Ich schreibe an einem kleinen Tisch im Gästezimmer mit Fenster zum Hof. Südseite. Ab dem frühen Nachmittag blendet die Sonne, der Rollladen ist fast ganz heruntergelassen. Hinter mir steht der Wäscheständer. Viel Platz bleibt da nicht für den gepolsterten Schwingstuhl, dessen Stahlrohrgestell bei der geringsten Bewegung gegen die Tischbeine schlägt. Direkt hinter dem Wäscheständer nimmt das Bett den meisten Platz ein, gegenüber quetscht sich ein schmaler Schrank an die Wand. Es riecht etwas klamm. Ob das von der Wäsche oder von dem kleinen Schimmelfleck an der Decke kommt, lässt sich schwer sagen. Ich habe gehofft, dass er sich kümmert. Er hat auch die Hausverwaltung angerufen, die waren telefonisch nicht erreichbar. Er setzte ein Einschreiben auf. Das ist ungefähr zwei Monate her. Natürlich kam keine Antwort, hätte ich ihm vorher sagen können. Aber wir sprechen schon seit Langem nicht mehr über das, was uns wirklich beschäftigt. Jeden Tag sitze ich in meinem muffigen Rückzugsort, der Rollladen lässt schmale Streifen Licht herein, die durch das Zimmer wandern, über den Schreibtisch huschen und am Wäscheständer hängen bleiben. Dort baumelt sein graues Hemd neben meiner Bluse. Die hat er mir vor langer Zeit gekauft. Das einzig reale Geschenk von ihm. Ziemlich krank, wenn man mich fragt. Seitdem hängt sie da. Stoff an Stoff, als gäbe es keinen Grund, Abstand zu halten.
Wenn er die Tür aufschließt, seine Jacke an der Garderobe verstaut und in die Küche geht, erkenne ich seine Stimmung an den Schritten. Sind sie schnell und bestimmt, war es ein guter Tag. An schlechten Tagen sind die Schritte langsam, zögernd, fast schlurft er. Vielleicht waren die Möbelverkäufe in der Firma überschaubar, oder es gab Ärger mit Kollegen. Keine Ahnung! Wenn ein Komet in die Design-Ausstellung gekracht wäre, wüsste ich davon nichts. Und zum Thema Design: Der Schwinger, den er angeschleppt hat, ist nicht nur zu breit, sondern auch noch unbequem, und damit habe ich noch nichts über die Farbe gesagt.
Früher hat er an dem Schreibtisch geschrieben, an dem ich jetzt sitze, aber davon kann man nicht leben. Zumindest nicht, wenn man so schlecht und langsam schreibt wie er. Seine letzte Veröffentlichung ist drei Jahre her. Den geplanten Folgeroman führte er nicht zu Ende, hörte einfach mittendrin auf. Dann muss man eben Möbel verkaufen.
Die Kühlschranktür wird geöffnet, sie knarrt leicht. Er lässt sie eine halbe Minute offen, ich weiß nicht, warum er das tut. Er steht dort und starrt auf die leeren Fächer. Keine Milch, kein Aufschnitt, nein, Bier auch nicht. Da kann nichts sein. Er kauft nie ein. Weder morgens noch abends isst er etwas. Dann wird der Fernseher im Wohnzimmer eingeschaltet, ich höre die gedämpften Stimmen bis tief in die Nacht. Nach zehn Minuten auf dem Sofa ist er eingeschlafen.
Manchmal spricht er mit sich, schimpft und flucht. Seine Marotten werden nicht weniger. Früher hat er seine Schuhe ausgezogen, wenn er in die Wohnung kam. Es spielt wohl keine Rolle mehr. Er geht durch den Flur, seine Schritte kommen langsam näher. Er drückt die Klinke zum Gästezimmer herunter, öffnet zögernd die Tür und schaut in meine Richtung. Sein Blick streift den Schreibtisch, wandert zu dem Wäscheständer, schließlich zur Decke. Der Schimmelfleck ist ein kleines bisschen größer geworden. Er streicht über meine Bluse. Ich sitze auf dem Schwingstuhl, wende mich dem Monitor zu und starre auf das Schwarz des Bildschirms. Gleich wird er das Zimmer verlassen. Wortlos. Tut er aber nicht, er bleibt.
„Wir müssen reden“, sagt er.
Ich schweige. Er hat schon ewig nicht mehr mit mir gesprochen. Einerseits ist es schön, dass er mich überhaupt wieder wahrnimmt, das Gespräch sucht, auf der anderen Seite ist es ungewohnt nach dieser langen Phase der Ignoranz. Ich bin ihm böse, sehr sogar, dass er mich so behandelt hat. Eingesperrt in diesem muffigen Zimmer, als wäre ich ihm nicht mehr wichtig. Abgelegt wie ein nutzloses Spielzeug, an dem er das Interesse verloren hat. Habe ich mich anders entwickelt, als er geplant hat? Meine Schuld ist das ja wohl nicht!
Ich drehe mich zu ihm, als er sich auf die Bettkante setzt, das Gesicht in den Händen vergraben. Ein Häufchen Elend, vornübergebeugt, den Rücken gekrümmt. Das geschieht ihm recht, ich lasse ihn noch etwas zappeln. Bei ihm kann man sich nie sicher sein, er schauspielert sehr gut, ist launisch und unberechenbar. Das macht es nicht einfach für mich.
„Ich weiß, dass du da bist“, sagt er.
Ich erwidere nichts. Was soll das, wo, glaubt er, soll ich sonst sein? Stocksteif sitze ich auf dem Schwingstuhl und warte. Er nimmt die Hände herunter und sieht mich direkt an. „Ich habe den Roman fertig geschrieben. Er ist verdammt gut geworden, unglaublich emotional! Das Ende kam selbst für mich überraschend, ich habe geweint. Und das Beste: Der Verlag hat sie genommen!“
Ich bin sprachlos. Wie schön ist das denn? Er kann es doch! Dann schießt mir ein anderer Gedanke durch den Kopf: Wann hat er die Geschichte zu Ende geschrieben? Und vor allem wo? Hier jedenfalls nicht! Der war nie in irgendeiner Möbelfirma. Dieser Mistkerl hat gelogen. Er ist jeden Tag raus, auf der Flucht vor mir. Abends kann man ja nach Hause kommen und den Fernseher einschalten, muss man mit der Alten nicht reden.
„Das ist noch nicht alles“, fährt er fort und knetet seine Finger. Er öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Wie eine Kaulquappe. Ich denke: Du schreibst die Dialoge, nun sprich endlich!
„In der Geschichte hattest du einen Unfall. Die Ärzte haben um dich gekämpft, aber am Ende …“
Er sucht nach Worten. Ich starre ihn an, das kann nicht sein Ernst sein. Ein Kloß bildet sich in meinem Hals, die Konturen des Zimmers verschwimmen hinter meinen Tränen, als hätte ein mittelmäßiger Schreiberling den Raum nur ungenau beschrieben. Er hat mich sterben lassen, nun will er die Überreste wegkehren, Platz schaffen für neue Protagonisten.
Er setzt sein trauriges Dackelgesicht auf, dabei platzt er fast vor Stolz: „Manchmal muss eine Figur leiden, damit die Leser glücklich sind.“
„Bitte nicht so!“ Ich will das schreien, bringe aber nicht viel mehr als einen Schluchzer heraus.
„Der Roman erscheint zur Buchmesse“, sagt er.
Will er mich als Tote mitschleifen? Den Lesern meine Leiche präsentieren, um Kapital daraus zu schlagen?
„Nimm mich mit!“, flehe ich. „Lebend!“
„Der Verlag wünscht sich eine neue Geschichte – mit einer Protagonistin wie dir. Wir sollten gemeinsam auf Reisen gehen. Uns wirklich kennenlernen. Was denkst du?“
Ich wische mir die Tränen aus den Augen, er geht zum Fenster und zieht den Rollladen hoch. Draußen ist es noch hell, im Hof wachsen Heckenrosen, rote Hagebutten leuchten in den Sträuchern. Ich habe beinahe vergessen, wie schön das Leben sein kann. Auch wenn ich in seinen Augen nur eine Figur bin, habe ich meinen Stolz.
„Ich weiß nicht, ob du gut genug für mich bist“, sage ich und bin nicht sicher, ob er mich gehört hat.
Wenn er die Tür aufschließt, seine Jacke an der Garderobe verstaut und in die Küche geht, erkenne ich seine Stimmung an den Schritten. Sind sie schnell und bestimmt, war es ein guter Tag. An schlechten Tagen sind die Schritte langsam, zögernd, fast schlurft er. Vielleicht waren die Möbelverkäufe in der Firma überschaubar, oder es gab Ärger mit Kollegen. Keine Ahnung! Wenn ein Komet in die Design-Ausstellung gekracht wäre, wüsste ich davon nichts. Und zum Thema Design: Der Schwinger, den er angeschleppt hat, ist nicht nur zu breit, sondern auch noch unbequem, und damit habe ich noch nichts über die Farbe gesagt.
Früher hat er an dem Schreibtisch geschrieben, an dem ich jetzt sitze, aber davon kann man nicht leben. Zumindest nicht, wenn man so schlecht und langsam schreibt wie er. Seine letzte Veröffentlichung ist drei Jahre her. Den geplanten Folgeroman führte er nicht zu Ende, hörte einfach mittendrin auf. Dann muss man eben Möbel verkaufen.
Die Kühlschranktür wird geöffnet, sie knarrt leicht. Er lässt sie eine halbe Minute offen, ich weiß nicht, warum er das tut. Er steht dort und starrt auf die leeren Fächer. Keine Milch, kein Aufschnitt, nein, Bier auch nicht. Da kann nichts sein. Er kauft nie ein. Weder morgens noch abends isst er etwas. Dann wird der Fernseher im Wohnzimmer eingeschaltet, ich höre die gedämpften Stimmen bis tief in die Nacht. Nach zehn Minuten auf dem Sofa ist er eingeschlafen.
Manchmal spricht er mit sich, schimpft und flucht. Seine Marotten werden nicht weniger. Früher hat er seine Schuhe ausgezogen, wenn er in die Wohnung kam. Es spielt wohl keine Rolle mehr. Er geht durch den Flur, seine Schritte kommen langsam näher. Er drückt die Klinke zum Gästezimmer herunter, öffnet zögernd die Tür und schaut in meine Richtung. Sein Blick streift den Schreibtisch, wandert zu dem Wäscheständer, schließlich zur Decke. Der Schimmelfleck ist ein kleines bisschen größer geworden. Er streicht über meine Bluse. Ich sitze auf dem Schwingstuhl, wende mich dem Monitor zu und starre auf das Schwarz des Bildschirms. Gleich wird er das Zimmer verlassen. Wortlos. Tut er aber nicht, er bleibt.
„Wir müssen reden“, sagt er.
Ich schweige. Er hat schon ewig nicht mehr mit mir gesprochen. Einerseits ist es schön, dass er mich überhaupt wieder wahrnimmt, das Gespräch sucht, auf der anderen Seite ist es ungewohnt nach dieser langen Phase der Ignoranz. Ich bin ihm böse, sehr sogar, dass er mich so behandelt hat. Eingesperrt in diesem muffigen Zimmer, als wäre ich ihm nicht mehr wichtig. Abgelegt wie ein nutzloses Spielzeug, an dem er das Interesse verloren hat. Habe ich mich anders entwickelt, als er geplant hat? Meine Schuld ist das ja wohl nicht!
Ich drehe mich zu ihm, als er sich auf die Bettkante setzt, das Gesicht in den Händen vergraben. Ein Häufchen Elend, vornübergebeugt, den Rücken gekrümmt. Das geschieht ihm recht, ich lasse ihn noch etwas zappeln. Bei ihm kann man sich nie sicher sein, er schauspielert sehr gut, ist launisch und unberechenbar. Das macht es nicht einfach für mich.
„Ich weiß, dass du da bist“, sagt er.
Ich erwidere nichts. Was soll das, wo, glaubt er, soll ich sonst sein? Stocksteif sitze ich auf dem Schwingstuhl und warte. Er nimmt die Hände herunter und sieht mich direkt an. „Ich habe den Roman fertig geschrieben. Er ist verdammt gut geworden, unglaublich emotional! Das Ende kam selbst für mich überraschend, ich habe geweint. Und das Beste: Der Verlag hat sie genommen!“
Ich bin sprachlos. Wie schön ist das denn? Er kann es doch! Dann schießt mir ein anderer Gedanke durch den Kopf: Wann hat er die Geschichte zu Ende geschrieben? Und vor allem wo? Hier jedenfalls nicht! Der war nie in irgendeiner Möbelfirma. Dieser Mistkerl hat gelogen. Er ist jeden Tag raus, auf der Flucht vor mir. Abends kann man ja nach Hause kommen und den Fernseher einschalten, muss man mit der Alten nicht reden.
„Das ist noch nicht alles“, fährt er fort und knetet seine Finger. Er öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Wie eine Kaulquappe. Ich denke: Du schreibst die Dialoge, nun sprich endlich!
„In der Geschichte hattest du einen Unfall. Die Ärzte haben um dich gekämpft, aber am Ende …“
Er sucht nach Worten. Ich starre ihn an, das kann nicht sein Ernst sein. Ein Kloß bildet sich in meinem Hals, die Konturen des Zimmers verschwimmen hinter meinen Tränen, als hätte ein mittelmäßiger Schreiberling den Raum nur ungenau beschrieben. Er hat mich sterben lassen, nun will er die Überreste wegkehren, Platz schaffen für neue Protagonisten.
Er setzt sein trauriges Dackelgesicht auf, dabei platzt er fast vor Stolz: „Manchmal muss eine Figur leiden, damit die Leser glücklich sind.“
„Bitte nicht so!“ Ich will das schreien, bringe aber nicht viel mehr als einen Schluchzer heraus.
„Der Roman erscheint zur Buchmesse“, sagt er.
Will er mich als Tote mitschleifen? Den Lesern meine Leiche präsentieren, um Kapital daraus zu schlagen?
„Nimm mich mit!“, flehe ich. „Lebend!“
„Der Verlag wünscht sich eine neue Geschichte – mit einer Protagonistin wie dir. Wir sollten gemeinsam auf Reisen gehen. Uns wirklich kennenlernen. Was denkst du?“
Ich wische mir die Tränen aus den Augen, er geht zum Fenster und zieht den Rollladen hoch. Draußen ist es noch hell, im Hof wachsen Heckenrosen, rote Hagebutten leuchten in den Sträuchern. Ich habe beinahe vergessen, wie schön das Leben sein kann. Auch wenn ich in seinen Augen nur eine Figur bin, habe ich meinen Stolz.
„Ich weiß nicht, ob du gut genug für mich bist“, sage ich und bin nicht sicher, ob er mich gehört hat.
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