Namenlos getrost

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nisavi

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I
Wie jeden Donnerstag hatte sie lange geschlafen und ging spät an den Frühstückstisch. Sofort angelte sie dort nach der „Zeit“. Sie zerlegte diese geübt in Einzelteile, schob aber die meisten an das Ende des Tisches zurück, vertiefte sich in die Sparten „Wissenschaft“ und „Feuilleton“.
Eine Meeresbiologin berichtete von Dreiecken am Grunde des Pazifiks, Spuren eines Wurms wahrscheinlich, von Seeanemonen, die regelmäßige Löcher in Meeresböden stanzten. Und von Walen, die unglaublich tief tauchten, nur um ihren Kopf am Sand des Meeresbodens zu reiben. Niemand konnte sich erklären, warum sie das taten.
Als sie das Feuilleton aufschlug, fiel ihr Herz in den Fluss. Sie sah es von einer Brücke aus durch die Luft fallen und die Wasseroberfläche durchschlagen.
Die erste Doppelseite war dem britischen Maler S. gewidmet, der in der vergangenen Woche völlig überraschend verstorben war. Sie kannte viele seiner Bilder, einige hatte sie sogar im Original gesehen. Aber, dass sie auch deren Schöpfer persönlich kannte, gekannt hatte, und sich im Besitz eines seiner Werke befand, war ihr bis zu diesem Donnerstagmorgen nicht klar gewesen.
II
Man hatte ihr gesagt, sie müsse Victoria Line benutzen, um zur Tate Britain zu gelangen. Nach einer kurzen Fahrt verließ sie die U-Bahn und das Stationsgebäude Pimlico. Sie schaute sich suchend um, konnte aber keinerlei Wegweiser oder Hinweisschilder ausmachen.
Stattdessen fand sie sich auf dem Gehsteig in Gesellschaft eines glatzköpfigen Riesen wieder, der sie, wohl des kahlen Schädels wegen, an Patrick Stewart erinnerte. Sie wusste nicht, wie groß Captain Picard im echten Leben war, der kräftige Pimlico-Stewart maß locker zwei Meter oder sogar mehr. Sie, mit 1,78 m für eine Frau auch nicht klein, schaute kurz zu ihm auf, um gleich darauf wieder an ihm herabzuschauen.
Als er sie schließlich mit sonorer Stimme fragte, wie man zur Galerie käme, hob sie erneut erstaunt den Kopf. Die Statur des Mannes hatte sie an Militär und Waffen denken lassen, nicht an Gemälde, Paletten, Pinsel und Farbe. Sie versuchte, ihm mit wenigen Worten den Weg zu erklären, den sie sich, Minuten zuvor, in der Bahn auf einer Karte angesehen hatte. Er lächelte, wie ihr schien, ein wenig spöttisch, dankte, drehte sich um und machte sich auf seinen Weg.
Als sie ihm nachschaute, musste sie erneut an einen GI denken. Der Mann trug beige Cargohosen mit unzähligen aufgenähten Taschen und ein Hemd aus derbem Stoff. Seine Füße steckten in schweren Schnürstiefeln. Patrick Stewart verschwand aus ihrem Sichtfeld.
Sie, für ein paar Stunden frei und ihrer Pflichten ledig, lief zur Vauxhall Bridge Road und folgte deren Verlauf in Richtung Themse. Sie blieb eine Weile auf der Mitte der Brücke stehen und schaute hinab ins Wasser des Flusses und hinüber zum anderen Ufer. Dann machte sie kehrt, bog nach rechts in die John Islip Street ab, die direkt zur Tate führt.
Sie kaufte ein Ticket für die aktuelle Sonderausstellung, die in Kunstmagazinen und auf öffentlichen Werbeflächen massiv beworben wurde. Das Porträt einer streng dreinblickenden Frau mit kurzem gelockten Haar und Seitenscheitel fand sich in der ganzen Stadt.
Sie schlenderte durch die Ausstellung. Ohne Ziel, aber bereit, sich auf Bilder einzulassen, die ihr eine Geschichte erzählen wollten.
Es gab ein Porträt von Oscar Wilde. Dessen Texte, vor allem die Märchen und „Das Bildnis des Dorian Gray“ waren ihr immer ganz gegenwärtig und nah gewesen. Stolz und provozierend blickte Mr Wilde auf sie herab und um ein Haar hätte sie den Mann ablehnen wollen, wäre da nicht die schwere Gefängnistür gewesen, die man aufgehängt hatte, um an seine zweijährige Zuchthausstrafe zu erinnern. Der Clown mit dem gebrochenen Herzen. Ihr freier Tag, der Tag, den sie hatte in vollen Zügen genießen wollen, wurde für einen Moment dunkel und schwer. Sie schaute auf das trübe Wasser eines Flusses.
Porträts von Virginia Woolf und Vita Sackville-West. Der Fotograf hatte ersterer Lippenstift aufgelegt, nur fürs Bild. Leonard Woolf soll das Lippenstiftporträt Man Rays für das allerbeste seiner Gefährtin überhaupt gehalten haben.
Sie merkte sich: Lippenstift und ein roter Hut konnten einen voran bringen. Verzweiflung wurde auf dem Boden von Gewässern gelindert.
Das Bild des Tages aber war eines, das scheinbar wenig mit dem Motto der Ausstellung zu tun hatte, zeigte es doch die heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten.
Allerdings, und dies schien erstaunlich, waren der völlig erschöpft zusammengesunkene Josef und die unter einem weißen Tuch neben dem Kind schlafende Maria nicht von üblichen Verdächtigen, den Hirten, Tieren, Königen und Engeln, umgeben – zu ihrem Schutz hatten sich u.a. ein Sphinx mit einem flammenden dritten Auge, mehrere Zentauren, ein Satyr und ein glatzköpfiger Riese versammelt.
„…denn so wie sie, klein im großen Land – fast ein Nichts- den starken Tempeln nahten,
platzten alte Götzen wie verraten und verloren völlig den Verstand.“ (1)
Das Gemälde schien völlig aus der Zeit gefallen. Wie vom Grunde aufgetaucht. Man hätte vermuten können, dass Peter Jackson seine Finger im Spiel gehabt hatte. Lily und James Potter brachten ihren Sohn vor Voldemort in Sicherheit. Eine Familie war atemlos vor Kindermorden, Krieg und Zerstörung geflohen.
Nur, einzig die Fabelwesenhatten ihren Verstand nicht eingebüßt. Still und andächtig blickten sie auf die schlafende Familie.
Sie schrak zusammen, weil jemand ihr eine schwere Hand auf die linke Schulter legte. „Which painting do you like best?“ fragte Patrick Stewart, völlig ohne Spott in der Stimme. Er schaute sie fest und fragend an. Sie sortierte blitzschnell ihr englisches Vokabular: „Well, there are plenty of them.“ Well, sie hatte wenig Ahnung, keine Lust, ihr Innerstes nach Außen zu kehren und wollte weiterhin ungestört hier umherspazieren, an den Flusskies denken, die Gluck herabschauen lassen, die vollen Lippen von Oscar Wilde bewundern, über Lippenstift und rote Hüte nachdenken. Der Sphinx mit dem brennenden Auge saß auf ihrer Brust.
Captain Picard streichelte ihren Arm und verließ die Ausstellung. Sie folgte ihm kurze Zeit später.
Die Kuratoren hatten in einem kleinen Raum Papier und Stifte ausgelegt. Man war aufgefordert, ein Feedback zur Ausstellung zu geben.
Sie studierte fasziniert die Rückmeldungen der letzten Wochen, die man an den Wänden aufgehängt hatte. Wieso, zum Teufel, fiel den Leuten so viel Geistreiches und Originelles ein, ihr aber nicht?
Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie auch ihre Zufallsbekanntschaft zu Papier und Stiften griff. Mit fahrigen Bewegungen skizzierte der Mann etwas. Er setzte Buchstaben darunter und pinnte das Blatt an die Wand. Er ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Sie trat vor die Wand. Sie war neugierig. Patrick hatte geometrische Figuren, Dreiecke hauptsächlich, gezeichnet. Und Anatole France zitiert: „In art as in love, instinct is enough.“
Die Buchstaben fügten sich harmonisch in einen flammend roten, geometrischen Hintergrund. Sie mochtre dieses Blatt so sehr: „This is the one I like best“, dachte sie. Ihr Innerstes war hier. Draußen. Im letzten Raum der Ausstellung.
Ohne nachzudenken, ohne abzuchecken, ob sie jemand beobachtete, nahm sie das Blättchen von der Wand und ließ es in ihre Tasche gleiten.

III
Ihr Innerstes war hier. Draußen. Sie stand auf und ging zu dem Schrank, in dem sie Tagebücher, Reiseunterlagen und anderen Schriftkram aufbewahrte.
Sie fand das Blatt auf Anhieb und die Erinnerung an den Tag in London.
Es gab Wale, die tauchten unheimlich tief, nur, um ihren Kopf am Meeresgrund zu reiben.
„In art as in love, instinct is enough.“
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich las kürzlich, dass sich Wale häuten. Sie schubbern sich die alte Haut von Körper und Kopf. Es dient anscheinend dazu, Walläuse und angeheftete Kieselalgen loszuwerden. Aber das nur nebenbei...Gefällt mir gut, deine Begegnung mit der Vergangenheit, die in der Gegenwart endet.
 

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