Nicht weitergehen

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Amo Kamano

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Nicht weitergehen

Der Regen hatte die Stadt in eine matte Fläche verwandelt. Alles glänzte, aber nichts leuchtete. Ich ging schneller als nötig. Es änderte nichts.
Im Tunnel roch es nach nassem Beton und etwas Metallischem. Schritte klangen hier nicht wie Schritte, sondern wie ein Beweis dafür, dass jemand da ist.
Am Rand lag etwas Dunkles.
Stoff vielleicht. Weggeworfen. Es fällt nicht auf.
Ich sah nicht genau hin. Man gewöhnt sich daran, nicht genau hinzusehen. Es hilft.
Erst als sich der Haufen bewegte, blieb ich stehen. Kein Schreck, eher dieses langsame Verstehen, das keinen Zweifel lässt.
Als ich nähertrat, löste sich das Dunkel in Umrisse. Ein Gesicht. Zu still für die Kälte. Augen, die nicht baten, sondern warteten.
Ein Kind.
Hinter ihm richtete sich eine zweite Gestalt auf. Kleiner. Wachsam. Die Hände geballt.
„Nicht“, flüsterte es.

Ich hätte weitergehen können. Niemand kannte meinen Namen hier. Der Regen hätte meine Schritte verschluckt wie alles andere.
„Wir dürfen nicht zurück“, sagte der Ältere.
Ich dachte an all die Male, in denen ich weitergegangen war. An das ruhige Leben, das daraus entsteht. Man schläft besser, wenn man nichts gesehen hat.
„Im Heim werden wir geschlagen“, sagte er schließlich. Sachlich. Fast höflich.
Ich wartete auf Zweifel in seinem Gesicht. Auf ein Zucken, das Lügen verrät.
Es kam nicht.
Nicht einmal Angst.
Stattdessen schob er sich ein Stück vor den Kleineren. Eine Geste, größer als sein Körper.
Vielleicht war es kein Mut, der mich knien ließ. Vielleicht nur Müdigkeit vom Wegsehen.
„Kommt“, sagte ich.
Mehr versprach ich nicht.
Der Kleinere war erschreckend leicht, als ich ihn anhob. Er klammerte sich nicht fest. Er prüfte nur, ob ich standhielt. Der Ältere ging neben mir her, wachsam, als müsse er die Welt weiterhin im Blick behalten.
Der Tunnel blieb zurück. Der Geruch nicht.

Das Bad wirkte an diesem Abend größer.
Ich ließ Wasser ein. Dampf begann, den Spiegel zu blenden.
Die beiden standen nebeneinander auf den Fliesen. Ihre Kleidung tropfte. Niemand sprach.
Der Ältere zog sein Shirt aus. Langsam. Als gehöre diese Bewegung zu etwas, das man nicht überstürzt.
Zunächst sah ich nur Haut. Zu blass. Zu schmal. Dann erkannten meine Augen die Linien.
Sie zogen sich quer über seinen Rücken. Manche waren beinahe verblasst. Andere dunkler. Frischer.
Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass mir dieser Anblick nicht zustand.
„Wer war das?“, fragte ich leise.
Er zuckte zusammen. Nicht heftig. Eher wie jemand, der gelernt hat, auf Wörter zu reagieren wie auf Schritte hinter sich.
„Bitte nicht“, sagte er.
Der Jüngere beobachtete mich. Kein Weinen. Nur diese gespannte Aufmerksamkeit, als hinge etwas Entscheidendes an der Art, wie ich jetzt atmete.
Der Satz blieb zwischen uns stehen.

Ich half ihm in die Wanne. Als das warme Wasser seine Haut berührte, ging ein kaum sichtbares Zittern durch ihn. Dann sanken die Schultern ein wenig ab.
Ich nahm ein Tuch und führte es über seinen Rücken. So behutsam, dass es fast keine Bewegung war. Die Striemen fühlten sich wärmer an als die übrige Haut.
Das Telefon fühlte sich fremd in meiner Hand an. Ich hob es und machte ein Foto.
Ein leises Geräusch. Zu spät für das, was geschehen war.
Schlimmer wäre gewesen, wenn niemand es geglaubt hätte.
Tränen liefen über sein Gesicht.
Der Jüngere war nähergerückt. Seine Stirn lehnte an meinem Bein, ohne dass er mich ansah. Als prüfe er, ob ich bleibe.
Der Dampf hatte den Spiegel vollständig verschluckt.
Draußen fiel noch immer Regen.
 

Ubertas

Mitglied
Hallo @Amo Kamano ,
Er klammerte sich nicht fest. Er prüfte nur, ob ich standhielt.
Nicht weitergehen. Hier erfüllt sich der Titel und der wesentlich tiefe Sinn deiner Worte.
Sehr gut. Nicht nur sehr gut. Viel besser.
Extrem nah.
Die fünf Sterne werden es nicht allein ausdrücken, weshalb mir die Art, wie du schreibst, gefällt. Es ist das darin.
Liebe Grüße,
ubertas
 



 
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