Nachtwanderung

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Tula

Mitglied
Nachtwanderung

plötzlich erinnere ich mich an
Hühnergötter, in der Zeit der Kreide-
felsen war das Glück noch zum Greifen nah

sehnsüchtig schaue ich Jahre aufs Meer und
schlage mich dann landeinwärts; auf meiner
Via Appia leuchten mir in regelmäßigen Abständen
Karfunkel den Weg, beurkundet und mit
Beweisfoto in Polaroid

stolz stecke ich mir einige ein und schreite voran;
in der Ferne spiegeln sich fremde Städte; neugierig
berechne ich die Umwege und entschließe mich
für später

ich beschleunige meinen Schritt und zähle bald
die Steine nicht mehr; die flache Landschaft ist voll davon,
wirkt seltsam ausgewaschen; beklommen ahne ich:
hier muss einmal Meer gewesen sein

allmählich sinken alle Farben; letzte Schatten
gähnen gelangweilt vor sich hin und in
meiner Manteltasche scheppert der Kiesel

die Straße gräbt sich in den Nebel; immer deutlicher
vernehme ich es, jetzt gerade – hinter der Wand –

schlägt es drei
 
Hallo Tula,

dein Zeilen gefällt mir sehr gut - bin Hühnergöttervergötterer, nehme sie oft als Glücksbringer von meinen Fünentrips mit ...

Gruß,
Artbeck
 

blackout

Mitglied
Hühnergötter, ja, die haben wir als Kinder auch gesammelt. Und sie dann, weil wir mit ihnen nichts anfangen konnten, irgendwann in den Müll geworfen. Seltsam, dass man die Gewohnheit selbst als Erwachsener nicht aufgeben kann, irgendwas Unerklärliches ist da in uns, das uns zwingt, uns zu bücken und aufzuheben, was das Meer ans Ufer gespült hat, so eine Verbindung zwischen einst und jetzt suchend, den Beweis in der Hand haltend.

Zitat:
allmählich sinken alle Farben; letzte Schatten
gähnen gelangweilt vor sich hin und in
meiner Manteltasche scheppert der Kiesel

Hier schlage ich vor "gelangweilt vor sich hin" zu streichen. Das kommt zu dick rüber. Gähnen drückt doch schon Langeweile aus.
Und ein "scheppernder" Kiesel ist mir auch nicht verständlich. Der Hühnergott ist kein Kiesel, und einer allein scheppert er auch nicht. Wobei mir auch "scheppern" nicht das Richtige ist. Sieh dir das noch mal an, für mich ist dieser Absatz nicht ganz logisch.

Gruß, blackout
 
G

Gelöschtes Mitglied 21263

Gast
Ich könnte mir das Gedicht in seinem inneren Lauf etwas kürzer, kompakter vorstellen. Sein Stimmungsbild ist aber überzeugend.
auf meiner Via Appia - da hast uns allen einen wunderbaren Weg aufgetan, Tula! Danke!

Jedoch - in meiner Kindheit muss was schiefgelaufen sein: Ich weiß nicht, was Hühnergötter sind, wirklich!

Fritz
 

Tula

Mitglied
Guten Morgen in die Runde

Vielen Dank euch allen, der rege Zuspruch erfreut mich ungemein.
Zur Erklärung der von blackout angesprochenen Stellen: Insgesamt natürlich ein Rückblick, ein nächtliches vor-sich-hin Grübeln, einige Zweifel, ob man wirklich alles richtig gemacht hat. Die Benutzung der Steine als Sinnbilder wirkt hoffentlich nicht aufdringlich. Der Kiesell steht für 'wertlos' und bezieht sich auf die unbemerkte Verwandlung der gesammelten Karfunkel weiter oben im Gedicht. Die einst wichtigen Trophäen sind nun fast ohne Bedeutung.
Die gähnenden Schatten sind Ausdruck für den sich anbahnenden Lebensabend, die Nebel aufkeimene Ängste. Man braucht Mut fürs Altern, ich weiß ...

Dankend liebend Gruß
Tula
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
...allmählich sinken alle Farben; letzte Schatten gähnen gelangweilt vor sich hin

Gefällt mir besonders gut!
 
G

Gelöschtes Mitglied 21263

Gast
Wieso antwortet mir niemand?
Noch mal: Wer/was sind Hühnergötter?

Hm ...
 

Tula

Mitglied
Sorry Fritz
Hühnergöttersteine sind Feuersteine, die im Laufe der Zeiten von Wind und Wasser so "bearbeitet" wurden, dass sie Löcher bekommen haben.
Du findest sie am Ostseestrand und gelten als Glücksbringer. Sie sind nicht leicht zu finden, aber doch viel leichter als Donnerkeile und Bernstein.
Auch sie sind hier symbolisch, Kreide- steht hier ebenso für etwas Vergangenes. Wenn auch nicht direkt vor den Kreidefelsen auf Rügen, war ich jedes Jahr im Ferienlager auf Usedom, Trassenheide. Und wir suchten und fanden sie, waren unter uns Kindern sogar Tauschobjekt.

Hühnergötter

LG
Tula
 
Zuletzt bearbeitet:
G

Gelöschtes Mitglied 21263

Gast
Danke, Tula. Otto hat mich bereits über Unterhaltung aufgeklärt.
Jetzt bin ich im Bilde ... und schüttele immer noch den Kopf!

Schönes Wochenende!
F.
 

Franke

Mitglied
allmählich sinken alle Farben; letzte Schatten
gähnen gelangweilt vor sich hin und in
meiner Manteltasche scheppert der Kiesel
Hallo Tula,

das ist ein wunderbares Gedicht.
Anscheinend spuken uns gerade die Kiesel im Kopf herum, wenn wir Rückblick halten.
Sehr gerne gelesen!

Liebe Grüße
Manfred
 

Tula

Mitglied
Moin Manfred
In der Tat bin ich ein Erinnerungsmensch und denke gern zurück. Schmerzend hin und wieder ist das 'sich-aus-den-Augen-verlieren' der anderen, da war so mancher Smaragd dabei, den gern wiederfinden würde.

Dankend lieben Gruß
Tula
 

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