mystik flair

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raineru

Mitglied
MYSTIK-FLAIR


Rolf horchte auf. Er hätte schwören können, dass das morgendliche Gezwitscher der Vögel für einen Augenblick verstummt war. Plötzlich war etwas ganz nah bei ihm. Nur für einen Augenblick. Hatte ihn ein kalter Hauch gestreift? Es war, als wäre etwas in einem langen Gewand an ihm vorbei geschritten. Oder war es Einbildung? Jetzt war es, als flüstere ihm jemand aus rauer Kehle, weit weg und doch ganz nah, ins Ohr. Da war auch das ferne Fauchen eines Raubtiers. Sicher hatte er sich geirrt und doch reichte es für eine gehörige Gänsehaut an seinen Unterarmen.
Das Trommelkonzert, in das der Regen die Nacht verwandelte, war verklungen und das Gekläff der Straßenköter wich unheilvoller Stille. Sicher hatte er sich geirrt und Leute, die ihm in seiner Kindheit erzählten, dass es Geister nicht gab, behielten recht.

Dann stand plötzlich das Huhn in der Mitte des Innenhofs. Aus dem Nichts. Auf den ersten Blick war es einfach schwarz und groß, doch Rolf spürte etwas wie Dominanz oder Überheblichkeit. Wie das bei Hühnern halt so ist, dachte er und überlegte, ob er gestern wirklich nichts getrunken hatte und ob er überhaupt wach war.
Die Augen des Tieres klickten kalt und kritisch, Es legte den Kopf zur Seite. Sein Kamm leuchtete wie Blut. Dann flatterte es auf die Mauer und blieb dort mit leisem Gegacker. Mit unheimlichem und gefährlichem Gegacker?
Hier muss ich ja früher oder später den Verstand verlieren.

Aber dieses Fleckchen Erde war nun mal der schönste Platz auf der Welt, den sie sich zum Auswandern ausgesucht hatten. Doch die Träume vom besseren, freieren Leben zeigten jetzt feine Risse, die ein Zerbrechen möglich werden ließen.
Er ging durch die Cafeteria und den Wintergarten hinaus in den blühenden Garten ihres kleinen Hotels. Vera war dort an der Koppel bei den Pferden.

Die Sonne schlich hinter den Gipfeln der Anden empor, und aus dem Tal stieg mit den Nebeln, der Duft der unendlichen Blütenmeere in die dünne Luft. Er sah, wie die unzähligen Glühbirnen über den Blumenplantagen erloschen und sich den Pflanzen als billige Imitation der Sonne zu erkennen gaben. Die Campensinos begannen mit ihrem mühseligen Tagwerk. Rolf drehte sich um und schaute hinauf zur weißen Cordillere. Die Wolken der Regenzeit waren fast verschwunden und die Schneefelder glitzerten im Licht der Sonne. Der Geruch von Eukalyptus zog vom nahen Wäldchen herüber und ihm war, als sei darin ein Hauch von Fluch.

"Steh nicht da und träume, hilf mir lieber", sagte Vera und versuchte vergeblich, das Fohlen mit der Babyflasche zu füttern. Vor zwei Stunden war es zur Welt gekommen und seither verweigerte die Stute, dem kleinen, noch unsicher aber neugierig umherwackelnden Wicht, die Nahrung. Dies war ein weiterer, der negativen Zufälle, die sich in den letzten Tagen häuften, als würden Pfeile treffen, die aus dem Nebel, von böser Hand abgeschossen wurden.
Mit solchen Hindernissen hatten sie nicht gerechnet, als sie die sechs Pferde kauften. Rolf war unten am Indiomarkt im Dorf mit einem Schlachter befreundet, der für ihn die Rinderfilets zur Seite legte, aber das gleiche Geld dafür nahm, wie für die gleiche Menge Knochen. Er konnte so, seinen Hotelgästen zum Spottpreis die tollsten Steaks bieten. Eines Tages bot ihm der Metzger Pferdefleisch an. Unter der Hand. "Sind Tragetiere für Bergsteiger für Gringos, und jetzt kaputt." Er meinte, psychisch gebrochen, mit offenen, eiternden Wunden von den Tragegestellen auf den Rücken.
"In Peru dürfen wir kein Pferdefleisch verkaufen. Nur an gute Freunde, die Spezialitäten mögen." Rolf sprach mit Vera und sie retteten alle sechs vor dem Schlachthof und bekamen für wenig mehr, zwei handgearbeitete Sättel dazu. Nicht zum Reiten, zur Dekoration in der Cafeteria. Die Tiere sollten sich erholen und für die Gäste, als Show-Hintergrund in der Koppel dienen. Gleich neben der Frühstücksterrasse. Mit "Sternchen", der Stute gab es keine Probleme. So war es nicht normal, dass sie ihrem Filius die Milch versagte.
"Wenn es bis heute Abend nicht trinkt, wird es sterben." Rolf kannte sich ein bisschen mit Pferden aus.
"Mist!" Vera wischte sich eine Träne von der Wange.

"Irgendetwas stimmt hier nicht"
"Was meinst du?"
"Es kann doch nicht sein, dass die Pechsträne nicht abreißt. Was fällt Dir alles ein. Ich meine in der letzten Zeit?"
"Das weißt Du doch selber." Vera streichelte den Kopf des kleinen Pferdes.
"Na ja, ich lasse mir gefallen dass sie den Strom abstellen, weil sie die Turbinen im Staudamm reinigen. Aber Bescheid sagen kann man doch vorher. Und der Erdrutsch ist von der Regenzeit bedingt. Das lasse ich mir auch gefallen. Irgendwann werden wir wieder Trinkwasser haben. Aber dass überhaupt keine Gäste mehr kommen? Drei Monate lang?"
"Ich versteh das auch nicht."
"Aber unten im Dorf sind Touristen. Die anderen Hotels haben zu tun. Nur wir haben den Mist gepachtet." Rolf fütterte "Sternchen" mit Mais.
"Das Pferdefutter, das sie Gesten geliefert haben war voll mit schwarzen Käfern. Ich sage dir: Das ist nicht normal… Und eben ist uns ein Huhn zugelaufen. Ein schwarzes natürlich. Kann es sein, dass die lieben Nachbarn uns verhext haben? Sie haben Altäre mit Totenschädel in ihren Häusern. Richtige Schädel von Menschen. Glaub mir, das sind Hexer. Ich habe ein ganz beschissenes Gefühl. Was noch zu unserem Glück fehlt ist ein Erdbeben. Hast du gewusst, dass die mit Parfum arbeiten?"
"Nein und es interessiert mich auch nicht. Das ist Hokus-Pukus, Aberglaube, Blödsinn. Wer glaubt denn an so etwas? Ich glaube eher, dass du spinnst.
Was sollen die gegen uns haben?
Wir haben hier gebaut und ein normales Hotel eröffnet, von dem alle profitieren, wenn Gäste hier sind.
Die Nachbarn sind zwar nicht besonders freundlich aber das waren sie in Deutschland auch nicht.
Mit Kehrwoche oder ohne, zu Maschinen geworden, die Statuten verehren... Die Menschen hier leben noch intensiver."
Das Huhn war auf den Zaun der Koppel geflattert. "Harvey" der Hengst versuchte kurz darauf gegen den Zaun zu schlagen, galoppierte dann zu den anderen, die sich ängstlich in eine Ecke drängten.
"Hast Du das gesehen? Da ist was faul, sage ich Dir."
"Die haben sich nur erschreckt. Spinn nicht rum. Mach lieber Kaffee", sagte Vera.
"Wenn das Vieh einem Nachbarn fehlen würde, währe er schon hier, aus Angst, dass es stürzt, sich das Genick bricht und dass es bei uns heute Abend Hühnersuppe gibt." Die Brise wurde etwas stärker und brachte Salzluft vom Pazifik in das Tal der Hochanden. Rolf liebte es, wenn der Wind in den Eukalyptusbäumen wühlte.
Wenn er die Augen schloss war es ein Geräusch wie Brandung in fast dreitausend Metern über dem Meer. Und über dem Duft der Blumenfelder brachte der Wind das Salzige auf seine Zunge. Der scharfe Gestank von Stutenurin schnitt ihn aus seinen Träumen.

Vera und er bemerkten nicht, wie Manolo durch den Garten zur Koppel gekommen war, ganz leise, um das Fohlen nicht zu erschrecken. Sie bemerkten auch nicht, wie der Indiojunge fast unmerklich zusammengezuckt war, als er das schwarze Huhn bemerkte. Der Fünfzehnjährige war der Sohn von Aualpa, einer blinden Blumenverkäuferin aus einem Seitental unweit einer Lagune. Als Rolf mit Vera zum ersten Mal den Weg zu ihrem Haus gingen, kam zuerst ein Schwall von Rosenduft, der in Schüben vom Hügel zu ihnen wehte, dann sahen sie den Blütengarten und erst dann, versteckt unter Engelstrompeten, die Lehmziegelhütte mit dem Dach, das bis zum Boden reichte. Manolo half, wenn er wollte im Hotel, in der Küche oder im Garten um seine Mutter zu entlasten. Rolf zahlte ihm guten Lohn und war sicher, dass der aufgeweckte Junge sein Vertrauen verdiente.
"Vorsicht, das Huhn ist nicht gut."
Rolf und Vera schauten auf.
"Der Dunkle ist in ihm und lässt es bei der Stute kitzeln, wenn das Pferdchen trinken will."
"Der Dunkle?"
"Dona Vera, das Pferdchen braucht schnell ein rotes Band oder einen Faden, gegen den bösen Blick!"
"Du glaubst doch nicht so´n Quatsch?"
Bittere Züge tanzten um Veras Mund.
"Wenn es bis heute Abend nicht trinkt, ist es tot", sagte Rolf und schaute Vera ernst in die Augen.
Vera ging, um einen roten Bändel zu holen.
"Die Leute im Dorf sind nicht alle gute Menschen. Sie wollen keine Gringos hier", sagte Manolo und band die Hinterbeine der Stute zusammen. Das sollte verhindern, dass sie ihr Fohlen trat, wenn es wieder und wieder mit geschürztem Mäulchen an die Zitzen drängte.
Es nützte nichts. Die Stute hüpfte weg und ließ das Kleine wackelnd stehen.
"Viele Leute sagen: Die Gringos gehen vorbei wie die Regenzeit. Sie meinen die Touristen. Die sind gut wegen der Dollars. Aber Sie Senior und Dona Vera leben hier."
Manolo schaute Rolf flehend an.
"Aber was haben die Leute gegen uns? Wir tun ihnen nichts. Wir bringen, wenn alles klappt, mehr Touristen in die Gegend. Alle haben was davon. Oder ist es, weil wir Deutsche sind?"
"Die wissen nicht mal wo das ist "Deutschland". Das sind Cholos und sie sagen: Die Fremden sind, wenn sie länger hier sind, arrogant und überheblich und wissen alles besser und sie seien kalt im Herzen. Und dann bekommen sie Angst und bitten die Dunklen um Hilfe."
"Ja Scheiße", Rolf schrie, senkte aber gleich wieder seine Stimme. "Was für Dunkle? Was sind die Dunklen?"
"So wie die Priester, nur eben von damals, bevor es die Priester gab."
Das Fohlen hatte sich im Schatten eines Orangenbaumes ins Gras gekuschelt und genoss die streichelnde Hand des Jungen.
"Es gibt mächtige Häuptlinge in der Gegend. Die reden mit den dunklen Priestern, mit den toten Inkas und die sind gegen die Conquistadores, gegen die Gringos, gegen Euch. Sie haben die alten Rituale und sie sind böse. Sie schicken den stinkenden Geist eines Bösen in ein Tier. Es wird in ein Bad geworfen und lässt dann nichts Gutes mehr geschehen. Im Gegenteil."
"Na Servus… und nun? Sollen wir hier alles anzünden und zurück ins Land der Kehrwoche?"
"Kehrwoche?"
"Nur ein Scherz. Vergiss es. Was sind Cholos?"
"Bergziegen." Er lachte und Rolf beneidete ihn um seine Perlenzähne.
"Sie müssen meine Mutter fragen", sagte Manolo. "Sie kann die Toten sehen." Jetzt musste Rolf grinsen "Aha!"
"Ja! Sie kennt den Zauber von der guten Seite. Sie ist eine weiße Hexe. Sie hat den Duft, der alles reinigt."


Rolf erinnerte sich an die haarsträubende Geschichte, die sich die Leute im Dorf über Sra. Isabella Torres Aualpa erzählten. Eines Tages hätte Manolos Vater ein Äffchen aus dem Dschungel mitgebracht, wo er als Holzfäller arbeitete. Sie sagten, dass das Äffchen auf dem Tisch vor ihr saß und ihr plötzlich ohne jeden Grund die Augen auskratzte. Ihr Mann konnte eingreifen, bevor das Äffchen die Halsschlagader zerbiss. In dieser Nacht soll kein einziger Hund in den Strassen gebellt haben. Die Alten hätten einen dunklen Priester in das Tier geschickt, weil Aualpa geweihtes Wasser aus der Kirche holte und es zum duften brachte. Mit verschiedenen Blüten und Harz vom Palo Santo. Von Zimtstaub und Kullandro, das war das Kraut des Korianders, wussten die Leute zu erzählen. Aber das Rezept kannte nur Aualpa. Manolos Vater war kurze Zeit später verschwunden. Man soll ihn in Lima gesehen haben, total verwirrt mit weißem Schaum vor dem Mund, auf der Treppe der Kathedrale sitzend und bettelnd.
Vera war zurück und hatte einen roten Wollfaden um den Hals des kleinen Pferdes gebunden. Sie hatte die letzten Worte des Jungen gehört und Rolf deutete ihren kurzen Blick richtig als Einverständnis.
"Wenn Du sie jetzt holen könntest, wäre es toll. Sie soll alles mitbringen, was sie zum Zaubern braucht."
"Bin gleich zurück."
"Aber den Preis soll sie vorher sagen", rief Vera dem Jungen hinterher Beim hinauslaufen versuchte er dem Huhn einen Tritt zu verpassen. Vergeblich.

Die Sonne gewann gegen Mittag den Kampf gegen die letzten Regenwolken. Auf der Piste vor dem kleinen Globetrotter-Hotel trieben Indiofrauen in ihren typischen weiten Röcken, den breiten Strohhüten und den Sandalen aus alten Autoreifen, ihre Esel durch den Schlamm. Die Tiere waren völlig unter der Last von Maispflanzen verdeckt. Nur die Beinchen unter den, rhythmisch wippenden Blättern, lugten hervor.
Vera und Rolf standen in ihrem Innenhof und warteten. Sie hatten alles in dieses Geschäft investiert und waren hundertprozentig sicher, dass Tourismus in einem Tourismus-Gebiet funktionieren würde. Zwei Mal waren sie schon als Touris mit ihren Rucksäcken hier gewesen um die Chancen für ihre Geschäftsidee zu prüfen. Doch die Realität der Umstände belehrten sie nun eines Besseren.

Die Wärme des Mittags ließ Dampf aus den Pfützen vor dem Eingang aufsteigen und so kam es, dass Sra. Isabella Torres Aualpa ein Schein von feuchtem Lichtstaub umgab. Sie stand mit ihrem Sohn im großen Türbogen des Innenhofes wie eine Heiligenfigur und strahle Frieden und Liebe aus. Zierlich, in mittlerem Alter, mit dem traditionellen, farbenprächtigen Tuch über der Schulter und quer über die Brust, in dem die Frauen fast alles transportieren. In ihrem Gesicht waren, all das Wissen und die Erfahrung einer alten Indianerin. Die Frau war klein und doch richtete sie die leeren Augenhöhlen auf Vera und Rolf herab. Nach der Begrüßung gingen sie hinaus in den Garten. Den Preis überließ sie den beiden. Sie wolle eigentlich gar nichts dafür und freue sich, wenn sie etwas Gutes tun könne. Nur die Zutaten sollten ihr bezahlt werden und das sei nicht viel. Jetzt flüsterte sie etwas, in ihrer Muttersprache Qetschua, in Manolos Ohr.
"Sie sagt, sie kann ihn sehen."
Vera und Rolf schauten sich überrascht an.
"Er steht dort hinten in der Koppel und grinst"
Dort war nur das Huhn. In einer Ecke hatten sich die Pferde, nervös, schnaubend in einer Gruppe an den Zaun gedrückt. Ihre Augen und Ohren zeigten Angst. Der Hengst hatte sein Hinterteil in die Richtung des Huhns gedreht, um gezielt ausschlagen zu können.

"Sie wird ihn aus dem Huhn vertreiben. Er hat keine Macht ohne den Körper. Sra. Aualpa barg aus ihrem Tuch einen Kanister.
"Das ist das Exorzisten-Parfüm?" Rolf konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie war schließlich blind. Sie drehte den Kopf zu ihm und sagte nichts, doch der Ausdruck in ihrem Gesicht verbat sich sein Grinsen. Manolo war dabei in allen Ecken des Hofes und des Geländes Sandelholz in Töpfen zum Glimmen zu bringen. Aualpa füllte eine leere Obstschale mit Rosenblättern. Der Wind, der an den Nachmittagen etwas stärker war, ließ die Eukalyptuswälder im Tal rauschen und in die Nasen streifte plötzlich ein ekelhafter Gestank. Ob es Schwefel war, konnte er nicht bestimmen. Etwas Verwesendes, Abfall, Kloake. Schwer war es, drohend und es veränderte die Stimmung. Roch es wie Schatten? Wie Fluch? War Warnung hinein gewebt? "Die Dunklen kommen mit dem Wind", sagte die weiße Hexe.
Das Ritual begann. Als Aualpa den Kanister öffnete und Orakelworte murmelnd, etwas vom Inhalt, wie in die Obstschale goss und sich der Duft entfaltete, war etwas anderes da. Das Leben. Die Luft war, wie voller Schmetterlinge, die in der Sonne flatterten. Alle Blumen des Tals waren vereinigt, um hier und jetzt ihr Aroma für das Licht zu spenden. Sie streute ein wenig Zimt in die Blüten und begann leise zu singen. Der Gesang war melodisch und streng, fordernd. Jetzt nahm sie die Schale und wandte sich einer Ecke nach der anderen zu. Mit energisch zitternden Fingern besprenkelte sie das lauernde Unsichtbare mit dem Parfüm. Sie murmelte dabei Indianisches. Manolo übersetzte es später mit: "Verpiss dich Satan, raus hier, dass Gutes einziehen kann." Nun erwartete Vera und Rolf, dass sich die Erde auftat, Feuer empor schlug und sich der Leibhaftige oder wenigstens ein Mitarbeiter zeigten, um den Kampf der Dämonen zu kämpfen. Nichts. Nur der Wind legte sich. Die duftende Luft stand plötzlich still und die Säulen des Sandelholz-Rauchs stiegen senkrecht zum Himmel. Wie Eckpfeiler eines Käfigs. Geweihter Rauch vom heiligen Baum. Aualpa bereicherte die Zeremonie mit kleinen Tänzen um die eigene Achse, als sei sie in Trance. Manolo hatte sie von einer Ecke zur nächsten geführt. Nach einer Stunde war es vorbei. Rolf gab ihr das Geld. Sie packten ihre Sachen, wünschten viel Glück.


Rolf nahm Vera in den Arm und küsste sie auf die Stirn. Dann gingen sie zurück zur Koppel. Das Pferdchen lag noch immer Schatten des Orangenbaums. Jetzt war es schon zu schwach, um aufzustehen. "Sternchen" graste daneben. Nur der negative Geruch war aus der Luft verschwunden. Überdeckt vielleicht, dachte Rolf
Das schwarze Huhn stand ungerührt in der Mitte der Koppel, klickte mit den Augenlidern und legte den Kopf mit dem blutroten Kamm zur Seite.
Kein Donner, kein Blitz aus blauem Himmel, kein Leibhaftiger oder einer seiner Mitarbeiter. Nichts.
"Schwachsinn. Hätte ich Dir gleich sagen können", sagte Vera, als plötzlich das Huhn begann, sich um die eigene Achse zu drehen, fast wie vorhin beim Tanz von Aualpa. Immer und immer wieder. Dabei funkelten die schwarzen Federn im Sonnenlicht wie die Klinge eines Schwertes. Noch ein Klicken mit den Augen. Es kippte zur Seite und war tot.

Jetzt war ein frischer, freier Hauch um sie und in ihnen. Wie der Duft von Neugeborenem.
Es war, als ob die Farben der vielen Blüten ihres Gartens intensiver leuchteten. Als ob jemand eine riesige Käseglocke über ihnen plötzlich wegzog. Rolf nahm Vera in die Arme.
"Was sagst du jetzt?"
"Abwarten. Das hat noch nichts zu bedeuten. Herzinfarkt vielleicht", sagte Vera und ging zum Haus um eine Plastiktüte für das tote Tier zu holen. Als sie zurück kam, sah sie, dass das kleine Pferd bei seiner Mutter trank und konnte wieder zufrieden lächeln. Von der Cafeteria plärrten die Lautsprecherboxen "We are the Champions" von "Queen." Also gab es wieder Strom. Kurz darauf klingelte das Telefon. Rolf ging ran und Vera hörte im Vorbeigehen Rolf sagen: "Ja danke, ich habe es notiert. Morgen drei Doppel und zwei Einzelzimmer für vier Tage Vollpension für … Deutsche Botschaft Lima… bis Morgen." Er legte auf und machte einen Luftsprung. Erst jetzt viel ihm auf dass die Vögel wieder zwitscherten. "Wie soll das Superpferdchen heißen?"
Vera antwortete spontan: "Mystik-Flair".
 
Hi nochmal!

Du hast eine sehr lebhafte Sprache! Da könnte man sich fast noch ein Stückchen abschneiden...
Hab zwar ein paar Rechtschreibfehler (Flüchtigkeitsfehler) gefunden. Wo genau, musst du selbst nochmal schauen...

Gute Geschichte...

LG
 

raineru

Mitglied
hi gonzo

wäre der text besser, wenn er im Präsens
geschrieben wäre?
Sind die Sätze zu lang?

Das hat mir eben einer erzählt und nun
übnerlege ich, alles nochmal zu machen.

raineru
 

raineru

Mitglied
MYSTIK-FLAIR


Rolf horchte auf. Er hätte schwören können, dass das morgendliche Gezwitscher der Vögel für einen Augenblick verstummt war. Plötzlich war etwas ganz nah bei ihm. Nur für einen Augenblick. Hatte ihn ein kalter Hauch gestreift?
Es war, als wäre etwas in einem langen Gewand an ihm vorbei geschritten. Oder war es Einbildung? Jetzt war es, als flüstere ihm jemand aus rauer Kehle, weit weg und doch ganz nah, ins Ohr. Da war auch das ferne Fauchen eines Raubtiers. Sicher hatte er sich geirrt und doch reichte es für eine gehörige Gänsehaut an seinen Unterarmen.
Das Trommelkonzert, in das der Regen die Nacht verwandelte, war verklungen und das Gekläff der Straßenköter wich unheilvoller Stille. Sicher hatte er sich geirrt und Leute, die ihm in seiner Kindheit erzählten, dass es Geister nicht gab, behielten recht.

Dann stand plötzlich das Huhn in der Mitte des Innenhofs. Aus dem Nichts. Auf den ersten Blick war es einfach schwarz und groß, doch Rolf spürte etwas wie Dominanz oder Überheblichkeit.

Die Augen des Tieres klickten kalt und kritisch. Es legte den Kopf zur Seite. Sein Kamm leuchtete wie Blut. Dann flatterte es auf die Mauer und blieb dort mit leisem Gegacker. Mit unheimlichem und gefährlichem Gegacker?
Hier muss ich ja früher oder später den Verstand verlieren.

Aber dieses Fleckchen Erde war nun mal der schönste Platz auf der Welt, den sie sich zum Auswandern ausgesucht hatten. Die Träume vom freieren Leben zeigten jetzt feine Risse, die ein Zerbrechen möglich werden ließen.
Er ging durch die Cafeteria und den Wintergarten hinaus in den blühenden Garten ihres kleinen Hotels. Vera war dort an der Koppel bei den Pferden.

Die Sonne schlich hinter den Gipfeln der Anden empor, und aus dem Tal stieg mit den Nebeln, der Duft der unendlichen Blütenmeere in die dünne Luft. Er sah, wie die unzähligen Glühbirnen über den Blumenplantagen erloschen und sich den Pflanzen als billige Imitation der Sonne zu erkennen gaben. Die Campensinos begannen mit ihrem mühseligen Tagwerk. Rolf drehte sich um und schaute hinauf zur weißen Cordillere. Die Wolken der Regenzeit waren fast verschwunden und die Schneefelder glitzerten im Licht der Sonne. Der Geruch von Eukalyptus zog vom nahen Wäldchen herüber und ihm war, als spüre er darin ein Hauch von Fluch.

"Steh nicht da und träume, hilf mir lieber", sagte Vera und versuchte vergeblich, das Fohlen mit der Babyflasche zu füttern. Vor zwei Stunden war es zur Welt gekommen und seither verweigerte die Stute, dem kleinen, noch unsicher aber neugierig umherwackelnden Wicht, die Nahrung. Dies war ein weiterer, der negativen Zufälle, die sich in den letzten Tagen häuften, als würden Pfeile treffen, die aus dem Nebel, von böser Hand abgeschossen wurden.
Mit solchen Hindernissen hatten sie nicht gerechnet, als sie die sechs Pferde kauften. Rolf war unten am Indiomarkt im Dorf mit einem Schlachter befreundet, der für ihn die Rinderfilets zur Seite legte, aber das gleiche Geld dafür nahm, wie für die gleiche Menge Knochen. Er konnte so, seinen Hotelgästen die Steaks zum Spottpreis bieten.

Eines Tages bot ihm der Metzger Pferdefleisch an. Unter der Hand. "Sind Tragetiere für Bergsteiger für Gringos, und jetzt kaputt." Er meinte, psychisch gebrochen, mit offenen, eiternden Wunden von den Tragegestellen auf den Rücken.
"In Peru dürfen wir kein Pferdefleisch verkaufen. Nur an gute Freunde, die Spezialitäten mögen." Rolf sprach mit Vera und sie retteten alle sechs vor dem Schlachthof und bekamen für wenig mehr, zwei handgearbeitete Sättel dazu. Die Tiere sollten sich erholen und für die Gäste, als Show-Hintergrund in der Koppel dienen. Gleich neben der Frühstücksterrasse. Mit Sternchen, der Stute gab es keine Probleme. So war es nicht normal, dass sie ihrem Filius die Milch versagte.
"Wenn es bis heute Abend nicht trinkt, wird es sterben." Rolf kannte sich ein bisschen mit Pferden aus.
"Mist!" Vera wischte sich eine Träne von der Wange.

"Irgendetwas stimmt hier nicht."
"Was meinst du?"
"Es kann doch nicht sein, dass die Pechsträne nicht abreißt. Was fällt dir alles ein. Ich meine in der letzten Zeit?"
"Das weißt du doch selber." Vera streichelte den Kopf des kleinen Pferdes.
"Na ja, ich lasse mir gefallen, dass sie den Strom abstellen, weil sie die Turbinen im Staudamm reinigen. Aber Bescheid sagen kann man doch vorher. Und der Erdrutsch ist von der Regenzeit bedingt. Das lasse ich mir auch gefallen. Irgendwann werden wir wieder Trinkwasser haben. Aber dass überhaupt keine Gäste mehr kommen? Drei Monate lang?"
"Ich versteh das auch nicht."
"Aber unten im Dorf sind Touristen. Die anderen Hotels haben zu tun. Nur wir haben den Mist gepachtet." Rolf fütterte die Stute.
"Das Pferdefutter, das sie gestern geliefert haben, war voll mit schwarzen Käfern. Ich sage dir, das ist nicht normal…
Und eben ist uns ein Huhn zugelaufen. Ein schwarzes natürlich. Kann es sein, dass die lieben Nachbarn uns verhext haben? Sie haben Altäre mit Totenschädel in ihren Häusern. Richtige Schädel von Menschen.
Glaub mir, das sind Hexer.
Ich habe ein ganz beschissenes Gefühl.
Was noch zu unserem Glück fehlt ist ein Erdbeben.
Hast du gewusst, dass die mit Parfum arbeiten?"
"Nein und es interessiert mich auch nicht. Das ist Hokus-Pukus, Aberglaube, Blödsinn. Wer glaubt denn an so etwas? Ich glaube eher, dass du spinnst.
Was sollen die gegen uns haben?
Wir haben hier gebaut und ein normales Hotel eröffnet, von dem alle profitieren, wenn Gäste hier sind.
Die Nachbarn sind zwar nicht besonders freundlich aber das waren sie in Deutschland auch nicht.
Mit Kehrwoche oder ohne, zu Maschinen geworden, die Statuten verehren... Die Menschen hier leben noch intensiver."
Das Huhn war auf den Zaun der Koppel geflattert. Harvey der Hengst versuchte kurz darauf gegen den Zaun zu schlagen, galoppierte dann zu den anderen, die sich ängstlich in eine Ecke drängten.
"Hast Du das gesehen?
Da ist was faul, sage ich Dir."
"Die haben sich nur erschreckt. Spinn nicht rum. Mach lieber Kaffee", sagte Vera.
"Wenn das Vieh einem Nachbarn fehlen würde, währe er schon hier, aus Angst, dass es stürzt, sich das Genick bricht und dass es bei uns heute Abend Hühnersuppe gibt." Die Brise wurde etwas stärker und brachte Salzluft vom Pazifik in das Tal der Hochanden. Rolf liebte es, wenn der Wind in den Eukalyptusbäumen wühlte.
Wenn er die Augen schloss war es ein Geräusch wie Brandung in fast dreitausend Metern über dem Meer. Und über dem Duft der Blumenfelder brachte der Wind das Salzige auf seine Zunge. Der scharfe Gestank von Stutenurin schnitt ihn aus seinen Träumen.

Vera und er bemerkten nicht, wie Manolo durch den Garten zur Koppel gekommen war, ganz leise, um das Fohlen nicht zu erschrecken. Sie bemerkten auch nicht, wie der Indiojunge fast unmerklich zusammengezuckt war, als er das schwarze Huhn bemerkte. Der Fünfzehnjährige war der Sohn von Aualpa, einer blinden Blumenverkäuferin aus einem Seitental unweit einer Lagune. Als Rolf mit Vera zum ersten Mal den Weg zu ihrem Haus gingen, kam zuerst ein Schwall von Rosenduft, der in Schüben vom Hügel zu ihnen wehte, dann sahen sie den Blütengarten und erst dann, versteckt unter Engelstrompeten, die Lehmziegelhütte mit dem Dach, das bis zum Boden reichte. Manolo half, wenn er wollte im Hotel, in der Küche oder im Garten um seine Mutter zu entlasten. Rolf zahlte ihm guten Lohn und war sicher, dass der aufgeweckte Junge sein Vertrauen verdiente.
"Vorsicht, das Huhn ist nicht gut."
Rolf und Vera schauten auf.
"Der Dunkle ist in ihm und lässt es bei der Stute kitzeln, wenn das Pferdchen trinken will."
"Der Dunkle?"
"Dona Vera, das Pferdchen braucht schnell ein rotes Band oder einen Faden gegen den bösen Blick!"
"Du glaubst doch nicht so´n Quatsch?"
Bittere Züge tanzten um Veras Mund.
"Wenn es bis heute Abend nicht trinkt, ist es tot", sagte Rolf und schaute Vera ernst in die Augen.
Vera ging, um einen roten Bändel zu holen.
"Die Leute im Dorf sind nicht alle gute Menschen. Sie wollen keine Gringos hier", sagte Manolo und band die Hinterbeine der Stute zusammen. Das sollte verhindern, dass sie ihr Fohlen trat, wenn es wieder und wieder mit geschürztem Mäulchen an die Zitzen drängte.
Es nützte nichts. Die Stute hüpfte weg und ließ das Kleine wackelnd stehen.
Viele Leute sagen: Die Gringos gehen vorbei wie die Regenzeit. Sie meinen die Touristen. Die sind gut wegen der Dollars. Aber Sie Senior und Dona Vera leben hier."
Manolo schaute Rolf flehend an.
"Aber was haben die Leute gegen uns? Wir tun ihnen nichts. Wir bringen, wenn alles klappt, mehr Touristen in die Gegend. Alle haben was davon. Oder ist es, weil wir Deutsche sind?"
"Die wissen nicht mal, wo das ist Deutschland. Das sind Cholos und sie sagen: Die Fremden sind, wenn sie länger hier sind, arrogant und überheblich und wissen alles besser und sie seien kalt im Herzen. Und dann bekommen sie Angst und bitten die Dunklen um Hilfe."
"Ja Scheiße", Rolf schrie, senkte aber gleich wieder seine Stimme. "Was für Dunkle? Was sind die Dunklen?"
"So wie die Priester, nur eben von damals, bevor es die Priester gab."
Das Fohlen hatte sich im Schatten eines Orangenbaumes ins Gras gekuschelt und genoss die streichelnde Hand des Jungen.
"Es gibt mächtige Häuptlinge in der Gegend. Die reden mit den dunklen Priestern, mit den toten Inkas und die sind gegen die Conquistadores, gegen die Gringos, gegen Euch. Sie haben die alten Rituale und sie sind böse. Sie schicken den stinkenden Geist eines Bösen in ein Tier. Es wird in ein Bad geworfen und lässt dann nichts Gutes mehr geschehen. Im Gegenteil."
"Na Servus… und nun? Sollen wir hier alles anzünden und zurück ins Land der Kehrwoche?"
"Kehrwoche?"
"Nur ein Scherz. Vergiss es. Was sind Cholos?"
"Bergziegen." Er lachte und Rolf beneidete ihn um seine Perlenzähne.
"Sie müssen meine Mutter fragen", sagte Manolo. "Sie kann die Toten sehen." Jetzt musste Rolf grinsen "Aha!"
"Ja! Sie kennt den Zauber von der guten Seite. Sie ist eine weiße Hexe. Sie hat den Duft, der alles reinigt."


Rolf erinnerte sich an die haarsträubende Geschichte, die sich die Leute im Dorf über Sra. Isabella Torres Aualpa erzählten. Eines Tages hätte Manolos Vater ein Äffchen aus dem Dschungel mitgebracht, wo er als Holzfäller arbeitete. Sie sagten, dass das Äffchen auf dem Tisch vor ihr saß und ihr plötzlich ohne jeden Grund die Augen auskratzte. Ihr Mann konnte eingreifen, bevor das Äffchen die Halsschlagader zerbiss. In dieser Nacht soll kein einziger Hund in den Strassen gebellt haben. Die Alten hätten einen dunklen Priester in das Tier geschickt, weil Aualpa geweihtes Wasser aus der Kirche holte und es zum duften brachte. Das machte sie mit verschiedenen Blüten und Harz vom Palo Santo, Zimtstaub und Kullandro, das war das Kraut des Korianders.
So sagten die Leute.
Aber das Rezept kannte nur Aualpa. Manolos Vater war kurze Zeit später verschwunden. Man soll ihn in Lima gesehen haben, total verwirrt mit weißem Schaum vor dem Mund, auf der Treppe der Kathedrale sitzend und bettelnd.
Vera war zurück und hatte einen roten Wollfaden um den Hals des kleinen Pferdes gebunden. Sie hatte die letzten Worte des Jungen gehört und Rolf deutete ihren kurzen Blick richtig als Einverständnis.
"Wenn Du sie jetzt holen könntest, wäre es toll. Sie soll alles mitbringen, was sie zum Zaubern braucht."
"Bin gleich zurück."
"Aber den Preis soll sie vorher sagen", rief Vera dem Jungen hinterher. Beim hinauslaufen versuchte er dem Huhn einen Tritt zu verpassen. Vergeblich.

Die Sonne gewann gegen Mittag den Kampf gegen die letzten Regenwolken. Auf der Piste vor dem kleinen Globetrotter-Hotel trieben Indiofrauen in ihren typischen weiten Röcken, den breiten Strohhüten und den Sandalen aus alten Autoreifen, ihre Esel durch den Schlamm. Die Tiere waren völlig unter der Last von Maispflanzen verdeckt. Nur die Beinchen unter den, rhythmisch wippenden Blättern, lugten hervor.
Vera und Rolf standen in ihrem Innenhof und warteten. Sie hatten alles in dieses Geschäft investiert und waren hundertprozentig sicher, dass Tourismus in einem Tourismus-Gebiet funktionieren würde. Zwei Mal waren sie schon als Touris mit ihren Rucksäcken hier gewesen um die Chancen für ihre Geschäftsidee zu prüfen. Doch die Realität der Umstände belehrten sie nun eines Besseren.

Die Wärme des Mittags ließ Dampf aus den Pfützen vor dem Eingang aufsteigen und so kam es, dass Sra. Isabella Torres Aualpa ein Schein von feuchtem Lichtstaub umgab. Sie stand mit ihrem Sohn im großen Türbogen des Innenhofes wie eine Heiligenfigur und strahle Frieden und Liebe aus. Zierlich, in mittlerem Alter, mit dem traditionellen, farbenprächtigen Tuch über der Schulter und quer über die Brust, in dem die Frauen fast alles transportieren. In ihrem Gesicht waren, all das Wissen und die Erfahrung einer alten Indianerin. Die Frau war klein und doch richtete sie die leeren Augenhöhlen auf Vera und Rolf herab. Nach der Begrüßung gingen sie hinaus in den Garten. Den Preis überließ sie den beiden. Sie wolle eigentlich gar nichts dafür und freue sich, wenn sie etwas Gutes tun könne. Nur die Zutaten sollten ihr bezahlt werden und das sei nicht viel. Jetzt flüsterte sie etwas, in ihrer Muttersprache Qetschua, in Manolos Ohr.
"Sie sagt, sie kann ihn sehen."
Vera und Rolf schauten sich überrascht an.
"Er steht dort hinten in der Koppel und grinst"
Dort war nur das Huhn. In einer Ecke hatten sich die Pferde, nervös, schnaubend in einer Gruppe an den Zaun gedrückt. Ihre Augen und Ohren zeigten Angst. Der Hengst hatte sein Hinterteil in die Richtung des Huhns gedreht, um gezielt ausschlagen zu können.

"Sie wird ihn aus dem Huhn vertreiben. Er hat keine Macht ohne den Körper. Sra. Aualpa barg aus ihrem Tuch einen Kanister.
"Das ist das Exorzisten-Parfüm?" Rolf konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie war schließlich blind. Sie drehte den Kopf zu ihm und sagte nichts, doch der Ausdruck in ihrem Gesicht verbat sich sein Grinsen. Manolo war dabei in allen Ecken des Hofes und des Geländes Sandelholz in Töpfen zum Glimmen zu bringen. Aualpa füllte eine leere Obstschale mit Rosenblättern. Der Wind, der an den Nachmittagen etwas stärker war, ließ die Eukalyptuswälder im Tal rauschen und in die Nasen streifte plötzlich ein ekelhafter Gestank. Ob es Schwefel war, konnte er nicht bestimmen. Etwas Verwesendes, Abfall, Kloake. Schwer war es, drohend und es veränderte die Stimmung. War es wie Schatten? Wie Fluch? War Warnung hinein gewebt? "Die Dunklen kommen mit dem Wind", sagte die weiße Hexe.

Das Ritual begann. Als Aualpa den Kanister öffnete und Orakelworte murmelnd, etwas vom Inhalt, wie in die Obstschale goss und sich der Duft entfaltete, war etwas anderes da. Das Leben. Die Luft war, wie voller Schmetterlinge, die in der Sonne flatterten. Alle Blumen des Tals waren vereinigt, um hier und jetzt ihr Aroma für das Licht zu spenden. Sie streute ein wenig Zimt in die Blüten und begann leise zu singen. Der Gesang war melodisch und streng, fordernd. Jetzt nahm sie die Schale und wandte sich einer Ecke nach der anderen zu. Mit energisch zitternden Fingern besprenkelte sie das lauernde Unsichtbare mit dem Parfüm. Sie murmelte dabei Indianisches. Manolo übersetzte es später mit: "Verpiss dich Satan, raus hier, dass Gutes einziehen kann."

Nun erwartete Vera und Rolf, dass sich die Erde auftat, Feuer empor schlug und sich der Leibhaftige oder wenigstens ein Mitarbeiter zeigten, um den Kampf der Dämonen zu kämpfen. Nichts. Nur der Wind legte sich. Die duftende Luft stand plötzlich still und die Säulen des Sandelholz-Rauchs stiegen senkrecht zum Himmel. Wie Eckpfeiler eines Käfigs. Geweihter Rauch vom heiligen Baum. Aualpa bereicherte die Zeremonie mit kleinen Tänzen um die eigene Achse, als sei sie in Trance. Manolo hatte sie von einer Ecke zur nächsten geführt. Nach einer Stunde war es vorbei. Rolf gab ihr das Geld. Sie packten ihre Sachen, wünschten viel Glück.


Rolf nahm Vera in den Arm und küsste sie auf die Stirn. Dann gingen sie zurück zur Koppel. Das Pferdchen lag noch immer im Schatten des Orangenbaums. Jetzt war es schon zu schwach, um aufzustehen. Sternchen graste daneben. Nur der negative Geruch war aus der Luft verschwunden. Überdeckt vielleicht, dachte Rolf
Das schwarze Huhn stand ungerührt in der Mitte der Koppel, klickte mit den Augenlidern und legte den Kopf mit dem blutroten Kamm zur Seite.
Kein Donner, kein Blitz aus blauem Himmel, kein Leibhaftiger oder einer seiner Mitarbeiter. Nichts.
"Schwachsinn. Hätte ich Dir gleich sagen können", sagte Vera, als plötzlich das Huhn begann, sich um die eigene Achse zu drehen, fast wie vorhin beim Tanz von Aualpa. Immer und immer wieder. Dabei funkelten die schwarzen Federn im Sonnenlicht wie die Klinge eines Schwertes. Noch ein Klicken mit den Augen. Es kippte zur Seite und war tot.

Jetzt war ein frischer, freier Hauch um sie und in ihnen. Wie der Duft von Neugeborenem.
Es war, als ob die Farben der vielen Blüten ihres Gartens intensiver leuchteten. Als ob jemand eine riesige Käseglocke über ihnen plötzlich wegzog. Rolf nahm Vera in die Arme.
"Was sagst du jetzt?"
"Abwarten. Das hat noch nichts zu bedeuten. Herzinfarkt vielleicht", sagte Vera und ging zum Haus um eine Plastiktüte für das tote Tier zu holen. Als sie zurück kam, sah sie, dass das kleine Pferd bei seiner Mutter trank und konnte wieder zufrieden lächeln. Von der Cafeteria plärrten die Lautsprecherboxen "We are the Champions" von "Queen." Also gab es wieder Strom. Kurz darauf klingelte das Telefon. Rolf ging ran und Vera hörte im Vorbeigehen Rolf sagen: "Ja danke, ich habe es notiert. Morgen drei Doppel und zwei Einzelzimmer für vier Tage Vollpension für … Deutsche Botschaft Lima… bis Morgen." Er legte auf und machte einen Luftsprung. Erst jetzt viel ihm auf dass die Vögel wieder zwitscherten. "Wie soll das Superpferdchen heißen?"
Vera antwortete spontan: "Mystik-Flair".
 
Hi!!!

Also ich finde, dass das vom Geschmack des Lesers abhängt!

Mir gefällt es so ganz gut. Wenn es nach mir geht, würde ich das so lassen!

Aber vielleicht sagt ja noch wer anders was dazu!


LG
 


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