Notbewegungshelfer

Natascha

Mitglied
„Notbewegungshelfer“. Ich wiederhole das Wort auf meinem Passierschein innerlich mehrmals. Das bin ich jetzt also. Irgendwie entspricht das dem Hauptinhalt meines gesamten Berufslebens. Vom Grundsatz her betrachtet, helfe ich anderen Individuen dabei, sich zu bewegen. Nur hat sich die Anzahl der Beine, denen ich beim Bewegen helfe, reduziert. Aus der durchschnittlichen Anzahl von zwanzig oder dreißig Beinen auf die genaue Anzahl von vier. Vier haarige Beine mit Hufen. Das Individuum, zu dem sie gehören, ist eine Paint Horse Stute mit Namen „Charming Eliza“. Das Wort „Notbewegungshelfer“ fasst die Funktion zusammen, die ich bei ihr ausübe. Weil ich genau diese spezielle Funktion erfülle, darf ich auch jetzt, während der Kontaktbeschränkung aufgrund des Coronavirus, mit Eliza arbeiten, sie versorgen und bewegen. Das ist im Sinne des Tierschutzes notwendig und deshalb erlaubt. Ich bin froh darüber, möchte ich doch, sobald es wieder möglich ist, weiterhin an Lehrgängen für meinen Trainerschein teilnehmen. Ich arbeite schon eine ganze Weile daran, war zuletzt kurz vor einer wichtigen Prüfung. Es ist ein Lebenstraum von mir, das Thema Pferde in mein Portfolio als Bewegungspädagogin und Coach in der Erwachsenenbildung aufzunehmen.

Dann kam Corona und die Regeln zur Eindämmung der Pandemie. Plötzlich war alles anders. Meine Seminare wurden alle bis auf Weiteres abgesagt. Nur den schreibenden Anteil meiner Arbeit darf ich noch ausführen: Lehrbriefe für eine Fernakademie. Das bringt ein wenig Geld. Jedes abgesagte Seminar aber reißt ein klaffendes Loch in das Einkommen meiner Familie, zu welchem ja auch mein Verdienst gebraucht wird.

Ich öffne die Tür zum Stallgebäude, trete ein und gehe als Erstes zum Händewaschen, desinfiziere meine Hände mit dem bereitstehenden Sterilium und ziehe meine Handschuhe über. So fordern es die Regeln zum Schutz vor einer Infektion.. Dann hole ich Eliza von ihrem Paddock. Ich gehe über den Hof. Es ist ein kalter, klarer Märzmorgen. Die Sonne scheint. Der Stall ist ruhig. Nur die Stallbesitzerin arbeitet irgendwo mit einem Pferd. Ich kann sie hören. „Hallo“, rufe ich laut. Ein „Moiin“ schallt aus der Reithalle zurück.

Seit zwei Wochen sind die Schulen in unserem Bundesland geschlossen. Auch das ist eine Maßnahme gegen die weitere Ausbreitung des Virus. Meine Töchter sind zu Hause. Sie sind elf und zwölf Jahre alt. Verstehen sie, was vor sich geht? Wie können sie mit der Ungewissheit umgehen, wann und wie ihr Leben mit Schule, mit Freunden und Klassenfahrten wieder weitergeht? Ich bin dankbar für unseren Garten, das alte Trampolin und dafür, dass die Kinder so auch spontan nach draußen gehen können.

Eliza freut sich, mich zu sehen. Mein Erscheinen bedeutet zunächst einmal, dass ihre Fütterungszeit gekommen ist. Langsam lege ich ihr das Halfter an, weil sie am Kopf empfindlich ist. Sie ist ein rot weiß geschecktes Pferd mit einem braunen und einem blauen Auge. Dieses quasi rotblonde Erscheinungsbild bewirkt einen Teil ihrer Sensibilität gerade bei hellem Sonnenlicht. Ich gehe mit ihr einen Umweg zum Stallgebäude, um sie grasen zu lassen. Es ist wichtig, durch dieses Angrasen, das Verdauungssystem der Pferde auf die Weidesaison vorzubereiten. Im Gehen schaue ich über die Weiden. Auch ohne Coronavirus sind hier niemals viele Menschen. Es gibt nur knapp fünzehn Pferde, von denen die meisten hier zur Ausbildung eingestallt sind. Viele der Besitzer dieser Trainingspferde holen sie meist erst nach Abschluss der Ausbildung ab. Vorher besuchen sie den Hof eigentlich nicht. Ich liebe die windige Leere des Stalles und der Weiden.

Mein Mann, der Stiefvater meiner Töchter, ist Busfahrer. Er arbeitet deshalb jeden Tag trotz der allgemeinen Kontaktsperre. In einem Zeitungsartikel, den ich vor ein paar Tagen las, wurden die Mitarbeiter des öffentlichen Nahverkehrs als „systemrelevante Berufe in vorderster Front“ bezeichnet. Das Echo, das jener Satz in meinem inneren Ohr auslöst, lässt mich gruseln. Solche Worte wecken Erinnerungen …

Eliza mampft begeistert neben mir Gras. Ihre Oberlippe streift mehrfach ein Gänseblümchen. Ich frage mich, wann sie es wohl fressen wird. Das Gänseblümchen wackelt. Schließlich verschwindet es in Mathilda's Maul.

Meine Kinder machen sich Sorgen um ihren Vater. Als Herzpatient mit einem implantierten Defibrilator gehört er zur Risikogruppe. Sollte er sich infizieren, könnte die Krankheit bei ihm schwer oder sogar tödlich verlaufen. Da wir getrennt leben, besuchen ihn die Kinder normalerweise jedes zweite Wochenende und in den Ferien. Genau das ist aber im Moment nicht möglich. Sie können nur via Skype oder telefonisch mit ihm in Kontakt bleiben.

Ich bringe Eliza in den Stall, gebe ihr Futter und beginne, sie zu putzen. Wenn mein Immunsystem sich in Bezug auf den Kontakt mit etwaigen Viren so benähme, wie Eliza mit anderen Stuten auf der Weide, müsste ich mir keine Sorgen machen. In jeder neuen Stutengruppe hat sie es bisher geschafft, in kurzer Zeit zur Weidechefin zu werden. Sie ist selbstsicher, mittleren Alters, hatte bereits mehrere Fohlen. Ich entferne gründlich Winterfell. Um uns herum fliegen Wolken feiner, weißer Haare.

Jeden Morgen lese ich die neuesten Coronanachrichten. Dabei versuche ich, nach Quellen zu filtern. Ich sortiere Schlagzeilen aus und bemühe mich, nur jene zu lesen, die nach überwiegend sachlicher Berichterstattung klingen.

Ich hole Elizas Sattel. Ein Westernsattel hat ein gewisses Gewicht. Beim Tragen haue ich mir einen der Alusteigbügel gegen mein linkes Knie.

Titel, wie: „Schock-Prognose der WHO“ lese ich nicht. Es gibt Zeitungen, in deren Schlagzeilen täglich das Wort „Schock“ auftaucht und in erstaunlicher Kreativität fortwährend neu kombiniert wird.

Ich hebe den Sattel auf Elizas Rücken und gurte ihn fest. Dann nehme ich ihre Trense und überprüfe, ob sie richtig eingestellt ist. Das Anlegen der Trense geschieht wieder langsam, wegen der Empfindlichkeit ihres Kopfes. Wir verlassen die Stallgasse und gehen zur Halle.

Manchmal kommt es mir beim Lesen der Nachrichten vor, als befände ich mich auf einem riesigen virtuellen Marktplatz, auf dem alles durcheinander schreit. Eine seltsame Zeit. Es ist, als ob wir eben noch in einer völlig anderen Welt gelebt hätten. Ist es das?

Beim Weg über den Hof bemerke ich, dass auf der Wallachweide alle Pferde am Zaun stehen und interessiert in eine Richtung sehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht alle von ihnen wissen, warum sie das tun.

Ich glaube nicht daran, dass Covid-19 aus einem Labor stammt. Vielmehr denke ich, dass es zu den Dingen gehört, die entstehen, weil sie einfach entstehen. Wie eine Sturmflut oder wie eine der großen Seuchen, vor denen wir uns so lange sicher wähnten. Ich glaube, dass genau das der Punkt ist, der uns so trifft: die Erkenntnis, dass wir hier letztendlich gar nichts kontrollieren können. Zumindest in einem Teil der Welt haben wir uns eine Umgebung geschaffen, die uns Sicherheit versprach. Selbst die Wildnis in diesem Teil der Welt ist keine solche, sondern ähnelt eher einem Park. Jetzt erkennen wir, dass dies nicht die wirkliche Welt war und dass wir zwar daran arbeiten können, Wahrscheinlichkeiten zu vergrößern – aber am Ende eben doch nichts in der Hand haben.

Eliza kaut auf ihrem Gebiss während ich die Steigbügel einstelle und noch einmal nachgurte. Sie kooperiert, vertraut mir, billigt sozusagen meine Stellung als Teamleiterin. Ich bilde mir aber nicht ein, jede ihrer Verhaltensweisen kontrollieren zu können. Sie ist schließlich ein Pferd. Ich kann aufmerksam sein, auf Situationen reagieren, die Wahrscheinlichkeit von Sicherheit vergrößern aber sobald ich auf einem Pferd sitze, muss ich den möglichen Kontrollverlust akzeptieren.

Ich steige auf.
Das Leben ist ein Pferd.
 

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