nichts

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Lastro

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nichts

Er hat sich auf dem Bett lang gemacht. Sein Blick wandert nach links zum Fenster mit den blau rautierten Gardinen, gegenüber an die Wand mit dem üblichen van Gogh-Kornfeld Druck, und landet schließlich rechts auf dem braunen Tisch mit einem einfachen Stuhl davor. Alles ist hell, ordentlich, sauber. Sehr ungewöhnlich. Meist schläft er in der Gosse zwischen verbeulten Büchsen und aufgeweichten Zigarettenkippen.

Schattenhaft wandert er um die Welt, gesellt sich zu anderen in ihrer Bedeutungslosigkeit, verwischt mit der Umgebung, tagsüber als ein Grau, nachts als ein sich in das Dunkel Auflösende. Er lebt mit den Hunden, ihren Läusen, ihrer Zärtlichkeit und ihren Zähnen. Streitet mit ihnen um Brotrinden, Fettreste in zerknüllten Margarinebechern, um weggeworfene Fischköpfe.
Er geht allein, unerkannt, ohne Namen, ohne Papiere, schweigend. Über Grenzen, durch unzählige Länder, oft von den Ordnungshütern hinausgeworfen. Manchmal reinigen sie ihn von Ungeziefer. Er lässt es geschehen und geht danach weiter.
Er sitzt in den dunkelsten Ecken versiffter Spelunken. Huren weichen seinem Blick, scheuen zurück, selbst volltrunken finden sie nicht zueinander. Er küsst ihre harten Gesichter, beißt ihnen die Lippen blutig, wird von den Zuhältern verjagt, selten aber verprügelt.
Er geht dann wieder seiner Wege, schläft auf der Hafentreppe wild träumend seinen Rausch aus. Fischer scheuchen ihn morgens aus den Tauen. Er flieht hinter staubverschmutzte Büsche an der Straße, schläft weiter zwischen weggeworfenen Flaschen.

Jetzt. Hier, in diesem ordentlichen Zimmer. Er hat geduscht, sitzt am Tisch und malt sinnlose Linien aufs Papier. Sollte lieber in der Kneipe sein, denkt er, ohne Geld Bier bestellen, warten, was passiert. Er wird bald sterben, durch Zufall mehr oder weniger, vielleicht kippt irgendetwas auf ihn, was Schweres, wie ein getarnter Fluch.

In der Dämmerung biegt er in eine, von alten Laternen schwach erhellte Seitengasse und fühlt sich von dem beleuchteten Schild des Cafés „Amsterdam“ angezogen. Seine Finger ertasten in der Hosentasche ausreichend von dem aus der Bahnhofstoilette gestohlenen Hartgeld. Er tritt ein, bestellt einen Tee, greift irgendein Buch aus dem Regal und macht es sich auf einem Polster an der Wand bequem. Er nimmt einen Schluck, fängt an, zu lesen, und vergisst die Zeit.

- Ende -
Er klappt das Buch zu.

Die letzten Kapitel haben ihn vollständig in eine andere Welt entführt.
Er hebt den Kopf, – und bemerkt eine Schwingung im Raum, überall, die alles und jeden durchdringt. Sie ist etwas Hörbares, aber mehr, sie erfasst alle seine Sinne, seinen ganzen Körper, seine Seele und seinen Geist, sein ganzes Dasein. Und es erstrahlt in ihm eine unbeschreiblich große, ihn über alles erfüllende Freude. Still erstaunt verbleibt er in diesem Erleben.

Es ist nach Mitternacht. Das Café schließt. Er erhebt sich und geht zum Tresen. Ein paar andere Gäste warten dort bereits, um zu bezahlen.
Die junge Kassiererin flüstert ihm zu, dass sie ihn liebe. Er reagiert nicht darauf, hört einfach nicht genau hin, tut so, als verstünde er sie nicht.
Er verlässt das Café und betritt die Nacht.
 

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