Nie wieder Weihnachtsbaum!

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Hagen

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Nie wieder Weihnachtsbaum!

Mit Weihnachten verbinde ich die grauenhafteste Zeit des Jahres.
Schneeschippen durfte ich machen, im zarten Alter von zehn Jahren, weil ich ‘was fürs Leben lernen sollte‘ oder so ähnlich. Jedenfalls blieb es dabei, weil ich es im Jahr zuvor schon gemacht hatte.
Eigentlich wollte ich wirklich was fürs Leben lernen, Plätzchen backen zum Beispiel, aber das können Männer sowieso nicht und seit dem war die Küche für mich tabu.
Und dann war da noch das Ding mit dem ‘Adventsbasteln‘, Montag die erste Stunde. Natürlich mussten wir erst mal singen, „Es ist ein Ros entsprungen …“ und solch ein Zeugs. Als es dann wirklich ans Basteln ging, wollte ich ‘einen Scher‘ haben.
Meine Lehrerin wusste damit überhaupt nichts anzufangen und ich erklärte ihr, dass es sich dabei um eine Schere handelte, denn wir hatten ja eben gesungen:
„Es ist ein Ros entsprungen!“
Ich wollte mich auch mal der Dichtersprache befleißigen. Das sah sie natürlich anders, und dass man mit ‘Kulturgut‘ anders umgehen müsse. Sie gab mir, um das richtige Verhältnis zur ‘Dichtersprache‘ zu bekommen, auf, die ‘Glocke‘ über Weihnachten abzuschreiben, ich hätte dann ja Zeit …
Seit dem hasse ich ‘Kulturgut‘.
Und dann war da noch das Ding mit dem Tannenbaum!
Ich habe mal einen geklaut, im Alter von zwölf Jahren, während meine Eltern zum Singen im Kirchenchor waren, aus einer Schonung, einen wirklich schön gewachsenen, geraden, dichten und so weiter. Kloppe habe ich dann von meinem Vater gekriegt, weil der zu groß war, und er musste ihn kürzen, er hatte die Arbeit davon.
Überhaupt war das mit dem Tannenbaum so eine Sache. Mein Vater und ich mussten den besorgen, richtig kaufen, was wir auch taten. Wir suchten den am schönsten gewachsenen, geradesten, dichtesten und so weiter aus und brachten ihn nach Hause. Meine Mutter kam nie mit, zickte aber rum, wir hätten einen schöner gewachsenen, geraderen, dichteren und so weiter mitbringen sollen.
Naja, das ging vorüber und dann musste der Tannenbaum in den Ständer geschraubt werden.
Das tat mein Vater unter Gefluche und Geschelte und dann kam meine Mutter rein, behauptete der wäre schief und war wieder draußen, nach den Plätzchen oder was auch immer gucken. Sie hat nicht gesagt, zu welcher Seite er schief war, worauf das Gefluche und Geschelte meines Vaters beim Richten des ‘schiefen Baumes‘ erneut los ging. Danach kam meine Mutter rein, „Der ist ja immer noch schief!“ und ging wieder nach den Plätzchen gucken. Dieser Vorgang wiederholte sich etliche Male, dann wurden meine Oma und meine kleine! Schwester geholt und die behaupteten: „Der ist ja schief!“
Es folgte siehe oben!
Bis wir den Tannenbaum nicht mehr anrührten, eine Weile warteten und die Damen erneut zur Abnahme riefen. Die ging endlich glatt durch und mein Vater war verschwunden.
Das wäre nicht so schlimm gewesen, aber der Christbaumschmuck musste vom Boden geholt werden, und das blieb natürlich wieder an mir hängen, ganz alleine und hätte mal eben erledigt werden können. Dass die Damen des Hauses mitgeholfen hätten; - nichts dergleichen! Sie standen im Wege rum und gaben gute Ratschläge: „Pass auf!“
„Sei vorsichtig!“
„Stoß nirgends an!“
„Das geht kaputt!“
und so weiter, bis die drei Kisten in der guten Stube standen und ich rausgeschmissen wurde. Weil Männer können nicht den Christbaum schmücken, das ist nun mal so!
Na gut, spätestens jetzt hatte ich von Weihnachten die Nase voll, es hätte so schön sein können, wenn die Damen nicht – wie jedes Jahr – die Spitze vergessen hätten!
Der Baum musste teilweise ‘entschmückt‘ werden. Ich musste die Haushaltsleiter holen, weil meine Schwester zu klein war, meine Oma zu alt, meiner Mutter immer schwindelig wurde und mein Vater nicht aufzufinden war musste ich. Gehalten von den drei Damen, dass ich mich kaum bewegen konnte, setzte ich die Spitze auf und brachte die Haushaltsleiter weg.
Kaum war sie weg, wurde ich erneut gerufen und auf das Übelste beschimpft, weil die Spitze schief war. Also die Leiter wieder her und dann wiederholte sich der Vorgang wie mit dem angeblich schiefen Tannenbaum, nur das die Haushaltsleiter mehrmals geholt und wieder weggebracht wurde, aber mit mir konnte man es ja machen, es war keiner da, an den ich delegieren konnte!
Die Aktion hatte bis jetzt fünf! Stunden gedauert, einschließlich der Beschaffung.
Am Heiligen Abend musste der Baum erst mal eine halbe Stunde bewundert werden, und die Damen wurden ausgiebig gelobt, weil sie den Baum so schön – eine ganze Stunde lang – geschmückt hatten, über die zeit,- und nervenintensiven Vorarbeiten wurde kein Wort verloren.
Und dann musste ich bis ins hohe Alter von vierzehn Jahren noch ein Gedicht unter dem Scheißtannenbaum aufsagen, weil Omama sich doch so freut. Natürlich konnte meine kleine Schwester das besser, die Nummer mit den Tannenspitzen, auf den güldene Lichlein blitzen oder so ähnlich; - ich hab’s jedenfalls erfolgreich verdrängt.
Wer allerdings glaubt, die Sache mit dem Tannenbaum wäre nun durch, der irrt!
Eine Weile nach Weihnachten musste der Baum ‘entschmückt‘ werden und das taten wieder meine Mutter und meine kleine Schwester – bis auf das Lametta!
Das durfte ich wieder ausbauen, aber so, dass kein Faden riss!
Jeder Faden wurde zu meiner Oma gebracht, die das Zeug sorgsam bügelte und in Zeitungspapier einlegte. Meine kleine Schwester stand daneben und passte auf, dass ich alles richtig machte und wenn ein Faden riss, ging sie zu meiner Mutter petzen und ich bekam einen Bax.
Ja, ja, hat sich was mit ‘Frohe Weihnachten‘!
Da mein Vater wie üblich unauffindbar war, musste ich den Christbaumschmuck auf den Boden bringen. Die Damen standen im Wege rum und gaben gute Ratschläge: „Pass auf!“
„Sei vorsichtig!“
„Stoß nirgends an!“
„Das geht kaputt!“ und so weiter, das kennen wir ja schon.
Aber das Dickste kommt noch: Der Baum musste raus!
Nordmanntannen oder so gab’s damals noch nicht, oder es wurde aus Kostengründen darauf verzichtet, jedenfalls nadelte das Ding wie Sau. Die Damen standen im Weg rum und gaben gute Ratschläge während ich schleppte:
„Pass auf!“
„Sei vorsichtig, der nadelt!“
„Stoß nirgends an, sonst fallen die Nadeln ab!“ und so weiter.
Im Folgenden durfte ich, weil ich nicht aufgepasst hatte, sauber machen, wobei mir meine kleine Schwester behilflich war, indem sie mir zeigte, wo die Nadeln liegen – aber immer nachdem ich das Kehrblech und den Besen gerade weggebracht hatte. Das ging Übrigends noch wochenlang nach Weihnachten so weiter, und ich kriegte von meinem Vater eins in den Nacken, weil ich nicht ordentlich sauber gemacht hatte. Irgendwie fielen dann noch Worte wie: „Hättste denn nicht…?“ und „Du bist doch nicht blind!“ und so weiter, ich hab‘s jedenfalls erfolgreich verdrängt, genau wie die Reaktion meiner Lehrerin, als ich vor lauter Stress vergessen hatte, die ‘Glocke‘ abzuschreiben.
Auf alle Fälle war das nicht sehr positiv und hatte überhaupt nichts mit ‘Frohe Weinachten‘ zu tun. Irgendwas mit Nachsitzen, aber das habe ich, wie gesagt, erfolgreich verdrängt. Und ein Tannenbaum kommt mir auch nicht mehr ins Haus, ist doch eigentlich bekloppt, sich einen Baum in die Wohnung zu schleppen.
 

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