Nachruf

anemone

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„Mutter, du hast mal wieder sehr lecker gekocht“ schleimte er ihr etwas vor. Ja, er verstand etwas davon, er wusste, wie man es anstellen musste, damit sie alles für ihn hergab. Sie verwöhnte ihn gerne, lebte er doch nur noch alleine mit ihr in der Wohnung, die sein Vater im letzten Jahr verlassen hatte. Es ging sehr schnell: Ein Herzinfarkt und weg war er.

„Mutter, ich geh mal kurz einen trinken!“ auch diesen Satz kannte Erna genau und auch diesen Satz nahm sie ohne weiteres hin. Er war halt nicht ihr eigener Sohn, dieses Glück war ihr nie beschieden. Sie heiratete sehr spät und zwar einen Witwer mit zwei Söhnen, von denen der eine bereits verheiratet war.

Erna liebte in ihrer Jugend Leon. Was auch immer Schuld daran war, dass diese Liebe unerfüllt blieb, es mag die Zeit gewesen sein, denn es war Krieg oder die Tatsache, dass Leon nicht länger warten wollte und die Frau nahm, die von ihm ein Kind erwartete, Erna bekam ihn nicht, den Mann, den sie liebte. Es mag sein, dass er sie nicht so sehr liebte, doch ihr Herz gehörte immer ihm.

Ihr Stiefsohn der der zweite Mensch in ihrem Leben war, der sie bitter enttäuschte, ließ sie allein, nachdem er eine Frau gefunden hatte, wie gut, dass man im Alter vieles vergisst. War es noch wichtig? Erna hatte eine wunderbare Eigenschaft: Zufriedenheit. Nur wenige Menschen besitzen sie.
 

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