Nächtliche Flucht

Petronius

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Draußen war es noch dunkel, als er die Augen aufschlug. Er sah hinüber zum Wecker, die roten Leuchtziffern zeigten 2:30 Uhr. Keine Zeit mehr zu verlieren.

Durch das Schlafzimmerfenster links neben dem Bett drang schwach der Schein der Straßenlaternen, die unten am Hafen die ganze Nacht über brannten und vereinzelten Liebespaaren, späten Spaziergängern oder verirrten Betrunkenen den Heimweg weisen mochten. Vermutlich würden sie alle bald schlafen gehen, mit sich und der Welt zufrieden, und den folgenden Tag einfach als Fortsetzung des heutigen begehen. Für Roman Bugalski jedoch galt das nicht, für ihn war die Nacht schon vorbei, bevor sie für die Nachtschwärmer richtig begonnen hatte.

Kaum erwacht, ließ er seinen Blick im Raum umherwandern, versuchte einzelne Gegenstände zu erfassen und sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, so gut es eben ging. An der Stirnwand vor dem Bett erkannte er nach und nach die Umrisse des wuchtigen Kleiderschranks, davor die beiden Korbsessel mit dem zierlichen Glastisch dazwischen, auf dem noch die Rotweingläser von gestern Abend standen. Sein Blick fiel auf die offene Zimmertür, hinter der sich der dunkle Hausflur auftat. Wie ein schwarzes Loch, in dem sich alles Mögliche verbergen mochte. Er zögerte einen Moment und drehte sich dann sachte auf die rechte Seite.

Dort lag Julia in tiefem Schlaf versunken, ruhig und gleichmäßig atmend. Gedankenverloren betrachtete er ihr Gesicht, ihr offenes, dunkelbraunes Haar, das über das Kopfkissen floss, die unbedeckten Schultern, ihre Brüste, die sich unter der Bettdecke abzeichneten. Er war versucht, sie noch einmal in die Arme zu nehmen und an ihrer Seite wieder einzuschlafen. Dann hätte sie ihn morgen früh wachgeküsst, ihm den ersten Kaffee ans Bett gebracht, ihn schelmisch angelacht und ihm dann vielleicht ins Ohr gesäuselt „Weißt du, wir könnten doch wieder mit dem Boot hinausfahren, ‘rüber zur Felseninsel, schwimmen, picknicken, sonnenbaden, das magst du doch immer so gern…“ Ja, das mochte er, sehr sogar. Mehr aber mochte er die Art, wie sie es sagte, die Lebensfreude, die sich in ihren Tonfall ausdrückte, dafür liebte er sie.

Wenn sie durch die Wohnung wirbelte und ihm atemlos erzählte, wen sie gerade auf dem Gemüsemarkt in der Altstadt getroffen hatte, wie man die Zimmer durch ein neues Möbel hier und ein paar Pflanzen dort verschönern könnte, oder wenn sie ihm verschlug, man könnte doch wieder einmal zu Luigi gehen, des vorzüglichen Roten und der ausgezeichneten hausgemachten Pasta wegen, und wenn sie dazu noch übermütig lachte, als ob das Leben gar nicht anders könnte als gut zu ihr sein, dann hätte er gerne vergessen, warum er mit eigentlich mit ihr zusammen war. Denn der ursprüngliche Grund hatte mit Liebe wenig zu tun, aber sehr viel damit, warum er sich zu dieser frühen Stunde wie ein Dieb aus Dem Haus schleichen musste und nicht bei ihr bleiben konnte.

Daran musste er jetzt denken und konnte doch nicht aufhören, sie zu betrachten, abermals hingerissen von dem feinen Lächeln, das ihre Lippen immer dann umspielte, wenn sie glücklich war, sich sicher und geborgen fühlte, dieses Lächeln, das ihn so bezauberte und bei dessen Anblick sich ihm jetzt die Kehle zusammenschnürte. Er spürte, wie das schlechte Gewissen sich immer deutlicher bemerkbar zu machen begann, sich von Minute zu Minute tiefer in seine Gedanken und Gefühle fraß.

„Was für ein Idiot bin ich doch, dass ich mich in diese Lage gebracht habe, und sie noch dazu“, dachte er sich. An vieles hatte er gedacht, aber nicht an die Möglichkeit sich in Julia ernsthaft zu verlieben. So war die Sache nicht gedacht gewesen. Für seine Pläne hätte es doch völlig genügt, dass sie sich in ihn verliebt hätte. Jetzt war es müßig, darüber weiter nachzudenken, denn es war anders gekommen. Jetzt blieb ihm keine Wahl mehr, er musste von hier verschwinden, und das möglichst schnell und unbemerkt. Er schlug die Bettdecke zurück, setzte sich mit einer fließenden Bewegung auf den Bettrand, stand auf und schlich zu dem Sessel, auf dem er gestern Abend seine Sachen abgelegt hatte: T-Shirt, Unterhose, Hemd, Socken, Schuhe und Jacke. Er prüfte gewissenhaft, ob nichts fehlte, nahm dann vorsichtig ein Stück nach dem anderen vom Stuhl und zog er sich an. Als er fertig war, erschrak er, denn die Gestalt im Bett drehte sich herum, murmelte irgendetwas Unverständliches und stieß einen langen Seufzer aus. Einen Moment dachte er, sie wäre aufgewacht und er horchte in die Dunkelheit hinein, weil er ihr Gesicht nicht mehr deutlich sehen konnte. Aber nach einer Weile beruhigte er sich wieder, denn sie atmete genauso tief entspannt wie vorher.

Jetzt kam der wohl schwierigste Teil. Langsam nahm er den Schlüsselbund vom Nachttisch, umschloss ihn fest mit der ganzen Hand, um keinen Lärm zu machen und ging dann auf Zehenspitzen bis zur Zimmertür. Dort drehte sich noch einmal nach der Schlafenden um, und zögerte einen Moment, als überlegte er, was er vergessen hätte. Dann zog er hastig einen Brief aus seiner Jackentasche, schlich zurück zum Bett und legte ihn auf ihren Nachttisch. Der Brief würde ihr die Gründe für sein Verschwinden erklären und hoffentlich, das war das allerwichtigste, den Verdacht von ihm ablenken. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Er durchquerte das „schwarze Loch“ und war in wenigen Schritten an der Haustür. Sie war abgeschlossen, also steckte er behutsam den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn so langsam herum, dass die Bewegung praktisch nicht zu hören war. Er öffnete die Tür und steckte den Schlüssel von der auch anderen Seite ins Schloss und drehte ihn um, damit er die lautlos schließen konnte.

Endlich trat er ins Freie. Die frische frühmorgendliche Meeresbrise tat ihm gut, wehte ihm ins Gesicht und zerzauste sein Haar. Endlich wieder klar denken. Er atmete tief ein und lief dann die kurze Treppe vor dem Haus herunter, die unten auf den Parkplatz führte. Dort stand sein alter graublauer Chevrolet, massig und eindrucksvoll, wie ein gestrandeter Wal. Er öffnete die Fahrertür, stieg ein und versuchte, den Motor anzulassen. Nur das Wimmern des Anlassers ertönte. Ihm wurde heiß und kalt, er spürte, wie der Schweiß sich auf seiner Stirn ausbreitete. Noch einmal, zweimal wieder nichts. Er merkte, wie die Batterie mit jedem Versuch ein bisschen schwächer wurde. „Verdammt noch mal, jetzt spring‘ doch endlich an, du alte Karre!“, fluchte er schließlich entnervt. Noch ein Versuch und Endlich die Erlösung. Anfangs stotterte der mächtige Achtzylinder und verschluckte sich. Das legte sich schnell, nachdem er ein paarmal herzhaft aufs Gaspedal getreten hatte. Ein kurzes, zorniges Fauchen, dann fiel die große Maschine in einen stabilen Leerlauf und brabbelte dumpf und zufrieden vor sich hin. Bugalski atmete entspannt auf, legte den Wählhebel der Automatik auf „D“ und rollte dann fast lautlos die enge Straße herunter. Keiner hatte ihn wegfahren sehen. Genau 3:00 Uhr morgens war es jetzt und er war gut im Zeitplan.
 

marcm200

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Ist dies Teil einer viel längeren Geschichte, und es werden noch weitere Teile folgen? Das Ende kommt ja absolut abrupt.

Es liest sich flüssig, auch ein wenig spannend. Als Kapitel einer langen Story passend, als Einzelgeschichte aber m.E. nicht, da weder geklärt wird, warum der Protagonist sich an die Frau (undercover? Verbrecher?) herangemacht hat, noch, warum er ausgerechnet jetzt flieht ("Verdacht ablenken" - wovon?)

In der zweiten Hälfte haben sich ein paar Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen ("ihm verschlug", " warum er mit eigentlich mit ihr", "und zog er sich an"), "Hand, um keinen Lärm zu machen KOMMA und ging", "Dort drehte sich", "von der auch anderen Seite", "damit er die lautlos")

"dann" kommt sehr häufig vor. Vielleicht lassen sich ein paar entfernen, wenn klar ist, dass Handlungen linear aufeinander folgen.

Insgesamt hat es neugierig gemacht auf die Vorgeschichte, und wie es weitergeht.
 



 
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