november grau getönt

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wind peitscht graubraune birken am hang
schräg durchsichtig stehen nasse fäden
vor beschlagenen fensterscheiben
selbst krähen verzichten auf flugversuche
und ein junger hund jault vor sich hin

das dorfkonzert müht sich um atonales in moll
nasse blätter schweben nachlässig
in pfützen zwischen kopfsteinpflastern
ein trecker mit güllefass
wartet vor der letzten kneipe

nur ein kind rennt mit gelben stiefeln
laut lachend durch eine Lache
 

Mondnein

Mitglied
prima: das gelbgestiefelte kind.

nicht schlecht.
aber:
das dorfkonzert müht sich um atonales in moll
das wäre ein nettes stück komplizierter jazz: die mollakkorde so schräg, daß es ins atonale kippt. aber ich glaube das dem dorfkonzert nicht, daß es die turangalila-sinfonie aufführt oder miles davis unternetzt und bestrickt.
ein trecker mit güllefass
wartet vor der letzten kneipe
das legt den verdacht nahe, der bauer beliefere den schuppen. denn man prost.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Aneinander gereihte Unmöglichkeiten oder Widersprüche, Dinge und Menschen werden mit Inversfarben versehen.
Das Gedicht ist quasi das Negativ, es muss noch kopiert werden in Gedanken.

wind peitscht graubraune birken am hang
"Wind peitscht" ist ein sichtbarer Vorgang und eine (leider fast schon klischeehafte) Metapher, passt aber hier.

Birken sind durch helle Rinde bekannt, graubraun wird sie durch
Schmutz oder Beleuchtung. Hier scheinen beide zu herrschen.

schräg durchsichtig stehen nasse fäden
kaltes ungemütliches Wetter. Schräge nasse Fäden stehen hier für feinen Regenn, der durch stetigen, aber nicht peitschenden Regen getrieben wird.

vor beschlagenen fensterscheiben
Kälte draußen, aber kein Frost, drin ist es warm, die Scheiben beschlagen.

selbst krähen verzichten auf flugversuche
Metapher für sehr schlechtes Wetter.

und ein junger hund jault vor sich hin
aber so extrem schlecht ist es nicht, Man lässt noch junge Hunde hinaus.

das dorfkonzert müht sich um atonales in moll
Sehr entgegengesetzt zu dem, was ich von Dorfkonzerten kenne, diese mühen sich um Tonales. Aber atonal und Moll passen nicht zusammen.
Es ist ein schönes Beispiel parakonsistenter Logik.

nasse blätter schweben nachlässig
in pfützen zwischen kopfsteinpflastern
habe ich auch schon beobachtet. Wenig und selten dieses Jahr.

ein trecker mit güllefass
wartet vor der letzten kneipe
Eine Metapher, der Trecker wartet nicht, aber in der Metapher darf er das.

nur ein kind rennt mit gelben stiefeln
laut lachend durch eine Lache
Das Kind ist hier ein Symbol, eine Metapher der Hoffnung. Ähnlich zu dem Jungen in Tarkowskis "Opfer". Wird es gerettet? Rettet es die Menschheit? Solche Ansprüche stellt das Gedicht nicht. Es vermittelt eher die Atmosphäre von Heine:
Das halbe Fürstentum Bückeburg
Blieb mir an den Stiefeln kleben;
So lehmichte Wege habe ich wohl
Noch nie gesehen im Leben.
Hoffen wir auf mehr Regen.
 
Hallo Mondnein,
danke Dir für Deine Anmerkungen.
Du glaubst gar nicht wie viel Ungereimtes in so einem Dorf angesagt ist. Dieses Dorfkonzert soll eine Metapher dafür sein.
Das Wasser im Oberbergischen ist ziemlich gefährdet durch die Gülle, die von den Großbauern auf die Weide und Ackerfläche aufgebracht wird. So könnte man - weit hergeholt - durchaus einen Zusammenhang zwischen Gülle und Getränken herstellen. Das wollte ich aber nicht.
Herzliche Grüße
Karl
 
Lieber Bernd.
da hast Du dir ungeheuer viel Mühe gemacht, mein Gedicht zu kritisieren. Danke dafür. Eigentlich sollte es nur ein Stimmungsbild für ein Dorf sein, das immer mehr an Zukunftschancen verliert.
Herzliche Grüße
Karl
 

Mondnein

Mitglied
parakonsistente logik

nicht weit entfernt
hab ich von Bernd gelernt:
das fachwort für das "ungereimte"
heißt kurz: "parakonsistente
logik" - ungeleimte
wortsinnbrüche
aufgewiegel
freche sprüche
gegen alle striche
gebürstete
igel
stiche
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Lieber Karl,
Du glaubst gar nicht wie viel Ungereimtes in so einem Dorf angesagt ist. Dieses Dorfkonzert soll eine Metapher dafür sein.
Und genau das ist ein schönes Symbol für parakonsistente Logik, ein für mich neuer Begriff, den ich gestern gelernt habe.
Ein Drittes ist möglich.
Jeder hat seine eigene Wahrheit.
Das Konzept, das zu den "nichtklassischen" Logiken gehört, hat mich fasziniert. Umso faszinierender fand ich das Konzept hier verwirklicht, in jeder Dorfgemeinschaft, statt unter Mathematikern.
 

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