Mr. Greenfield

bountyelya

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Glauben Sie mir, ich war nicht immer der, der ich jetzt bin: ein Nichts, ein Niemand, eine hohle Figur.
In den Sechzigern gingen die Studenten auf die Straße, um Barrikaden gegen das Establishment zu errichten. Sie nahmen Drogen und in Kommunen führten sie ein zügelloses Leben. Währenddessen saß ich in der Uni, um für mein späteres Weiterkommen, innerhalb dieser Gesellschaft zu büffeln. Seit ich denken kann, strebte ich immer die juristische Laufbahn an. Dabei war es nicht so, dass, wie bei so vielen Mitstudenten, meine Eltern dies für mich wollten. Nein, im Gegenteil: Meine Mutter, eine bekannte Pianistin, wollte für mich eine ähnliche Karriere, wie die ihre. Früh, genauer gesagt, als ich mich noch im Mutterleib befand, legte sie äußersten Wert auf die musikalische Früherziehung ihres einzigen Kindes. Sie meldete mich bereits während der Schwangerschaft bei ihrer ehemaligen, strengen Klavierlehrerin an. „Du warst der Letzte, den sie nur mir zuliebe damals nahm, danach ging sie in Rente“, pflegte sie immer zu sagen.
Dabei beschlich mich bei solchen Worten stets das Gefühl, dass sie meinen beruflichen Werdegang bereits komplett durchgeplant hatte.
Mein Vater hingegen, ein Allgemeinmediziner, meinte, dass die Musik eine brotlose Kunst sei: „Am besten wirst du, wie ich Arzt, da hast du ausgesorgt, kranke Leute gibt es immer!“, sagte er. Bei der Sache mit der Medizin, gab es allerdings einen Haken: Ich konnte kein Blut sehen, beim Anblick von nur einem Blutstropfen, fiel ich fast in Ohnmacht, ich litt an einer Art Blutphobie.
„Rede keinen Blödsinn“, meinte mein Vater, „Blutphobie, wo gibt es denn so etwas? Dein Körper besteht aus nichts anderem, das ist dein Lebenssaft und alles bloß Einbildung!“
Trotzdem ließ ich mich nicht von meinem Ziel abbringen, und so stieg ich bereits mit neunundzwanzig Jahren, mit dem Erbe meiner Großeltern, als Mitinhaber in eine Sozietät ein.
Nach einigem Fremdeln, diesem, ihnen fremden Berufsfeld gegenüber, zeigten sich meine Eltern doch von ihrer stolzen Seite. Sie erzählten jedem, der es hören wollte und auch allen, die es nicht interessierte, dass ihr Sohn ein bekannter Anwalt einer renommierten Kanzlei sei.
Interessanterweise durfte ich ziemlich schnell meine Fähigkeiten unter Beweis stellen, meine Mutter ließ sich nämlich von meinem Vater scheiden. Durch eine, auf Familienrecht spezialisierte Kollegin, die zugunsten meiner Mutter, einen guten Deal hinbekam, sah es für meinen Vater nicht gut aus. Nicht zuletzt aufgrund meiner Kenntnisse über diverse, im Ausland befindliche finanzielle Reserven meines Vaters, gelang es, für meine Mutter einen ansehnlichen Betrag herauszuholen.
Wodurch das Verhältnis zwischen mir und meinem Vater naturgemäß ziemlich litt. So warf er mir, bei unserem letzten Gespräch vor: „Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du nicht auch dahintersteckst. Willst mir weismachen, dass nur deine Kollegin im Scheidungsverfahren involviert gewesen ist. Hältst du mich etwa für so blöd?“
Mein Vater hatte bereits seit Jahren eine Affäre, die zu einer ernsthaften Bindung führte. Die Sache mit dem, für ihn, schlecht ausgelaufenem Scheidungsverfahren nahm er mir natürlich übel. Zur Strafe wurde ich auch nicht auf seine Hochzeit eingeladen, die im darauffolgenden Jahr mit seiner mittlerweile hochschwangeren Mitarbeiterin stattfand.
Ohne Rücksicht auf Verluste zog ich meine Karriere durch, das Strafrecht reichte mir nicht. Nach dem Umzug der Kanzlei, in ein größeres Gebäude, kam noch eine Steuerkanzlei hinzu. Nebenbei machte ich zusätzlich meine Fachrichtung für Steuer- und Kapitalmarktrecht.
Dadurch standen mir plötzlich Tür und Tor offen. Zahlreiche Lobbyisten und Politiker, von denen übrigens die meisten, Berliner Abgeordnete waren, gingen bei uns ein und aus.
Diese Kanzlei mutierte zu einer wahren Gelddruckmaschine durch Steuererleichterungen zugunsten Superreicher und als Geldwaschanlage. Ebenfalls bot ich Beratungen an, wie man noch mehr aus dem Staat herauspresste, als man jemals investiert hatte. Sogenannte Cum-Cum Exgeschäfte, gehörten zu meiner Spezialität. Auch mit den teilweise, ziemlich komplizierten Verträgen für Waffengeschäfte, unter der Umgehung diverser Waffenstopps, lief die Sache wie geschmiert.
Eines Tages, der zeitaufwendige Millionen-Deal eines Waffengeschäftes lag endlich in trockenen Tüchern, fuhren wir in einer Champagnerlaune mit einigen Klienten aus der Waffenlobby, in ein Spielkasino. Unsere dicken Karossen gaben wir vorne, bei einem speziell dafür beschäftigen Kasinomitarbeiter ab.
Dies war der Tag, an dem für mich alles anders wurde:
Plötzlich hatte ich, neben der Fliegerei mit dem eigenen Jet, dem Sportwagenfahren und teuren, willigen Frauen, ein neues Hobby: Völlig fasziniert von dem Flug der goldenen Kugel auf dem Roulettetisch, verfiel ich diesem Zeitvertreib. An diesem einen Abend verlor ich über 20.000 Euro, was ich angesichts meiner steuerfrei, prallgefüllten, im Ausland geparkten, dicken Bankkonten, ignorierte.
Die übrigen Mitspieler wurden an verschiedenen Tischen noch mehr Geld los. Einer lief, wie ein aufgezogener Spielzeughund, immer hin und her, von Tisch zu Tisch. Nun, er konnte es sich leisten, so war er doch, dank unserer Sparmodelle, zu einem der reichsten Männer Deutschlands geworden.
Ab da wurde ich in diesem, und den anderen Kasinos als häufiger Gast gern gesehen. Sobald ich irgendwo im Ausland war, googelte ich sofort nach dem nächstgelegenen Spielort. Das Wort süchtig, das ein Kollege mir gegenüber einmal in den Mund nahm, mochte ich gar nicht.
Es wäre immer so weitergegangen, wenn nicht ein Zerwürfnis zwischen mir und den übrigen Mitinhabern, zu meinem Abgang in der Sozietät geführt hätte. Von heute auf morgen musste ich mir etwas anderes überlegen, mietete neue Räumlichkeiten an, und stellte eine junge Anwältin ein. Es klappte so weit ganz gut, doch die Kanzlei warf nicht das ab, was ich erwartete. Außerdem war ich bereits zu sehr an die Flut des Geldes gewöhnt. Der Druck war groß, also ging ich zur Entspannung öfter als vorher, zum Roulette. Bis eines Tages nichts mehr von meiner Masterkarte abgebucht werden konnte. Man nahm eine Taschenpfändung vor, meine Proteste, dass das illegal sei, interessierte die Inhaber wenig. Man knöpfte mir durch ein Paar Rausschmeißer, einige hundert Euro Bargeld ab, sowie die teure Schweizeruhr, die ich trug. Dann warf man mich hinaus. Diesen Abend, an dem ich mich draußen, auf dem Absatz der hellerleuchteten Treppe des Spielertempels wiederfand, den vergesse ich nie. Etliche neue Gäste stiegen aus ihren Limousinen und gingen in ihrer teuren Abendrobe an mir vorbei, dabei starrten sie mich von oben herab an.
Während ich mich sammelte, bemerkte ich hinter der Treppenbrüstung, im Dunkel des Grüngürtels, eine Regung. Zeitungspapier bewegte sich, dahinter kam ein ungepflegter, älterer Mann mit langen, grauen fettigen Haaren und einem Bart zum Vorschein. Er rappelte sich hoch, seufzte, sah mich an und rief mir zu: „Hallo. Hast du mal eine Zigarette?“
Ich schüttelte mit dem Kopf: „Nein, ich rauche nicht.“
„Hast du etwas zum Trinken?“
Abermals verneinte ich und sagte: „Ich habe gar nichts mehr, außer den Sachen, die ich am Leib trage!“
Verständnisvoll nickte er: „Dann geht es dir, so wie mir, vor zwei Jahren. Seitdem wohne ich hier!“
„Ist das dein Ernst?“, fragte ich zurück und er, der nun den vergeblichen Versuch unternahm, seinen völlig verdreckten, zerknitterten, einstmals hellen Trenchcoat glattzustreichen, entgegnete: „Ja. Wenn sie mich nicht von hier verscheuchen. Weißt du, ich, sehe mich als eine Art Klagemauer für das Spiel, das einen Mann in den Ruin treibt. Ich verstehe mich als Mahner. Natürlich werde ich nicht gern gesehen. Bei Kälte und Nässe schlafe ich dort hinten am Brückenpfeiler. Da habe ich mein Nachtlager. Meistenteils bringt mir die Küchenfrau etwas von den Resten der Gäste, manchmal ist Hummer und Kaviar dabei, mehr brauche ich nicht zum Leben. Dafür gebe ich ihr gute Anlagetipps für ihren Sohn. Ich war übrigens früher Investmentbanker, in meinen besseren Zeiten.“
„Da sind wir uns leider zu später begegnet“, sagte ich: „Du hättest mich warnen können.“
„Vor wem?“, fragte er.
„Vor mir selbst!“, gab ich zur Antwort und eilte zu meinem Wagen, mit dem ich diesen Ort, so schnell ich konnte, verlassen wollte. Er rief mir nach: „Ich heiße übrigens Mister Greenfield, wie der Mann aus der Werbung! Wenn du mal ein paar gute Tipps in Sachen Investment brauchst, weißt du, wo du mich finden kannst!“

Mein nachfolgender Abstieg ging zügiger vonstatten, als der Aufstieg und man pfändete mich. Die Anwältin und meine Büroassistentin stellten mich voller Entsetzen zur Rede, da ich ihre Sozialversicherungsbeiträge nie in die Kassen einbezahlt hatte. Auch sonst ließ ich die Sache mit den Steuern in den letzten Jahren ziemlich schleifen. Und so pfändete der Staat mir alles: mein Haus, meine Autos, den Flieger.
Als ich mich, umhüllt mit meinem Mantel, so völlig mittellos, alleine im kalten Zimmer auf der Pritsche eines Obdachlosenheimes wiederfand, kreiste in meinem Kopf nun noch dieser eine Gedanken: Die Kugel musste nochmals rollen.
Aus meiner Manteltasche zog ich entschlossen meinen Revolver, den ich mir einstmals aus Angst vor Einbrechern zugelegt hatte. Ich trank einen ordentlichen Schluck von dem billigen Rotwein, einem Fusel, den ich früher nie im Leben angesehen geschweige denn angerührt hätte.
Auf dem Pritschenbett sitzend, hielt ich die Waffe in der Hand. Nach etlichen Minuten nahm ich entschlossen den Lauf in den Mund und drückte ab. Klick für Klick, spielte ich langsam mein Spiel. Klick, klick, klick, drang es laut in mein Ohr und irgendwann, .... es war die vorletzte Möglichkeit ..., da traf sie mich, die goldene Kugel.

Wenig später wurde ich wach. Seltsamerweise wusste ich sofort, wo ich war oder besser gesagt: in was ich mich befand.
Neben mir stehen noch weitere. Ich bin der Vierte von links. Ich starre auf das schwarz-weiße Feld. Direkt in meinem Rücken befinden sie sich: Die Dame und der König, der gesamte Hofstaat wurde hinter mir positioniert und wartet. Worauf?
Der Bauer besitzt für die Spieler keinen großen Wert, aus diesem Grund gibt es davon auch so viele von uns. Auf den König kommt es an und der jeweilige Schachspieler tut alles dafür, dass er nicht besiegt wird. So ist das. Wegen der begrenzten Zugmöglichkeiten ist der Bauer der schwächste Part. Es heißt nicht umsonst, Bauernopfer.
 

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