Nagual

Du meinst, du seist nur einer. Doch im Schlaf
geht einer mit, der nicht dein Name ist.
Der durch die Wälder deines Atems frißt
und unter schwarzen Sternen Brüder traf:
den Jaguar, den stummen Haß der Nacht,
das Tier vor allen Tieren, eingegraben
ins Mark der Welt, wo Götter Totenschädel haben
und keine Sonne mehr nach oben lacht.

Denn wisse: Zwei sind wir. Der eine geht
durch Tag und Mühsal und durch kleines Leiden.
Der andere aber muss im Dunkel weiden,
wo Tezcatlipocas Rauchmund bebt
und in den Spiegel aus Obsidian
das Antlitz hebt, das du noch nie gesehen:
dein zweites Du, das durch die Welten gehen
und Häute wechseln wie ein Mond es kann.

Wenn du dich beugst, dann beugt sich
auch das Tier.
Wenn du erwachst, schläft es in deinem Rücken.
Doch einmal reißt es seinen Wirbelbann
zu Stücken,
zerbricht ihn, zischt: Jetzt bin ich hier.
Dann fällt der Mensch. Dann steht das Tier auf.
Dann läuft durch Wald und Nacht ein Schattenwesen,
das bloß noch Hunger ist und Gier und
gierig-gutturales Lesen aus
frischem Blut und schwerem,
schwarzem Rauch.

O Pyramide, die im Herzen brennt!
O steile Treppe aus Granit und Innereien!
Hier opfert sich das Ich, hier muss es benedeien
den eigenen Tod, der es beim wahren Namen nennt.
Hier hebt der Priester aus dem dunklen Firmament
das Messer aus dem Sternenschrein,
das älter ist als jener Gott, der dich
schon auf dem Kinderbett vergisst,
und schneidet alles kleine Leben in dich ein.

Du musst verzeihen. Doch nicht so,
wie es die Bücher und die Sanften sagen.
Nicht milde werden, nicht den Tag ertragen —
nein: anders. Tiefer. Tier- und sternenroh.
Du musst das Fell entfalten,
das unter deiner Haut seit Anbeginn
gefunkelt hat. Du musst in deinem Sinn
den Jaguar und auch den Adler dir gestalten
und alles, was in dir noch Gottheit kennt,
entfesseln, eh die letzte Pforte fällt.
Denn nur wer sich an Sterne hält, durchquert die Welt.
Nur er, dem in der Brust ein Panther
brennt.

Text D
Musik KI

 



 
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