Montanus

Montanus
Eine Kurzgeschichte von Stefan Seifert

Montanus ließ den Blick schweifen. Unter ihm lag die Stadt im Abendlicht. Das Band des Flusses glänzte wie geschmolzenes Metall. Die Menschen eilten in die Geschäfte und machten die letzten Einkäufe. Montanus stellte eine Milchflasche und eine Blechbüchse, in der er Butter und Käse aufbewahrte, in das Lebensmittelfach unter dem Fenster. Er besaß keinen elektrischen Kühlschrank. Er besaß auch kein Radio und kein Fernsehgerät. Dafür hatte er Bücher und einen alten Plattenspieler.
Es war ein Glückstag, als Montanus in der Zeitung las, daß die Stadt die Stelle eines Türmers für die Stadtkirche St. Elisabeth zu besetzen hatte. Der Kirchturm gehörte der Stadt, während sich das übrige Kirchengebäude im Besitz der Landeskirche befand. Auf dem Turm, direkt unter der schiefergedeckten Haube, befand sich die Wohnung des Türmers. Dessen Aufgabe war es von alters her, nahende Feinde oder Feuer zu melden. In neuer Zeit war das im Grunde überflüssig geworden, aber die Stelle war immer noch vorhanden, und da daran Zuschüsse von der UNESCO gebunden waren, wurde sie wieder besetzt. Montanus war nicht der einzige Bewerber, aber man wählte ihn aus, da er ideale Voraussetzungen für den Posten besaß. Er war jung und kräftig, was angesichts der nicht enden wollenden Treppenstufen von nicht zu unterschätzender Bedeutung war. Er war unverheiratet, ohne familiäre Verpflichtungen und es gab keinen Grund, an seinem Leumund und seiner Zuverlässigkeit zu zweifeln. Bisher hatte er zur völligen Zufriedenheit seines Arbeitgebers als Hausmeister in einem Freizeitzentrum gearbeitet. Freilich war er kein Erfolgstyp, aber so einer hätte sich auch kaum für diese Stelle beworben.
Aber es gab noch andere Gründe, die ihn für die Stelle des Türmers geradezu prädestinierten. Montanus liebte die Höhe ebenso wie die Einsamkeit. Seine freie Zeit verbrachte er so oft wie möglich in den Bergen. Er fuhr mit der Bahn nach Garmisch-Partenkirchen oder einem anderen Ort im Gebirge. Dort stieg er aus und wanderte los. Er übernachtete in Berghütten oder im Freien. Am glücklichsten war er, wenn er auf einem Gipfel alleine war und die majestätische Bergwelt sich zu seinen Füßen ausbreitete. Es konnte vorkommen, daß er 14 Tage lang zu Fuß unterwegs war und in dieser Zeit mit keinem Menschen Kontakt hatte. Das störte ihn nicht. Im Gegenteil, er spürte, wie ihm aus der Natur neue Kräfte zuflossen. Das machte ihn froh und ließ ihn immer wieder staunen. Dieses Staunen mußte er anderen mitteilen und er tat es mit Gedichten. Um die Form dieser Gedichte machte er sich nicht viel Sorgen, er würde mit Sicherheit damit keinen Lyrikwettbewerb gewinnen. Aber er sah darin die einzige Möglichkeit, die Gedanken zum Ausdruck zu bringen, die ihn beschäftigten. Daß es der Stille bedurfte, um das Umfassende und Wahre, das Große und Ganze in sich aufzunehmen. Daß man sich nicht ablenken lassen durfte durch all das Unwichtige und Dumme. Daß das Leben des einzelnen Teil eines großen Zusammenhangs war. Solche Dinge eben. Es war ja eigentlich alles ganz einfach. Er konnte immer wieder darüber schreiben.
Montanus veröffentlichte seine Gedichte im Internet. Er hatte zwar selber keinen Computer, aber er gab die Gedichte einem Freund, der sie auf speziellen Literaturseiten unterbrachte. Leider hatte er noch nie eine ernsthafte Reaktion darauf gespürt. Manchmal traf er Leute, die sagten, sie hätten seine Gedichte gelesen und sie fänden es toll, daß er so etwas machte. Aber keiner sagte ihm jemals: Du hast recht, so denke ich auch, das ist die Wahrheit, danach müßte man leben.
„Das ist schon in Ordnung,“ sagte einer seiner Freunde einmal zu ihm und klopfte ihm auf die Schulter. „Aber eben irgendwie weit weg. Dein Problem ist, daß du nicht mit der modernen Zeit zurecht kommst. Du hättest genau so, wie du jetzt bist, vor hundert oder vor tausend Jahren leben können. Vielleicht hättest du in die früheren Zeiten besser gepaßt.“
Es klopften ihm alle gern auf die Schulter oder zausten seine zotteligen Haare, als wäre er ein großer Teddybär. Manchmal wurde er richtig böse deswegen. In den ersten Wochen, nachdem er seine Turmwohnung bezogen hatte, bekam er häufig Besuch und alle waren sprachlos vor Staunen und Bewunderung über seine ungewöhnliche Behausung. Doch der Aufstieg zu ihm war recht mühselig und war man einmal oben, wollte man auch bald wieder hinunter. Nach und nach wurden die Besucher weniger und blieben schließlich ganz aus.
Auch Montanus selbst zog sich zurück und ging immer seltener nach unten. Zwei- oder dreimal in der Woche kaufte er Lebensmittel ein und stieg dann wieder hinauf. Es war fast so, als wäre er in den Bergen, nur daß ihm zu Füßen nicht die unberührte Bergwelt, sondern die brodelnde Stadt lag. Aber der Unterschied war nicht so groß. Die Höhe dämpfte die Geräusche und in der Ferne sah er die sanften Hügel, die das Flußtal bildeten, in dem die Stadt lag.
Jeden Abend beobachtete er, wie die Sonne hinter diesen Hügeln unterging und die Dächer in rotgoldenes Licht tauchte. Dann wartete Montanus auf das Aufgehen des Mondes. Es war für ihn ein besonderes Erlebnis, wenn die leuchtende Kugel sich durch ein Schimmern über den Hügeln ankündigte und schließlich persönlich hervorlugte, um dann geschwind empor zu steigen. Montanus war immer wieder fasziniert, wie groß der Mond bei seinem Erscheinen war und wie schnell er sich aufwärts bewegte. War er einmal am Himmel, verlangsamte er seine Fahrt, bis er schließlich völlig still zu stehen schien. Auch seine Farbe veränderte sich von Orangegelb zu einem hellen Elfenbeinton.
In den Nächten des vollen Mondes fühlte sich Montanus wohl. Alles war in ein mildes Licht getaucht und gute Gedanken erfüllten ihn. Er fühlte sich eins mit der Welt. Er war Teil eines Ganzen, aufgehoben in der alles umfassenden Liebe Gottes. In dieser Stimmung schrieb er seine Gedichte.
Schwierig wurde es für ihn in den Nächten um Neumond herum, wenn die der Erde zugewandte Seite des Mondes ins Dunkel getaucht war. Es war dann, als ob sich auch Montanus‘ Gemüt verdüsterte. Qualvolle Erinnerungen bemächtigten sich seiner, Schmerz und Wut erfüllten sein Inneres. Er hatte keineswegs eine glückliche Kindheit gehabt. Die Ehe seiner Eltern war von zunehmender Zerrüttung geprägt gewesen und als er sieben Jahre alt war, ließen sie sich scheiden. Er lebte bei seiner Mutter, seinen Vater sah er selten. Die Mutter litt unter Depressionen und hatte häufig Nervenzusammenbrüche. Ein Jahr nach der Scheidung begab sie sich nach einem halbherzigen Selbstmordversuch in psychiatrische Behandlung und Montanus kam in ein Kinderheim. Die erste Nacht in dem großen Schlafsaal war die erste Nacht, die Montanus überhaupt außerhalb von Zuhause verbrachte. Nachdem das Licht ausgeschaltet worden war, wurde er als Neuankömmling von den anderen Kindern mit Handtüchern, in die sie Knoten gemacht hatten, verprügelt, während sie seinen Kopf und seine Arme mit einer Decke festhielten. Doch der eigentliche Schmerz kam erst später, als die anderen schon schliefen. Das Gefühl des Verlorenseins inmitten fremder Menschen sprang ihn an wie eine reißende Bestie. Von daher rührte seine Überzeugung, daß es für ihn noch ein anderes Zuhause geben müsse, eine Heimat, die ihm niemand nehmen konnte.
Später lebte Montanus‘ Mutter mit einem neuen Partner zusammen und nahm ihren Sohn wieder zu sich. Doch nach einiger Zeit scheiterte auch diese Beziehung und alles begann wieder von neuem. Sie bekam Nervenkrisen und Montanus wurde in ein Kinderheim gegeben. Das bestätigte ihn in seiner Annahme, die nun zu einem festen Glauben wurde, daß jedes irdische Zuhausesein vergänglich und eine trügerische Illusion war. Seine Heimat mußte woanders sein. In seinem Herzen oder über den Wolken. Oder in allem zugleich.
Jetzt war Vollmond und Montanus‘ Gemüt war von Harmonie erfüllt. Luna war in besonderer Schönheit aus den Hügeln aufgetaucht. Montanus hatte den Eindruck, daß der Himmelskörper diesmal noch größer war als sonst. Mit seinem weiteren Emporsteigen schien er nicht kleiner zu werden, sondern, im Gegenteil, noch zuzunehmen. Für einen Augenblick dachte Montanus daran, diese Beobachtung in seinem Bericht an die vorgesetzte Behörde zu vermerken, doch verwarf er diesen Gedanken schnell wieder. Astronomische Beobachtungen gehörten nicht zu seinen Aufgaben. Doch würden die Astronomen dieses Phänomen bemerken? Montanus bezweifelte es.
Das Äußere des Mondes war Montanus vertraut. Für ihn hatte der Mond ein Gesicht. Es war das Gesicht eines Mannes, der freundlich lächelte. Es war ein alter, sehr weiser und sehr gütiger Mann. Manchmal lächelte er belustigt, als habe er gerade einen guten Scherz gemacht. Das ganze irdische Treiben schien ihn zu amüsieren. Aus dieser großen Entfernung war das auch nicht schwierig. Etwas anderes war es, wenn man hier unten war, in die menschlichen Geschicke verstrickt. Aber in Augenblicken wie diesen, bei Vollmond, glaubte Montanus, daß es möglich war, sich über sein Schicksal als Mensch zu erheben und zu überirdischer Ruhe und Heiterkeit zu gelangen.

Er mußte in seinem Sessel am Fenster eingeschlafen sein. Als er erwachte, war der ganze Raum von einem hellen, milchigweißen Licht erfüllt. Der Mond stand riesig groß neben dem Kirchturm. Montanus konnte deutlich einen alten Mann darauf erkennen, der ihm zuwinkte. Montanus winkte zurück. Ein beglückendes Gefühl durchströmte ihn, als wenn ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Der Mann machte ihm Zeichen, zu ihm hinüber zu kommen. Montanus breitete fragend die Arme aus und zog die Schultern hoch, um ihm zu bedeuten, daß er nicht wisse, wie er das machen solle. Daraufhin verschwand der Alte in einem Mondkrater und kam kurz darauf mit einer langen, silbern glänzenden Leiter wieder, die er zu Montanus hinüber schob. Montanus ergriff sie, stellte die Enden auf das Fensterbrett und stieg auf die Sprossen. Es ging leichter, als er gedacht hatte. Bald betrat er die Mondoberfläche und stand einem mit einer Art Tunika bekleideten ehrwürdigen Greis gegenüber. Der blickte ihn aus seinem faltigen Gesicht mit lebhaft strahlenden Augen an. Sein Haar war weiß. Es fiel in schönen Wellen herab und mischte sich mit seinem langen weißen Bart.
„Bist du Gott?“ fragte Montanus. Der andere lachte.
„O, nein,“ rief er. „Ich bin nicht Gott und möchte es auch nicht sein. Glaube mir, ich bin ein Mensch wie du. Ich bin nur schon ein gutes Stück des Weges weiter gegangen. Auch du wirst einmal einer von uns sein und uns hier Gesellschaft leisten.“
Montanus bemerkte nun, daß noch mehr Menschen in der Nähe waren. Sie gingen einzeln oder zu zweit umher, schweigend oder in intensive Gespräche vertieft. Sie waren meist älter, aber niemand wirkte gebrechlich.
„Was sind das für Leute?“ fragte Montanus.
„Wir alle haben den Zyklus unserer Wiedergeburten vollendet und führen nun eine rein geistige Existenz,“ sagte der Alte. „Das heißt, wir bestehen aus sehr feinen Schwingungen, feiner als Materie. Aus Gewohnheit haben wir die äußere Form und den Namen aus unserem letzten Erdendasein beibehalten. Ich heiße Leonardo und meine letzte Inkarnation liegt schon fast ein halbes Jahrtausend zurück.“
Ein Mönch stieg aus einem Krater hervor und schien einen ausgedehnten Spaziergang unternehmen zu wollen. In der Hand trug er einen Wanderstock.
„Sieh, Meister Eckart, wir haben Besuch,“ rief ihm Leonardo zu. „Ein Gast aus dem Kirchturm dort drüben. Es wird nicht mehr allzu lange dauern und er wird uns auf Dauer Gesellschaft leisten.“
„Das ist gut,“ sagte der Mönch lebhaft und blickte Montanus freundlich lächelnd an. „Vertraue nur auf Gott, so wirst du nicht fehl gehen.“
Er musterte Montanus gründlich, dann sagte er ernst: „Sei dennoch auf der Hut, mein lieber Freund. Bedenke, wir allein sind der Grund all unserer Hindernisse auf dem Weg zu Glück und Vollkommenheit. Hüte dich vor dir selbst, so hast du wohl gehütet.“
Nach diesen Worten entfernte sich der Mönch mit rüstigen Schritten.
„Werde ich wirklich bald als einer der Euren hier leben?“ fragte Montanus hoffnungsvoll. „Kann ich vielleicht gleich hier bleiben?“
„Nun, so schnell geht es leider nicht,“ sagte Leonardo schmunzelnd. „Du hast schon noch ein Stück deines Weges auf Erden vor dir. Wenn du es wirklich eilig hast, so suche eine der Höhlen im Himalaya auf und lebe dort als Eremit. Aber jeder hat seinen eigenen Weg zur Vollendung und den deinen mußt du letztlich selber finden.“
Sie waren nun in ihr Gespräch vertieft und wanderten über die Mondoberfläche, wie zahlreiche andere Mondbewohner.
„Es war vor mehreren tausend Jahren,“ erzählte Leonardo, „als die ersten Weisen ihren Zyklus der Wiedergeburten vollendet hatten. Sie hatten der Menschheit all ihre Weisheit gegeben, hatten ihr den Weg für die Zukunft gewiesen und waren zu Geistwesen geworden, die einen festen Ort im Universum suchten. Sie entschieden sich für den Mond als Wohnstätte, da sie auf ihm der Erde immer nahe sind. Natürlich spielen räumliche Entfernungen für geistige Wesen keine so große Rolle, aber ein wenig Sentimentalität war bei ihrer Wahl wohl auch im Spiel. Leider stellte sich später heraus, daß ihnen auch allerlei Abschaum gefolgt war.“
Sie hatten sich bei ihrem Spaziergang allmählich jenem Teil des Mondes genähert, der im Dunkeln lag. Leonardo holte einen Spiegel aus seiner Kleidung und leuchtete damit in den dunklen Bereich hinüber. Der Lichtschein fiel auf große, behaarte Spinnen und stachelige Würmer, die aufgescheucht ins Dunkel flüchteten.
„Das sind die Ausgeburten des Hasses,“ sagte Leonardo. „Sie fürchten das Licht. Bei Neumond bevölkern sie die ganze der Erde zugewandte Mondseite. Unsere Wohnungen befinden sich im Innern des Mondes und wir betreten diese Seite dann nicht. Uns können diese widerlichen Kreaturen zwar nichts anhaben, aber es widerstrebt uns, mit ihnen in Berührung zu kommen. Du allerdings mußt dich vor ihnen vorsehen, auf dich würden sie sich mit Vergnügen stürzen, um dir die Lebenskräfte auszusaugen und deine Seele zu vergiften. Aber hier bei uns, im Licht, kann dir nichts geschehen.“
Sie lenkten ihre Schritte wieder zurück zu den von der Sonne beschienenen Mondtälern und Gebirgszügen. Darüber stand groß die dunkle, schlafende Erde. Aus ihr ragte der Kirchturm hervor, an dem immer noch die Leiter lehnte, die ihn mit dem Mond verband. Es war, als hätte der Trabant seine Reise vorübergehend unterbrochen und für einen kurzen Besuch an seinem Mutterplaneten angedockt.
„Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß wir hier müßig auf das Weltenende warten,“ erklärte Leonardo. „Wir alle führen die Arbeit fort, die wir während unserer Inkarnationen begonnen haben. Aber wir tun es mit verfeinerten, geistigen Mitteln. Unser stilles Wirken ist für die Menschheit von enormer Bedeutung. Wir sind auch durchaus in der Lage, uns noch einmal, aus eigenem Willen, in eine Inkarnation zu begeben. Das hat dann sehr diffizile Gründe, die eigentlich nur der verstehen kann, der diese Entscheidung für sich trifft. Ein guter Freund von mir trat vor noch nicht allzu langer Zeit in eine neue Inkarnation ein, weil er Sehnsucht bekommen hatte nach dem Geschmack eines besonderen Gebäcks, wenn es sich im Mund mit Tee vermischt.“
Leonardo blickte nachdenklich zur Erde hinüber.
„Auf keinen Fall sollte der Wunsch, in das irdische Geschehen verändernd einzugreifen, uns zu einer neuen Inkarnation veranlassen. Die Dinge müssen sich ungehindert entfalten können. Ich selber bin in meiner Arbeit so weit fortgeschritten, daß ich mühelos in der Zeit reisen kann, von der Erschaffung der Welt bis zu ihrem Untergang. Dieser interessierte mich besonders, da ich von ihm gegen Ende meiner letzten Inkarnation visionäre Vorstellungen hatte, denen ich auch künstlerischen Ausdruck verlieh. Es überraschte und erschütterte mich, als ich diese Visionen auf meinen Zeitreisen im Wesentlichen bestätigt fand.“
Sie waren jetzt am Fuß der Leiter angekommen.
„Leb wohl, mein Freund,“ sagte Leonardo. „Du mußt jetzt wieder hinüber. Wir werden noch viele gute Gespräche führen. Doch alles zu seiner Zeit.“

Auf dem Weg zum Bahnhof traf Montanus zum ersten Mal seit mehreren Monaten wieder einen seiner Freunde. Montanus war offensichtlich für eine weite und abenteuerliche Reise gerüstet. Hoch ragte die Kraxe auf seinem Rücken mit Schlafsack, Kochtopf und Feldflasche. Er trug eine wollene Mütze auf dem Kopf, aus der seine langen, zottigen Haare ungebändigt hervorquollen. Ein gefütterter Nylonanorak, lederne Kniehosen, Wollstrümpfe und derbe Bergschuhe vervollständigten seine Ausstattung.
„Geht es wieder in die Alpen?“ fragte der Freund.
„Nein, in den Himalaya,“ antwortete Montanus. „Dort gibt es einen Berg, der von Eremiten bewohnt ist. Sie leben in Höhlen oder Hütten, in angemessener Entfernung von einander. Die Bauern in den Tälern verehren sie als Heilige und bringen ihnen Milch und Früchte. Sie legen ihre Gaben vor den Behausungen nieder und ziehen sich wieder zurück, denn die Eremiten dürfen nicht gestört werden.“
Der Freund hörte ihm interessiert zu.
„Und wie lange willst du dort bleiben?“ fragte er dann.
„Ich weiß noch nicht,“ erwiderte Montanus versonnen. „Vielleicht ist eine Höhle frei und ich kann ganz dort bleiben. Manchmal soll es auch vorkommen, daß ein alter Eremit einen jüngeren als Gehilfen und Schüler zu sich nimmt. Wenn der Eremit stirbt, wird der Schüler sein Nachfolger. Irgend so etwas schwebt mir vor. Vielleicht komme ich aber auch in vier Wochen wieder zurück.“
Sie verabschiedeten sich. Der Freund wünschte Montanus Glück und klopfte ihm herzlich auf die Schulter. Dann blickte er ihm nach und beobachtete, wie er in die Bahnhofshalle trat und in die Menschenmenge eintauchte. Das letzte, was er von Montanus sah, war die hoch aufragende Kraxe, die sich zielstrebig und leicht schwankend aus seinem Blickfeld entfernte.
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
hallo,

es ist mir völlig unverständlich, daß diese perle kommentarlos geblieben ist. die geschichte gefällt mir sehr und kommt in meine sammlung. ganz lieb grüßt
 

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