Nichts mache ich richtig.

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Knubbell

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„Kann es sein, dass du dumm bist?“ fragte Marie. Die Frage war eher eine Feststellung. Denn Marie kannte die Antwort bereits. Und ich auch. Daher kam von mir keine Antwort auf diese Frage. Mehr ein gemurmeltes Fluchen: „Mach' es halt besser.“

Ich lies das Werkzeug fallen und ging einige Schritte zurück. Noch bevor Marie den Inbusschlüssel aufheben konnte, kippte das Regal zur Seite. Sprachlos und vor allem Regungslos beobachteten wir das Schauspiel. Es hatte schon während der ersten Montageschritte etwas vom Schiefen Turm von Pisa gehabt. Als es nun aber wie in Zeitlupe gen Boden fiel, schaltete mein Kopf auf Galgenhumor um. „Der Turm, der wackelt. Der Turm, der wackelt. Die oberste Spitze fällt ab.“ Nur, dass der Turm, in diesem Fall ein Selbstbausatz eines bekannten Möbelhauses mit vier Buchstaben, für ein Wohnzimmerregal Namens „Eriksson“ war und die oberste Spitze einfach mit dem ganzen Rest zu Boden ging.

„Na toll.“ fluchte Marie. „Nochmal von vorne. Ist wenigsten alles heil geblieben?“
Nochmal bedeutete in diesem Fall zum fünften Mal. Beim ersten Mal haben wir uns bereits als sichere Sieger gefühlt, als wir bemerkten, dass ein Bauteil falsch herum angebracht war und wir alles wieder auseinander schraubten. Versuch zwei bis vier endeten dann jeweils in nicht rechtwinklig angeordneten Brettern, was sowohl mir, als auch Marie die Nackenhaare zu Berge stehen lies.

So langsam lies auch bei mir die Schockstarre nach.

Eigentlich bin ich handwerklich gar nicht so unbegabt. Nur etwas, ähm, intuitiver veranlagt. Gebrauchsanweisungen und Montageanleitungen brauche ich nicht. Das ist Zeitverschwendung und etwas für Anfänger, die auch für Knöpfe, auf denen groß „Power off“ steht, nachlesen müssen, ob man das Gerät dort ausschaltet oder die Lautstärke regelt.
Außerdem sind Anleitungen grundsätzlich unlogisch und bestenfalls vom Google-Übersetzer aus dem Chinesischen ins Taiwanesische und von dort über Englisch, Russisch und Altgriechisch in ein stichwortartiges Deutsch aus dem 19. Jahrhundert übersetzt.

„Verbinden Es A mit C nachdem Er E über D kopfüber gedreht hat und nutzen Sie dann den mitgelieferten Werkzeugschrauber um es festhalten zu lassen.“

Alles schon gesehen. Brauch ich nicht. Kann ich ohne besser. Außerdem bin ich der Mann im Hause und muss meiner Freundin jeden Tag aufs Neue beweisen, dass ich eine Daseinsberechtigung habe. Sie kocht, putzt, verwaltet unsere Freunde, denkt an Geburtstage und Termine, achtet auf meine Körperhygiene und mag mich irgendwie. Genauso wie unseren Hund. Daher muss ich etwas machen, dass der Köter nicht kann. Zum Beispiel einen Schrank aufbauen - ohne Anleitung.
Es ist auch langsam meine letzte Chance, habe ich das Gefühl. Die Kommentare von Marie werden zunehmend patziger, lauter und.... persönlicher. Irgendetwas ist da im Busch. Wenn ich nicht neben dem Hunde im Flur enden will, muss ich etwas besonderes leisten. Daher habe ich diesen Schrank, das Regal, oder was auch immer das werden wird, gekauft. Operation Heimatsicherung.

Doch schon das Eintreffen der beiden zwei mal ein Meter großen Pakete sorgte für Aufruhr im Hause Marie. Der Postbote lieferte bis Bordsteinkante. Ich war nicht da. Und so musste Marie die Pakte nach oben schleppen. In den vierten Stock.
Dann begann die Platzsuche. Das ist wie Parkplatzsuche, nur dass man innerhalb der Wohnung Dinge von links nach rechts räumt statt mit dem Auto immer um den Block zu fahren.
Hat man dann sowohl Platz für die Pakete, die weggeräumten Sachen, das Auspacken und den neuen Standort des Regals geschaffen, würde man am liebsten erst mal Urlaub machen.
Geht aber nur wenn man alleine wohnt. Hier regiert nicht das Chaos, sondern die Königin. Und die will nicht, dass hier Dinge rumliegen. Auch keine Krümel von der Verpackung!

Der erste Anpfiff war mir also sicher. Das merkte ich, als ich daheim ankam und zeitgleich sowohl Marie in der Wohnung fluchen hörte, als auch mein Handy sich mit einem Nachrichtenbombardement meldete. Ich entschloss mich, so zu tun, als wäre ich totaaaal überrascht, dass dieses lang vergessene Paket ausgerechnet heute angekommen ist. „Das sollte doch erst nächsten Samstag kommen. Wenn du nicht da bist und ich das alles alleine erledigen kann.“ sagte ich mit unterwürfiger Stimme und fügte ein liebevoll gesäuseltes „Schatz“ hinzu.
„Es sollte eine Überraschung werden.“
„Tolle Überraschung.“ sagte Marie. „Deinetwegen habe ich mir den Rücken verknackst, die Türen und Wände angestoßen und den Hund getreten.“
Mein Blick wanderte umher. Der Hund blickte mich vorwurfsvoll an.
„Es tut mir leid. Du hattest schon so oft erzählt, dass du einen neuen Schrank haben wolltest. Da dachte ich...“ Weiter kam ich nicht. „Da dachtest du was?“ unterbrach mich Marie.
„Dachtest du, ich bestelle jetzt mal eben einen Monsterschrank für Männer? So ein stylisches Ding?“
„Nein, er ist schlicht weiß.“
„Ah. Weiß, also was langweiliges! So langweilig wie ich für dich bin?“
„Nein! Weiß ist doch eine helle, freundliche Farbe. Und er ist von deinem Lieblinsmöbelhaus.“
„Ich verstehe. Nur das Beste für deine geschmacklose Freundin, was?“
„Nein, nein. Du magst doch den Laden. Du blätterst jeden Tag durch die Angebote und kreuzt an, was du gern hättest.“
„Das“ Marie zeigte auf die Pakete „ habe ich ganz sicher nicht angekreuzt!“
„Ja schon, aber du wolltest einen Schrank oder ein Regal. Oder Schrankregal.
„Einen Raumtrenner!“ sagte sie und betonte die letzte Silbe ganz besonders.
„Raumtrenner? Ist ein Schrank kein Raumtrenner? Guck, den kann man überall hinstellen.“
„Das sieht doch behindert aus.“ Marie sackte auf das Sofa zusammen und fing an zu schluchzen.
„Nie hörst du mir zu. Ich bitte dich um so wenig und was machst du? Du machst dein eigenes Ding und übergehst mich. Wie soll das bloß alles werden?“
„Aber Schaaaatz. Beruhige dich doch...“
„Ich bin nicht wütend!“
„...erst einmal...“ gingen meine letzten Worte etwas im Geschrei unter.
Ich erklärte ihr noch einmal die Vorteile dieses wundervollen Schranks. Ich kam mir dabei vor wie eine Mischung aus Clown, der seine Patienten aufheitern wollte, und einem Außendienstmitarbeiter, der bei seiner Präsentation unbedingt einen Erfolg verbuchen musste, um nicht gefeuert zu werden.

Ich gab mir aber größte Mühe es lustig rüberkommen zu lassen. Es fehlte nur noch die verkaufsfördernde pralle Dame an meiner Seite, die meine Sätze immer wiederholt. Ihr kennt das sicherlich aus dem Verkaufsfernsehen. „Nur noch drei Stück im Lager von diesem unglaublich schönen, weißen Schrank.“ - „Der ist wirklich schön!“ - „Ja Sue, ist er. Und er kostet nur unglaubliche 899,99.“ - „So billig? 899,99?“ - „Ja! Unglaublich, oder? Und wenn Sie jetzt bestellen, erhalten Sie diese Designerklobrille noch gratis dazu.“ - „Das ist unglaublich Tim! Ich will auch eine Designerklobrille!“.

Jedenfalls schaffte ich es so, aus Marie der Furie, Marie die Entdeckerin zu machen. Sie lächelte zwar nicht, ging mir aber auch nicht mehr verbal an die Gurgel. Vielmehr sprang sie plötzlich auf und sagte: „Da.“
„Wo?“
„Da, wo dein altes Regal mit den DVDs steht. Da könnte der Schrank hin.“
„Toll gemacht“ dachte ich. Warum habe ich das nicht bedacht? War doch sonnenklar, dass wenn etwas neues für die Frau kommt, etwas altes vom Mann Platz machen muss.
Aber ich war bereit dieses Opfer zu bringen. Für uns. Für mich.

Also gingen wir daran, die Pakete auszupacken. Während Marie gewissenhaft die Anleitung studierte und alle Einzelteile sortierte, hatte ich schon die ersten Teile zusammengeschraubt. Aber was aus den ersten Versuchen wurde, habt ihr ja bereits weiter oben lesen können.
Wir sind nun also kurz nach dem Aufprall des umgekippten Schrankes nach Versuch Vier wieder angekommen. Glücklicherweise war tatsächlich nichts ernsthaft beschädigt, so dass wir nach nur drei weiteren Versuchen endlich einen nigelnagelneuen Schrank im Wohnzimmer stehen hatten. Windschief war er auch nicht mehr. Ich habe ihn an der einen Seite in der Ecke angeschraubt und an der anderen Seite am Kleiderschrank.
Nun musste noch das Sofa weichen. Denn dort wurde der Platz für ein Bett benötigt. Und meinen Schreibtisch habe ich auch noch abgebaut. Dort haben wir dann die Wickelkommode hingestellt. Endlich war alles perfekt. Und wir fielen uns in die Arme. Marie war wieder völlig ausgeglichen.
Meine Angst war verflogen, denn ich wusste ja, dass sie seit einigen Monaten nicht immer sie selbst war.


Als das Kind kam, musste ich trotzdem des öfteren beim Hund auf dem Flur schlafen. Aber das ist eine andere Geschichte.
 

Ji Rina

Mitglied
Außerdem sind Anleitungen grundsätzlich unlogisch und bestenfalls vom Google-Übersetzer aus dem Chinesischen ins Taiwanesische und von dort über Englisch, Russisch und Altgriechisch in ein stichwortartiges Deutsch aus dem 19. Jahrhundert übersetzt.
:)
Außerdem bin ich der Mann im Hause und muss meiner Freundin jeden Tag aufs Neue beweisen, dass ich eine Daseinsberechtigung habe. Sie kocht, putzt, verwaltet unsere Freunde, denkt an Geburtstage und Termine, achtet auf meine Körperhygiene und mag mich irgendwie. Genauso wie unseren Hund. Daher muss ich etwas machen, dass der Köter nicht kann. Zum Beispiel einen Schrank aufbauen - ohne Anleitung.
:)

Ich kann auch keinen Schrank aufbauen, das macht mein Hund viel besser als ich.
Vieles hier kam mir bekannt vor,
Gruss, Ji
 

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