Nostalgie

4,00 Stern(e) 2 Bewertungen

Leugas

Mitglied
Er war zum ersten Mal seit Jahren wieder dort. Die Straße, der Wald und das Dorf, nichts hatte sich verändert. Nur das Haus wirkte nun wie ausgestorben. Das Hoftor klemmte ein bisschen, weshalb er sich dagegen stemmte, bis es unter einem metallischen Geräusch aufsprang. Die Steine waren bereits seit einer Ewigkeit unter einer Schicht von Gras beinahe vollkommen verschwunden. Doch er erinnerte sich, wie es früher dort aussah. Seine Erinnerungen waren noch glasklar. Wie er früher mit seinen hölzernen Figuren in dem Busch gespielt hatte, wie er auf dem Roller tobte und wie er hier zum ersten Mal Fahrrad fuhr. Langsam, Schritt für Schritt, lief er auf die Eingangstür zu und beobachtete die Umgebung. Jedes Gebäude wirkte nun älter, so als stehen sie schon immer hier. Das Dach der Garage war an einer Stelle kaputt und Vögel begannen bereits ein Nest in der sicheren Zwischendecke zu bauen. Der Teich war bereits seit langer Zeit ohne Fische, doch kurz sah er einen Mann auf einem Stuhl sitzen und Fischfutter in den Tümpel werfen. Ein Wimpernschlag später war er verschwunden. Auch an der Treppe, die zur Eingangstür führte, hatte die Zeit genagt. Die Steine waren zum Teil abgebrochen und die Tür selbst hatte eine Staubschicht auf dem Fenster. Er holte den Schlüssel hervor und öffnete die Tür. Es knarrte, aber das tat es schon so lange er denken konnte. Eine Staubwolke flog ihm entgegen und dennoch roch er den vertrauten Geruch in der Küche. Aber in der Küche war niemand. Nur die Möbel standen noch, die meisten abgedeckt von den Decken. Dasselbe Bild sah er auch im Wohnzimmer, nur dass der Fernseher und alle anderen technischen Geräte fehlten. Er erblickte den Hocker, auf dem er früher mit seinem Playmobil Haus gespielt hatte. Wie er es geliebt hatte, sich Geschichten auszudenken, welche die Familie erlebte. Er ging wieder auf den Flur und danach zum Schlafzimmer. Es fühlte sich echt an, doch es waren nur seine Erinnerungen, die ihm einen Streich spielten, genau wie mit dem Mann. Denn als er das Schlafzimmer stand, kam es ihm kurz so vor, als würde ein Baby ihm entgegenlaufen. Das war er, aber nach weniger als einer Sekunde, war der Geist der Vergangenheit wieder verschwunden. Plötzlich hörte er Stimmen aus der Küche. Es war der schmerzhafteste Teil seiner Vergangenheit. Er wusste, dass er seiner Mutter hier schlimme Dinge an den Kopf geworfen hatte, die er nie zurücknahm und auch nie zurücknehmen konnte. Er lief schnell in die Stube und nahm die Decken von der Couch herunter. Er setzte sich und atmete mehrmals tief ein und aus. War es die Luft oder warum spielte sein Gehirn so viele Streiche?
Er erschrak, als er das Klingeln seines Handys hörte, doch er nahm den Anruf an.
“Wollen Sie das Haus verkaufen oder nicht?”, die genervte Stimme des Maklers rief ihn wieder in die Gegenwart.
 

Aniella

Mitglied
Hallo @Leugas,

auch hier finde ich, hast Du eine schöne Idee, sogar mit Schlusspointe, aber die Präsentierung ist verbesserungsfähig.
Warum stellst du alles in einen dicken Block? Es werden gar keine Akzente gesetzt, die einzelnen Erinnerungen gehen unter. Schade.
Dabei könnte man es schon in die einzelnen Stationen aufteilen. Versuch es mal, es würde dadurch viel besser zur Geltung kommen.

Einen Satz möchte ich Dir besonders ans Herz legen, denn er holpert doch sehr:

Denn als er das Schlafzimmer stand, kam es ihm kurz so vor, als würde ein Baby ihm entgegenlaufen.
Vielleicht so:
Denn als er das Schlafzimmer betrat, meinte er ein Kind (! – Babies laufen noch nicht) zu erkennen, das ihm entgegenlief.

Außerdem:

wie er auf dem Roller tobte
Ich denke, er tobte mit dem Roller? Sonst ist das Bild etwas schief. ;-)

“Wollen Sie das Haus verkaufen oder nicht?”, die genervte Stimme des Maklers rief ihn wieder in die Gegenwart.
Beim Schlusssatz, sollte ein Punkt kommen nach der wörtlichen Rede und der nächste Satz somit groß weitergehen, also kein Komma.

Ansonsten wieder gern gelesen.

LG Aniella
 

jon

Mitglied
Schöne Idee schwach erzählt.
Du solltest den einzelnen Bildern/Erinnerungen einzelne Absätze gönnen.


Er war zum ersten Mal seit Jahren wieder dort.
Er war hier - am Ort der Handlung.

Die Straße, der Wald und das Dorf, nichts hatte sich verändert.
Dem Blick folgen! Die Straße nimmt man als Detail, das direkt zum Haus führt, nach dem Dorf wahr.

Nur das Haus wirkte nun wie ausgestorben.
Füllwort: nun (Wir sind ja im Jetzt der Geschichte.)

Das Hoftor klemmte ein bisschen, weshalb er sich dagegen stemmte, bis es unter einem metallischen Geräusch aufsprang.
mit

Die Steine waren bereits seit einer Ewigkeit unter einer Schicht von Gras beinahe vollkommen verschwunden.
Eigentlich würde verschwunden reichen - weg ist weg. Man kann es mit beinahe relativieren, aber eben nicht erst durch vollkommen verstärken und dann wieder aufweichen.

Doch er erinnerte sich, wie es früher dort aussah.
Wieso doch?
hier ausgesehen hatte

Seine Erinnerungen waren noch glasklar.
Überflüssig, das ist für den Text belanglos.

Wie er früher mit seinen hölzernen Figuren in dem Busch gespielt hatte, wie er auf dem Roller tobte und wie er hier zum ersten Mal Fahrrad fuhr.
Wie kann man auf einem Roller toben?

Langsam, Schritt für Schritt, lief er auf die Eingangstür zu und beobachtete die Umgebung.
Überflüssig
Laufen ist eher schnell (verwandt mit rennen), besser wäre hier ging.
Wieso beobachtet er die Umgebung? Welche Umgebung - die rund ums Haus? Die Nachbarn, die Straße? Nebengebäude?
Vorgriff: Dass er auf die Eingangstür zu läuft, klingt ein wenig, als sei er im nächsten Moment schon dort. Ich würde über den Hof schreiben.

Jedes Gebäude wirkte nun älter, so als stehen sie schon immer hier.
Ich verstehe nicht: Bevor er sich umsah, sahen die Gebäude(welche?) jung(?) aus? Jetzt aber älter? Älter ist noch weit entfernt von schon immer.
als hätten sie schon immer hier gestanden

Das Dach der Garage war an einer Stelle kaputt und Vögel begannen bereitsKOMMA ein Nest in der sicheren Zwischendecke zu bauen.
Das Wort bereits lässt den Satz klingen, als wäre das Dach eben erst kaputt gegangen. Das ist aber wohl nicht so. Außerdem: Er ist seit Jahren zum ersten Mal wieder hier, er kann gar nicht beurteilen, ob es nicht schon andere Nester in der Zwischendecke gibt.

Der Teich war bereits seit langer Zeit ohne Fische, doch kurz sah er einen Mann auf einem Stuhl sitzen und Fischfutter in den Tümpel werfen.
Wortdopplung bereits
Teich oder Tümpel?

Ein Wimpernschlag später war er verschwunden.
einen

Auch an der Treppe, die zur Eingangstür führte, hatte die Zeit genagt. Die Steine waren zum Teil abgebrochen und die Tür selbst hatte eine Staubschicht auf dem Fenster.
Juhu, zwei Sätze, in denen ich keine Erbsen zum Zählen finde. ;);)

Er holte den Schlüssel hervor und öffnete die Tür.
Von wo hervor?

Es knarrte, aber das tat es schonKOMMA so lange er denken konnte.
Welches es? Du meinst Sie knarrte.
Wieso aber?

Eine Staubwolke flog ihm entgegen und dennoch roch er den vertrauten Geruch in der Küche.
Warum fliegt da eine Staubwolke heraus?
Was hat der Staub mit dem Geruch zu tun, sodass das dennoch begründet wäre?

Aber in der Küche war niemand.
Wieso aber? Hatte er etwas anderes erwartet?

Nur die Möbel standen noch, die meisten abgedeckt von den Decken.
Ich verstehe nicht: Mit Decken abgedeckt oder sind die Decken heruntergerutscht?

Dasselbe Bild sah er auch im Wohnzimmer, nur dass der Fernseher und alle anderen technischen Geräte fehlten.
Es kann nur das gleiche Bild sein.
Das hier heißt, dass es in der Küche noch Fernseher und technische Geräte gibt. Allerding ist oben von nur die Möbel die Rede.

Er erblickte den Hocker, auf dem er früher mit seinem Playmobil Haus gespielt hatte.
Playmobil-Haus

Wie er es geliebt hatte, sich Geschichten auszudenken, welche die Familie erlebte.
Welche Familie? Seine? Die Playmobil-Figuren-Familie?

Er ging wieder auf den Flur und danach zum Schlafzimmer. Es fühlte sich echt an, doch es waren nur seine Erinnerungen, die ihm einen Streich spielten, genau wie mit dem Mann.
Warum sollte sich das Gehen zum Schlafzimmer auch nicht echt anfühlen? Das passiert doch, das ist doch gar keine Erinnerung.
Was für einen Streich genau spielt ihm die Erinnerung?

Denn als er das Schlafzimmer stand, kam es ihm kurz so vor, als würde ein Baby ihm entgegenlaufen.
Ach so, diesen Streich …

Das war er, aber nach weniger als einer Sekunde, war der Geist der Vergangenheit wieder verschwunden.
Viel zu sperrig und verquast. Die Zeitangabe wirkt in dieser Form störend.
Wenn er das ist, dann kann es keine Erinnerung sein (er hat sich ja nicht selbst laufen sehen).

Vorschlag:
… danach zum Schlafzimmer. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er das Bild eines Kleinkindes vor Augen, das auf ihn zu lief. War er das? Wahrscheinlich.

Plötzlich hörte er Stimmen aus der Küche. Es war der schmerzhafteste Teil seiner Vergangenheit. Er wusste, dass er seiner Mutter hier schlimme Dinge an den Kopf geworfen hatte, die er nie zurücknahm und auch nie zurücknehmen konnte.
zurückgenommen hatte und auch nie würde zurücknehmen können.

Er lief schnell in die Stube und nahm die Decken von der Couch herunter. Er setzte sich und atmete mehrmals tief ein und aus. War es die Luft oder warum spielte ihm sein Gehirn so viele Streiche?
Das Wort schnell ist überflüssig, laufen ist schon schnell. Er könnte (vor den Stimmen) fliehen …

Er erschrak, als er das Klingeln seines Handys hörte, doch er nahm den Anruf an.
Wieso doch?

“Wollen Sie das Haus verkaufen oder nicht?”, die nicht?“ Die genervte Stimme des Maklers rief ihn wieder in die Gegenwart.
Das ist zu abgehackt, hier fehlt der Abschluss des Spannungsbogens.
 

Leugas

Mitglied
Wow, danke @jon für dieses ausführliche Feedback :). Ich schreibe noch nicht lange und habe schon immer Probleme darin gehabt grammatikalisch richtig zu schreiben und auch ohne Rechtschreibfehler. Aber ich freue mich immer wenn man mir konstruktive Kritik gibt. Hat dir vielleicht auch etwas an meinen Geschichten gefallen?
 

jon

Mitglied
Hat dir vielleicht auch etwas an meinen Geschichten gefallen?
… die Stoffe und das grundsätzliche Herangehen haben aus meiner Sicht literarisches Potential. Ich weiß, das klingt jetzt nicht überschwänglich, aber andere Anfänger verwechseln z. B. "das ist wirklich passiert" mit "gute Geschichte" oder die Kulisse mit der Geschichte. Ich sehe bei dir das Potential für starke Texte - du musst nur lernen, diese Stärke aus dem Material herauszukitzeln. Dafür braucht es etwas mehr Übung beim Bau der Spannungsbögen und beim logischen und klanglichen Textfluss, das Erkennen der Wirkung von Strukturen und auch in Sachen sprachlicher Präzision ist noch Luft nach oben.

Und du musst den Kern deiner Storys erkennen und die Story darauf ausrichten. Bei Paranoia bleibst du bei einigen Bildern hängen und vergisst dabei den Wahn (der im Titel versprochen wird) samt dem, was der mit dem Betroffenen macht. Bei Liebe heißt Freiheit komprimierst zu sehr auf die Fakten (die Hindernisse), ohne wirklich fühlbar zu machen, was diese für die Protas bedeuten, die Liebe findet eigentlich nicht statt, die Freiheit auch nicht.

Eventuell kann es helfen, wenn du dir mehr Zeit nimmst und in die Story eintauchst. Hier gelingt dir das schon recht gut, bei den anderen Texten habe ich den Eindruck, dass deine Gedanken nicht in der Story waren, sondern beim Was-will-ich-erzählen? oder/und beim Das-soll-alles-geschickt/toll-gemacht-sein. Mehr Zeit heißt auch mehr Zeit/Raum für die Geschichte: Deine Texte hier wirken alle wie eingedampft.

Ein anderer Tipp: Lesen ist wie Kino im Kopf, beim Schreiben machen wir also einen Kopf-Kino-Film. Dabei sind wir alles in Personalunion: Regisseur, Bühnenbildner, Texter und - und das vergessen viele - auch die Schauspieler. Das heißt nicht, dass Figuren (hier der Mann, der das Haus besucht) so reagieren sollen wie du, sie sollen so reagieren, wie du sie spielen würdest.
 



 
Oben Unten