Morgen ist wieder ein Tag

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MORGEN IST WIEDER EIN TAG

Wir träumten voneinander, und sind davon erwacht
Wir leben, um uns zu lieben, und sinken zurück in die Nacht

Friedrich Hebbel


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Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute geschehen schlimme, böse Dinge, zufällig oder geplant, überall, irgendwo, und wir nennen sie, oft ohne nachzudenken, Schicksal, Bestimmung, Karma, Pech – oder einfach Gottes Wille.
Ich wünschte, mir stünde der Glaube an eine höhere Macht zur Verfügung, der ich meinen Schmerz überantworten oder wenigstens anvertrauen könnte, aber dafür ist es wohl zu spät. Was mir in sechsundsiebzig Lebensjahren nicht gelungen ist, wird in den mir verbleibenden keine Bedeutung mehr erlangen, und ob ich dies beklage oder mit einem Achselzucken abtue, wird meinen Schmerz nicht lindern. Ich wünschte auch, ich besäße die schützende Einfalt etwa eines Don Quijote oder Forrest Gump, und dann ist wieder ein neuer Tag und ich wünschte, ich besäße die verschmitzte Beharrlichkeit eines Eulenspiegel oder Schwejk. Aber selbst, wenn ich all dies hätte, und dazu die Kräfte eines Superman, würde dies meinen Schmerz nicht lindern.

Ich bin nicht sicher, ob ich diese Geschichte richtig angehe, indem ich erzähle, was tatsächlich war und was ist, oder lediglich meine Gefühle schildere, ohne Ansehen der Realität. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich mir vor wie einer, der sein Gegenüber nachsichtig verspottet, weil jener der Zahl siebzehn als Glücks- oder Unglückszahl Bedeutung beimisst, während ich ihm klarzumachen suche, dass siebzehn eine gewöhnlich Zahl wie viele andere ist und er sich lieber Gedanken über die Dreizehn machen soll, die, wie doch jeder wissen sollte, für Pech und Unglück steht; die Siebzehn jedoch – also nein!
Ich kann die Realität beschreiben, ohne dabei meine Gefühle in den Vordergrund zu rücken, oder ich kann meine Gefühle vermitteln und die Realität auf ihren Platz verweisen – aber wahrscheinlich nicht beides zusammen.

2
Mein Name ist Adam, und dieser so sonderbare wie erheiternde Zufall der Namensgebung mag mich im Alter von sechzig Jahren zusätzlich davon überzeugt haben, es ein letztes Mal mit dem Glück aufzunehmen. (Ich bin nicht religiös, nehme jedoch Zeichen ernster, als man es wohl sollte.) Also habe ich vor sechzehn Jahren noch einmal geheiratet – Eva, die ein Jahr jünger ist als ich, an einen Gott glaubt und nun seit einem halben Jahr an einer inoperablen Form von Lungenkrebs stirbt.

Nachdem Eva sich zunehmend müde und unwohl gefühlt und über häufige Brustschmerzen geklagt hatte, bestätigte eine annähernd zwei Wochen dauernde Untersuchung in einer Klinik sowohl unsere vagen Befürchtungen wie auch die frühzeitigen, allerdings noch vorsichtigen Diagnosen von Haus- und Facharzt: Es handelte sich um ein sogenanntes Mesotheliom, ein in alle Richtungen wachsender Tumor, der zumeist durch das Einatmen von Asbest, Glasfaserstaub oder Zigarettenrauch begünstigt bzw. verursacht wird. Dieser spezielle Tumor kann eine jahrzehntelange Latenzzeit aufweisen und ist (deshalb) oft nicht auf Anhieb zu erkennen. Er gilt als eher selten und befällt in einem Verhältnis von vier zu eins bevorzugt Männer. Jawohl, man liest richtig: Männer! Grausame, statistische Ironie! Nun lautet der Urteilsspruch auf drei bis acht Monate verbleibende Lebenszeit, und die Linderung der von Tag zu Tag stärker werdenden Schmerzen durch Morphium haltige Medikamente ist seit ungefähr einem Monat Teil von Evas schleichendem Tod.

Wie oft habe ich diese Sachverhalte in den ersten Wochen nach Evas Verurteilung zu hören bekommen, in schlaflosen Nächten und alkoholisierten Musestunden hin und her gewendet, immer auf der Suche nach einem Zipfel des Begreifens! Ich habe einen armdicken Ordner mit medizinischen Artikeln, den Krankheitsbildern und deren Ursachen und Prognosen gefüllt; ich bin ständiger Gast auf unzähligen Homepages, lese Fachliteratur und versuchte sogar (ein einziges Mal) meinen Schmerz in einer Selbsthilfegruppe zu artikulieren, in der Hoffnung auf…ja, worauf? Mich vorbereiten zu können auf das, was in ein paar Wochen oder schon morgen geschehen wird?

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Zeitgleich mit dem Beginn der regelmäßigen Einnahme des Morphiums hatte Eva entschieden, sich keiner Chemotherapie oder Operation zu unterziehen (die beide bestenfalls aufschiebende Wirkung gehabt hätten, im Falle einer Operation nicht einmal mehr eine solche, da der Tumor schon beide Lungenflügel befallen hatte und sogar das Gelingen der Operation fraglich gewesen wäre).
Und so teilte mir Eva eines Morgens nach dem Aufwachen mit, dass sie zu Hause sterben wolle, in unserem Bett. Ich wünschte, ich könnte berichten, dass ich ihr eine Hilfe bei dieser Entscheidung gewesen bin. Beim Abwägen des Für und Wider blieb ich jedoch meistens stumm, den Kopf gesenkt oder zur Seite gewandt, um ihr wenigstens den Anblick meiner wässrigen Augen zu ersparen, wohl wissend, dass dies vergeblich war, kannte sie meine Körpersprache doch zu gut, um meine hilflose Trauer zu übersehen. Ja, wir kannten uns beide zu gut, als dass sie meine Sprachlosigkeit nicht ebenso verstanden hätte wie ich ihre tapfere Entschlossenheit.
Jene Entschlossenheit, der früher niemals auch nur das kleinste Anzeichen von Wehmut oder gar Trauer anzumerken gewesen wäre, war schon immer eine ihrer Stärken. Wie oft war sie es gewesen, die mit ihrem wachen, praktischen Verstand und ihrem zuversichtlichen Gemüt Alternativen schneller und entschlossener abwägte, als es mir jemals möglich gewesen wäre, um Beschlüsse und Pläne für uns beide zu fassen, die sich stets als richtig und gelungen herausstellen sollten! Und wie oft habe ich mich freudig, im Großen wie im Kleinen, auf ihr Urteilsvermögen verlassen, wenn ich vor einer vermeintlich zukunftsweisenden Entscheidung zurückschreckte! Ich wusste beinahe von Anbeginn an, dass ich mit ihr das sprichwörtliche große Los gezogen hatte, nicht etwa, weil ich von Natur aus passiv bin und der Führung bedarf, sondern weil meine zurückhaltende, beobachtende, zweifelnde Natur es mir erschwert, Probleme mutig und mit Zuversicht anzugehen. Der offene, persönliche Umgang mit Menschen fällt mir nicht leicht; in Gesellschaft bin ich gehemmt und misstrauisch, und die menschliche Seele verunsichert und verwirrt mich, nicht zuletzt meine eigene.

Dass ich inzwischen so unbekümmert darüber reden kann, ist alleine Evas Verdienst. Als sie unser gemeinsames Leben in die Hand genommen hat, wuchs rasch das Gefühl in mir, endlich der Mann sein zu können, der ich immer sein wollte. Auch deshalb muss ich von unserem gemeinsamen Leben erzählen, um es mir festhalten zu können, denn morgen ist wieder ein Tag, der versuchen wird, es mir wegzunehmen.

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Einer der vielen erstaunlichen Bestandteile unserer Geschichte ist, dass ich, als wir uns kennen- und lieben lernten, nie das Gefühl hatte, wir wären zu alt für einen neuen Lebensentwurf, für die vielfältigen, optimistischen Pläne von Liebenden, obwohl ich mich noch einige Wochen zuvor zunehmend alt gefühlt hatte. Zu viele meiner Träume und Hoffnungen waren schon zerplatzt, ohne dass ich im Stande gewesen wäre, mir einzugestehen, warum. Jenes Platzen war jedes Mal ein Schock für mich, der mich in der Folge regelrecht lähmte, und dabei waren die abrupt geplatzten Träume nicht einmal die Schlimmsten, sondern jene, die einfach von der Zeit geschluckt wurden, langsam und unmerklich, deren Verlust fortan in schlaflosen Nächten durch meinen Kopf geisterte gleich Gespenstern, von denen ich mir einzureden versuchte, dass sie nicht real und am nächsten Morgen wieder verschwunden sind. Aber sie kamen immer wieder, und alle flüsterten höhnisch dasselbe: Das war’s für dich, du wirst alt, du hast deine Chance gehabt, du hättest eben beizeiten richtig hinschauen sollen oder dich wenigstens nicht blind stellen.

All dies wurde mit Eva anders. Wir verstanden uns auf Anhieb, und sie hatte diesen verschmitzten Blick, der mir signalisierte: Ich weiß genau, was in dir vorgeht, weil ich weiß, wer du bist. Nie mehr musste ich mich verstellen oder etwas vor ihr zurückhalten, aus Angst, sie brächte kein Verständnis für das zeitweilige Durcheinander in meinem Kopf auf. Im Gegenteil, sie ermunterte mich dazu, alles auszusprechen, was mich bewegte, und nie verlor sie die Geduld bei den oft wirren Beschreibungen meiner Träume und Sehnsüchte. Wir hatten so viele gemeinsame Interessen, dass uns die Tage oftmals zu kurz erschienen und wir uns gegenseitig lächelnd versicherten, dass unsere Lebenszeit bestimmt ausreichen würde, so viel wie möglich gemeinsam auszukosten.
Manche Leute werden sagen, dass sich Teile all dessen wie ein Märchen anhören, das der wehmütigen Fantasie eines verhinderten Künstlers entsprungen ist, und wenn ich zurückdenke, so kommen mir ab und an Zweifel, ob unser Gedächtnis letztendlich nicht dazu ausersehen ist, Pech, Missgeschicke und Unzulänglichkeiten um der Episoden des Glücks willens kurz- wie langfristig auszusparen. Und dennoch – wäre dies wirklich ein Märchen, so würde es doch sicherlich ein gutes Ende nehmen müssen?

Ach, wie gerne würde ich mehr von Evas Augen, ihrem Lächeln, ihrem Wesen, ihrem Körper und ihrer Zärtlichkeit erzählen, aber es gelingt mir nicht. Immerzu verwerfe, zensiere ich Erinnerungen, korrigiere Adjektive und lösche Sätze, noch bevor ich sie beendet habe. Ich habe es mit Alkohol versucht, bis die Buchstaben auf der Tastatur vor mir zu tanzen anfingen und ich verzweifelt, erfüllt von Angst und Entsetzen, zu ihrem Krankenbett rannte und stolperte, um sie in den Arm zu nehmen. Wieviel kann, soll, muss ich darüber schreiben?
Die Zärtlichkeit gehört dem Herzen, nicht einem Stück Papier.

5
Evas Pflege fällt mir von Tag zu Tag schwerer.
Sie wird zunehmend schwächer, schrumpft, zerfällt vor meinen Augen, und es gibt Stunden und vereinzelt ganze Tage, an denen sie sich nicht in der Lage fühlt, aufzustehen. An diesen Tagen trägt sie Windeln, da ihre Verdauung sich oftmals selbst leichten Getränken, Suppen und Speisen verweigert. Eine Bettpfanne – deren Benutzung für sie überdies mit Schmerzen verbunden gewesen wäre – hat sie entrüstet abgelehnt und im selben Augenblick mit einem fröhlichen, verschmitzten Gesichtsausdruck ergänzt, dass sie zwar eine kranke, aber keine alte Frau sei.
Immer häufiger bekommt sie Atemprobleme, und ihr Ringen um Luft klingt, als würde sie einen schweren Rollladen bewegen. Inhalator wie Atemmaske bringen nur für eine kurze Weile Linderung, zumal sie sich nach wie vor das Rauchen nicht verkneifen will und ich nicht genug Entschlossenheit und Autorität aufbringe, es ihr zu verbieten. Finde ich doch einmal Ansätze dafür, lacht sie mich liebevoll aus und erklärt mir mit fröhlichem Augenaufschlag, dass sie keinen Lungenkrebs riskiere, sondern daran sterbe.

Ihre Schmerzen im Brustbereich verschwinden inzwischen ebenso nicht mehr, und die Dosis der Medikamente wurde ständig erhöht, bis sie letzte Woche ihren Höhepunkt erreicht hatte und der verschreibende Arzt für eine noch höhere Dosis keine Verantwortung mehr übernehmen wollte. Er war der Ansicht, dass ihr komplettes Immunsystem über Nacht zusammenbrechen und ihr Herz aussetzen könnte. Eva und ich machten unsere Scherze darüber, wie ich ihr erzählte, was ich dem Arzt entgegnet hatte, nämlich, ob er etwa Angst habe, Eva könne sterben.

In Wahrheit bin ich derjenige, der manchmal vor Angst wie gelähmt ist. Jawohl, ich habe eine Scheißangst, und ich frage mich beinahe stündlich, wie lange ich ihre Schmerzen noch mit ansehen und ihr Sterben ertragen kann, und ob ihr meine Zuneigung dabei hilft, oder wenigstens ihr heiterer Glaube an einen Gott, der über alles wacht und die Dinge geschehen lässt, die nun mal geschehen sollen. Ich hab mich in den letzten Wochen praktisch im Schlafzimmer eingerichtet und verbringe die meiste Zeit an unserem gemeinsamen Bett. Ich lese ihr vor, oder wir schauen uns Filme an; manchmal singe ich auch für sie, wenn sie danach verlangt, obwohl es mir nicht danach ist und ich nur wenig fröhliche Lieder kenne und ich ihr die traurigen Melodien ersparen will. Aber sie sagt, ihr gefallen die traurigen Lieder sowieso am besten, weil sie ihrem Gefühl nach mehr Wahrheiten und Antworten enthielten, und ich vermute, dass sie damit Recht hat.

Ich weiß aber auch, dass es gar nicht so sehr die praktische Seite der täglichen Pflege ist, die mich bedrückt, die mühsamen, mir oft peinlichen Versuche, sie aufzuheitern, welche gar nicht nötig wären, denn sie ist auch jetzt noch einer der fröhlichsten Menschen, die ich mir vorstellen kann. Nein, es ist nicht die Pflege, mit all ihren vergeblichen Pflichten und Anforderungen, als wäre ich ein arthritischer, kurzsichtiger Maler, der einen Auftrag für ein Aquarell im Stile etwa eines Cézanne hat, von dessen Verkauf er leben muss; als zwinge man mich dazu, einen Gott um Hilfe zu bitten, den ich nicht begreife und an den ich nicht glauben mag.

Nein, dies alles ist es nicht.
Sie war die Linse, durch die ich mir angewöhnt hatte, mein Leben zu betrachten, und nun stand ich kurz davor, zu erblinden.

6
Heute ist wieder ein Tag, an dem ich mir verzweifelte Mühe gebe, froh darüber zu sein, dass Eva noch bei mir ist.
Es kostet mich immer größere Anstrengungen, auch nur gelegentliche, vorübergehende Heiterkeit zu verbreiten, und wenn es mir gelingt, durchschaut sie mich natürlich. Andererseits ist Eva ein heiterer Mensch, und es tut ihr gut, wenn sie mich heiter erlebt, gespielt oder nicht. Natürlich ist mir klar, dass sie sich, entsprechend ihrem Charakter, mehr Sorgen darüber macht, was aus mir wird, als dass sie die ihr noch verbleibenden Tage hochrechnet. Sie hat nun beinahe vier Monate länger überlebt, als ihr die Ärzte in Aussicht gestellt hatten. Gestern Nacht war sie jedoch zum ersten Mal kaum ansprechbar, obwohl sie nicht schlief. Es ging ihr so schlecht, dass ich mich nicht eine Sekunde getraute, das Zimmer zu verlassen, aus Angst, ich könne zurückkehren und nur noch ihren toten Körper vorfinden. Ich benützte tatsächlich einen Eimer zum Pinkeln, nur um sie nicht verlassen zu müssen; alles andere habe ich mir verkniffen, bis es ihr heute Morgen wieder ein wenig besser ging und wir uns sogar mehr oder weniger normal unterhalten konnten.

Sie fragte mich, wie es mit meinem Text voranginge, und dass ich ihn so rasch wie möglich abschließen soll, weil sie ihn unbedingt noch lesen wolle. Also werde ich ihr diese Geschichte im Laufe der nächsten Tage vorlesen, obwohl sie momentan noch keinen Schluss hat, was lediglich bedeutet, dass dieser Text noch keinen Schluss hat. In der Realität geht diese Geschichte ihrem Ende entgegen und wird einen Schluss haben, aber den werde ich nicht schreiben, obwohl ich es ursprünglich vorhatte. Ich will nicht einmal daran denken. Vielleicht werden mir die geschriebenen und noch zu schreibenden Worte wohl tun, vielleicht werden sie sogar notwendig sein, um die mir verbleibende Zeit nicht auf dem Friedhof verbringen zu müssen. Ich befürchte nämlich, dass mich die Trauer und die Verzweiflung über Evas Verlust und die Sehnsucht nach ihr genau hierzu drängen könnten. Vielleicht werde ich dennoch genau dies tun und darauf warten, dass Eva aus dem Grab mit mir spricht, und wenn sie es dann tut, werde ich nicht mehr bemerken, dass ich auf dem besten Weg bin, den Verstand zu verlieren (wenn mir dies nicht schon morgen oder übermorgen geschieht). Vielleicht gibt es nach Evas Tod nichts mehr zu sagen und ich werde deshalb ganz auf das Sprechen verzichten, und dazu auch Papier, Tastatur und Grabstätte meiden.

Ich habe nur noch Eva, und ich vermag mir eine Zeit ohne sie nicht vorzustellen, schon gar keine Einzelheiten des täglichen Lebens, und was immer noch zu sagen bleibt, scheint über das Grab hinaus keinen Sinn, keine Erkenntnis, keine Milderung und keinen Trost mehr zu ergeben. Jawohl, ich wäre gerne weise oder hart oder wenigstens entschlossen genug, um eine mögliche Erkenntnis einzufangen, zu konservieren, zu deuten und der Zukunft zu übermitteln, aber alles, was diese Buchstaben vor mir zu sagen vermögen, ist, dass es in unserem Sprachschatz kein schöneres Wort als Liebende gibt und kein hässlicheres als Tod.

Es gibt ein Zitat von Arthur Schopenhauer, welches sinngemäß lautet, dass wir Bücher kaufen und deshalb (unbewusst) glauben mögen, uns damit auch die Zeit zu kaufen, um sie lesen zu können.
Morgen ist wieder ein Tag, und vielleicht gelingt es mir mit diesen Zeilen, entgegen aller Vernunft, ein wenig Zeit zu erkaufen, wenn ich auch nicht zu sagen vermag, wofür.


2021
 
G

Gelöschtes Mitglied 23262

Gast
Lieber Gerold, lieber Adam,
das ist eine sehr anrührende Geschichte und ich wünsche mir sehr, dass sie keinen realen Bezug hat. Wenngleich,..... so genau, wie du beschreibst, sie wahr sein muss. Ich finde keine Worte, die trösten könnten. Aber ich fühle Bewunderung, wie wach Adam - bei aller Traurigkeit - durch diese Krise geht. Schicksalsschläge machen uns wacher fürs Leben, lebendiger, echter; auch Adam.
Viele Grüße und hab Dank für deinen Text.
Judith
 

Isbahan

Mitglied
Angerührt und beeindruckt von der Wucht solcher Sätze:

Als sie unser gemeinsames Leben in die Hand genommen hat, wuchs rasch das Gefühl in mir, endlich der Mann sein zu können, der ich immer sein wollte.
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Die Zärtlichkeit gehört dem Herzen, nicht einem Stück Papier.
Auch deshalb muss ich von unserem gemeinsamen Leben erzählen, um es mir festhalten zu können, denn morgen ist wieder ein Tag, der versuchen wird, es mir wegzunehmen.
Sie war die Linse, durch die ich mir angewöhnt hatte, mein Leben zu betrachten, und nun stand ich kurz davor, zu erblinden.
Dafür kann ich an dieser Stelle nur Danke sagen.
 
Vielen Dank für Eure freundlichen, überaus erfreulichen Kritiken!
Ebenso rührt mich die offene Anteilnahme, die meine Geschichte ausgelöst hat, und beinahe komme ich mir deswegen wie ein Hochstapler oder gar Betrüger vor...denn die Geschichte hat so gut wie keinen Bezug zur Realität: Ich habe sie buchstäblich geträumt.
Dennoch fiel es mir nicht leicht, sie zu schreiben, denn ihr wahrer Ursprung liegt in der unsinnigen Angst (und der vermaledeiten Fantasie) begründet, einen geliebten Menschen zu verlieren, wie auch in der schrecklichen Gewissheit, damit nicht fertig zu werden.
Gerold
 
Hallo Gerold,

du schreibst, die Geschichte hätte so gut wie keinen Bezug zur Realität. Zum einen gehe ich bei Kurzgeschichten auch nicht davon aus (Ist dafür nicht die Kategorie "Tagebuch" vorgesehen? Oder Biographien? Oder Erlebnisberichte? Keine Ahnung.), zum anderen merkt man es ihr gar nicht an. Von daher schon mal Lob für den Inhalt und die Ausführung.

Problem, wenn man von Problem sprechen kann, habe ich nur mit der Einordnung in die Kategorie Kurzgeschichte. In der Hilfe heißt es u.a. "Unmittelbarer Beginn" und "Linearer Verlauf".
Meines Erachtens kannst du Teil 1 komplett streichen (also unmittelbar beginnen) und den Text an manchen Stellen kürzen.
Linear verläuft der Text nicht, was mich ein wenig aus dem Lesefluss rauswirft. Beispiel Teil 4, wo vom Kennenlernen berichtet wird.
Aber das sind nur "formelle" Dinge, wenn es um eine Kategorisierung geht.
M.E. passt ggf. "Erzählung" wesentlich besser.

Gut gefallen mir das Eingangszitat und das Schlusszitat, das schafft so etwas wie einen Rahmen.
Nicht gefallen mir die relativ vielen Einschübe / Einklammerungen. Ist deren Inhalt lang, leidet der Lesefluss drunter.

Der Text ist gut geschrieben, sauber ausformuliert, es bleiben keine Fragen offen (an manchen Stellen allerdings zu ausschweifend).
Das Ende ist schön, kommt doch Hoffnung auf.

Schönen Abend und
LG, Franklyn
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Der Einstieg in die Geschichte könnte unmittelbarer sein und die Abschnittszahlen könnten entfernt werden.

Alles andere passt.

Niemals sollte ein Autor "verraten", ob die Geschichte wahr ist oder nicht. :)

Das bleibt dem Leser überlassen.

Zumal kein Autor genau zu benennen weiß, was von ihm, seinen Erfahrungen, Wünschen, Träumen, Beeinflussungen in einen Text einfließen.

Mir gefällt die große Empathie des Autors, die diese Geschichte so überzeugend macht.

Mit Gruß

DS
 


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