Hallo Zensis,
danke für deine Rückmeldung. Dass die Bildsprache für dich nicht aufgeht, nehme ich zur Kenntnis. Hilfreicher wäre für mich allerdings, wenn du ein oder zwei konkrete Stellen benennen und erläutern könntest, woran die Bilder für dich scheitern. Mit dem pauschalen Eindruck „zu viel gewollt“ kann ich literarisch nur wenig anfangen.
Liebe Grüße
Chandrika
Hallo Chandrika,
ich habe dich auf dieser Plattform zum ersten Mal gesehen und wusste nicht wie gern du Kritik ließt und in welchem Umfang, deshalb habe ich mich kurzgefast. Ich bin da aber grundsätzlich völlig auf deiner Seite, dass es hilfreich ist, wenn die Kritik weiter ausgearbeitet ist.
Über dem Café am Fluss
hängt die Markise,
vollgesogen mit dem Grau
versäumter Stunden.
Dieses erste Bild finde ich noch okay, weil es sich für mich hier noch erschließen lässt was gemeint sein könnte und wo der Gedanke herkommt. So wirklich passend oder anschaulich finde ich es aber dennoch nicht.
Das Laub klebt
auf den Tischen,
nasse Spielkarten
einer verlorenen Farbe.
Der Vergleich von Laubblättern zu Spielkarten erschließt sich mir nicht. Wer oder was spielt mit den Blättern? Im Zusammenhang mit Spielkarten verstehe ich was du meinst mit "einer verlorenen Farbe" und ich meine auch zu verstehen inwiefern du das mit Laub verbinden möchtest, weil dieses ja auch seine Farbe verliert, aber im Gesamten frage ich mich: warum sind die Blätter Spielkarten einer verlorenen Farbe? Es fehlt mir hier ein für wen oder für was. Wenn man es in Kontext mit dem Wind oder der Natur zum Beispiel setzen würde, fände ich das Bild gut, so finde ich es aber unvollständig bis hin zu unverständlich.
Unter der Brücke
schiebt der Fluss
sein zerknittertes Silber
vorbei.
Dieses Bild finde ich grundsätzlich auch okay, aber ich finde es einfach wenig passend. Bei Sonnenschein kann ein Fluss durchaus silbern scheinen, aber zerknittert hat für mich etwas mit Starre, Kanten, Ecken und Falten zutun. Diese Dinge verbinde ich nicht mit einem Fluss, der in der Regel runde und organische Formen hat. Das Schieben des Flusses finde ich auch schwierig, weil ich auch hier etwas starres unbelebtes mit assoziiere. Würde es hier um einen trägen, langsam fließenden Fluss gehn, sähe ich die Vermenschlichung als passend, so aber weniger.
Mit jeder Welle
wird der Nachmittag
um ein Geräusch
kälter.
Diese Strophe habe ich anfangs auch kritisch gesehen, weil sie für mich keinen Sinn ergab. Nachdem ich nun aber nochmal mehr darüber nachgedacht, gefällt sie mir eigentlich recht gut.
Die Stühle knarren,
als lösten sich im Nebel
die Taue
unsichtbarer Schiffe.
In den Tassen
sammelt sich Regen.
Die Leere zieht Kreise,
lautlos,
bis das Schweigen
zwischen den Stühlen
gerinnt.
Gegen Abend
sinkt die Markise.
Diesen Teil finde ich okay, aber so wirklich fruchten können die Bilder bei mir nicht (was natürlich auch an mir liegen kann).
Ein Blatt löst sich,
streift den Tisch,
das Pflaster,
erlischt im Fluss.
Diese Strophe finde ich vom Konzept her eigentlich schön, ich störe mich jedoch am erlischen im Fluss. Würde hier ein Blatt mit feurigen Farben beschrieben werden, könnte ich das Bild sehen, da ich dann die Farben erlischen sehen könnte. So geht es für mich aber nicht auf, da ich an ein trockenes Blatt denke, was in einen Fluss geweht wird und im Normalfall erstmal mitgetragen wird und allmählich nässer und nässer wird, bis es zu schwer wird und unter geht. Dieser Prozess hat für mich nichts mit erlischen zutun, weil dieses in der Regel etwas schnelles, graduelles und bestimmtes ist.
Zurück bleiben
die leeren Stühle
dem Wasser gegenüber,
zwischen ihnen
die nasse, metallene Weite
des Novembers.
Den Schluss finde ich grundsätzlich gut, nur mit der metallenen Weite weiß ich nicht sonderlich viel anzufangen. Soll sich das auf das Novembergrau beziehen? Wenn ja, kommt es bei mir persönlich nicht an, weil ich Metall nicht unbedingt mit Grau verbinde. Wenn es um das Material geht, das es kalt und hart ist, dann passt das kalte natürlich gut zum November, das harte aber weniger (also warum sollte die weite des Novembers hart wirken?).
Das wären also meine ausführlichen Gedanken zu deinem Gedicht. Es kann sein, das vieles von dem was ich geschrieben habe auf mangelnder Fantasie und Offenheit basiert, andere es also durchaus auch anders wahrnehmen könnten. Lyrik ist und bleibt etwas sehr subjektives. Vielleicht helfen dir meine Gedanken aber dennoch.
Liebe Grüße
Zensis