Nagelschere

Kyra

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Fasziniert beobachtete ich wie meine Mutter die Spitze der Nagelschere langsam in die zarte Haut ihres linken Handgelenks stach.
Es hatte vorher einen kurzen, harten Streit gegeben, als meine Mutter meiner Urgroßmutter erklärte, ich dürfe ihr jetzt zusehen, wie sie sich die Pulsadern aufschneidet.
Ich war fünf und ich wusste, dass meine Mutter sich ab und zu an den Pulsadern herumschnitt. Bisher kannte ich nur die Verbände und Narben, darum fühlte ich mich auch sehr erwachsen und wichtig, dabei zusehen zu dürfen.
Meine Urgroßmutter hatte sich allerdings schrecklich aufgeregt und wollte es verbieten. Sie standen sich beide in der Diele gegenüber, ich stand ungeduldig zwischen ihnen während sie sich anschrieen. Eigentlich gehorchte ich meiner Urgroßmutter, aber die Aussicht auf so etwas Spannendes wollte ich mir auch nicht entgehen lassen. Ich hörte dem Streit nicht genau zu, das Stakkato der Sätze wiederholte sich, ich versuchte es nicht in meinen Kopf dringen zu lassen. „Du verdirbst das Kind“, hörte ich die tiefe Stimme meiner Urgroßmutter. „Sie kann es ruhig mal sehen“ schrie meine Mutter, ihre weiche Stimme wurde zum Diskant. Mir tuschelte sie verschwörerisch zu „wenn Du jetzt nicht mitkommst, zeige ich dir das nie wieder“. Ich zupfte am schwarzen Rock meiner Urgroßmutter und bettelte unterwürfig „Ach, bitte, nur das eine mal“. Als sie zu mir herunter sah, hatte sie ein wutrotes Gesicht und schüttelte verständnislos den Kopf. Ich wusste, dass sie sich fast mehr über meine demütige Bettelei ärgerte, als über meine Mutter. Dabei hatte mich ihre, vor Zorn zitternde Hand die ganze Zeit an der Schulter festgehalten. Inzwischen hatte meine Mutter mich an der Hand gefasst und zog mich sanft in Richtung ihres Zimmers. Die Hand löste sich von meiner Schulter, und ich ließ mich von meiner Mutter ziehen. Bevor wir die Zimmertür schlossen, hatte mich meine Urgroßmutter noch einmal zu sich gerufen. Ich wollte nicht zu ihr gehen, weil ich befürchtete, sie würde mich dann nicht mehr weglassen. Aber sie versprach mir, nur noch was mitteilen zu wollen. Schnell lief ich hin, sie beugte sich zu mir und flüsterte „sag deiner Mutter, dass du es langweilig findest“. Rasch versprach ich das und rannte ins Zimmer meiner Mutter. Sie hatte an der Tür gewartet, ließ mich herein und schloss zweimal ab.
Sie hatte sich feierlich an den Teetisch mit den japanischen Kacheln gesetzt und mir gesagt ich solle gegenüber stehen bleiben.
Nachdem sie erst versucht hatte ihren engen Pulloverärmel hochzuschieben, hatte sie sich doch entschlossen den Pullover auszuziehen. Jetzt saß sie in BH und Rock vor mir und nahm andächtig die Nagelschere in die rechte Hand. Ich hatte diese Schere noch nie gemocht, mit diesem Instrument wurden mir immer die Nägel geschnitten, so kurz, dass es manchmal weh tat. Es war wohl auch eher eine Hautschere, vorne sehr spitz, ganz anders als die kräftige Nagelschere meiner Urgroßmutter, mit denen sie sich immer ihre unglaublich dicken Fußnägel abschnitt.
Meine Mutter legte den linken Unterarm auf die Kacheln mit den Kimonodamen, die Hand zu einer lockeren Faust geschlossen. Weil der Tisch so niedrig war musste sie sich weit vorbeugen. Damit ich besser sehen konnte, hatte sie diese niedrige Bühne für ihre Darbietung gewählt.
Die Schere war geöffnet, meine Mutter musste kräftig drücken um durch ihre junge Haut zu dringen. Ich sah wie die linke Hand zuckte, als wolle sie vor diesen immer wiederkehrenden Quälereien fliehen. Schnell bedeckte Blut das Narbenarmband an ihrem Handgelenk. Die Narben liefen quer, manche lagen über alten Weißverblichenen, frisch und dunkelrosa. Da meine Mutter anschließend immer ins Krankenhaus ging, um sich ihre Schnitte nähen zu lassen, gab es auch die kleinen Abzeichen der Nähte, die wie Stacheldraht ihre Handgelenke verzierten.
Nachdem die Spitze der Schere eingedrungen war, versuchte sie die Blätter zu schließen. Aber das war nicht so einfach zu vollbringen, das Fleisch widersetzte sich zäh und sie musste immer wieder nachstochern.
Ich hatte noch nie Probleme Blut zu sehen, eine meiner frühesten Erinnerungen ist, wie ich in der Küche auf dem Topf sitze und mit den Innereinen eines Huhns spiele.
Mich hatte immer interessiert wie die Dinge von innen aussehen. Das galt für den Wecker, das Radio genauso wie für meinen Wellensittich, den ich nach seinem Tod auch aufgeschnitten hatte, ebenso die Fische, wenn sie tot im Aquarium schwammen, den hellen Bauch schutzlos nach oben,
Während meine Mutter weiter schnitt, trat ich einen kleinen Schritt von der Tischkante zurück, an die ich mich gelehnt hatte, um nichts zu verpassen. Jetzt wo das Blut heftiger zu fließen begann und sich die Fugen zwischen den Kacheln als Flusslauf den Weg in meine Richtung suchten, bekam ich Sorge um mein schönes Hemd.
Ich hatte gestern ein weißes Russenhemd bekommen. Meine Urgroßmutter nähte sie mir selbst, aus feinem Leinen, mit bunt bestickten Bordüren.
Ich beobachtete den sich ausbreitenden See, mir gefiel dieses intensive, dichte und glänzende Rot. Da meine Mutter ihren Kopf tief über ihr Werk gesenkt hatte und ich mich nicht beobachtet fühlte, steckte ich schlechten Gewissens den Zeigefinger in das Blut. Ihr Blick traf mich in dem Augenblick, als ich an meinem Finger roch. Der Geruch war enttäuschend, es roch völlig anders, als die Farbe auf mich wirkte, schwach und matt.
Da meine Mutter malte, wenn sie eine ihrer wenigen Alkoholfreien Zeiten hatte, liebte ich den kräftigen Geruch von Ölfarbe und Terpentin. Schnell versteckte ich meine Hände hinter meinem Rücken, den blutigen Finger abgespreizt, und konzentrierte mich wieder auf ihre Wunde.
Sie hatte inzwischen weiter gearbeitet, obwohl es schwer war etwas in dem blutigen Fleisch zu erkennen, merkte ich doch, daß es Probleme bei den Sehnen gab. Die ließen sich von einer Nagelschere weder durchtrennen, noch schien meine Mutter tiefer in die Wunde eindringen zu können. Ich hatte etwas spektakuläreres erwartet, zumindest spritzendes Blut und vielleicht ihren Tod, aber ich fühlte, das verbissenen Stochern würde einfach nur eine Weile weitergehen. Ich kannte das aus meiner eigenen Erfahrung, wenn ich versuchte eine Tüte eingeschweißter Nüsse zu öffnen und erfolglos an der festen Packung riss, oder versuchte eine zu fest zugedrehte Flasche zu öffnen. Entweder konnte ich etwas schnell öffnen, oder ich musste einen Erwachsenen um Hilfe bitten. Meine Mutter konnte niemanden um Hilfe bitten.
Also konnte ich jetzt getrost das Versprechen einlösen, was ich meiner Urgroßmutter gegeben hatte. Ich trat wie ein Schauspieler, einige Schritte zurück um aus der Mitte des Raumes feierlich zu verkünden „Ich finde das langweilig“. Dann ging ich erhobenen Hauptes zur Tür, schloss sie auf und verließ meine Mutter. Ihr „Geh jetzt nicht, bitte!“ überhörte ich hochmütig. Für eine Fünfjährige war das sicher ein starker Abgang, aber das theatralische wurde bei uns zu Hause sehr gepflegt. Ich war zufrieden, was ich sehen wollte hatte ich gesehen und meiner Urgroßmutter trotzdem die Treue gehalten. Schnell lief ich zu ihr um ihr alles zu berichten, natürlich mit Betonung auf das Ende. Ich wurde verlege, als sie meinen roten Finger bemerkte. Aber sie schloß nur daraus, daß meine verrückte Mutter mich gezwungen hat ihr Blut anzufassen. Ich wusste, diese eine Verrücktheit mehr, würde nichts am Urteil meiner Urgroßmutter ändern. Sie hatte sich innerlich damit abgefunden meine Mutter immer weiter entgleisen zu sehen. Sie hatte nur noch Sorge um mich, was würde aus mir wenn sie stürbe? Manchmal weinte sie um meine Mutter, gab sich die Schuld an ihrem Untergang. Meine Mutter war schwach, verführerisch und verführbar – meiner Urgroßmutter waren diese Eigenschaften sehr fremd. Vor allem Schwäche verachtete sie, musste sie doch in ihrem Leben immer stark sein und Verantwortung übernehmen. Sie hatte ohne fremde Hilfe zwei Generationen durch eine Revolution und zwei Weltkriege geführt. Ich ließ mir immer wieder die Geschichten der Vertreibungen erzählen, von den übervollen Zügen, den Männern die auf den Wagondächern und Puffern fuhren, von den gefährlichen russischen Waisenkinderbanden, die schließlich alle zusammengetrieben und erschossen wurden, von der Not, der Gefahr und den Lagern. Es waren für mich schaurige Märchen. Meine Mutter war in solchen Lagern aufgewachsen. Dort hatte sie, als junges Mädchen, ihre Wirkung auf Männer erprobt und ausnützen gelernt. Wenn meine Mutter mir über die Flüchtlingslager erzählte, schienen sie ein wildes Fest gewesen zu sein. Mir waren die märchenhaften Schilderungen von Not, Leid und unerwarteter Rettung lieber.


Meine Mutter hatte mir ihre Wunde gezeigt um mein Mitleid erwecken. Sie wollte dass ich ihre Todessucht sehe und sich an mein Kindeleben klammern, aber ich wollte diese blutige Umarmung nicht.
Ich hatte mich schon mindestens ein halbes Jahr vorher gegen sie entschieden.
Meine Mutter war ein Stück Treibholz, bisweilen fröhlich wie ein Kind auf den Wellen tanzend – aber in den langen Zeiten der Ebbe morsch und ohne Substanz.
Nie konnte ich einschätzen wodurch diese Umschwünge kamen, ich wusste nur sie trank dann sehr viel. Ihr Versprechen damit aufzuhören hatte sie schon zu oft gebrochen, für mich war sie nur noch ein uneinschätzbares, drohendes Unheil.
Zu diesem Zeitpunkt hätte vor meinen Augen sterben können, ich hätte nicht versucht sie zu retten – sie hatte nie verstanden wie konsequent Kinder sein können.
Meine größte Angst war mit ihr alleine weiterzuleben zu müssen, so betete ich jeden Abend, dass meine Urgrossmutter noch sehr lange leben möge.

Für mich war meine Mutter an einem schönen Sommernachmittag gestorben, ich bin kaum vier Jahre alt gewesen.
Dieser Tag fing so schön an, ich fuhr mit meiner Mutter auf meinem Kinderroller durch die Stadt, sie stand hinter mir und stieß sich viel stärker ab, als ich es konnte – ich liebte das Tempo. Wir rasten zwischen den Fußgängern dahin und ich war glücklich und stolz.
Wir waren, wie so oft, zum Leihhaus unterwegs. Sie wollte ihre Armbanduhr und
eine alte Kette mit orthodoxem Kreuz versetzten. Es war ein langer, wunderbarer Weg, an der Isar entlang, später auf breiten Bürgersteigen Richtung Bahnhof. Wenn wir das Geld erhielten, würde ich aus einem Automaten eine Packung Peez bekommen, vielleicht auch noch ein paar Pfennigkaugummis aus der Bäckerei.
Meine Mutter bekam das Geld, und wir rollten weiter durch das Bahnhofsviertel, leider gab es hier keine Süßigkeitenautomaten. Hier wurde nur an die Bedürfnisse von Erwachsenen gedacht, Zigaretten, Nylonstrümpfe, der einzige Kaugummiautomat war aufgebrochen und leer. Etwas enttäuscht war ich schon, aber diese Ausflüge mit meiner Mutter waren so schön. Sie war wie ein Kind, übermütig und unvernünftig, meine Freundin. Meine Hände innen am Lenker, von ihren lenkenden Armen umfangen, fühlte ich sie dicht an meinem Rücken. Ich fühlte mich geborgen.
Neugierig sah ich die auffällig herausgeputzten Frauen vor den dunklen, kleinen Lokalen an. Ich versuchte auch immer in das geheimnisvolle Innere zusehen, aber entweder war es drinnen so finster, daß ich nichts erkennen konnte, oder Vorhänge aus rotem Samt oder bunten Perlen versperrten mir die Sicht. Meine Mutter hielt vor einem unscheinbaren Eingang. Ich brauchte nicht mal abzusteigen, sie schob mich mitsamt Roller in einen rauchigen, kleinen Raum. Hier gab es nur niedrige Tische mit dicken Sitzkissen davor auf denen fremd aussehende Männer saßen.
Afrikaner kannte ich, sie waren oft bei uns zu Besuch. Diese hier waren sahen anders aus, manche trugen bunte Mützchen, viele waren älter und hatten graue Bärte, aber einige jüngere Männer waren auch dazwischen. Sie hatten eine dunkle, sonnengebräunte Haut. Die Gesichter der alten Männer waren mit kleinen Runzeln und Falten übersäht, nicht tief aber so dicht wie bei meinen Schildkröten.
Die meisten saßen entspannt auf den Lederkissen und tranken aus kleinen Gläsern Tee und spielten Karten. Nur einer der jungen Männer hatte ein Bierglas vor sich. Alle wurden still als wir den Raum betraten. Meine Mutter grüßte unbefangen, lehnte den Roller neben die Toilettentür und setzte sich neben den Mann mit dem Bier.
Mir war es unangenehm, dass keine andere Frau im Raum, ich hatte das Gefühl, daß wir störten. Es blieb eine ganze Weile ruhig und wir wurden von Allen unverhohlen angestarrt. Die Stimmung löste sich etwas, als meine Mutter mit fröhlichem Lachen auf das Bier deutete und fragte ob sie einen Schluck haben könnte. Der junge Mann bestellte ihr ein Bier und mir ein merkwürdiges Getränk. Es sprudelte nicht wie Limo und war schrecklich süß. Da ich aber Durst hatte, bedankte ich mich mit einem Knicks und trank es.
Die Männer die an anderen Tischen gesessen hatten rückten langsam näher an meine Mutter heran. Ich blieb ganz dicht neben ihr stehen, obwohl ich fühlte, daß ich ihnen im Weg stand. Meine Mutter trank so schnell sie konnte die vielen Biergläser leer, die immer wieder vor ihr standen, nicht weil sie es eilig hatte zu gehen, sie trank nur nicht gerne abgestandenes Bier.
Mir war langweilig und beklommen zugleich. Ich konnte den unbekannten Geruch der Männer riechen, einer versuchte mich unauffällig zur Seite zu schieben, aber ich hielt mich an meiner Mutter fest. Von meiner Seite beschützte ich sie so gut ich konnte, allerdings schien sie keinen großen Wert darauf zu legen. Der junge Mann hatte bereits den Arm um ihre Schulter gelegt und als sie über eine Bemerkung von ihm lachte, ließ sie sich in seinen Arm ziehen. Bis auf einen alten Mann der stumm zusah und verständnislos lächelte, sprachen sie alle ein schwer verständliches Deutsch mit meiner Mutter. Wenn sie miteinander sprachen und anschließend grinsend auf meine Mutter sahen, sprachen sie in einer fremden Sprache, aber ich fühlte daß ein Unheil immer enger zusammenzog. Diese Männer waren zu einem Geschöpf verschmolzen, das meine Mutter verschlingen wollte.
Meine Mutter war inzwischen zu betrunken um die Gefahr zu merken. Immer wieder hatte ich an ihrem hochgerutschten Rock gezupft, sie leicht angestoßen und gebettelt, daß wir gehen sollten. Sie beachtete mich kaum und sagte nur immer wieder, sie wolle auch gleich gehen, nur noch fünf Minuten soll ich ruhig sein und mich gedulden.
Ich hatte keine Vorstellung davon was passieren, könnte, aber etwas Schreckliches kam immer näher, das fühlte ich. Eingezwängt zwischen den Männern und dem Tischchen, machte ich den einzigen Befreiungsschlag den ich konnte. In meiner Hilflosigkeit und Angst fing an laut zu weinen. Ich hoffte das mich die Erwachsenen beachten würden. Als ich merkte, dass der erstickende Ring um uns sich lockerte, fing ich an laut zu brüllen. Die Wirkung war für mich erstaunlich, einer der Männer rannte zur Tür um nach draussen zu sehen, andere versuchten mich mit Süßigkeiten zu beruhigen. Aber ich zerrte heulend an meiner Mutter, bis die Männer ihre protestierende und schwankende Gestalt samt mir und Roller auf den sonnigen Bürgersteig geschoben hatten.
Der Rückweg war traurig, nachdem wir einmal umgekippt waren, gab meine Mutter schnell den Versuch auf, mit dem Roller zu fahren. Sie konnte kaum einen Schritt machen, ohne sich an einer Hauswand abzustützen. Jetzt musste ich selber treten, sie wankte schimpfend neben mir her, jeden Spaß würde ich ihr verderben.
Ich wurde schnell müde und wollte nicht mehr weiter. Es dauerte lange, bis meine Mutter ein Taxi fand, was bereit war eine Betrunkene mit Kind und Roller mitzunehmen.
Zuhause angekommen, nahm sie mich mit in ihr Zimmer und öffnete schnell eine Steinhägerflasche. Sie war sehr ärgerlich und mit einem vorwurfsvollen Blick auf mich, ließ sie aus einem Glasröhrchen alle Tabletten auf den Tisch rollen. Einige kugelten auf den Boden. Scheu, mit schlechtem Gewissen, weil ich sie so verärgert hatte, hob ich sie auf und legte sie sorgfältig auf den Haufen zurück.
Während meine Mutter mich ansah, wischte sie etwas ungeschickt alle Tabletten mit der rechten Hand in die linke Handfläche und warf sie mit einer geübten Handbewegung in den Mund. Schnell spülte sie, mit verzogenem Gesicht, aus der Schnapsflasche hinterher.
Obwohl noch heller Tag war, ließ sie die Rollläden herunter, setzte sich mitten im Zimmer auf den Boden und rief mich zu sich. Als ich neben ihr saß versuchte sie mir was zu sagen, aber ich konnte sie nicht verstehen, sie lallte, kicherte und hustete zwischen den Worten. Dann brach sie plötzlich ab und sank zur Seite. Verzweifelt zerrte ich an ihrem leblosen Körper, rief und schüttelte sie. Ich begann leise zu weinen und versuchte ihre Augenlider zu öffnen, sah aber zu meinem Entsetzten im dämmrigen Licht nur das weiß ihrer Augen. Ich legte meinen Kopf an ihre Brust um zu hören ob ihr Herz noch schlägt, konnte ihren Herzschlag aber nicht hören.
Schließlich begann ich sie mit den Füßen zu treten, sie aber rührte sich nicht. Ich war mir sicher, dass sie tot ist. Meine Mutter war böse auf mich gewesen und ich würde es nie wieder gut machen können. Ich hatte ihr den Tag verdorben, dabei hatte sie mir manchmal gesagt, ich sei ihre beste Freundin und der einzige Mensch den sie liebe. Schluchzend schlich ich zur Tür, die aber abgeschlossen war. Der Schlüssel steckte nicht. Ich musste noch einmal zurück und die Taschen ihrer Hausjacke durchsuchen. Sie lag auf der Seite, in der oberen Tasche war nichts.
Es war fast unmöglich für mich meine Mutter zur Seite zu drehen. Als ich mich mit ganzer Kraft gegen sie stemmte, neigte sich ihr Körper leicht zur Seite. Aber konnte ich sie nicht gleichzeitig in dieser Position halten und in ihre untere Jackentasche fassen. So zwängte meine kleine Hand unter ihren Körper und tastete bis ich den Schlüssel fühlte, und schließlich aus der Tasche fingerte. Von Schluchzen geschüttelt, konnte ich den Schlüssel kaum ins Schlüsselloch stecken. Als es mir gelang die Tür zu öffnen, stürzte ich zu meiner Urgroßmutter, damit sie meiner Mutter half. Sie ging, mit leicht beschleunigtem Schritt, hinter mir her, schaltete das Licht an, sagte nach einem kurzen Blick auf die Flasche und das leere Röhrchen
„Sie ist nicht tot, nur betrunken und voller Tabletten, morgen wacht sie wieder auf“.
Für mich blieb sie gestorben.
 

kira

Mitglied
Hallo Kyra, Beinahe-Namensvetterin!

Ein solcher Text sollte nicht einfach völlig unkommentiert nach unten rutschen.
Ich finde, diese Geschichte ist sehr intensiv geschrieben - ehrlich gesagt, kann ich mir schier nicht vorstellen, dass sie nicht autobiographisch ist.
Eigentlich besteht sie ja aus zwei Geschichten; der erste Teil, in dem du die Episode mit der Nagelschere schilderst, dann das kurze Zwischenstück, in dem du diesen Teil kurz analysierst, danach noch deine Erklärung dafür, warum deine Mutter dich mit ihrer Todessehnsucht nicht mehr berühren konnte. (Den Titel "Die Nagelschere" empfinde ich daher nur bedingt als passend. Die andere, gleichwertige, Hälfte kommt dabei zu kurz)
Du schreibst sehr flüssig, benutzt wenig Klischees; den Situationen spürt man an, dass du sie nicht nur beschreibst, sondern durchlebst (sollte diese Geschichte nicht autobiographisch sein, dann halte ich dich für fast schon genial), dadurch wird man als Leser förmlich in die Geschichte hineingezogen, in deine sehr schmerzhafte Geschichte; schmerzhaft auf mehreren Ebenen.
Den Anfang der Geschichte hast du übrigens genial gewählt: es kommt doch selten vor, dass ich gleich den ersten Satz zweimal lesen muss.
Auf ein paar minder wichtige Unstimmigkeiten mag ich an dieser Stelle jetzt gar nicht eingehen - will mich statt dessen lobend verabschieden: Laß mehr von dir hören!

Kira
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo kyra,

Hm. Eine merkwürdige und zugleich faszinierende Geschichte. Wirklich gut geschrieben, aber... Aber? Obwohl ich beim Lesen mehrmals dieses "Aber" im Kopf zu haben glaubte, es wollte ihm nichts folgen. Bin ich sprachlos? Wahrscheinlich. Bin ich es, weil ich den Text so wahnsinnig gut finde? "Nein", sagt mein Verstand. "Ja" ,sagt das Gefühl.

Gruß Ralph
 

Kyra

Mitglied
Hallo Kira, hallo Ralph,

danke für Eure Meinungen!
Kira bist Du auch Russin??? ich bin Halbrussin, bin aber in Deutschland geboren und kann leder kein russisch;-(((

Viel Grüße

kyra
 

kira

Mitglied
Hallo Kyra

Nein, nicht einmal Halb-Russin. Einfach nur mit einem schönen Namen gesegnet. :)
Habe aber seit jeher ein Faible für Russland, russische Geschichten, die russische Sprache; vermutlich, weil ich immer wieder einmal deine oben gestellte Frage zu hören bekam.
Du kennst Russland dann sicher ziemlich gut, oder?
(Auch wenn du die Sprache nicht beherrschst - gar nicht?)
 

Rainer Heiß

Mitglied
Lob

Hallo Kyra,

ich möchte mich meiner Vorschreiberin kira uneingeschränkt anschließen: Diese Geschichte besteht aus zwei einzelnen Teilen, daher vermute ich, dass sie eine deiner ersten ist. Mir ging es zumindest anfangs so, dass ich, saß ich erst einmal da, die Gedanken, die in mir arbeiteten, nicht mehr sortiert aufschreiben konnte, sodass mir die Geschichten ineinander flossen. Außerdem fände ich es schade, wenn diese Geschichte relativ wenig beachtet einfach durchgereicht würde; ich vermute, es liegt an ihrer Länge. Dabei hast du eine faszinierende Sprache, z.B. das Bild mit dem Treibholz ist einfach unübertrefflich gewählt. Gibt es mehr Geschichten über die Herkunft und Flucht deiner Familie? Ich will ja nicht sensationslüstern wirken (obwohl ich`s vermutlich bin), aber die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat mich schon seit einigen Jahren in ihren kalten und doch faszinierenden Bann gezogen. Verwoben mit persönlichen Erlebnissen (vgl. flammarion) ist sie dann genau meine Lektüre.
Grüße, Rainer
 

Frank Zimmermann

Junior Mitglied
Genial!

Der erste Teil der Erzählung hat mich gequält und mir physisches Unbehagen bereitet. Die kühle Präzision, mit der hier beschrieben wird, wie diese Frau ihr Fleisch und gleichzeitig die Seele einer Fünfjährigen zerschneidet, ist gleichermaßen erschreckend und faszinierend.
Auch ich hatte Assoziationen, die die Vermutung nahe legen, daß hier aus einer persönlichen Perspektive geschrieben wurde. Ich dachte z.B. an Frank McCourts "Die Asche meiner Mutter".
Immer wieder bin ich freudig überrascht, bei der Leselupe Texte auf so hohem literarischen Niveau zu finden und ich bin mir sicher, wenn es von diesen Episoden noch mehr gibt, die Du niederschreiben kannst, egal ob sie real oder erfunden sind, kannst daraus ein gutes Buch machen!

Einfach umwerfend!!!
 
D

Dörte.Lamprecht

Gast
Hallo Kyra,
ich habe Deine Geschichte schon vor mehr als einer Woche gelesen und hatte mir damals vorgenommen Dir unbedingt mein Lob auszusprechen. Die größte Anerkennung ist es aber, so glaube ich, wenn jemand während solch einer Zeitspanne immer wieder über die gelesene Geschichte nachdenkt, so wie ich. Ein dickes Kompliment, Kyra!
Gruß Dörte
 

Kyra

Mitglied
Hall Reiner, Frank, Dörte, Ralph,

ich danke Euch für die postive Beurteilung. Ich musste recht alt werden um über das alles schreiben zu können. Inzwischen ist die Distanz groß genug um es literarisch verarbeiten zu können. Früher wäre es eine dumpfe Anklage geworden. Darum ist mir auch so wichtig, dass es als literarischer Text gesehen wird und nicht als Schreibtherapie ;-)).
@ Reiner
es gibt in der Tat eine recht spannende Familiengeschichte, aber das kann ich (noch?) nicht alles einbinden. Ich würde mich darin verlieren...

Viele Grüße

Kyra
 
Y

Yamiko

Gast
Hallo Kyra, ich bin so froh dass ich diese Geschichte nicht verpasst habe! Ich war eine weile nicht ´bei LL. Du musst umbedingt ein Buch schreiben, denn ich will mehr über dieses Mädchen und ihre Familie lesen!!!
 
L

leonie

Gast
Hallo Kyra

Bei deiner Geschichte ist es mir kalt den Rücken hinunter gelaufen. Du schreibst sehr intensiv und man braucht nicht viel fantasie um sich das alles vorzustellen, zumal es auch heute noch genug kinder gibt die in solchen oder ähnlichen zuständen leben müssen.
Einfach Klasse Kyra.
leonie
 

Kyra

Mitglied
Frage an Alle

Hallo

eine Frage hätte ich an Euch alle, ich bin mir nicht sicher ob ich diese Geschichte nicht auch in der 3. Person erzählen sollte?
Das ist, glaube ich, die einzige Wawa Geschichte in der 1. Person, oder würde es den text schwächen?
Für Eure Meinungen wäre ich sehr dankbar.

Viele Grüße

Kyra
 
L

leonie

Gast
Hallo Kyra

Lass es inde 1. Person. Ich denke mir das es so intensiver ist, als wenn du in der 3. Person schreibst.
leonie
 

Rainer Heiß

Mitglied
persönliche Erfahrung

Hallo Kyra,

ich will mich meiner Vorrednerin anschließen: Die Geschichte würde in der dritten Person ziemlich sicher an Intensität verlieren. So - in der 1. Person - ist der Leser einfach näher dran. Aus persönlicher Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass es mir leichter fällt, über eigene Erlebnisse zu schreiben, wenn ich mich durch die dritte Person etwas davon distanziere. Ob Du das auf Dich übertragen kannst, weißt Du selbst am besten. Diese Geschichte würde ich aber auf alle Fälle in der Ich-Form lassen.
Grüße, Rainer
 

 
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