Nudeln

Bo-ehd

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Ich wusste über die italienische Nationalspeise Pasta so gut wie nichts. Als ich das erste Mal Italien bereiste – ich hatte gerade mein Abitur geschafft – war meine Neugier auf die originale italienische Küche grenzenlos. Das beschauliche Städtchen Abilese war mein erster Stopp, und es zog mich, hungrig von der langen Fahrt, in das erstbeste Restaurant.
Gleich am Eingang empfing mich ein Schild mit der Aufschrift „Penne mit Tomaten“. Grundgütiger! dachte ich. Der Chef legt sich mit Tomaten ins Bett. Das ist pervers und eine ziemliche Sauerei obendrein. Und er tut das auch noch kund! Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, und als ich die Tür öffnete, drang ein bekannter Song von Bob Dylan an meine Ohren. Der stimmte mich hoffnungsvoll.
„Gnoc…Gnoc…Gnocchi on Heaven’s Door”. Die Gitarre war original Dylan. Hier bist du richtig, dachte ich, setzte mich an einen freien Tisch und öffnete die Speisekarte. Sie zu lesen war schwierig, denn ich konnte damals kein Wort Italienisch. Deshalb versuchte ich, mit meinen Lateinkenntnissen weiterzukommen. Schließlich waren die Italiener die Nachfahren der Römer.
Ganz oben auf der Karte standen Fusili. Nanu! Waren das nicht die Steinschlossgewehre der französischen Marine? Der Fusiliere, um genau zu sein? Was haben die in einer Küche zu suchen? Ich hatte keine Ahnung, was sich dahinter verbergen könnte und las das nächste Gericht: Farfalle.
Ich war entsetzt, drehte mich langsam um und starrte den Ober an, der am Tresen stand und die Gäste beobachtete. Farfalle – das waren doch … Ich erinnerte mich an den Sänger Domenico Modugno, der in einem Popsong Schmetterlinge besang! Was mochte das für ein Gericht sein? Schwierig, fand ich, denn Schmetterlinge hatten ein ziemlich nahes Farfallsdatum. Das war nichts für mich, beschloss ich.
Ich suchte weiter nach einem Gericht nach meinem Geschmack und stutzte wieder. Da hatten die doch tatsächlich Dischi volante auf der Karte. Discus, volare, Partizip Präsens! Meine Güte, das bedeutete fliegende Scheiben. Oder vielleicht Fliegende Untertassen? Wie konnte man ein Nudelgericht nur so nennen? Ich schüttelte mich, suchte weiter und fand – natürlich – Canneloni, was mich spontan an meinen Freund Hotte erinnerte. Er war Spät-Punker, und seine Freundin hieß Leona, was ihn dazu brachte, regelmäßig im Rhythmus von vier Wochen im engsten Kreise verlauten zu lassen: „Canneloni nicht flachlegen“. Ja, manchmal schafft’s ein Kalauer in die Hitliste der meistgenannten Nudelgerichte. Die halbe Punkszene in Deutschland schmunzelte damals darüber.
Mein Grinsen deutete der Ober als Aufforderung zum Bestellen. Ich war in Zugzwang und orderte einen … Auberginen-Tomaten-Auflauf.
 

wirena

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:) ja, das Verbinden von Wörter mit eigenen Gedanken, eigenem Erleben kann sehr humorvoll sein. In der Kindheit fragte ich mich was Haarlocken mit einer Lokomotive gemeinsam haben und fand dafür überhaupt keine Antwort, bis ich mal eine Dampflokomotive und deren Rauch sah - lockenartig strömte dieser aus -
 

Bo-ehd

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Ja, wirena, die Spielereien mit Wörtern und ihren verschiedenen Bedeutungen sind immer eine Basis für humorvolle Geschichten. Nichts ist besser geeignet, um Missverständnisse zu produzieren. Nicht umsonst hat Hollywood tausende Geschichten verfilmt, wo Missdeutungen ganze Tragödien eingeleitet haben.
Gruß Bo-ehd
 
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Hallo Bo-ehd,
lustige Geschichte aus einer Zeit, als die Westdeutschen Italien entdeckten. Da lebte ich auf der anderen Seite des Antifaschistischen Schutzwalls.
Zu der Zeit haben viele ehemalige Gastarbeiter Pizzerien in der Bundesrepublik aufgemacht. So kamen merkwürdige Bezeichnungen für Gerichte auf wie Scaloppa Funghi - hieß bei uns Schnitzel mit Champis.

Und dann die ganzen Pizzas. Pizza habe ich das erste Mal nach der WEnde gegessen. Im Osten Deutschlands kannten wir so was nicht. Keine Gastarbeiter aus dem Süden.
Die ganzen Bezeichnungen für die Nudelsorten las ich im November 89 staunend im Supermarkt im Westen Berlins. Fusile und Gnocchi und und und. Bei uns gabs Spaghetti, Makkaroni und Buchstabensuppe. Das war´s.
Besonders beeindruckten mich die Spaghetti bei Reichelt im Regal, die 1Meter lang waren. Und die grünen. Die habe ich 90 mal für Freunde zubereitet. Die mochten sie aber nicht. War ihnen zu innovativ. Heute kein Reichelt mehr, keine 1Meter Spaghetti.

Besonders irritiert mich immer noch der Begriff Anti-Pasta. Was soll das eigentlich?

Ich probierte auch das erste Mal Oliven. Die waren mir ein Begriff, seit eine Mädel aus dem Lehrlingswohnheim mir mal erzählt hatte, dass sie in Berlin mit ihrer Tante einen Martini im Hotel in der Bar getrunken hatte. Da befand sich diese Frucht im Glas. "Wie schmecken denn Oliven?", fragte ich interessiert. "Kannste vergessen", war die Antwort.

Das ungünstige, nachdem sich italienisches Essen so durchgesetzt hatte, nach der Wende in Osten der Hauptstadt, war, dass die Restaurants, die deutsche Gerichte anboten, nach und nach verschwanden. Ich würde gern mal wieder Hamburger Schnitzel mit Erbsen oder Kaßlerbraten mit Sauerkraut essen. Statt Gnocci und Farfalle lieber Kapernklopse.
Gruß F
 
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Bo-ehd

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Hallo Friedrichshainerin,
DDR und italienische Nudeln - ich kann mir gut vorstellen, was dieser Mangel mit den Bürgern gemacht hat. TV-Werbung hat den Mund wässrig gemacht, aber zu kaufen gabs nix. Ich selbst habe Entsprechendes nach der Wende hier (15 km von der Grenze entfernt) erfahren. Eine 6-seitige Speisekarte mit 12 Nudelgerichten und 24 verschiedenen Pizzas hat so manchen wie mit einem Hammer erschlagen. Viele haben sich von dem Begrüßungsgeld ein Pornomagazin geleistet (das hatte, man glaubts heute kaum, Präferenz) und dann den Rest "verfressen". Nicht mit fränkischer Hausmannskost, sondern ... Pizza.
Ich persönlich habe die Sache mit den italienischen Nudeln in den Sechzigern schleichend erlebt: Mit geringstem Etat als Student haben wir uns alle 14 Tage eine Packung Miracoli (von KRAFT, denke ich) erlaubt und hatten dabei das Gefühl, ein Stück Italien live zu erleben.

Antipasta
Anti hat nichts mit dem griechischen Wort für gegen zu tun. Es ist das italienische Wort für vor.
Pasta (Plural Pasti), italienisch, steht schlichtweg für Essen, Speise. Antipasta ist also nichts anderes als eine Vorspeise, die sehr üppig ausfallen kann und hierzulande oft als Hauptmahlzeit durchgeht.

Gruß Bo-ehd
 
Nun jaha - an echten Mangel betreffs Nudeln kann ich mich nicht erinnern. Engpässe, ja, das kam vor. Der größte Unterschied unseres Angebots bestand eigentlichlich vin der e Grundrezeptur. Es gab, so viel ich weiß, keine Hartweizennudeln. Es waren alles Eierteigwaren. Ja, und die Vielfalt war nicht so dolle. Klar. Aber wenn wir im Freundeskreis ne Spagettiparty machen wollten, fand sie statt. Mit Tomatensoße. Und das Speewaschpulver hat die Flecke wieder rausbekommen. Die meisten von uns haben die DDR überlebt.
 



 
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