Neugierde VII

Susanne ging früh schlafen, und ich schaute noch ein bißchen Fernsehen. Ich konnte noch nicht schlafen, also nahm ich mir ein Bier, und setzte mich auf die Veranda. Dann kam Sven und erzählte mir seine Geschichte. Es war wie früher. Als ich ihn dann von nahem sah, da sah ich es, sein ehemals so schönes Gesicht war von Narben entstellt. Zwei gingen die linke Wange vom Ohr bis zum Hals, eine andere vom Ohr bis zu den Mundwinkeln. Er trug die Haare jetzt sehr kurz, fast zur Glatze geschoren. Früher lief er ja meistens gut angezogen rum, mit Jackett und so. Nun war er schlampig angezogen, mit Trainingshose, alten Turnschuhen, und einen alten Bundeswehrparker drüber. Diese Sachen hatten auch schon mal bessere Zeiten gesehen. Als er anfing zu reden, da merkte ich, daß er sich im Innern nie ändern würde, auch wenn ihm einer eine Knarre an den Kopf halten würde. Er blieb sich selbst stets treu, und er sagte immer, daß das mit das Wichtigste ist im Leben. Er fing dann an zu erzählen, und ich hing wie gebannt an seinen Lippen.
„Nett hast du es hier. Deine Eltern haben mir verraten, daß du hier wohnst. Finde ich gut, daß du eine so große Familie hast. Ich war am Anfang ganz schön sauer, daß du dich nicht einmal bei mir gemel-det hast. Ich dachte immer, daß wir so was wie Freunde wären. Ich schrieb dir Briefe, es kam aber keine Antwort. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben, du wolltest nichts mehr mit mir zu tun ha-ben. Es freut mich für dich, daß es dir so gut geht. Ich habe von deinen Eltern gehört, daß du deinen Meister machst, sehr schön. Bei mir sah es lange, lange Zeit echt beschissen aus. Ich beschloß an dem Tag, an dem ich in dem Knast kam, keinen Kampfsport mehr zu machen, und auch nichts mehr zu saufen. Alkohol ist das Schlimmste von allem. Ich kam im Knast gleich zu den harten Jungs: Tot-schlägern, Bankräuber, Erpresser. Da ich außerdem gut gebaut war, und in den Zeitungen stand ja auch viel über mich. Einer der auch im Knast saß, Andy, war damals auch oft in den Discos, wo wir waren. Er hat mich ein paar Mal gesehen. Er hat auch gesehen, wie ich Horst und seine zwei Freunde fertig gemacht habe. Und ich dachte immer, daß es da keine Zeugen gab. Wir freundeten uns an. Vielleicht erinnerst du dich noch an ihn, er ist klein und schmächtig und hatte schon früh eine Glatze. Er hatte auch nicht viele Freunde, und hing meistens alleine rum. Er wollte eine Bank ausrauben, stellte sich aber dermaßen dumm an. Als er die Strumfpmaske rüberzog, riß sie. Die Kamera machte ein schönes Foto von ihm. Zu allem Überfluß verlor er auch noch am Schalter seinen Portemonnaie. Weißt du echt davon nichts mehr. In den Zeitungen stand doch: Deutschlands dümmster Gauner. Da-vor hatte er meist nur Taschendiebstähle gemacht. Das war sein erstes großes Ding. Er bekam nur drei 5 Jahre, nach drei war er draußen. Wir hingen oft zusammen rum. Die anderen konnten nie verstehen, was ich an ihm fand. Sie sagten stets, so ein Brecher wie ich und so ein Weichei, wie konnten die be-freundet sein. So sind die Menschen. Alles was fremd für sie ist, und nicht in ihr Schubladendenken passt, ist gleich verboten. Viele kommen damit einfach nicht klar, daß zwei Menschen befreundet sein können, obwohl sie total unterschiedlich sind. Andy kam ein paar Monate vor mir rein. Vorher mußte er sehr unter den anderen leiden, als sie aber merkten, daß ich gut mit ihm konnte, ab da ließen sie ihn in Ruhe. Wir verbrachten viel Zeit zusammen. Da ich ja über einiges Wissen verfügte, wurde ich so eine Art Lehrer für Andy. Er wußte vorher gar nichts. Er hatte seine Eltern früh verloren, und wuchs bei seiner Großmutter auf. Er ging schon nach der 5. Klasse ab. Der Oma war das alles Scheißegal. Sie mußte starke Tabletten nehmen, und dämmerte oft vor sich hin. Es ging stetig abwärts mit ihr. Eines Tages kam er aus der Schule, und sie lag in ihrer eigenen Scheiße und Kotze. Sie hatte einen Schlag-anfall. Sie kam in ein Altersheim, wo sie schon wenige Wochen später starb. Andy kam in ein Kinder-heim, aber in eins der übelsten Sorte. Den Neuzugängen wurde als Art Einstand erst Mal jeden Mor-gen und Abend aufs Maul gehauen. Andy machte das nicht lange mit, und haute mit 12 Jahren ab, und landete auf der Straße. Er fing dann auch bald an Drogen zu nehmen. Er nahm auch das ganze Pro-gramm. So wie ich, aber ich war ja nie süchtig, und hörte immer rechtzeitig auf, wenn ich merkte es wurde zu heiß. Er war 6 Jahre drauf. Er finanzierte sich das mit kleineren Diebstählen. Dann kam der Banküberfall, dann der Knast. Er machte dort einen kalten Entzug. Er sagte mir, daß das die Hölle gewesen sei. Er war die letzten Jahre keinen einzigen Tag nüchtern. Er schaffte es aber. Wir lernten uns dann kennen, und ich fand ihn gleich nett. Die anderen akzeptierten es dann auch. Andy wurde so etwas wie der Glücksbringer von den Leuten. Es gab auch einige Belesene im Knast. Viele denken ja, daß da alles Idioten sind, aber da drin gibt es viele, die schlauer als jeder Professor sind. Sie sagten dann auch, wenn sie mich und Andy sehen, dann müssen sie andauernd an der Graf von Monte Christo denken. Du weißt, die Geschichte, wo einer unschuldig verurteilt wird, im Gefängnis einen alten wei-sen Mann kennen lernt, der ihn unterrichtet. Ganz so war es bei uns nicht, aber wir kamen schon nah ran. Wir redeten jeden Tag miteinander. Als er entlassen wurde, wußte er eine ganze Menge. Er ver-sprach mir noch, nie wieder Drogen anzurühren. Ich wußte nicht, was ich davon halten sollte. Ich weiß ja, wie leicht man draußen wieder draufkommen kann. Er schrieb mir noch seine Adresse auf. Als er weg war, fiel ich in ein tiefes Loch. Ich bekam Depressionen. Ich hatte starke Selbstmordgedanken. Irgendwie fehlte er mir. Ich hatte dann jeden Tag Gespräche, mal dem Knastpsychologen, manchmal mit dem Pfarrer. Die Selbstmordabsichten waren zwar weg, aber meine Gedanken drehten sich im Kreis. Zeitweise dachte ich, daß ich durchdrehe. Es war kein klarer Gedanke möglich. Das alles zog sich über Monate hin. Am Anfang dachte ich, daß ich vielleicht in Andy verliebt war. Das verwarf ich dann aber wieder schnell, das hatte ich schließlich hinter mir. Es lag ganz einfach daran, daß ich mich einfach so gut mit ihm verstanden habe. Es war ähnlich wie mit dir. Mir ist es einfach wichtig, daß ich mich mít jemanden austauschen kann, und wenn der andere einigermaßen klar bei Verstand ist, dann geht das. Bei Andy dachten auch viele, daß er doof ist. Ich habe es den Leuten immer wieder ein-getrichtert, daß er nicht doof, sondern nur unwissend ist, und daß ist ein gewaltiger Unterschied. Er hatte sich all die Jahre ja auch mehr oder weniger alleine durchgeschlagen, und er ging stets den harten Weg. Ich wußte dann jedenfalls, daß ich gerne andere unterrichte. Ich ging dann zum Gefängnisdirek-tor, ein für diesen Posten zu netten Mann, und fragte ob ich mir ein paar Schüler nehmen könnte. Er sagte zuerst, wie ich mir das denn vorstelle, daß würde nicht funktionieren. Sie schickten dann mehre-re Psychologen zu mir, und ich mußte verschiedene Intelligenztests absolvieren, sie merkten dann wohl, daß ich gar nicht so dumm war, und ich bekam die Genehmigung. Ich habe die Klassen auch bewußt klein gehalten, höchstens 10 Leute. Ich bekam im Gefängnis sogar meinen eigenen Raum. Du weißt ja, daß ich früher unheimlich viel gelesen habe, damit mußte ich mich natürlich auch wieder auseinander setzen.. Ich gab Lektionen in Psychologie, Philosophie, Geschichte, und auf Wunsch auch Sprachen. Wir hatten auch Ausländer bei uns, die kaum Deutsch sprachen, weil sie noch nicht so lange in Deutschland waren, die unterrichtete ich auch in Deutsch. Manche wollten Mathe extra haben, auch das erledigte ich. Es war, als wenn ich wieder 12 wäre. Ich gab morgens Unterricht, dann las ich bis in die Nacht. Von der normalen Arbeit war ich freigestellt. Mir wurde erzählt, daß es in dem Knast nie wieder so wenig Schlägereien gab, wie zu der Zeit, als ich die Männer unterwies. Es machte wirklich viel Spaß. Das ging 2,5 Jahre so. Dann verloren viele die Lust am Lernen, und hörten auf. Mir gingen die Schüler aus. Zum Schluß mußte ich meine kleine Privatschule schließen. Ich hatte auch bald meine Bewährungsanhörung, und wenn ich Glück hätte, dann wäre ich in einem halben Jahr draußen. Ganz so wie es der Richter gesagt hat. So kam es dann auch. Die Tor schlossen sich, und ich war in Frei-heit. Ich wußte natürlich nicht wohin. Ich wußte auch nicht was ich hätte machen sollen. Ich habe seit dem Abend mit Ümit nie wieder was getrunken. Kampfsport machte ich auch nicht mehr, ich hatte genug Menschen verletzt. Zu meinen Eltern wollte ich nicht. Bei dir konnte ich mich auch nicht mehr melden. Vielleicht, wenn du mich mal besucht hättest, aber so. Dann fiel mir Andy ein. Er besuchte mich eine Zeitlang, und hinterließ mir auch fortdauernd seine neueste Adresse, wo er zu finden war. Als letztes gab er mir einen Zettel, wo Ganja draufstand. Das war eine Kneipe ungefähr 250 Kilometer von hier, und da ging ich dann hin. Es ist eine üble Kneipe, mit noch übleren Genossen. Ein paar Leute da kannte ich noch aus dem Knast. z.B. Klaus, der ein halbes Jahr vor mir rausgekommen ist. Er saß wegen schweren Betruges. Klaus stand nur auf sehr reife Frauen, ab 60 aufwärts. Er sagte immer, daß ihm die jungen Dinger nichts geben, und daß die älteren Frauen so viel Lebenserfahrung ha-ben.Deswegen hatte er im Knast den Spitznamen AOB. Das bedeutete Alte Omas Bumser. Er hatte noch eine Angwohnheit, er lebte strikt nach seinen eigenen 10 Geboten. Er war nicht sehr gläubig, stellte sich seine eigenen Regeln zusammen. Er versuchte im Knast auch ständig andere davon zu überzeugen, daß das die wahren 10 Gebote sind, und wer danach lebt, wird glücklich. Er gab jedem im Knast eine Kopie, die meisten schmissen es gleich wieder weg. Ich fand es interessant, und dachte mir, daß er gar nicht so unrecht hat. Seine Gebote lauteten:
1. Eltern und Geschwister ehren und achten.
2. Seinen Weg gehen, trotz aller Widerstände.
3. Sich selbst finden.
4. Zu seinen Freunden stehen.
5. Versuchen möglichst viel Spaß im Leben zu haben.
6. Immer positiv denken, auch wenn es noch so schwer fällt.
7. Versuchen immer sein bestes zu geben.
8. Aus der Vergangenheit lernen, in die Zukunft planen, leben in der Gegenwart.
9. Die Menschen so zu nehmen wie sie sind.
10. Entscheidungen nicht hinauszögern und nicht später mit ihnen hadern, denn man muß mit ihnen leben.
 

 
Oben Unten