Morgen ist ein anderer Tag

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Anonym

Gast
Mein alter Herr hat mich aufs College geschickt. Ich wollte nicht. Er bestand drauf. Seinen Argumenten widersprach man nicht. Das Beste war vielleicht noch, dass aus mir was werden sollte. In unserer Familie ist aus keinem was geworden. Er ließ es sich was kosten, schickte alles Geld, das er entbehren konnte. Ich wusste das zu schätzen. Aber er hatte einfach keine Ahnung. Die am College riechen, wenn du von unten kommst. Ich fuhr Taxi in Miami.
Es gab ein paar Jobs nebenbei. Ich kam über die Runden, als er nichts mehr schickte. Die Touren nach Key West waren locker. Und gut bezahlt. Ich fuhr immer, wenn Bret fragte. 170 Meilen, keine vier Stunden Fahrt. Bekam ein paar Päckchen, gab eins heraus. Ich fragte nicht, die Kubaner fragten nicht, ging uns auch nichts an. Die Touristen wälzten sich über die Duval Street. Die Simonton Street war ruhig. Dort war immer Treffpunkt. Direkt vor dem Verwaltungssitz des Monroe-County, hatte Bret ausgesucht. Das war seine Art von Humor. Meiner war es nicht, aber es gab nie Probleme. Keine fünf Minuten und erledigt. Brauchtest du keinen College-Abschluss für.

Bret rief an. „Fährst Du am Wochenende?“
Ich war froh über seinen Anruf.
Er besorgte das Auto, einen alten Pinto, ich verzog das Gesicht.
„Der Cadillac war nicht verfügbar“, sagte er und gab mir den Schlüssel. „In die Kiste bricht wenigstens niemand ein.“
Auf den Upper Keys tankte ich, vermutlich auf Key Largo oder Islamorada, kam immer durcheinander mit den Inseln. Es war schon dunkel jedenfalls. Sie stand da vor der Tankstelle.
„Was machst du hier?“, fragte ich.
„Warte auf meinen Freund.“
Sie log. Ich wusste es und sie wusste, dass ich es wusste. Sie hatte einen mexikanischen Akzent. Auf dem College hätte sie keine guten Karten gehabt.
„Ich kenne einen Laden“, sagte sie. „Da ist die Musik gut. Mariachi, hast du Lust?“
„Mein Date ist erst morgen früh in Key West“, sagte ich.
„Morgen ist ein anderer Tag! Mein Freund fährt Cadillac. Ich fahre selten im Ford.“
Sie stieg ein.
Wir hatten ein paar Drinks, küssten und tanzten. An dem Abend war ich halber Mexikaner. Sie sah mir in die Augen, ich hielt sie fest in meinen Armen, sie hatte nichts dagegen. Ich brauchte keinen College-Abschluss.

„Muss bald los“, sagte ich. „Ins letzte Paradies auf Erden, so heißt es doch?“
„Key West hat keine Strände“, erwiderte sie und blieb sitzen.
„Die haben keine Strände? Bin immer nur auf Durchreise. Was treiben all die Touristen da?“
„Du brauchst ein Boot.“
„Man braucht immer etwas, dass nur die anderen haben, oder?“
„Du weißt nicht, wovon du redest“, sagte sie.
Wir hielten an einem 7-Eleven. Da war niemand. Auch kein Verkäufer, die Kasse war offen, ich schwöre. Wenn das Glück mal vor einem steht, muss man zugreifen. Wir nahmen die Scheine, zwei Dosen Bier auch. Liefen zum Auto und fuhren los.
Die Nacht war lau, im Radio lief Against the wind. War nicht ganz ihr Geschmack, wir sangen trotzdem mit.
„Willst du?“, fragte sie.
Wir hielten an.
„Ich mach das nicht mit jeder“, sagte ich.
„Ich weiß“, sagte sie.
Irgendwann fuhren wir weiter.

Als hinter uns die blauen und roten Lichter auftauchten, gab ich Gas. Ein Ford Pinto ist nicht besonders schnell. Ich bekam Panik, gab ihr die Knarre. Im Rückspiegel sah ich, wie sie näherkamen. An einer Kreuzung war Schluss, ich bekam die Kurve nicht. Viel weiß ich nicht mehr, sie muss rausgekommen sein.
Ein Officer beugte sich über mich.
„Sanitäter sind gleich da“, sagte er.
„Die Frau?“, fragte ich.
„Die Kubanerin?“
„Mexikanerin.“
„Liegt dahinten. Die braucht keine Sanitäter mehr. Sie hätte die Waffe runternehmen sollen.“
Ich versuchte, aus dem Auto zu kommen. Es ging nicht, meine Beine waren taub.
„Bleib ruhig, Junge! War sie deine Freundin?“
„Nein! Sie hatte die Pistole.“
„Immer dieselbe Scheiße!“
 
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