Nachmittagsvorstellung

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Shallow

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Das Mädchen kommt immer zur 16 Uhr Vorstellung. Nicht täglich, aber alle zwei, drei Tage steht es vor mir und sieht mich an. Ich tue so, als würde ich nichts bemerken, kümmere mich um die anderen Besucher. Verkaufe Karten, gebe Getränke heraus, Schokoriegel, Gummibärchen, Erdnüsse. Früher hatten wir auch Popcorn, aber das war immer eine Riesensauerei. Ich bin froh, dass wir das nicht mehr anbieten. Zur Nachmittagsvorstellung findet sich nur wenig Publikum ein, meist ältere Leute. Im Laufe der Jahre, in denen ich hier arbeite, ist ihre Zahl stetig zurückgegangen. Die große Masse erreicht ein Programmkino ohne Blockbuster sowieso selten.
Meist ist sie die mit Abstand jüngste Person. Wenn alle im Saal sind, steht sie immer noch geduldig vor dem Tresen und wartet. Die meisten Filme hat sie schon fünf- oder sechsmal gesehen. Aber sie hat noch nie ein Wort mit mir gewechselt.
Anfangs habe ich Dinge gefragt, wollte ihren Namen wissen, ob sie in der Gegend wohnt, Geschwister hat. Eine Antwort kam nie. Vielleicht spricht sie eine andere Sprache und versteht kein Deutsch. Ich habe es nicht herausfinden können. Die Kleine steht immer nur da und schaut mich an, wartet auf mein Kopfnicken in Richtung Kinosaal, dann stürzt sie los und setzt sich in die erste Reihe. Bezahlt hat sie nie. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass sie keinen Cent hat. Die zu großen Klamotten hängen lose an ihrem Körper, ein bisschen schmuddelig und immer dieselben. Im Winter würde ich ihr am liebsten einen Mantel kaufen.
Das Foyer hat sich geleert, bis auf das Mädchen, das mich beobachtet, während ich die Theke wische. Ich mache eine Kopfbewegung in Richtung Kinosaal, aber die Kleine bleibt stehen und nestelt in ihrer Hosentasche herum, holt einen Fünf-Euro-Schein hervor und hält ihn mir hin.
Ich schaue auf den zerknitterten Geldschein und schüttele den Kopf. Ihre ernsten Augen lassen mich nicht los, die Hand bleibt ausgestreckt, die Lippen sind zusammengepresst. Zögernd nehme ich den Schein und bedanke mich mit einer kleinen Verbeugung. Das Mädchen macht einen kleinen Hopser und stürmt in den Saal.
 
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marcm200

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Ist "ich" der Eigentümer des Kinos oder Angestellter (Verkäufer/Platzanweiser)?

Er ("ich" wird ja nicht charakterisiert, ich muss also auch hier raten) lässt das Mädchen kostenlos ins Kino. Warum? Tut sie ihm leid (wahrscheinlich). Warum aber hat er sie das allererste Mal, als sie da war, kostenlos reingelassen? Tat sie ihm auf den ersten Blick leid? Wenn er Angestellter des Kinos ist, dann ist es ja gerade seine Aufgabe, das NICHT zu tun. Er hat dann seinen Arbeitgeber geschädigt. Da fehlt jede Angabe zur Motivation.

Warum zahlt das Mädchen 5 Euro? Ist das der Preis eines Tickets? Alles, was sie gerade hat? Auch das muss ich raten.

Was ist die Kernaussage des Textes? Das Äußere kann täuschen (sie hat doch einmal Geld)? Helfen, auch wenn es einem selbst vielleicht Probleme bereitet (Angestellter)? Hilfe nur annehmen, solange es wirklich nötig ist (5 Euro)?

Mir ist der Text viel zu geheimnistuerisch. Er lässt so viel offen, was ich mir zusammenreimen muss, dass ich, überspitzt gesagt, eigentlich auch überhaupt keinen Text in Satzform brauche, sondern ein paar Stichworte genügen, damit ich mir die Geschichte selbst ausdenke.

Gerade bei einem so kurzen Text hätte ich direktere Aussagen erwartet, da mir ja kein Wissen wie bspw. über vergangene Handlungen zur Verfügung steht, um die Charaktere zu verstehen.
 

Shallow

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Hallo @marcm200,


Ist "ich" der Eigentümer des Kinos oder Angestellter (Verkäufer/Platzanweiser)?

Du hast völlig recht, das wird nicht erzählt.

Wenn er Angestellter des Kinos ist, dann ist es ja gerade seine Aufgabe, das NICHT zu tun. Er hat dann seinen Arbeitgeber geschädigt.

Auch das ist richtig, seine Aufgabe ist ganz sicher eine andere.

Warum zahlt das Mädchen 5 Euro? Ist das der Preis eines Tickets? Alles, was sie gerade hat? Auch das muss ich raten.

Wird ebenfalls nicht auserzählt, stimmt. Wenn die Geschichte im Jetzt angesiedelt ist, werden fünf Euro für ein Ticket wohl nicht reichen.

Was ist die Kernaussage des Textes?

Ich hatte tatsächlich zwei Versionen dieser Miniatur, in der ursprünglichen wird der Ich-Erzähler viel ausführlicher beschrieben. Die habe ich aber eingedampft, weil ich das Gefühl hatte, dass die Kernaussage (oder das, was ich beschreiben wollte) dadurch schwächer wird. Vieles ist nicht erklärt, stimmt, ich wollte nicht von A bis Z jede Handlung und Motivation erklären, sondern einen atmosphärischen Ausschnitt festhalten und hatte gehofft, dass es so reicht. Ich warte mal ab, ob weitere Kritik das ebenfalls bemängelt. Die Hauptaussage des Textes möchte ich nicht groß selber interpretieren. Dich hat der Text nicht erreicht, das ist natürlich schade und mag an der Geschichte liegen. Trotzdem danke ich fürs Kommentieren.

Schönen Gruß

Shallow
 
Ich habe den Text als Parabel gelesen. Dementsprechend habe ich mich auch nicht an den von @marcm200 genannten fehlenden Details gestört, abgesehen von der unklaren Rolle den Erzählers. Je nachdem, ob er der Besitzer oder nur ein Angestellter des Kinos ist, verändert das für mich seine Rolle. Ist er in einer abgesicherten Machtposition, von der aus er durch die Wohltat auf eigenen Profit verzichtet oder riskiert er durch unerlaubtes Verhalten vielleicht den Verlust seines Jobs?
Die Kernaussage lese ich aber so, dass das Mädchen, obwohl sie bitterarm ist, darauf besteht, ihre "Schuld" mit allem was ihr zur Verfügung steht zu begleichen.

Im Winter würde ich ihr am liebsten einen Mantel kaufen.

Das ist der einzige Satz, an dem ich mich wirklich störe. Er wird m.m.n. nicht zur Charaktersisierung des Mädchens benötigt und hinterlässt bei mir nur die Frage: Wieso würde? Warum tut er es denn nicht?

SlG Eugen
 

Shallow

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Hallo @Eugen van Anders,

Die Kernaussage lese ich aber so, dass das Mädchen, obwohl sie bitterarm ist, darauf besteht, ihre "Schuld" mit allem was ihr zur Verfügung steht zu begleichen.

Ja, so war es intendiert.

Im Winter würde ich ihr am liebsten einen Mantel kaufen.
Das ist der einzige Satz, an dem ich mich wirklich störe. Er wird m.m.n. nicht zur Charaktersisierung des Mädchens benötigt und hinterlässt bei mir nur die Frage: Wieso würde? Warum tut er es denn nicht?


Ok, ich denke drüber nach. Zunächst verstärkt es möglicherweise schon die Charakterisierung (Armut), und es kann auch viele Gründe geben, warum er ihr keinen Mantel kauft. Vielleicht kennt er die Größe nicht, möglicherweise würde das Mädchen ablehnen, da gibt es ja keine Kommunikation. Ich bin noch nicht sicher.

Je nachdem, ob er der Besitzer oder nur ein Angestellter des Kinos ist, verändert das für mich seine Rolle. Ist er in einer abgesicherten Machtposition, von der aus er durch die Wohltat auf eigenen Profit verzichtet oder riskiert er durch unerlaubtes Verhalten vielleicht den Verlust seines Jobs?

Das, was du hier ansprichst, ist enorm wichtig. In meinem Kopf ist er Angestellter, riskiert also evtl. den Job. Eine großzügige Wohltat des Inhabers wäre anders gewichtet, hätte einen anderen Sound, da hast du völlig recht. Ich habe das im Text bereits in einem Nebensatz klargestellt. Vielen Dank für den Hinweis!

Deine Gedanken haben mich sehr gefreut, schönen Gruß von

Shallow
 

wirena

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Je nachdem, ob er der Besitzer oder nur ein Angestellter des Kinos ist, verändert das für mich seine Rolle. Ist er in einer abgesicherten Machtposition, von der aus er durch die Wohltat auf eigenen Profit verzichtet oder riskiert er durch unerlaubtes Verhalten vielleicht den Verlust seines Jobs?

Das, was du hier ansprichst, ist enorm wichtig. In meinem Kopf ist er Angestellter, riskiert also evtl. den Job.
Guten Abens Shallow: als Angestellter könnte er ja stillschweigend jeweils das Ticket aus seiner eigenen Tasche bezahlen - so würde die Kasse ja stimmen und sein Job m.E. nicht gefährdet - LG wirena
 



 
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