Nur die Ruhe

4,00 Stern(e) 2 Bewertungen
Nur die Ruhe


Tom war Busfahrer mit Leib und Seele. Immer freundlich und zuvorkommend, und er verlor sehr selten die Ruhe, wenn es mal stressig wurde. Er hatte gerade den Wagen von einer Kollegin übernommen, begann hier am Bahnhof seinen Dienst. An diesem 23. Dezember würde es sicher gut voll werden. Außerdem hatte es am Morgen geschneit.
Der Busbahnhof lag direkt vor dem altehrwürdigen Bahnhofsgebäude. Vier Buslinien fanden hier ihr Ende und den neuen Anfang. Um kurz nach sechs an diesem Abend strömten die Menschen vom Bahnhof zu den Bussen. Toms Vorgänger hatte endlich die Gelegenheit nutzen können, halbwegs pünktlich abzufahren. Doch der Strom der Menschenmassen riss kaum ab. Nun betraten auch die ersten Fahrgäste den Bus. Einige davon kannte Tom schon, denn er fuhr diese Linie oft und gerne. Entsprechend freundlich wurde er auch begrüßt.
Von der älteren Dame mit den langen, weißen Haaren kannte er zum Beispiel vermutlich die gesamte Lebensgeschichte, denn sie setzte sich vorzugsweise vorne rechts auf den ersten Platz und erzählte munter drauf los. Tom lauschte auch immer sehr gespannt, denn sie hatte einen sehr angenehmen Sprachstil. Ihren ersten Mann hatte sie nur zwei Jahre nach der Hochzeit im Krieg verloren. Mit dem zweiten, den sie gut acht Jahre nach dem Krieg kennen gelernt hatte, hatte sie kürzlich erst Goldhochzeit gefeiert. Wie Tom richtig rechnete, musste die Dame doch sicher um die neunzig Jahre alt sein. Tatsächlich war sie sogar schon achtundneunzig, wie sie ihm heute gestand.
„Ja, ja, junger Mann. Und ich bin noch immer quietschfidel auf den Beinen und auch im Geist. Da hat es jemand wirklich richtig gut mit mir gemeint.“
„Gibt es da ein Rezept?“
„Immer positiv denken, Junge. Das Unglück kommt von allein, aber das Glück muss man mit einer positiven Einstellung immer suchen. Dann findet man es auch. Das ist das Fundament für ein zufriedenes und langes Leben. Vielleicht nicht immer so viel Pommes und Pizza essen, wegen dem Cholesterin, wissen Sie, aber daran halte ich mich schon seit Jahren auch nicht mehr. Jeden Abend ein kleines Gläschen Rotwein zum Essen und dann drei bis vier Stunden später ins Bett. Dann hat man einen ruhigen und gesunden Schlaf.“
„Das werde ich mir merken, meine Gute.“
Der Bus war nun gut gefüllt. Tom startete den Motor. Da kam noch ein junger Mann in Anzug und Krawatte angelaufen.
„Sie wollten ja wohl nicht ohne mich abfahren. Es ist noch nicht einunddreißig.“ Er wies Tom in einem schnodderigen Ton darauf hin, dass die Abfahrtzeit erst in zehn Sekunden wäre.
„Auf Sie habe ich noch gewartet“, antwortete Tom mit einem Funken Sarkasmus in der Stimme.
„Dann können wir ja jetzt fahren!“
„Die junge Dame dort nehmen wir auch noch mit, wenn's recht ist“, sagte Tom. Er zeigte keine Eile, denn die Dame hatte aus gut fünfzig Metern Entfernung schon gewunken.
Nervös schaute der Schlipsträger auf die Uhr, als wenn schon wieder zehn Minuten vergangen wären. Tom genoss es, denn die junge Dame war ein wirklich hinreißender Anblick. Sie trug für die Witterung absolut unpassende Schuhe, einen wadenlangen Rock und einen kurzen Pelzmantel. Ihre üppige rote Mähne wehte im Luftzug der Bewegung. Mit einem gewagten Satz hüpfte sie schließlich in den Bus, strahlte Tom an und sagte: „Sie sind ein Schatz.“
„Danke, danke, gern geschehen.“
Und nun endlich, dachte vermutlich der ungeduldige Mann, fuhr Tom los. Schon die Ausfahrt aus dem Busbahnhof kostete eine weitere Minute, denn auf der Hauptstraße herrschte reger Verkehr. Dann endlich fand er die Lücke und zog hinaus.
Zur Rechten sah man auf die gelbe Mauer, die den Fluss im Bett hielt, zur Linken passierte der Bus das Grandhotel mit seinen braungrauen Säulen auf der beigegelben Fassade. Daran schloss sich das Stadtcafe an. In dem karamelbraunen Gründerzeithaus befand sich auch die Bibliothek und das Stadtarchiv. Im Dachgeschoss hatte ein bekannter Künstler sein Atelier.
Auf der Ecke vor dem Kreisverkehr stand das Bankhaus mit dem vorgebauten Erker und dem Zwiebeltürmchen. Die rechte Fahrspur war wegen einer Baustelle verengt, deshalb ging es ein wenig schleppend weiter.

Die Haltestelle 'An der Stadtmauer' lag unmittelbar hinter der ersten Ausfahrt aus dem Kreisverkehr. Hier endete die alte Stadtmauer. Weitere Fahrgäste stiegen ein. Der nervöse Anzugmensch schaute schon wieder auf seine Uhr. Schon drei Minuten Verspätung musste er registrieren. Der Verkehr floss weiterhin sehr zäh. Mit knapp vier Minuten Verspätung wurde die nächste Haltestelle erreicht: Altstadtmarkt.
Dort stieg ein alter Bekannter ein.
„Hallo, Tom. Alles gut?“
„Manfred, lange nicht gesehen. Bei mir ist alles okay. Wie geht es dir, und was macht Jutta?“
Jutta war Toms erste Freundin. Die beiden waren damals sechzehn und gingen in die gleiche Klasse. Bis zum Abitur waren die beiden ein Paar. Dann ging Jutta zum Studieren in die USA.
„Sie ist in Amerika geblieben, hat da einen super Job. Aber zu Weihnachten ist sie hier. Kannst gerne vorbei kommen, wenn du Zeit hast.“
„Oh, ich fürchte, das wird nicht gehen. Ich muss arbeiten. Aber grüße deine Tochter bitte ganz lieb von mir.“ Im gleichen Augenblick fuhr er wieder an, kam aber nicht sehr weit.
„Das werde ich machen. Ich bin sicher, sie wird sich freuen.“
„Hat sie denn inzwischen auch Familie dort?“
„Nein, nein. Sie hatte vor anderthalb Jahren das Studium abgeschlossen und ist dann direkt in diesen Job gekommen. Das war perfekt. Darum ist sie auch da geblieben. Ich denke, sie genießt ihr Singledasein aber auch.“
Dem Schlipsträger ging es mal wieder zu langsam. Deshalb blaffte er Tom an: „Anstatt mit den Fahrgästen zu quatschen, könnten Sie mal ein bisschen schneller fahren.“
„Guter Mann, schauen Sie mal nach vorn. Da ist eine rote Ampel und vor uns stehen, ja, sie stehen, eine Menge Autos. Ich gedenke zu fahren, wenn ich vor mir wieder ausreichend Asphalt sehe, okay?“
Manfred musste lachen, da fühlte sich der Klagende beleidigt.
„Was gibt es da zu lachen?“
„Sie haben Augen im Kopf. Sie sehen doch, dass viel Verkehr ist. Das ist übrigens um diese Zeit immer so, falls Ihnen das nicht bekannt sein sollte. Der Busfahrer macht nur seinen Job. Es geht halt gerade nicht schneller“, meinte Manfred.
„Ich komme zu spät zu meinem Termin!“
„Ich habe es nicht an den Ohren! Sie brauchen mir Ihr Leid nicht ins Ohr brüllen. Wenn es so knapp ist, dann empfehle ich Ihnen, demnächst einen Bus früher zu nehmen.“
„Ich werde mich beschweren!“
„Oh, tun Sie das ruhig. Dann haben Sie mit mir auch schon mal einen Zeugen. Nur zu dumm, dass ich Sie mit meiner Aussage nicht unterstützen kann. Zu dumm“, sagte Manfred und lachte über den Mann.

Inzwischen war der Bus an der nächsten Haltestelle angekommen: Am Dom.
Auch dort wollten einige Leute einsteigen.
„Jetzt meckern Sie mal nicht weiter rum, junger Mann, sondern gehen auf Seite, damit die Leute einsteigen können“, sprach die alte Dame auf dem vordersten Platz den Nörgler an.
Jetzt kriegt er aber mal richtig sein Fett weg, dachte Tom zufrieden.
Und dann kam noch eine Frau, die ihren Mann im Rollstuhl vor sich her schob. Tom senkte den Bus ab, stieg aus und öffnete die Rampe.
„Da haben Sie es aber richtig schwer bei diesem Schnee“, äußerte Tom sein Mitleid.
„Ach, das geht schon, junger Mann. Vielen Dank.“
„Wie weit fahren Sie mit?“
„Bis zum Stadtwald.“
Wieder waren zwei Minuten weg. Der Dauernörgler war puterrot im Gesicht.
Tom nahm die Fahrt wieder auf. Nächste Haltestelle: Neuer Markt.
Der gestresste Mann hatte sich nach hinten durchgedrängelt und stieg aus. Dabei rempelte er eine junge Frau an, die nur darauf wartete, einsteigen zu können. Sie hatte beide Hände voller Tüten und Taschen.
„Ey, du Arsch!“, fluchte sie.
Doch er reagierte gar nicht, sondern rannte durch den schon recht tiefen Schnee wieder in Fahrtrichtung des Busses. Da die vordere Tür noch offen war, rief ihm die alte Dame hämisch zu: „Da wären Sie zu Fuß aber schneller gewesen.“
Damit hatte sie in der Tat recht, denn vom Bahnhof aus fuhr der Bus links, um dann in einem Rechtsbogen um die historische Altstadt herum zu fahren. Der Neue Markt lag vom Bahnhof aus gesehen aber rechts entlang. Bei dem Verkehr wäre er also zu Fuß sicher schneller am Ziel gewesen. Dementsprechend belustigt reagierten auch Manfred und Tom auf die Aussage der alten Dame.
„Dem haben Sie es aber gegeben“, tirilierte Manfred.
„Hat er ja auch nicht besser verdient“, gab sie zurück.
Dem ist nichts hinzu zu fügen, dachte Tom und setzte die Fahrt fort.
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo CB90,
wow! Kaum drin und schon gelesen worden. Das war rekordverdächtig. Danke für die Sterne.
Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

hein

Mitglied
Hallo Rainer,


Nun betraten auch die ersten Fahrgäste Toms Bus. Einige davon kannte Tom schon, denn Tom fuhr diese Linie oft und gerne.
Hier ist ein bisschen viel "Tom". Wie wäre es mit:
"Nun betraten auch die ersten Fahrgäste den Bus. Einige davon kannte Tom schon, denn er fuhr diese Linie oft und gerne.

Ansonsten gerne gelesen.

LG
hein
 

Oben Unten