Nur ein kleines Detail

Tom_Collins

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Er hatte das Fenster seiner Mansardenwohnung leicht geöffnet, um der schweren, abgestandenen Luft des Tages ein wenig kühle Nachtluft beizumischen, just nachdem er den langen Lodenmantel und die schweren Schuhe abgelegt und die knarzige Wohnungstür geschlossen hatte. Er hatte seiner Besucherin ihren eigenen Anorak abgenommen und diesen aufgehängt, sie gebeten auf dem alten Plüschsessel Platz zu nehmen (was sie nach kurzem Zögern auch getan hatte) und hatte ihr etwas zu Trinken angeboten (was sie höflich abgelehnt hatte). Schließlich hatte er die Tischlampe, die Stehlampe und eine große Kerze auf dem niedrigen Tisch zum Erglimmen gebracht, und so das Zimmer in schummriges Licht getaucht. Und nun wusste er nicht weiter.

Seine Besucherin- sie hatte sich ihm als Alexandra vorgestellt- betrachtete ihn nachdenklich. Er war wohl kaum älter als sie selbst, zwanzig höchstens, schätzte sie. Ein junger Mann, unerfahren, linkisch, manchmal unbeholfen, aber sie mochte seine schwarzen Locken und sein scheues Lächeln. Und diese Augen, diese dunklen, großen und unendlich tiefen Augen, in denen sie sich für zeitlose Momente verlieren konnte, in denen sie ein Meer aus Träumen und Ängsten und vielleicht sogar einen schwachen Wiederschein ihrer eigenen Seele zu sehen vermeinte. Nein, sie hatte ihn sicher nicht gesucht, sie hatte keinen Mann wie ihn gesucht, sie hatte gar keinen Mann gesucht- aber plötzlich war er da, in ihr Leben geweht wie ein Schwarm gelber Blätter im Herbst über einen Zaun in des Nachbars Garten.

Dies war ihr zweites oder drittes Date, ganz sicher war sie sich nicht. Als sie ihn das erste Mal traf, in der großen Halle am Bahnhof: Das war sicher kein Date gewesen. Er spielte auf dem öffenlichen Klavier, Interpretationen von Chopin, Schuhmann, Dvořák und Liszt, mit einer Ernsthaftigkeit und Hingebung, die ihre Schritte erst bremsten, dann stoppten, und sie nicht mehr weiter gehen ließen. Als er eine Pause machte, sprach sie ihn an, gratulierte ihm zu seinem Können, worüber er sich verlegen freute. Sie tauschten Telefonnummern aus, und verabredeten sich für den nächsten Tag in einer Eisdiele. War die halbe Stunde Eis essen dann ein Date? Vielleicht ja, dachte sie jetzt im Rückblick. Ganz sicher ein Date aber war der Abend am Fluss wenige Tage später, als sie Hand in Hand spazieren gingen, später dann auf einem Hang sitzend und aneinander gelehnt die Sonne hinter den Häusern am anderen Ufer untergehen sahen. An diesem Abend hatte sie Richard- so hatte er sich inzwischen vorgestellt- das erste Mal geküsst, und sich in seine weichen, fast weiblichen Lippen verliebt.

Stundenlang hatten sie im Gras gelegen, erst auf Schäfchenwolken und dann auf Sterne geblickt, und sich dabei gegenseitig aus ihren Leben jene Episoden erzählt, die sie teilen mochten und konnten. Er hatte von der Flucht seiner Eltern aus der Sowjetunion erzählt, die er als kleines Kind miterlebt hatte, an die er sich aber selbst nicht erinnern konnte. Sie hatte von ihren ersten Lebensjahren in Südafrika erzählt, und wie auch ihre Eltern auf der Suche nach einer besseren Heimat schließlich hier gelandet waren, in dieser Arbeitersiedlung eine Stunde östlich von Amsterdam. Er hatte vom frühen Tod des Vaters erzählt, von den Schwierigkeiten der Mutter hier in den Niederlanden beruflich Fuß zu fassen, von Umzügen und Armut und Einsamkeit. Aber auch von der Liebe zur Musik, zu der ihn zuerst sein Vater gebracht hatte, und die ihn heute noch stets an ihn erinnerte. Sie wiederum hatte von Gewalt in ihrer Familie erzählt, von den Tobsuchtsanfällen des Vaters, der Kälte der Mutter, von Nächten, die sie mit einem Messer in der Hand unter ihrem Bett durchwacht hatte. Von Flucht aus dem Elternhaus und Übernachten bei Freunden und Panikattacken, die sie heute noch manchmal heimsuchten.

Das Größte und Wichtigste aber verschwieg sie. Es war immer noch zu neu für sie selbst, zu unverstanden, und sie hatte Angst es falsch zu erzählen und ihn gleich wieder zu verlieren, bevor sie ihn richtig gewonnen hatte.

Doch wie sie jetzt in dem weichen Sessel in seinem Zimmer unterm Dach saß und ihn betrachtete, verfluchte sie sich innerlich, dass ihr in jenem Moment am Fluss der Mut gefehlt hatte. Nun waren sie hier, in seinem Zimmer, ein Mann und eine Frau, jung und allein und romantisch verliebt, sie hatten sich geküsst und im Arm gehalten und gestreichelt. Ohne dass sie darüber gesprochen hatten, wussten beide, warum sie hier waren und was heute Abend passieren würde. Er wollte es, und sie wollte es auch, aber gleichzeitig lief ihr ein kalter Schauer den Rücken herunter, wenn sie daran dachte. Die Zeit für ihre Beichte lief unerbittlich herunter, aber sie wusste nicht, wie sie es ansprechen, wie sie es sagen sollte, was sie überhaupt sagen sollte.

Nachdem er endlose Augenblicke unentschlossen am Fenster gestanden hatte, ging er schließlich langsam zu seinem Klavier an der gegenüber liegenden Wand. Bei jedem Schritt knarzten die alten Eichendielen, und sie war froh über jedes Geräusch, dass die bleiernde Stille, die plötzlich zwischen ihnen lag, überdeckte. Er setze sich, öffnete den Deckel der Klaviatur, rückte den Hocker zurecht und blickte dann einen Moment lang still zu ihr hinüber. Dann begann er zu spielen.

Alexandra brauchte keine vier Takte, um das Stück zu erkennen. In ihrem ganzen Körper wurde es heiß und kalt gleichzeitig, ihre Hände schwitzten, und ihr ganzer Körper zitterte vor Aufregung. Träumte sie? Schaudernd nahm sie die Wolldecke, die neben ihrem Sessel bereit lag, und bedeckte ihren Körper; doch das Zittern, welches nichts mit Kälte zu tun hatte, hielt an. Fassungslos schüttelte sie den Kopf, während Richard einen Takt nach dem nächsten spielte: So perfekt, dass sie keinen Unterschied erkennen konnte zu der Aufnahme auf der Schallplatte, die sie hundert Mal gehört hatte in guten wie in schlechten Momenten, und die ihr stets soviel Kraft gegeben hatte. Regungslos und unfähig zu einem klaren Gedanken hörte sie das Stück zu Ende an.

Als der letzte Ton verklungen war, entstand eine tiefe Stille. Aber diese Stille hatte eine ganz andere Qualität als jene vor der Musik. In dieser Stille waren sie verbunden, ihre Gedanken und ihre Herzen waren eins. Sie fühlte eine unglaubliche Nähe, eine Nähe die sie wärmte und gleichzeitig in Panik versetzte.

"Ungarischer Tanz Nr. 5, Johannes Brahms", flüsterte sie schließlich.

"Du hattest danach gefragt, als wir uns das erste Mal gesehen haben, erinnerst Du Dich?", erwiederte er leise.

"Natürlich erinnere ich mich. Du sagtest, Du hättest das Stück nie gespielt", sagte sie und schaute ihn zweifelnd an.

"Es ist wahr. Ich hatte es nie zuvor gespielt. Ich habe es diese Woche... viel geübt", sagte er, und wandte den Blick ab.

Sie wusste, was das hieß. Selbst für einen Pianisten wie ihn, dem es an Talent und Können nicht mangelte, musste dieses Stück mehr als nur ein hartes Stück Arbeit sein. Eine Herausforderung, in die er sich gestürzt haben musste gleich nach ihrem ersten Treffen, die ihn begleitet hatte in jeder freien Minute der letzten Tage, immer mit dem Gedanken an sie, mit dem Ziel seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen durch die Musik, die sie so liebte und die er so bezaubernd spielen konnte.

Langsam, wie in Zeitlupe, legte sie die Decke beiseite und ging zu ihm herüber. Nahm seine Hand, zog leicht, um ihn aufstehen zu lassen. Legte ihren Kopf an seine Brust, ließ sich von seinen langen Armen umschlingen, seine wunderbaren Finger über ihren Rücken wandern. Schaute schließlich zu ihm hoch, sah in seine Augen, und sah in seinen Augen neben all der Traurigkeit und Melancholie auch eine große Freude. Ihre Lippen berührten seine, sachte zuerst, dann mit mehr Nachdruck, fordernder, während ihre Hände an seinem Rücken auf und ab wanderten und schließlich auf seinen Hüften zum Liegen kamen.

"Komm", sagte sie schließlich, und ihre Stimme zitterte, "lass uns ins Bett gehen."

Am Bett zog er sein Hemd aus, und sein schmaler, weißer Oberkörper leuchtete für einen Moment im Dämmerlicht, bis er unter die Decke kroch, unter die sie sich bereits gelegt hatte. Sie kuschelte sich an ihn, auf ihn, zog ihn auf sich, ihre beiden Körper berührten sich an hundert Stellen von den Zehen bis zu den Haarspitzen. Sie küsste seine Stirn, seinen Mund, seine Brust, seinen Bauch, während seine Hände ihre kleinen, noch von ihrer Bluse bedeckten Brüste streichelten.

Sie wollte ihn so sehr, sie wollte ihn ausziehen, sich ausziehen, sich ihm hingeben, eins mit ihm werden, ihn nie wieder los lassen. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch hatten gewonnen über den Kopf, ihr Körper das Kommando übernommen und sich über die Warnungen des Verstandes hinweg gesetzt. Alles war perfekt und wunderschön und genau so, wie es sein sollte. Und doch war alles falsch.

Ihre Zeit war abgelaufen, ihre letzte Gelegenheit, ihr Geheimnis zu beichten, verstrichen. Konnte sie es jetzt sagen, jetzt, wo sie seine Finger bereits an ihrer Hüfte spürte? Wie würde er reagieren? Wie sollte sie es nur sagen, so dass er es verstand? Nein, es ging nicht, sie konnte ihn nicht so bloßstellen, ihn nicht so verletzten, nicht nach allem, was er für sie getan hatte und für sie gefühlt und ihr gegeben hatte. Es ging einfach nicht- unmöglich.

In diesem Augenblick rasten in ihrem Kopf zwei riesige Wellen des Gefühls zusammen, die Liebe und die Lust von der einen Seite, die Scham und die Angst von der anderen. Beide unermesslich und nicht zu stoppen, beide einzeln schon überwältigend, aber in ihrer Kollision gegeneinander gänzlich unerträglich.

Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett, rannte zur Garderobe, zog hektisch Schuhe und Jacke an, und verließ unter tausend Entschuldigungen und zehntausend Tränen den Raum. Schloss die Tür hinter sich, stolperte die Treppe hinab auf die Straße und in die kalte Nachtluft, hastete eine Straße entlang und noch eine und noch eine, ohne Ziel, nur weg von ihm und dieser Liebe, die sie nicht verdient und die sie so kalt betrogen hatte, nur fort aus dieser Situation in die sie sich nie hätte begeben dürfen, weg, weg, weit weg.

Als sie schließlich eine Bank fand, auf die sie sich fallen lassen konnte, überkamen sie die Gefühle erneut, und geschüttelt von Weinkrämpfen vergrub sie ihren Kopf in den Händen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Wie hatte sie die Gefühle dieses wunderbaren Jungen so verletzen können? Niemals, niemals wollte sie ihn wiedersehen, niemals durfte er ihr Geheimnis erfahren, niemals wissen, wie sehr sie ihn getäuscht hatte und verraten. Diesen Schmerz durfte sie ihm niemals antun, diesen Schmerz musste sie ganz allein tragen.

Mit zitternden Händen nestelte sie ihr Portemonnaie aus ihrer Handtasche, und zog ihren Ausweis heraus. Blickte lange auf das Bild, das ihr dort entgegen starrte. Vorsichtig, ganz vorsichtig, wanderte ihr Blick herüber zu ihrem Namen, als wüsste sie nicht ganz genau was dort stand. Als wäre dieser ganze Betrug, den sie begangen hatte, nur ein Versehen, dessen sie sich jetzt erst bewusst wurde. Dabei war ihr mit eiskalter Sicherheit klar, dass dort nicht Alexandra stand- sondern Alexander. Zwei Buchstaben nur, und ein paar anatomische Details, die sie vom Rest der Welt mehr trennten als tausend Mauern es zu tun vermocht hätten. Kleinigkeiten, die alles auf den Kopf stellten. Und die eine wunderschöne, unschuldige junge Liebe im Keim erstickt hatten, bevor diese eine Gelegenheit gehabt hatte, überhaupt zu entstehen.
 



 
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