nachbar

Mondnein

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[ 4]nachbar


der gartenzwerg reißt mir die tür aus der hand
ich hock in dem auto und halt sie ganz fest
und greife den griff und den fetzen vom rest
doch rumpel stielts fenster mit rahmen und rand

du hausherr des universalen geräums
thor türhüter engel hey rumpel kamm hair
komm kämmerer kumpel dein mund mault quer
plop tropfen die säuren des piß pilz geschäums

gewiß bist du sicher du läßt mich nicht rein
ins fremde da draußen den raum dir vertraut
ins trauerland wo sich verliert deine braut
ja jage sie such dir der peinlichkeit pein

andromedas nebel durch flogs feuer roß
du halluzinierst dir den traum film der nacht
ich wend mich der frau zu die lustig mir lacht
befreit von dir tor wo der ur knall schoß
 

wüstenrose

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Hallo mondnein,

müsste es nicht, im Sinne des rhythmischen Vortrags, eher so heißen:
komm kämmerer kumpel dein [blue]mäulchen[/blue] mault quer
Möglich auch, dass du hier bewusst einen Stolperstein setzt, da zu lesen ist, dass etwas quer zum Ausdruck gebracht wird?

Der Rhythmus, die Musikalität, die Sprachvirtuosität - das gefällt mir an deinem Gedicht, merke aber auch ehrlich an, dass ich inhaltlich keinen Zugang zu den Zeilen finde. Natürlich könnte ich lesen und wiederlesen (und noch ein wenig googeln), aber da bin ich beim Gedichte-Konsumieren eher einer, der vom ersten Eindruck lebt, wenns da nicht (inhaltlich) klick macht, dann erlahmt mein Interesse.

lg wüstenrose
 

Mondnein

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Dear Wüsenrose,

danke für Deinen Beitrag und die Nachfragen.

Das Metrum ist wie bei den alten Hexametern in dem Punkt freigehalten, daß Daktylen durch Spondeen ersetzt werden können. Das hier wäre demnach ein amphibrachischer Tetrameter. Das ist hier in der "mund mault quer" Versklausel so, wie auch beim letzten Vers "ur knall schoß". Nicht eigentlich als Hemmschwelle (Stolperstein), eher als Dehnung, eben damit man nicht über Konsonantenhäufungen rüberstolpert, sondern sie langsamer auskosten kann.

Zum Inhalt: Es ist ja immerhin ein wenig erzählend, nicht bloß eine Reihe aneinandergehänger Bilder.
Da reißt dem Lyri jemand die Autotür von außen auf, "ich" wills verhindern und habe deshalb nur noch den Innengriff mit etwas Türwandinnenauskleidung in der Linken.
Der andere fühlt sich natürlich im Recht, schließlich habe "ich" mir selbst ja meine Autotür zerrissen, weil "ich" sie festgehalten habe. Er fühlt sich in der selbstgerechten Machtposition eines Turstehers, hat die große "Außenwelt" auf seiner Seite, ist ohnehin der Sieger in der Situation, denn einer der im Auto sitzt, hat eine überaus ungünstige Kampfposition, und komisch ist der Mann mit dem Innentürgriff in der Hand auch noch. Wer den Spott hat, braucht sich um den Schaden nicht zu sorgen.

Also bleibt dem Lyri nichts, als über den anderen dichterisch herzuziehen, ihn perpektivengemäß zu "überhöhen", ihn (oder vielleicht eher von ihm?) abzulenken, die Situation umzudeuten, als sei der Außenmann in der traurigen Grenzenlosigkeit verloren, als suche er, der Aufreißer, vergeblich seine Braut (? Wer wie was? offensichtlich Ablenkung, Nebenschauplatz, zielt in die Ängste des Außenwelttürsteher) im vakuosen Weltenraum, während das Lyri im Auto den Überlegenen mimt, vorspielt, als habe er dem "Gartenzwerg" die Frau abspenstig gemacht.
Dieser Ausklang sieht natürlich allzu sehr nach einer kompensierenden Phantasie aus, als daß er über ein Lied hinaus Bedeutung haben könnte. ("Der Dichter dreht durch.")

Die erste Strophe hat den Erzählungskern, alles andere ist Entfaltung der darin angelegten Spannungen zu übersteigernden und kompensierenden Phantasien. Irrsinnig übersteigert.

Natürlich hat auch die erste Strophe schon empörte Deutungsformeln: "Gartenzwerg" statt eines bürgerlichen Namens, "Rumpel-stielz(chen)", um dann schon mal die Beleidigungen zu starten.
Und der Gipfel der kompensierenden Selbsterhöhung des Lyri ist dann sein Wortespiel mit dem Pegasus (klar, das Dichterroß neben der Andromeda-Braut, kleiner gehts wohl nicht - aber ist der Gartenzwerg dann Perseus?), "Phlox"="flogs", und die Ohrfeige mit dem Urknall, weil der Gartenzwerg (bzw. Perseus) offensichtlich einen solchen Knall an der Waffel hat. Oder im Schoß ... ... ???

Macht mir immer Spaß, wenn mein Lyri sich selbst ins Groteske verzerrt. Ist ja nicht ich.
(Oder doch?)

grusz, hansz
 

wüstenrose

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gerappt?

würde ja gerne mal eines deiner besonders rhythmischen Teile im Sprechgesang (Rap) -Vortrag hören. Vielleicht auch mal hier akustisch in der LeLu eingestellt? Oder gabs das schon? (dann bitte Verweis da drauf)?
 

Mondnein

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Gute Idee, Wüstenrose,

aber es gibt schon einen wesentlichen Unterschied: Ich schiebe die Motive und Satzteile, Ausdrücke und Wörter so dicht ineinander, daß die übliche Rappgeschwindigkeit den Hörer überrollen würde. Es geht nur mit starker melodischer Dehnung der Verse, die den Assoziations-Reflexionen Platz läßt.
plop tropfen die säuren des piß pilz geschäums
Jede Silbe sollte hervortreten können aus dem Satz, wie das bei den Interpreten klassischer Kammermusik üblich ist. Das schnelle Abschnurren der Slampoeten paßt weniger gut. Das habe ich schon mit wesentlich leichteren Texten erfahren, die nicht so viel sprachgespielt haben. Das überforderte die Hörer. Nach zweimal "Scheitern" gab ichs auf mit dem Slammern.

Das ruhige Lesen, Zeilenvergleichen und Entdecken ist nicht das Falscheste. Wenn man es sich ausdrucksvoll langsam singt ist es vielleicht das Beste.

Obwohl ich es besonders reizvoll fände, einen puren Nachrichtensprecher die Gedichte sprechen zu hören.

grusz, hansz
 

wüstenrose

Mitglied
Das schnelle Abschnurren der Slampoeten paßt weniger gut. Das habe ich schon mit wesentlich leichteren Texten erfahren, die nicht so viel sprachgespielt haben. Das überforderte die Hörer. Nach zweimal "Scheitern" gab ichs auf mit dem Slammern.
Diese Überforderung kann man natürlich verstehen, mondnein, dafür sind deine Texte zu komplex, um sie, mal eben dahingeslammt, auch nur annähernd erfassen zu können. Das geht nicht, sehe ich auch so.

Warum ich trotzdem nachgefragt habe? Weil ich deine "Stoßrichtung" schon irgendwie spannend finde. Der Text wendet sich ja nicht zwingend nur an geistige Überflieger. Der Spagat hin zur Gossensprache ist da und gewollt: gartenzwerg, hey kumpel, piß, braut ...
So entsteht bei mir (noch bevor ich überhaupt versuche, mich dem Gedicht inhaltlich anzunähern) der Eindruck einer inneren Zerrissenheit: hier die Kunstsprache, da die Gossensprache. Und das Ganze will am Ende doch irgendwie geeint werden, zusammen finden. Vielleicht würde eine gerappte Version den kontrapunktischen Charakter (das Artifizielle / das Gemeine) des Gedichts stärker betonen. Ich würde sowas gerne mal auf mich wirken lassen und wäre gespannt, wie z.B. eine "Profi-Rap-Band" dein Gedicht musikalisch + vortragsmäßig in Szene setzen würde.

lg wüstenrose
 

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