Nichts wird mir bleiben

4,10 Stern(e) 8 Bewertungen

Walther

Mitglied
Nichts wird mir bleiben


Du hast mit meinem Verstand gehandelt
Als sei er zu verkaufen
Für dumm für Geld für nichts und wieder

Nichts

Ich habe dir Rätsel aufgegeben
Du hast orakelt
Und Deine Antwort war leer
Unnütz das Liebesspiel
Nur Werkzeug nur Entladung

Entlarvung hieße Schmetterlinge
Zarte Libellenflügel entfalten
Hieße Schönheit
Du bist schön - dein Wissen darum
Macht dich zu blankem Entsetzen

Du hast mir das Herz gelassen Blutsaugerin
Dafür sei dir Dank doch
Das Zweifeln am Verstand

Wird mir bleiben
 

Ralf Langer

Mitglied
hallo,

ersteinmal ganz kurz:

ich bin sehr angetan von der art wie du hier
den begriff "Entlarvung" setzt.

das demaskieren einer "untat"
das absetzen einer maske (konkret)
und das zwischenstadium vom Ei zum Erwachsenenstadium einiger tierarten


alle diese drei mir gängigen bedeutungsebenen des wortes
kommen - um im sinn zu bleiben - zur entfaltung.

später mehr

ralf
 
O

orlando

Gast
Dem schließe ich mich gern an. -
Hach, schon wieder (!) ein Forengedicht, das mir von Herzen gefällt.
Gerade auch wegen des Bezugs zum antiken Orakel, der deinen Versen Tiefe verleiht. Denn natürlich war die Ausführlichkeit (zuweilen auch Deutlichkeit) des Orakels schon damals nicht unwesentlich vom Geldeutel bestimmt, blieb aber allemal im Ungefähren.
Auf einer anderen Ebene geht es wohl um "Entlarvung" der Liebe, übertragen um Schein und Sein.
Und um den ewigen Zweifel an eben derselben.

Aber auch Ralfs Mutmaßungen haben viel für sich. :)

Fein.
orlando
 
K

kal

Gast
hallo walther,
ein / täte der blutsauger/in auch gut zu gesicht stehen.
auf jeden fall tolles gedicht ... und so wahr!


schönen nikolaus
andrea
 

Walther

Mitglied
Hi Ralph,

in der tat habe ich das wort "Entlarvung" einmal auf seinen ursprung zurückgeführt, um die tiefes des begriffs auszuloten. meist sind die larven ja häßlicher als das, was aus dem gestaltwechsel entsteht.

ich bin schon gespannt auf deine überlegungen!

lg w.


lb. Orlando,

es erfreut, vor deinen kritischen augen zu bestehen. ;) danke für deine freundlichen worte und die wertung. ich hoffe, ich habe beides verdient mit diesem text!

lg w.


lb. kal,

in der tat paßte das auf bestimmte exemplare beider geschlechter! danke für deine rückmeldung!

lg w.
 

Mondnein

Mitglied
Was ist süßer als Honig? Was ist grimmiger als der Löwe?

Da ich schon seit jeher etwas schwer von Begriff bin, wundere ich mich über die Selbstentlarvung des lyrischen Ichs:
Ich habe dir Rätsel aufgegeben
Du hast orakelt
Und Deine Antwort war leer
Unnütz das Liebesspiel
Nur Werkzeug nur Entladung
Der Berichterstatter bekennt also, daß er eine schwierige Frage gestellt hat, und daß der Antwortversuch der Geliebten, die er damit auf die Probe stellen wollte, nicht seiner Erwartung entsprochen hat. Anstatt anzunehmen, daß sie ihm schlicht ein Gegenrätsel gestellt hat, projeziert er sein Nichtverstehen in die Antwortende hinein ("Deine Antwort war leer"), denn er will sie in der Rolle eines Prüflings fest-nageln, zu welchem Zweck auch immer; jedenfalls soll sie das ihr gestellte Rätsel lösen, und nicht so frech sein, Gegenrätsel zu orakeln.
Und dann geht er in der Prüfung seiner Auszubildenden einen Schritt weiter, tiefer hinein in die Kühlkammer - mein Herz erfriert mir, wenn ich das lese - und beklagt sich darüber, daß das Liebesspiel ihm keinen Nutzen (sic!) gebracht habe.
Vielleicht hätte er keinen Nutzen ihm Liebesspiel suchen sollen. Vielleicht hat das Gegenrätsel des armen geprüften Liebesobjekts gerade darin bestanden, ihn zu fragen, ob Liebe nicht der zweck- und nutzloseste Selbstzweck aller Genüsse, Haltungen, Taten und Opfer sei?
Und ihm, dem Liebe nun mal kein Selbstzweck ist, wird schlagartig klar, daß sie ihm nur Instrument war (zu welchem Zweck auch immer) - seine eigene Lieblosigkeit wird ihm bewußt.
Und er entlädt sich ohne Orgasmus.
Etwa so?
 

Walther

Mitglied
lb Mondnein,

die sprache hat die charmante seite, das gegenteil von dem bedeuten zu können, was geschrieben steht. die erwartungshaltungen der liebenden sind unterschiedlicher als sie selbst wissen. die kommunikation hat den weniger charmanten nebeneffekt, daß das was gesagt ist, nicht immer so verstanden wird, wie es verstanden werden sollte. darüberhinaus verändert sich die einordnung dessen, was man gemeint hat, als man sprach.

letztlich schreiben wir über sprache in der sprache. und wollen verstehen und verstanden werden. genau diesen zustand beschreibt die heisenbergsche unschärferelation.

danke für deinen eintrag!

lg w.
 

Venus

Mitglied
Lieber Walter,

gerne und öfter hab ich deine Zeilen gelesen, gestatte mir meinen Eindruck.


Titel und Schlusszeile wollen sich für mich widersprechen, das zwickt mich. Gerade weil das Finale doch final sein möchte - und doch hierbei die Ansage widerlegt.
Mag sein, dass dies gewollt ist "als bleiben im nichts", mir drängt sich ein wenig Wortwiederholung (in der Summe aus den weiteren Zeilen), vordergründig.


"Entlarvung hieße Schmetterlinge
Hieße Schönheit"

(Die Flügelchen weglassen, vielleicht?)

Der poetische Erguss beschränkt sich nicht auf das pure Herzerleichtern, er hat die Aufgabe, den Geist nicht von der Empfindung, sondern in derselben zu befreien. Ich denke, dies möchte nicht in gehobenem Maße plastisch, eher subtil erfolgen.

Eine Interpretation zu diesem Werk schließt sich meiner Meinung nach aus. Hierzu demnach von mir keine weiteren Anmerkungen.

Vielen Dank fürs Lesenlassen!

Herzlich,
Gabriele
 

Walther

Mitglied
lb. Venus,

danke für deinen eintrag.

das lyrich spricht zwar davon, daß ihm nichts bliebe, aber in der tat ist der text ein widerspruch in sich. es bleibt verdammt viel vom nichts. es bleibt diese riesengroße leere, die zurückgelassen wird, wenn jemand einem das herz herausreißt. auch ein nichts ist, so betrachtet, nicht nichts. dennoch beschreibt dieses paradoxon genau das, was man fühlt, wenn einem so etwas widerfährt.

lg w.
 

Oben Unten