Nichts ist richtig - Sonett

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Walther

Mitglied
Nichts ist richtig


Der Wind gehört zu meinen Lebensrettern:
Verbläst er doch den alten Staub; der Spinnen
So filigrane Werke – wie von Sinnen
Zerreißt er sie und lässt die Läden schmettern.

Leviatan – an Seilen seh ich‘s klettern:
Die Träume und mein Leben. Wasserrinnen
Am Strand der Landung, ferne Mauerzinnen,
Auf denen kleine Wesen fleißig klettern:

Ich schrecke hoch und liege kalt im Stillen,
Im dunklen Zimmer, stelle mich den Ängsten:
Mein Leben scheint bestimmt, mir nicht zu Willen,

Und eine solche Nacht dehnt sich zur längsten.
Ich rufe mich zur Ordnung: Schlaf ist wichtig!
Dann atme ich tief durch. Doch nichts ist richtig.
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Walther,

Leviathan
XxXx

ist die mir geläufige Betonung und Metrik.

Daher gefiele mir

An Seilen seh ich Leviathan klettern:

besser.

Aber lt. Duden ist es eher xXxX Hm.

Liebe Grüße

Herbert
 

Mondnein

Mitglied
its nice to have a job

hebr.: livjâtân -
das i der ersten Silbe ist kurz; das j (halb-)konsonantisch, also nicht einmal silbenbildend;
in der Regel (so auch im Brockhaus "Leviathan") endbetont.
griech. (Septuaginta): Fehlanzeige, da steht immer "drakôn", genauso wie für die "Schlange" im Baum der Erkenntnis.
lat. (Vulgata): leviathan - aha, da kommt die übliche Schreibweise natürlich her, denn selbst Hobbes las sein Hiobkapitel 40 (wo Leviathan und Behemoth am extensivsten dargelegt werden) weder auf Griechisch noch auf Hebräisch, sondern in der Vulgata.

Das heißt, kurz gesagt: Die Betonung der ersten Silben ist frei schwebend, "egal", solange nur die letzte betont bleibt.

Ich wollte, lieber Walther,

gerade auf diesen Namen eingehen, verstehensuchend danach fragen, danach sah ich erst die Betonungsfrage im Kommentar.

Insofern das alles in einen Albtraum eingefügt ist, in die lockeren Gefüge wechselnder Traumbilder, kann das von irgendeiner Spinne zu einer Schlange wechseln, und dann zu irgendeinem Ungeziefer im Plural übergehen - verwirrend wohl, weil es auch den Träumer verwirrt hat?

-

Nachklapp: Dein Kastaniensonette sind wunderbar!
Alle Deine Sonette, und mit ihnen die der letzten Wochen, sind großartig; sie haben eine heitere Leichtigkeit, bei aller selbstironisch-resignativen Alters-Reflexion, klassisch, aber originell!

Sehr gern gelesen.

grusz, hansz
 

Walther

Mitglied
Nichts ist richtig


Der Wind gehört zu meinen Lebensrettern:
Verbläst er doch den alten Staub; der Spinnen
So filigrane Werke – wie von Sinnen
Zerreißt er sie und lässt die Läden schmettern.

Bin Gulliver – an Seilen seh ich‘s klettern:
Die Träume und mein Leben. Wasserrinnen
Am Strand der Landung, ferne Mauerzinnen,
Auf denen kleine Wesen fleißig klettern:

Ich schrecke hoch und liege kalt im Stillen,
Im dunklen Zimmer, stelle mich den Ängsten:
Mein Leben scheint bestimmt, mir nicht zu Willen,

Und eine solche Nacht dehnt sich zur längsten.
Ich rufe mich zur Ordnung: Schlaf ist wichtig!
Dann atme ich tief durch. Doch nichts ist richtig.
 

Walther

Mitglied
Hi Mondnein,

danke dir für deine ausführliche erläuterung. ich habe die Gulliver-sequenz am strand vor augen gehabt. der vers ist entsprechend umgebaut. so stimmt er metrisch, und der inhalt ist erhalten geblieben.

in der tat geht es um einen flashback des lyrichs, das in der nacht hochschreckt, vom wind geweckt (s1).

lg W.

PS.: danke für deine freundlichen anmerkungen zu den kastaniensonetten. man mag, angesichts der resonanz, eigentlich keine mehr einstellen ...
 

Walther

Mitglied
Nichts ist richtig


Der Wind gehört zu meinen Lebensrettern:
Verbläst er doch den alten Staub; der Spinnen
So filigrane Werke – wie von Sinnen
Zerreißt er sie und lässt die Läden schmettern.

Bin Gulliver – an Seilen seh ich‘s klettern:
Die Träume und mein Leben. Wasserrinnen
Am Strand der Landung, ferne Mauerzinnen,
Auf denen kleine Wesen lautstark wettern:

Ich schrecke hoch und liege kalt im Stillen,
Im dunklen Zimmer, stelle mich den Ängsten:
Mein Leben scheint bestimmt, mir nicht zu Willen,

Und eine solche Nacht dehnt sich zur längsten.
Ich rufe mich zur Ordnung: Schlaf ist wichtig!
Dann atme ich tief durch. Doch nichts ist richtig.
 

Mondnein

Mitglied
Ich habe natürlich, lieber Walther,

beim ersten Lesen den Gulliver garnicht hinter dem Lyri der Perspektive vermutet. Das ist schon eine Überraschung!

Und gewiß ist es keine bloße Gulliver-Travestie, sondern reflektiert den Unruhigschlafenden an dieser literarischen Vorlage.

Ists so?

grusz, hansz
 

Walther

Mitglied
lb Hansz,

die szene war gruselig genug, um wenigstens mir im jugendlichen alter einen alptraum zu bescheren. dieses déjà-vu ist literarisch aufgegriffen und wiederverwandt worden - im sinne meiner collagenpoetologie.

lg W.
 

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