecke Schutz vor neugierigen Augen bot. In New York warst du mit so einem Starren ein Weirdo, und generell an jedem Fleck der Erde, ging es ihr durch den Kopf. Die Erinnerung an einen Jungen flammte auf, der sie damals tagelang gemustert hatte. Sie hatte sein Starren abstoßend gefunden. Nun ertappte sie sich bei exakt demselben Verhalten. Wärme kroch in ihre Wangen.
Der Blick wanderte wieder aufwärts entlang der Wölbung ihrer Brust und fand die Lippen, die sich im Takt des Liedes bewegten. Ihr Rosarot bildete einen Kontrast zu der Blässe, voll und weich geschwungen. Über die Nasenspitze gelangte sie zum Auge, eingerahmt von langen Wimpern.
Eine minimale Drehung des Kopfes gab flüchtig die Sicht auf beide Augen frei. Zuerst erschien die Farbe wie Haselnussbraun. Ein genaueres Hinsehen offenbarte eine tiefere Nuance, die Wärme von Milchschokolade. Die Lider hingen schwer, sanken an den Seiten nach unten. Der Blick fixierte starr einen Punkt weit hinter dem Prediger, stumpf und von einem feuchten Schleier überzogen. Das Gesicht wandte sich wieder nach vorn.
Der Drang wuchs die Frau fest in die Arme zu schließen und ihr zu zuflüstern: Hab keine Angst. Ein dumpfes Ziehen entstand im Bauch. Ihre Schultern strafften sich, sie krallte ihre Finger in das Gewand. Glückliche Menschen sahen anders aus, dachte sie. Ein Seitenblick streifte ihre Tante, deren Gesichtsausdruck tiefe Seligkeit zeigte. Vielleicht verbarg sich dahinter bloß eine Fassade, eine über Jahre antrainierte Maske. Elizabeth drängte die Grübeleien zurück. Was kümmerte mich das überhaupt?
Der Gemeindegesang verebbte, die Menschen nahmen Platz. Die junge Frau strich den grauen Stoff ihres Rockes an der Rückseite glatt; Fingerspitzen glitten über die Konturen ihres Pos. Sie ließ sich auf das Holz der Stuhlreihe sinken.
Ihre Blicke kreuzten sich. Elizabeth fühlte sich ertappt und flüchtete zu den Bodendielen, aber ihre Augen strebten stur zu der Fremden. Die Wärme sickerte den Hals hinab und verknotete ihren Magen. Sie betrachtete widerwillig das Gesicht der Frau, die mandelförmigen Augen. Eine feine dunkle Linie erschien — die Tiefe des Mundraums zwischen dem samtigen Rosarot. Das volle Kissen warf einen Schatten auf das Kinn.
Sie sah genauer hin und entdeckte weitere Farbschichten innerhalb der Iris. Nur am äußeren Rand lag die Wärme von Milchschokolade. Der Glanz von flüssigem Honig säumte die Pupillen. Die Schwere wich aus dem Gesicht der Fremden. Ihre Mundwinkel wanderten nach oben, legten weiße Zähne frei. Lachfältchen kräuselten sich um die Augenwinkel. Elizabeth ertappte sich, wie ihr Mund nachgab.
Die tiefe Stimme des Predigers zersägte den Augenblick zwischen ihnen. Das Gesicht der jungen Frau drehte sich wieder nach vorn; ihr streng geflochtener Zopf schwang herum. Die weichen Spitzen des Haares strichen über die blasse Haut ihrer Schulter, glitten sanft herab und pendelten sich auf dem Rücken aus. Ihre Haltung war stramm, der Blick diszipliniert auf das Podest gerichtet.
Elizabeth verblieb isoliert auf ihrem Platz. Eine dumpfe Beklemmung breitete sich in ihrer Magengrube aus, die sie auf die dröhnende Stimme des Predigers und die stickige Luft schob.
Sie sah zum Podest, wo auf den hölzernen Planken der groß gewachsene Mann stand. Sein beige-grauer Anzug saß wie eine Uniform, straff und passgenau; das mittellange Haar lag streng nach hinten gekämmt, gab die breite Stirn frei. Ein kantiges Kinn schloss die Züge ab. Tiefe Furchen durchzogen sein müdes Gesicht, aus dem eisblaue Augen hervorstachen; wie geschliffenes Glas.
Er hob die rechte Hand, krümmte die Finger langsam wie eine Sichel. „Der Weinstock verlangt nach Pflege. Er fordert das harte Beschneiden, um die Fäulnis auszusondern.“ Er schloss die Finger, riss den Arm mit einem Ruck herab. „Das Verdorbene bedroht den inneren Frieden der Herde. Ein fauler Ast muss weichen, er gehört ins Feuer. Nur die vollkommene Hingabe reinigt den Garten, das Opfer von Fleisch und Blut.“
„Das Opfer von Fleisch und Blut“, erwiderte die Gemeinde im Einklang. Direkt neben Elizabeth stimmten Tante und Onkel mit leidenschaftlicher Inbrunst ein. Religiöser Eifer begegnete ihr auch in New York. Schreiende Propheten an überfüllten Kreuzungen, hochgehaltene Pappschilder mit Warnungen vor dem Weltuntergang, aggressive Forderungen nach Buße. Jener vertraute Wahnsinn bot bereits reichlich Fremdscham. Doch diese Darbietung war maximal cringe, wie alles andere in dieser Gemeinde. Nein. Nicht alles.
Der Blick des Predigers wanderte über die Sitzreihen. Die Rücken der Gläubigen strafften sich, die Köpfe sanken. Er verhakte seine Augen für einen kurzen Atemzug bei der jungen Frau in der ersten Reihe. Dann zog der Blick weiter.
Der Prediger stützte beide Hände auf die Kanten des hölzernen Pults. Ein trockenes Scharren lag in seiner Stimme.
„Ein leerer Platz zeugt von einer Prüfung in unseren Reihen“, die Augen starr in die Ferne gerichtet.
Einige Köpfe wandten sich um. Blicke streiften den verlassenen Platz im Hintergrund, ehe die Gesichter wieder nach vorn schwenkten.
„Unsere Gefährtin Viola schritt über die Schwelle dieser heiligen Mauern. Die Last ihrer Verfehlungen wog schwer für diesen geweihten Boden. Sie wanderte hinaus in die Einöde, um Buße zu tun und das Angesicht des Herrn im Exil zu suchen.“
Die Schulterlinie der Fremden zog sich zusammen und Sehnen an ihrem Hals traten hervor.
„Der Name einer Ausgestoßenen verfault auf den Lippen der Gerechten“, fuhr der Prediger fort. Eine Hand ballte sich auf dem Pult. „Das Auslöschen des Klangs bewahrt die Reinheit der Herde. Wer die Erinnerung hütet, füttert die Sünde im eigenen Herzen. Aus Asche ist sie gekommen und zu Asche soll sie werden.“
„Und zu Asche soll sie werden“, hallte der Einklang der Gemeinde durch den Saal.
Ihr Onkel stieß die Worte voller Inbrunst aus. Die Tante zögerte. Ihre Stimme hing einsam im schwindenden Echo der Menge.
Der Kopf der Fremden sank nach vorn. Das Kinn strebte zur Brust. Halswirbel zeichneten sich ab.
Der Prediger trat vor die junge Frau und streckte die Hand aus.
„Komm, mein Kind, komm auf die Bühne“, sagte er.
Sie sah über die Schulter in die hinteren Sitzreihen, streifte Elisabeths Blick, riss den Kopf wieder nach vorn, straffte den Rücken, erhob sich, presste ein Rechteck aus Fotopapier gegen ihre Brust, trat neben den Prediger und verharrte.
„Zeige es“, befahl er.
Ihr unsicherer Blick suchte sein Gesicht. Er nickte. Sie drehte das Papier zur Gemeinde.
Elisabeth erkannte ein kleines Mädchen auf dem Bild mit den lebendigen Augen der jungen Frau. Das Kind lächelte, Lücken zeigten sich zwischen den Milchzähnen. Eine erwachsene Frau stand schützend daneben.
Die junge Frau traf erneut auf Elisabeth. Ihre Augen zuckten zur Seite und starrten blind in die Menge.
Der Prediger platzierte die eiserne Schale auf dem Pult.
„Lege es hinein“, sagte er.
Ihr Blick haftete auf dem Papier, als wollte sie Abschied nehmen. Sie senkte das Foto in das Metall. Er reichte ihr die Streichholzschachtel: in seinen Augen eine stumme Aufforderung.
Ihre Finger griffen danach und schoben sie mit einem trockenen Schaben auf. Hölzer klapperten im Inneren. Sie zog eines heraus, schob die Schachtel zu und drückte den roten Zündkopf gegen die Reibfläche. Ein raues Schrammen. Fauchend flammte das Streichholz auf, das sie über die Schale hielt.
Die Glut fraß sich zur Mitte des Schafts; bis die Flammenzunge ihre Fingerkuppen erreichte. Sie ließ es fallen. Feuer griff auf das Papier über. Das Gesicht der jungen Frau versteinerte.
Fortsetzung folgt.
Quietschend kam der Zug zum Stillstand. Die Nachmittagssonne stand tief über der Bahnstation. Hinter den Schienen sangen Vögel in den Birken. Elizabeth trat auf die Metallstufe des Waggons. Der Rucksack drückte schwer auf ihre Schultern. In der rechten Hand hielt sie den Riemen der armeefarbenen Tasche. Das Gepäck stieß gegen den engen Rahmen der Waggontür. Elizabeth zog mit einem Ruck daran. Die Tasche schnellte heraus, schwang herum und traf sie in der Kniekehle. Ihr Gelenk knickte ein. Sie ächzte, stolperte einige Schritte nach vorne.
Vor ihr erstreckte sich der Bahnsteig aus vergrauten Holzbohlen. Einzig dieser Zug passierte den abgelegenen Ort einmal am Tag. Wind strich durch ihr schulterlanges Haar. Die Luft schmeckte frisch; der Spätsommer brachte bereits kühle Tage. Sie schob die Brille auf dem Nasenrücken zurecht. Im hellen Licht verengten sich ihre grünen Augen. Den Reißverschluss ihrer Kapuzenjacke zog sie bis zum Kinn hoch. Darüber trug sie die anthrazitfarbene Jacke und eine schwarze Jeans.
Ein kleiner Unterstand markierte die Haltestelle. Verwittertes Holz prägte das Häuschen, von dessen Wänden pastellgrüne Farbe in Schuppen blätterte. Unter dem Dach hing ein Schild mit der verblichenen Aufschrift Moose River.
Elizabeth stellte die Armeetasche auf die Steinplatten. Aus den Fugen wucherten filigrane Streben mit gelben Tupfern auf den Dolden. Ein Hornkäfer kroch über den Stein, der Lichtpunkt wanderte über das Kastanienschwarz seines Panzers. Er reckte sein Horn nach oben und verschwand in einem Spalt des Holzes. Sie streifte die Riemen des Rucksacks von den Schultern, platzierte ihn auf der hölzernen Bank und nahm daneben Platz.
Aus ihrer Jacke zog sie eine Packung Blättchen und den Plastikbeutel mit Gras. Ihre Finger bewegten sich geübt. Sie drehte den Joint, zündete den Stängel an und nahm einen tiefen Zug. Den Kopf lehnte sie an die raue Holzwand. Ihr Blick wanderte nach oben, vorbei an der Kante des Vordachs. Der Himmel war blau. Rauch stieg als dünner Faden in die Luft. Sie verharrte in dieser Position und wartete.
Ein tiefes Motorengeräusch unterbrach nach einiger Zeit die Stille. Ein alter, beigefarbener Buick bog um die Ecke und rollte langsam vor den Unterstand. Ihre Tante saß am Steuer. Bereits durch die Windschutzscheibe winkte sie ihr zu.
Elizabeth erhob sich von der Bank. Sie warf den Rucksack über die Schultern und griff nach dem Riemen ihrer grünen Armeetasche, der sich in ihrer Hand straffte. Sie ging auf den Wagen zu.
Die Tante kurbelte das Fenster hinunter. „Hi Elizabeth, schön, dass du da bist, ich freue mich so“, rief sie. „Komm, steig ein.“
Sie zögerte, betrachtete das vertraute Gesicht ihrer Tante. Dann öffnete sie die Wagentür und nahm Platz auf dem Polster.
Der Buick bog um eine Kurve. Elizabeth starrte aus dem Fenster. Birken und Eichen glitten an ihnen vorbei. Die Kronen ragten in den Himmel und spendeten Schatten auf dem Asphalt. Zwischen den Stämmen öffnete sich der Blick auf einen See, der von einem Berg flankiert wurde. Sonnenlicht glitzerte auf den Wellen. Eine Fähre zog über das Wasser. Das dumpfe Hupen des Schiffes war im Innenraum des Wagens zu hören.
„Wie war deine Fahrt? Ich hoffe, angenehm?“
Elizabeth blieb still. Ihre Gedanken weilten in New York.
Die Tante drehte den Kopf zur Beifahrerseite. „Beth. Hallo, hörst du mich?“
Sie schreckte auf und wandte sich ihrer Tante zu. „Was... wie bitte? Was hast du gesagt?“
Die Tante lächelte. „Ich fragte nach deiner Ankunft. Verlief die Reise ruhig? Es ist immerhin eine lange Strecke.“
„Ja, war ganz okay.“ Sie blickte wieder durch die Glasscheibe nach draußen. „Es ist wunderschön hier. Das hatte ich völlig vergessen.“
„Ich weiß noch, wie du als Kind uns öfters besucht hast. Ich bin mir sicher, du wirst dich hier sehr schnell wieder einleben.“
Sie nahm eine Hand vom Lenkrad und tätschelte Elizabeths Schulter, während der Wagen einen Hügel hinauffuhr.
Der Buick erreichte die Kuppe des Hügels. Am Straßenrand stand ein hohes, schlichtes Holzkreuz. Die Tante drosselte das Tempo des Wagens. Sie faltete kurz die Hände über dem Lenkrad. „Herr, segne unsere Rückkehr und beschütze dieses Kind“, murmelte sie.
In ihrem Magen zog sich alles zusammen. Sie schloss die Augen. Die Erinnerung an das Krankenhaus in New York war sofort präsent. Ihre Mutter im Bett, umgeben von Geräten und Ärzten. Die Tränen. Elizabeth wollte den Grund für diese Reise anfangs nicht akzeptieren. Aber ihre Mutter benötigte diesen Abstand. Sie benötigte die medizinische Hilfe nach jenem Tag. Sie drängte den Gedanken beiseite, öffnete die Augen und zwang ihren Blick nach vorn.
Hinter der Kuppe breitete sich das Tal aus. Das Dorf lag tiefer im Becken. Die Häuser glichen einander vollständig. Jede Fassade besaß einen Anstrich in stumpfem Weiß. Die hölzernen Zäune wiesen exakt dieselbe Höhe auf. In den Gärten wuchsen Nutzpflanzen in geraden Reihen.
Der Buick rollte den Hügel hinab, direkt auf die Siedlung zu.
Die Haustür schwang auf. Elizabeth trat mit ihren Taschen über die Schwelle.
Die Wände des Flurs trugen rauchig gelbe Farbe. Im Wohnzimmer standen ein graubraunes Sofa und ein hölzerner Beistelltisch. Auf den niedrigen Schränken befanden sich ausschließlich eine weiße Spitzendecke und eine leere Tonschale. Ein hohes Holzregal an der Wand beherbergte dicke Bibeln und Gesangbücher. Einzig das monotone Ticken einer Standuhr erfüllte den Raum.
Die Frage nach einem Internetzugang konnte sie sich sparen. Sie wusste, wie absurd der Gedanke an diesem Ort war. Ein Glück besaß sie noch ihre SIM-Karte mit mobilem Datenvolumen für eine Verbindung zur Außenwelt. Die Unsicherheit über den Empfang wuchs jedoch. Sie zog das Smartphone aus der Jackentasche. Ein flüchtiger Blick auf das Display offenbarte die Tatsache. Die Empfangsbalken schrumpften gegen Null. Die Schultern sackten nach unten.
Ihre Tante beobachtete sie. Ein seltsamer Ausdruck lag in ihren Augen, gepaart mit einer Ablehnung, die Elizabeth nur zu gut kannte.
Sie bewahrte ihr Lächeln und deutete auf das Gerät.
„Das hier wirst du nicht brauchen“, sagte sie.
Elizabeth steckte das Telefon zurück in ihre Jackentasche.
Die Tante unterbrach die Stille erneut. „Komm, ich zeige dir dein Zimmer. Dort hast du als Kind geschlafen, alles ist geblieben wie damals. Nur das Bett hat einen neuen Platz erhalten.“
Sie stiegen die Treppe hinauf. Drei Stufen hintereinander knarzten unter ihren Tritten. Die übrigen Stufen blieben stumm.
Im oberen Stockwerk setzte sich die rauchig gelbe Farbe an den Wänden fort. Auf dem Bett lag eine grauweiße Decke. Elizabeth stellte ihren Rucksack und die grüne Armeetasche auf den Fußboden neben das Gestell. Sie setzte sich auf die Kante der Matratze.
Die Tante verweilte im Türrahmen und lächelte warm. Dann trat sie an das Bett heran, nahm Platz und zog Elizabeth in eine Umarmung.
Elizabeth verharrte einen Moment. Dann legte sie einen Arm um den Rücken ihrer Tante.
Die Frauen lösten den Griff.
„Du hast bestimmt Hunger. Das Essen steht in der Küche bereit. Ich wärme es sofort auf.“
Elizabeth nickte stumm. „Ja, gerne“, sagte sie mit leiser, zurückhaltender Stimme.
Kapitel 2
Die drei saßen am hölzernen Küchentisch. Dampf stieg von den Tellern auf. Ein einfacher Rinderbraten lag in sämiger Soße, umgeben von kleinen Babykartoffeln und grünem Spargel.
Der Onkel faltete die Hände. Die Tante schloss die Augen. Elizabeth folgte dem Beispiel und senkte ihre Lider.
Er erhob seine tiefe Stimme: „Herr, wir danken dir für diese Gaben und deinen Schutz vor der Verderbnis der äußeren Welt. Segne dieses Haus, festige unseren Gehorsam und bewahre unsere Schritte vor dem Abgrund, aus dem es keine Umkehr gibt. Amen.“
Ein kurzes „Amen“ der Tante folgte.
Das mechanische Klackern von Besteck auf dem Porzellan erfüllte die Küche. Die drei schwiegen und konzentrierten sich auf das Essen.
Er legte die Gabel ab. Sein Zeigefinger deutete auf Elizabeths Oberkörper. Unter dem geöffneten Reißverschluss ihrer Kapuzenjacke kam das Skelett-Logo von Social Distortion zum Vorschein.
„Die Band habe ich damals auch oft besucht“, sagte er und ein Lächeln lag auf seinen Lippen. „Die haben echt coole Musik gemacht. Machen sie ja immer noch.“
Dass ihr Onkel auch diese Musik hörte, fiel ihr schwer zu glauben, aber sie erwiderte das Lächeln.
„Ja, deren Songs sind schon gei... ganz stark.“ Das Wort geil schluckte sie im letzten Moment hinunter. Er nickte zustimmend.
Die Stille kehrte an den Tisch zurück. Elizabeth war diese Schweigsamkeit vertraut. In dieser Gemeinde war das Schweigen während der Mahlzeiten üblich. Dennoch hinterließ es eine seltsame Kälte.
Sie spießte eine Stange grünen Spargel auf ihre Gabel, blickte ihre Tante an: „Das schmeckt wirklich köstlich. Du bist eine wunderbare Köchin.“
Allein dafür hat sich die Fahrt hierhin gelohnt, dachte sich Elizabeth.
Die Tante kaute langsam und schluckte den Bissen hinunter. Ihre Augen weiteten sich. Sie ballte die rechte Hand, hielt sie vor den Mund und räusperte sich ausgiebig. Ihr Blick wanderte zum Onkel, verweilte dort und kehrte schließlich zu Elizabeth zurück.
„Du hast es vermutlich vergessen, der Dank gebührt dem Mann des Hauses.“
Die behagliche Stimmung verflog augenblicklich. Der Mann des Hauses? Was sollte das überhaupt bedeuten? Ihre Tante hatte doch das Essen gekocht, dachte Elizabeth. Sie drehte den Kopf widerwillig zum Onkel. Er fixierte sie mit starrem Blick. Seine Miene verlangte nach diesen Worten. So zumindest las sie es in seinem Gesicht. Elizabeth gab nach.
„Danke für das Essen“, sagte sie leise. Sie senkte den Kopf und aß stumm weiter.
Später saß sie in ihrem Zimmer auf der Bettkante. Ihr Smartphone ruhte in ihrer Handfläche. Auf dem Display wanderte die Netzanzeige. Ein einzelner Balken flackerte auf, verschwand wieder und kehrte sprunghaft zurück. Sie erinnerte sich an das schwere Bakelittelefon im Flur. Es stand dort unten auf einer kleinen Kommode und hatte große, klobige Tasten. Ein dickes Kabel verband den Hörer mit der Station. Das Smartphone in ihrer Hand war ihre Verbindung zur Außenwelt – dieses wechselhafte Aufleuchten hielt die Illusion von Erreichbarkeit aufrecht.
Sie tippte den Text in das Feld:
„Hi Mom, bin gesund und munter angekommen. Die Fahrt war ganz okay. Auf dem Weg hat man so viele weite Landschaften gesehen. Ich habe völlig vergessen, wie friedlich dieser Ort eigentlich wirkt. Ich werde hier einige Fotos machen für dich. Ich hoffe, dir geht's gut. Haben die Ärzte schon irgendwas dazu gesagt? Oder dauern die Untersuchungen noch an? Hab dich lieb, Mama.“
Elizabeth drückte auf Senden. Die Nachricht verblieb im Ausgang. Sie hoffte auf eine Übertragung im Laufe des Tages.
Ein leises Klopfen. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Der Kopf ihrer Tante erschien im Rahmen.
„Ich habe fast vergessen, dir zu sagen: Heute findet unsere Gemeindestunde statt. Ich habe ein tolles Kleid für dich herausgesucht.“ Ihre Augen leuchteten.
Die Tante trat in das Zimmer und präsentierte das Gewand. Der Stoff war blassgrün, bedeckt mit verblichenen Blumenmustern.
Elizabeth fixierte den Stoff. „Gemeindestunde? Kann ich nicht einfach hierbleiben? Ich will da gar nicht hin, ich wüsste überhaupt nicht, was ich dort machen soll.“
Die Tante schüttelte den Kopf. „Nein, nein, du kommst auf jeden Fall mit. Das ist gewiss.“
„Muss ich denn das Kleid anziehen, wenn ich schon mit hin muss? Kann ich nicht einfach so gehen, wie ich angezogen bin?“ Sie deutete auf ihre Taschen am Boden neben dem Bett. „Ich könnte mir auch schnell was anderes anziehen.“
Das Lächeln der Tante veränderte sich. „Elisabeth, bitte, mach es nicht schwerer. Ich möchte deine Mutter damit nicht behelligen.“
Die Tante hängte den Stoff über die Stuhllehne. „Du ziehst das Kleid an. Auf jeden Fall. Ich habe das damals auch getragen und dir wird es auch wie angegossen passen. Zieh es gleich an, ja. Wir warten dann unten auf dich.“
Die Tante schloss die Tür. Elizabeth dachte an das Wort: Wir. Mit ihrem Onkel hatte sie wenig gemeinsam, ebenso mit ihrer Tante. Ein falscher Gedanke. Sie liebte ihre Tante. Sie war ein herzensguter Mensch. Die Skepsis schob sie beiseite.
Elizabeth erhob sich von der Matratze. Sie streifte ihre Jeans und das Oberteil ab und schlüpfte in das blassgrüne Gewand. Es roch nach frischem Waschmittel, behielt jedoch die Schwere eines alten Stofffetzens. Einst besaß es ein leuchtendes Grün, nun wirkte es durch unzählige Waschgänge verblasst. Selbst wenn das Kleid neuwertig wäre, hätte sie daran keinen Gefallen gefunden. Damit in die Öffentlichkeit — in New York völlig undenkbar. Vielleicht war das auch besser so. Auf diese Weise würde sie nicht auffallen.
Sie trat vor den kleinen Spiegel an der Wand. Der Stoff überdeckte ihre Brust, spannte sich eng über die Oberarme und ließ einzig die Unterarme frei. Der Saum reichte hinab bis zu den Fußknöcheln. Ihre Finger zupften an dem Material, um den Sitz zu korrigieren. Das Gewand umschloss ihren Hals und kratzte auf der Haut. Ein unangenehmes Gefühl verblieb.
Sie strich den Rock glatt. Sie war jetzt hier. Daran musste sie sich gewöhnen. Sie schluckte jeden Widerspruch hinunter.
Kapitel 3
Der Saal war dicht besetzt. Statt schwerer Kirchenbänke drängten sich einfache, miteinander verkettete Holzstühle Reihe an Reihe. Elizabeth stand in der Dritten. Rechts von ihr verharrte ihre Tante, daneben ragte die Gestalt des Onkels auf. Von der Decke strahlte das weiße, sterile Licht der Leuchtstoffröhren herab, legte harte Schatten unter die Augen der Gläubigen und verlieh der Umgebung die Kälte einer Krankenstation. In der stickigen Luft mischte sich der Geruch von Bohnerwachs mit dem Schweiß der vielen Körper.
Auf dem Holzpodest stimmte der Prediger die Verse über die Wahrheit an. Seine schneidende Stimme gab den Takt vor, ehe die Kehlen acapella einstimmten. Ein disziplinierter Chor ergriff den Raum und ließ die Holzdielen unter den Füßen vibrieren. Der Onkel sang die Strophen frei aus dem Gedächtnis. Neben ihm hielt die Tante das Gesangbuch mit beiden Händen. Dankbar registrierte Elizabeth die tiefe Versunkenheit ihrer Tante. Die ältere Frau fixierte die gedruckten Zeilen und überließ sie ganz ihrem eigenen Schweigen.
Die Arme lagen eng an den Seiten ihres blassgrünen Gewandes. Ihr Blick suchte Halt und fand ihn ganz vorne auf der linken Seite. Dort hob sich das Profil einer jungen Frau ab. Bekleidet mit grauem Rock und weißer Bluse hielt sie das Gesangbuch fest umschlossen. Ein feiner Pony berührte ihre Stirn. Ein streng geflochtener Zopf hob das rotbraune Haar an und legte den Nacken sowie den Übergang zu den Schultern frei. Unter dem weißen Licht der Decke schimmerte ihre Haut blass. Schutzlos. Zerbrechlich.
Der Gesang der Gemeinde verlor an Schärfe. Die Stimmen traten in den Hintergrund und verebbten zu einem fernen Rauschen. Alle Frauen trugen hier hochgeschlossene Kleider, dachte Elizabeth. Warum zeigte sie so viel Haut? Diese Blässe wirkte inmitten der zugeknöpften Masse wie eine Provokation. Sie glitt an den Konturen entlang, über die Hüften zur Bluse, die der glatten Bauchdecke Schutz vor neugierigen Augen bot. In New York warst du mit so einem Starren ein Weirdo, und generell an jedem Fleck der Erde, ging es ihr durch den Kopf. Die Erinnerung an einen Jungen flammte auf, der sie damals tagelang gemustert hatte. Sie hatte sein Starren abstoßend gefunden. Nun ertappte sie sich bei exakt demselben Verhalten. Wärme kroch in ihre Wangen.
Der Blick wanderte wieder aufwärts entlang der Wölbung ihrer Brust und fand die Lippen, die sich im Takt des Liedes bewegten. Ihr Rosarot bildete einen Kontrast zu der Blässe, voll und weich geschwungen. Über die Nasenspitze gelangte sie zum Auge, eingerahmt von langen Wimpern.
Eine minimale Drehung des Kopfes gab flüchtig die Sicht auf beide Augen frei. Zuerst erschien die Farbe wie Haselnussbraun. Ein genaueres Hinsehen offenbarte eine tiefere Nuance, die Wärme von Milchschokolade. Die Lider hingen schwer, sanken an den Seiten nach unten. Der Blick fixierte starr einen Punkt weit hinter dem Prediger, stumpf und von einem feuchten Schleier überzogen. Das Gesicht wandte sich wieder nach vorn.
Der Drang wuchs die Frau fest in die Arme zu schließen und ihr zu zuflüstern: Hab keine Angst. Ein dumpfes Ziehen entstand im Bauch. Ihre Schultern strafften sich, sie krallte ihre Finger in das Gewand. Glückliche Menschen sahen anders aus, dachte sie. Ein Seitenblick streifte ihre Tante, deren Gesichtsausdruck tiefe Seligkeit zeigte. Vielleicht verbarg sich dahinter bloß eine Fassade, eine über Jahre antrainierte Maske. Elizabeth drängte die Grübeleien zurück. Was kümmerte mich das überhaupt?
Der Gemeindegesang verebbte, die Menschen nahmen Platz. Die junge Frau strich den grauen Stoff ihres Rockes an der Rückseite glatt; Fingerspitzen glitten über die Konturen ihres Pos. Sie ließ sich auf das Holz der Stuhlreihe sinken.
Ihre Blicke kreuzten sich. Elizabeth fühlte sich ertappt und flüchtete zu den Bodendielen, aber ihre Augen strebten stur zu der Fremden. Die Wärme sickerte den Hals hinab und verknotete ihren Magen. Sie betrachtete widerwillig das Gesicht der Frau, die mandelförmigen Augen. Eine feine dunkle Linie erschien — die Tiefe des Mundraums zwischen dem samtigen Rosarot. Das volle Kissen warf einen Schatten auf das Kinn.
Sie sah genauer hin und entdeckte weitere Farbschichten innerhalb der Iris. Nur am äußeren Rand lag die Wärme von Milchschokolade. Der Glanz von flüssigem Honig säumte die Pupillen. Die Schwere wich aus dem Gesicht der Fremden. Ihre Mundwinkel wanderten nach oben, legten weiße Zähne frei. Lachfältchen kräuselten sich um die Augenwinkel. Elizabeth ertappte sich, wie ihr Mund nachgab.
Die tiefe Stimme des Predigers zersägte den Augenblick zwischen ihnen. Das Gesicht der jungen Frau drehte sich wieder nach vorn; ihr streng geflochtener Zopf schwang herum. Die weichen Spitzen des Haares strichen über die blasse Haut ihrer Schulter, glitten sanft herab und pendelten sich auf dem Rücken aus. Ihre Haltung war stramm, der Blick diszipliniert auf das Podest gerichtet.
Elizabeth verblieb isoliert auf ihrem Platz. Eine dumpfe Beklemmung breitete sich in ihrer Magengrube aus, die sie auf die dröhnende Stimme des Predigers und die stickige Luft schob.
Sie sah zum Podest, wo auf den hölzernen Planken der groß gewachsene Mann stand. Sein beige-grauer Anzug saß wie eine Uniform, straff und passgenau; das mittellange Haar lag streng nach hinten gekämmt, gab die breite Stirn frei. Ein kantiges Kinn schloss die Züge ab. Tiefe Furchen durchzogen sein müdes Gesicht, aus dem eisblaue Augen hervorstachen; wie geschliffenes Glas.
Er hob die rechte Hand, krümmte die Finger langsam wie eine Sichel. „Der Weinstock verlangt nach Pflege. Er fordert das harte Beschneiden, um die Fäulnis auszusondern.“ Er schloss die Finger, riss den Arm mit einem Ruck herab. „Das Verdorbene bedroht den inneren Frieden der Herde. Ein fauler Ast muss weichen, er gehört ins Feuer. Nur die vollkommene Hingabe reinigt den Garten, das Opfer von Fleisch und Blut.“
„Das Opfer von Fleisch und Blut“, erwiderte die Gemeinde im Einklang. Direkt neben Elizabeth stimmten Tante und Onkel mit leidenschaftlicher Inbrunst ein. Religiöser Eifer begegnete ihr auch in New York. Schreiende Propheten an überfüllten Kreuzungen, hochgehaltene Pappschilder mit Warnungen vor dem Weltuntergang, aggressive Forderungen nach Buße. Jener vertraute Wahnsinn bot bereits reichlich Fremdscham. Doch diese Darbietung war maximal cringe, wie alles andere in dieser Gemeinde. Nein. Nicht alles.
Der Blick des Predigers wanderte über die Sitzreihen. Die Rücken der Gläubigen strafften sich, die Köpfe sanken. Er verhakte seine Augen für einen kurzen Atemzug bei der jungen Frau in der ersten Reihe. Dann zog der Blick weiter.
Der Prediger stützte beide Hände auf die Kanten des hölzernen Pults. Ein trockenes Scharren lag in seiner Stimme.
„Ein leerer Platz zeugt von einer Prüfung in unseren Reihen“, die Augen starr in die Ferne gerichtet.
Einige Köpfe wandten sich um. Blicke streiften den verlassenen Platz im Hintergrund, ehe die Gesichter wieder nach vorn schwenkten.
„Unsere Gefährtin Viola schritt über die Schwelle dieser heiligen Mauern. Die Last ihrer Verfehlungen wog schwer für diesen geweihten Boden. Sie wanderte hinaus in die Einöde, um Buße zu tun und das Angesicht des Herrn im Exil zu suchen.“
Die Schulterlinie der Fremden zog sich zusammen und Sehnen an ihrem Hals traten hervor.
„Der Name einer Ausgestoßenen verfault auf den Lippen der Gerechten“, fuhr der Prediger fort. Eine Hand ballte sich auf dem Pult. „Das Auslöschen des Klangs bewahrt die Reinheit der Herde. Wer die Erinnerung hütet, füttert die Sünde im eigenen Herzen. Aus Asche ist sie gekommen und zu Asche soll sie werden.“
„Und zu Asche soll sie werden“, hallte der Einklang der Gemeinde durch den Saal.
Ihr Onkel stieß die Worte voller Inbrunst aus. Die Tante zögerte. Ihre Stimme hing einsam im schwindenden Echo der Menge.
Der Kopf der Fremden sank nach vorn. Das Kinn strebte zur Brust. Halswirbel zeichneten sich ab.
Der Prediger trat vor die junge Frau und streckte die Hand aus.
„Komm, mein Kind, komm auf die Bühne“, sagte er.
Sie sah über die Schulter in die hinteren Sitzreihen, streifte Elisabeths Blick, riss den Kopf wieder nach vorn, straffte den Rücken, erhob sich, presste ein Rechteck aus Fotopapier gegen ihre Brust, trat neben den Prediger und verharrte.
„Zeige es“, befahl er.
Ihr unsicherer Blick suchte sein Gesicht. Er nickte. Sie drehte das Papier zur Gemeinde.
Elisabeth erkannte ein kleines Mädchen auf dem Bild mit den lebendigen Augen der jungen Frau. Das Kind lächelte, Lücken zeigten sich zwischen den Milchzähnen. Eine erwachsene Frau stand schützend daneben.
Die junge Frau traf erneut auf Elisabeth. Ihre Augen zuckten zur Seite und starrten blind in die Menge.
Der Prediger platzierte die eiserne Schale auf dem Pult.
„Lege es hinein“, sagte er.
Ihr Blick haftete auf dem Papier, als wollte sie Abschied nehmen. Sie senkte das Foto in das Metall. Er reichte ihr die Streichholzschachtel: in seinen Augen eine stumme Aufforderung.
Ihre Finger griffen danach und schoben sie mit einem trockenen Schaben auf. Hölzer klapperten im Inneren. Sie zog eines heraus, schob die Schachtel zu und drückte den roten Zündkopf gegen die Reibfläche. Ein raues Schrammen. Fauchend flammte das Streichholz auf, das sie über die Schale hielt.
Die Glut fraß sich zur Mitte des Schafts; bis die Flammenzunge ihre Fingerkuppen erreichte. Sie ließ es fallen. Feuer griff auf das Papier über. Das Gesicht der jungen Frau versteinerte.
Fortsetzung folgt.
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