Nietzsches Nachsinnen über Jesus

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Wie bist du, Heiliger, dem Weib entstiegen
Ausgetragen in der Mühsal einer
Menschenmutter Schooß.
Geburt ist nur für die, die sich an
Gräbern aneinander schmiegen.
Und starren drauf: Wie ist der Tod doch
selbst für unsre Größten noch zu groß

Eli, Eli, lema sabachtani

Solche wie dich, sollte man nicht unter
Menschen finden dürfen.
Sie sollten keine Kreuze schleppen müssen.
Euch sollte man mit bloßen Händen aus
dem Herz des Raubtiers schürfen.
Und eure Füße sollten Menschen
anflehen, nicht küssen !

Wir müssen mehr von euch vor eurem
Anfang lernen. Von eurem Ende, das nie
Ende ist. Nicht alles Licht kommt von den
Sternen. Nicht jedes Zeitvergehen ist Frist.

War Lust die Liebe, die mich rief ?
Hab ich den Spiegel ausgelacht ?

Aus tiefem Traum bin ich erwacht.
Die Welt ist tief und tiefer als der Tag
gedacht.
Tief ist ihr Weh-,
Lust- tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
-will tiefe, tiefe Ewigkeit!


Wir haben Gott nicht umgebracht!

Gott hat die Ewigkeit befreit!
 
Lieber Dionysos,

ich wage mich vielleicht jetzt zu weit aus dem Fenster. Aber die letzten zwei Zeilen hätte es für mich nicht gebraucht.

Herzliche Grüße
S.
 
Lieber Dionysos,

ich wage mich vielleicht jetzt zu weit aus dem Fenster. Aber die letzten zwei Zeilen hätte es für mich nicht gebraucht.

Herzliche Grüße
S.
Hi SG

Vielen Dank für deine Einschätzung und deinen Eindruck. Mir war nach dem Mitternachtslied des Zarathustra nach einer Auflösung um die verlorene, aus der (ahnen)Gemeinschaft gefallene Selbstentgrenzung in Nietzsches philosophischem Ansatz. Ich denke dass der „Ewigkeit“ im Zarathustra in diesem Kontext zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Sie scheint mir nicht positiv besetzt und braucht eine Begrenzung durch das spirituelle. Wenngleich Nietzsche im Zarathustra ausrufen lässt Gott sei tot zieht er sogleich das mächtige Gegenteil an - Darin wird eher eine kindlich trotzige Sehnsucht für mich deutlich die ich mehr dem romancier als dem Philosophen Nietzsche zuschlagen würde. Nietzsche hat Jesus bewundert. Ich denke der Zusammenfall des göttlichen und menschlichen in der Figur des Heilandes hat ihm seine Sehnsucht und seinen Fluch größtmöglich gespalten vor Augen geführt. Ich hätte ihm die Erkenntnis der Befreiung der Ewigkeit und stasis in Gott gewünscht

Mes compliments

Dionysos
 
Zuletzt bearbeitet:

mondnein

Mitglied
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
-will tiefe, tiefe Ewigkeit!
ja, will sie.

hat aber Pech gehabt.

Ich denke, so hat Nietzsche es gemeint, denn als altem Schopenhauerianer war ihm der Selbstbetrug der Lustsuche längst durchschaut. Das wagnerianisch-isoldische "Ewigkeits"-Pathos seines Liedes versucht es zwar zu überspielen. Aber eigentlich war er ein viel zu guter Dichter, als daß er so einen Schwulst (es sei denn, daß er durch Musik in einen durch die Zeit strömenden inneren Film verwandelt wird) wirklich ernstnehmen konnte.

grusz, hansz
 



 
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