Nachts fliegen sie

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Anonym

Gast
„Du musst das übernehmen!“, sagte Hartmann.
„Es ist mitten in der Nacht“, entgegnete ich meinem Chef. „Sitze im Auto und bin gleich zu Hause.“
„Bitte, Ich habe hier niemanden, die Presse wird ein Riesenfass aufmachen!“
„Es geht um ein Mädchen, oder? Ein Kind! Dafür bin ich nicht ausgebildet, ist nicht mein Zirkus!“
„Es geht möglicherweise um Mord, Selbstmord, was weiß ich. Ein Mädchen ist verschwunden. Du hast zwanzig Minuten!“, sagte er und legte auf.
Ich fluchte und wendete.
Die Kleine saß verschreckt auf ihrem Stuhl, wenigstens hatten sie ihr eine Limonade besorgt. Draußen war es stockfinster, aber noch warm.
„Hallo, Freya“, begrüßte ich sie und hielt ihr die Hand hin. „Ich bin Emma.“
Sie reagierte nicht, sah mich nur mit großen Augen an. Es war stickig in dem Raum, ich stellte das Fenster auf Kipp.
„Hast du Hunger?“
Keine Antwort.
„Manchmal mag ich Süßes“, sagte ich und stellte Kekse auf den Tisch, nahm mir einen.
Ihre Augen verfolgten jede meiner Bewegungen, blieben an der Kekstüte hängen.
„Nimm ruhig, bevor ich die alle wegmache.“
Ich biss in einen Brownie.
„Lecker“, sagte ich.
Ihre kleinen Beine berührten den Boden nicht, die Schultern waren hochgezogen, die Hände stützten sich auf den Stuhlrahmen. Ich überflog die Seiten der Dokumentenmappe. Freya, fünf Jahre alt, ihr Vater aus dem dritten Stock gestürzt, tot, die elfjährige Schwester verschwunden. Die Mutter vor zwei Jahren an Krebs gestorben.
„Waren alle nett zu dir hier?“, fragte ich.
„Komme ich ins Gefängnis?“, fragte sie zurück.
„Natürlich nicht! Hast du schon mal gehört, dass Kinder ins Gefängnis gesteckt werden?“
Sie schien nicht überzeugt.
„Und wo komme ich dann hin?“
„Ganz ehrlich: Das weiß ich jetzt noch nicht genau, aber es wird gut sein. Hast du Verwandte? Opa und Oma vielleicht? Oder eine Tante?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Okay, dann kümmert sich das Jugendamt, das sind sehr nette Leute, die sind bestimmt gleich hier! Ich möchte dir aber vorher ein paar Fragen stellen, ja?“
Freyas Beine wippten hin und her, sie rutschte auf dem Stuhl nach vorn.
„Weißt du, wo deine Schwester ist?“
Kopfschütteln.
„Aber vorhin war deine Schwester noch da?“
„Ja.“
„Es tut mir sehr leid mit deinem Papa. Er ist aus dem Fenster gefallen, oder?“
Nicken.
„Wie ist das denn passiert?“
Schulterzucken. Sie gähnte.
„War dein Papa böse zu dir?“
„Nein.“
„Er hat dich nie geschlagen?“
„Manchmal.“
Freya hielt den Blick auf die Kekse gerichtet, ich schob sie in ihre Richtung. Sie angelte einen Brownie aus der knisternden Tüte.
„Warum hat er dich geschlagen?“
„Wenn ich frech war.“
„Deine Schwester auch?“
Sie nickte wieder.
„Wart ihr oft frech?“
„Nur abends“, sagte sie.
„Tagsüber nicht?“
„Da war er nicht da.“
„Was habt ihr denn Freches gemacht abends?“
„Wir haben nicht aufgegessen.“
„Das war alles?“
„Manchmal waren wir laut. Oder konnten nicht einschlafen, dann standen wir am Fenster.“
„Und dann kam euer Papa zu euch ins Kinderzimmer?“
Sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum.
„Kann ich mit zu dir kommen?“, fragte das Mädchen.
Ich schluckte, bin für sowas nicht ausgebildet. Psychologin ja, Kinderpsychotherapeutin nein. Mörder haben auch schlimme Geschichten, bei einigen hatte ich durchaus Mitleid. Wer keine Distanz aufbauen kann, ist unprofessionell. Ich kann das. Bei Erwachsenen.
„Das geht leider nicht“, sagte ich. Sie blickte auf den Boden, ihre Beine wippten und schlugen gegen die Stuhlbeine.
„Hör auf damit! Nur noch zwei, drei Fragen, dann lasse ich dich zufrieden: Dein Papa war bei euch im Zimmer. Was hat deine Schwester gemacht, wo ist sie hin?“
Sie fing zu weinen an.
„Wenn du deine Schwester wiedersehen möchtest, musst du mir antworten!“
Sie schlug die Kekstüte vom Tisch und strampelte weiter mit den Beinen.
„Die sehe ich sowieso wieder.“
Jetzt war ich überrascht, stand auf, sammelte die Kekse auf und stellte sie wieder auf den Tisch.
„Wirklich? Wann denn?“
Ich nahm ein Taschentuch, tupfte in ihrem Gesicht herum. Freya beruhigte sich etwas.
„Heute Nacht. Sie fliegt immer nachts.“
Meine Überraschung wich der Erkenntnis, wie schlimm es um sie stand.
„Ja, das ist gut“, sagte ich. „Fliegst du auch?“
„Ich durfte nicht. Ich bin zu jung. Aber bald.“
Sie wischte sich mit ihrem Ärmel über die Nase.
„Du hast erzählt, dass ihr nachts vor dem Fenster in eurem Kinderzimmer steht. Macht ihr dann immer das Fenster auf?“
Sie nickte. „Natürlich! Sonst kommt man doch nicht raus.“
„Und dein Papa wollte das nicht?“
„Er hat es verboten.“
„Gut“, sagte ich, obwohl gar nichts gut war. Wo blieben die Kollegen vom Jugendamt? Die Kleine musste dringend ins Bett, es war schon spät.
„Wie ist dein Papa aus dem Fenster gefallen? Hat er sich herausgelehnt, ist er gestolpert?“
„Ich will nach Hause!“, sagte sie.
Ich ging zu ihr und strich über ihre Haare.
„Du musst bald schlafen, es ist schon spät!“
„Ich muss aufs Klo“, sagte sie und zappelte unruhig auf ihrem Stuhl.
„Komm!“, sagte ich und streckte meine Hand aus, Freya ergriff sie. Wir gingen über den schmalen Flur, sie wich nicht von meiner Seite. Ich öffnete die Tür zum Toilettenraum und hielt sie offen.
„Ich warte hier“, sagte ich.
„Du musst hier stehen bleiben!“
„Ich gehe nicht weg“, beruhigte ich sie.
Als sie drin war, nahm ich mein Handy und rief meinen Chef an.
„Und?“, fragte der.
„Die Kleine ist aufgekratzt, aber völlig übermüdet. Sie muss ins Bett“, antwortete ich. „Was ist mit dem Jugendamt? Kommt da langsam mal jemand? Es ist verdammt spät!“
„Müssen jede Minute da sein“, sagte er. „Hast du was herausfinden können?“
„Der Alte war gewalttätig. Ich vermute, dass es ein Unfall war. Die Mädchen können einen Erwachsenen nicht aus dem Fenster geworfen haben. Die Kleine ist verstört, sie fantasiert. Ich komme da heute nicht mehr weiter, bin sowieso nicht die Richtige. Keine Ahnung, wo die Schwester ist.“
„Sie muss abgehauen sein. Unten lag nur die Leiche des Mannes. Vielleicht weiß die Kleine, wo ihre Schwester hingeht, wenn es Ärger gegeben hat. Irgendeinen Ort, den nur die beiden Mädchen kennen.“
„Sie ist weggeflogen“, sagte ich.
„Sehr witzig!“
„Die Kleine ist überfordert, in einer Ausnahmesituation! Sie hat ihren Vater verloren, egal, was das für ein Arschloch war. Ihre Schwester ist verschwunden. Sie ist ein kleines Kind!“
„Schon gut“, sagte er. „Wo ist sie jetzt?“
„Warte mal, bleib dran“, sagte ich und drückte die Tür zum Sanitärraum auf.
„Freya“, rief ich.
Keine Antwort.
Nochmal: „Freya!“
Ich stieß die Türen der drei Toiletten auf.
Leer.
Das Fenster weit offen.
„Nein!“, brüllte ich. „Hartmann, hilf mir!“
Ich stürzte zum Fenster, unten war nichts zu sehen, zu dunkel. Rannte zum Fahrstuhl, prügelte auf den Sensor, zu langsam, nahm die Treppe. Raste runter. Stolperte über die Stufen in den Hof. Ich keuchte, als ich auf dem gepflasterten Steinboden stand. Da lag niemand. Ich durchsuchte die Büsche an der Häuserwand. Nichts. Sah nach oben und konnte das offene erleuchtete Fenster sehen. Wenn sie gesprungen war, musste sie hier gelandet sein. Türen wurden aufgerissen, Security-Leute kamen durch die zwei Eingänge. Vier, fünf Uniformierte. Wir suchten jeden Zentimeter mit Taschenlampen ab, wir hätten einen Käfer gefunden. Es gab keinen.

Die Geschichte nähert sich ihrem Ende. Ich bin müde und mache es kurz: Weder Freya, noch ihre Schwester wurden gefunden. Die Presse fiel über die Polizei her, Hartmann hat es durchgestanden. Ich nicht. Ich habe gekündigt. Die Geschichte ist nicht gut, ich weiß das. Vor allem hätte ich gern einen anderen Schluss erzählt. Ob das Ende besser gewesen wäre, wenn ich mich anders verhalten hätte?
Ich dachte über ihren letzten Satz nach, als sie sagte, ich solle vor der Toilette stehen bleiben. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob sie wollte, dass ich nicht wegging. Oder, dass ich nicht reinkam.
Manchmal kann ich nachts nicht schlafen, stehe am offenen Fenster, sehe in die Dunkelheit und frage mich, ob sie dort wohl fliegen. Ich weiß, was Sie denken. Ich habe dasselbe gedacht. Aber ich habe sie gesehen.
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Zuletzt bearbeitet:
Spannend geschrieben. Zwar frage ich mich, ob Emma eine Polizistin ist und wenn, warum Hartmann, offenbar auch ein Polizist, das dann nicht selber übernehmen konnte. Ist aber nicht so wichtig.

„Wenn du deine Schwester wiedersehen möchtest, musst du mir antworten!“
Sie schlug die Kekstüte vom Tisch und strampelte weiter mit den Beinen.
„Die sehe ich sowieso wieder.“
Jetzt war ich überrascht, stand auf, sammelte die Kekse auf und stellte sie wieder auf den Tisch.
„Wirklich? Wann denn?“
Ich nahm ein Taschentuch, tupfte in ihrem Gesicht herum. Freya beruhigte sich etwas.
„Heute Nacht. Sie fliegt immer nachts.“
Hier dachte ich, die Kleine meint, die Schwester ist ein Engel.

Meine Überraschung wich der Erkenntnis, wie schlimm es um sie stand.
Das heißt, Emma meint, die Kleine ist psychisch krank? Kann man nach einem so kurzen Gespräch nicht beurteilen. Zudem ist Emma ja keine Psychologin, oder ist sie vom psychologischen Dienst? Darauf hätte ich gerne einen Hinweis gehabt.

Also: Die Geschichte hat durchaus Potenzial, könnte aber noch besser ausgearbeitet werden.

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 



 
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