Nyarlathotep

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lietzensee

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Nyarlathotep​

Die Frau des Hauses redete darüber, wie schwer manche Speisen und Getränke plötzlich aufzutreiben gewesen waren. Jan nickte und bemühte sich, nicht zuzuhören. Diese Partys langweilten ihn. Gespräche mit den Menschen langweilten ihn, weil sie schon lange nichts Vernünftiges mehr zu sagen schienen. Gehacktes Rind, Salami, Gurken, die Frau zählte die Gerichte mit lauter Stimme auf, dann stockte sie plötzlich. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht, wurde unsicher und erlosch. Hastig verschwand sie in einem Nebenzimmer. Jan war froh. Sie hätte sonst sicher wieder davon angefangen, dass sie einen Sicherheitsvorrat an parfümierter Seife anlegen wollte. Was die Leute redeten, ergab einfach keinen Sinn mehr.

Das saubere Hemd hatte Jan sich angezogen, obwohl er keine Lust gehabt hatte, zu kommen. Er hatte sich rasiert, obwohl er die halbe Nacht kein Auge zugemacht hatte. Im Haus war wieder Lärm gewesen. Nur aus einem Grund war er zu dieser Party gekommen. Der Grund war Nina. Jan wich den suchenden Blicken eines Bekannten aus. An diesem Abend hatte er sie erst von weitem gesehen.

Er kannte sie aber von Nahem. Mit Brille im Kleid auf einem Felsen sitzend, in einer Bar zwischen lachenden Frauen. Er hatte alle ihre Internetauftritte durchgeklickt. Stunden hatte er damit verbracht, ihre Fotos zu studieren. Frauen zeigten ja die einzigen Sachen, die man im Internet noch ertragen konnte. Von allem anderen hatte Jan sich schon lange verabschiedet. Aber Frauen konnte er sich immer ansehen. Er liebte ihre Opulenz und ihre Eitelkeit. Immer mussten sie etwas Neues vorzeigen. Nina hatte das Bild eines weißen Wolfes gepostet und darunter geschrieben, dass sie heute zur Party kommen würde.

Auf einmal sah er ihren Rücken. Mit einem Glas in der Hand ging sie zum Buffet. Er mochte ihren Rücken. Am Buffet stand Nina allein und Jan steuerte hastig auf sie zu. Da griff ihm jemand am Arm.

„Du hast auch von ihm gehört, ja?“ Jan kannte den Mann nicht. Oder er kannte ihn doch. Sie hatten sich mal über Billiard unterhalten. Seinen Namen hatte er vergessen. Aber die Augen des Fremden drohten, dass er sich nicht davon abhalten lassen würde, auf Jan einzureden. Ägypten, Italien und jetzt auch bei uns, überall spielte sich das Gleiche ab. Der Mann riss seine Augen auf, kniff sie zu, riss sie wieder auf und redete dabei ununterbrochen. Es war nicht klar, was er sagen wollte. Die Menschen waren rastlos geworden, die Bilder die man im Fernsehen sah, die Schreie aus den U-Bahn-Schächten. „Und jetzt kommt er!“ Jan konnte sich nicht schnell genug auf die Zunge beißen und fragte, wer da kam. „Der große Scharlatan, der sich auf die Bühnen stellt. Im Internet gibt es doch nur noch Werbung für ihn. Allianz Arena, Waldbühne, Volksparkstadion. Er verspricht Experimente in Reagenzgläsern und die Leute gehen hin!“ Speichel lief aus dem Mundwinkel des Mannes. Er ließ seinen Schinkentoast fallen, bückte sich und Jan ging schnell weiter.

Er hatte Nina aus den Augen verloren. Er dachte an ein Bild mit Sonnenhut, den sie keck ins Gesicht gezogen trug. Gestern hatte sie sich dann in einer schwarzen Seidenkapuze gezeigt. Der Gastgeber rief den Leuten zu, dass es jetzt etwas zu sehen gäbe. In den Messehallen gegenüber fand ein Kongress über Somnambulismus statt. Der würde gleich mit einem großen Feuerwerk enden und sie sollten alle aufs Dach steigen. Die Gäste drängten sich daraufhin in einen engen Flur.

Jan sah sie, Nina, wenige Meter entfernt und so nah, dass der ihr Parfüm zu riechen glaubte. Er drängte zwischen einem Pärchen hindurch. Nina erklomm die steile Dachtreppe. Er wollte ihr folgen, da blieb ein Mann vor ihm plötzlich stehen. Erbost stieß Jan gegen den breiten Rücken, doch es war der Gastgeber. Der Herr des Hauses drehte sich um. „Du bist doch nicht etwa auch schon so einer Jan?“ Immer schon hatte dieser Typ zu viel Interesse an Jan gezeigt. Jetzt erklärte er ihm, dass all die Aufregung sinnlos war. Physik und Chemie ließen sich ja nicht austricksen. Lichteffekte spiegelte sich in Gläsern und ein paar Leichtgläubige glaubten den Worten, die sie hören wollten. Das war alles. Jan wollte vorbei, aber der Mann streckte die Hände aus und hielt alle auf, die sich auf den Stufen unter ihm drängten. Er persönlich würde das Schauspiel entlarven und er hatte übrigens noch genau eine freie Karte. Morgen hatte Jan noch nichts vor? Jan stimmte eilig zu, damit der Gastgeber ihn endlich durch lies. Auf der obersten Stufe stieß er eine dicke Frau zur Seite.

Endlich hatte er Nina direkt vor sich. Sie stand mit dem Rücken zum Treppenaufgang, die Schultern unter ihrem Kleid leicht gewölbt, blickte sie auf die Stadt. Lichter blinkten. Mit einem letzten Schritt war er bei ihr und legte seine Hand auf die ihre. „Ein schöner Anblick“, sagte er. Sie drehte sich um und blickte ihn merkwürdig an. „Ausblick, ich meinte, es ist ein schöner Ausblick.“ Ihr Gesicht erschreckte ihn. Es sah aus wie auf den Bildern. Aber es glich ihr nicht. Bildbearbeitung, Photoshop und Filter konnten ein Gesicht nicht so verändern. Es hatte die Ruhe verloren, die Überlegenheit, die eine wirklich schöne Frauen ausmachte.

Von der Straße drangen Schreie herauf. Sie leckte ihre Lippen. „Ich war in der Arena. Von der Videoleinwand hat er mich direkt angesehen und er hatte glänzend weiße Augen!“ Nina sprach, als würde sie damit auf eine Frage antworten, mit der Jan sie bedrängt hatte.

„Wer hat dich angesehen Nina?“

Nyarlathotep

„Runter, sofort alle runter!“ Die Gastgeberin war die Treppe hoch gestürmt und lief zwischen den Gästen umher. „Wir müssen jetzt in geschlossenen Räumen bleiben!“ Jemand las von seinem Handy vor, dass der Kongress abgebrochen worden war. Aus den Hügeln hinter der Stadt stieg Rauch auf.

Jan kaute an seiner Unterlippe, während er am Buffet stand und kleine Häppchen zwischen seinen Fingern zerdrückte. Er wusste, er hatte etwas verdrängt und konnte doch nicht begreifen, was es war. Er wollte nachhause. Seine Hände zitterten. Er wollte seine Stereoanlage bis zum Anschlag aufdrehen und den Fisch in seinem Aquarium betrachten. In seiner Tasche vibrierte das Handy. Dann trat er zum Fenster und hörte einen Schrei.

Im Licht der Gartenlampen zeichnete sich alles in scharfen Schatten ab. Neben dem Kiesweg stand eine sorgfältig gestutzte Hecke. Daraus ragten zwei gekrümmte Beine. Er erkannte die Schuhe. Er erkannte das Kleid. Nina war gesprungen. Vom Dach hinunter hatte sie einen anderen Ausweg als die restlichen Gäste genommen.

Von den Anderen reagierte niemand. Blut sickerte auf den Weg. Neben ihm stritten zwei Männer über den Geschmack von Salzsäure. Jan sprang zur Tür. Er würde riskieren, die U-Bahn zu nehmen, dann wäre er in zwanzig Minuten zuhause. Er war schon im Vorgarten, als der Hausherr ihm noch einmal mit Kraft an der Schulter zurück hielt. „Morgen früh hol ich dich ab Jan! Du kommst mit. Dann siehst du, dass das alles Unsinn ist.“ Jan verstand nicht, von was die Rede war. „Ich habe dir einen Termin auf dein Handy geschickt.“ Dann wurde Jan durch die Gartenpforte gestoßen.

In seinem Kalender war wirklich ein neuer Termin. Mit beiden Händen hielt er das Gerät direkt vor seine Augen. Morgen, neun Uhr, der Eintrag bestand nur aus einem Wort: Nyarlathotep.
 
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hein

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Hallo lietzensee,

einige zusätzliche Absätze und Leerzeilen würden das Lesevergnügen enorm steigern.

LG
hein
 

Nick

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Wow! Chapeau - eine richtig gute, richtige weirde Story! Erinnert an Ligotti - sehr cool!

Viele Grüße

Nick
 

rainer Genuss

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Hallo litzensee
für mich eine surrealistische Kurzgeschichte mit einem herbeizitierten SF-Hintergrund. Also eine Kurzgeschichte, gut geschrieben, für die Du im Hintergrund ein Riesenfass aufmachst.
Begeisterung löst sie bei mir nicht aus -
freundliche Grüße
 
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