Oranges Kiew

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chachaturian

Mitglied
Oranges Kiew


Mit einem Gesicht fing es an
entstellt wie die Machthaber
die auf den Widersacher
anschlagen ließen
Kerker und Traditionen
von weit her
sind da gekommen
gewählt werden sollte
wie früher Parteidirektiven
erlassen wurden
überall wollte man nachhelfen
das die Macht dort bleibt
wo sie hingehört
und nicht etwa das Volk
sich verzettelt
in der Ukraine

Frische Briese und Winterkälte
auf dem Maidanek in Kiew
Juschtschenko redet
und doch steht alles
auf den althergebrachten Füßen
so sehr die Farben und die Menschen
für einen neuen Aufbruch streiten
auch blaue Zonen
kennt das Land
aber doch an den meisten Orten
steht Janukowitsch
für das alte Elend
damit bestehen bleiben
die ergaunerten Pfründe
und dafür das verschwinden kann
der schreibt in Zeitungen
über Ungelegenheiten

Der Sturz war tief aus Sowjetzeiten
Erosion, tiefe unsoziale Schluchten
das goldene Zeitalter
der Stagnation zerronnen
der Markt diktiert
den Wert der Völker
viele kommen so
unter den Hammer
sinken tiefer und tiefer
Wer will mit den
alten Fehlern richten
ohne die Neuen zu benennen?

Ein wenig Ankunft in Europa
visafreies Reisen
nach Odessa und zur Krim
in Berlin muß
noch umgedacht werden
ob nicht der eigentliche Skandal
der Visapraxis darin besteht
welcher Aufwand für ein Visum
betrieben werden muß
und ob es nicht bürokratiefreier ginge
für zwei Wochen
nach Deutschland zu reisen
teuer genug für Löhne
die jedem Vergleich spotten

Wieviel blaue Adern durchziehen
noch das Orange
oder wechselt es die Farbe
und täuscht an vielen Enden
hinweg über das
was es wirklich kann?
die Wehrpflicht soll fallen
Soldaten aus dem Irak abgezogen
jedoch Tschernobylenergie will man
in neuen Werken zeugen
nicht verheerend tödlich genug
der erste Atomunfall?

Mitten im Winter
verfünffacht Zar Putin Gaspreise
russische Kredite bietet er
eine Henkersmalzeit
für die einstige Sowjetrepublik
Politischeuropa fabuliert im
Bürokratenstil und guten Worten
ohnehin nur ein schwarzes Loch
ein Liedwettstreit
schafft kein Netz
für das Nötigste zum Leben
nur ein wenig Band und Wissen
zwischen den Menschen
und mehr sollte es werden

8-12/2005

Hat ziemlich lange gedauert ehe ich dieses Gedicht in dieser Form hatte. Vor allen Dingen habe ich unzählige Texte und Einschätzungen zu dem Thema gelesen. Anmerkungen an mich.

Literaturpodium
http://www.literaturpodium.de
 

Ully

Mitglied
Dein Text ist reine politische Agitation und verbreitet den Mief der alten Sowjetunion, könnte ja fast ein propagandistisches Flugblatt sein. Ich frage mich ob der Text hier eher unangebracht ist?

Gruß, Ully
 

chachaturian

Mitglied
AW

Ich glaube Sie kennen keine sowjetische Propaganda. Blank gereimt wäre der Text nicht realisierbar. Insofern verlasse ich mich lieber auf das Wortspiel. Das in Deutschland das politische Gedicht unopportun ist, ist nichts neues. Ich ignoriere solche Glaubensbekenntnisse wie Gedichte nicht sein dürfen. Siehe dazu auch meine Texte zur Kontroverse zwischen Grass und Fried.

http://www.umweltdebatte.de
 

Svalin

Mitglied
Hallo chachaturian,

In meinen Augen ist das "Freestyle-Journalismus". Zu sehr erinnert mich das Ganze an den Gastkommentar eines Experten in der Berichterstattung: analytisch, fundiert, kommentierend. Inhaltlich eine Sacherörterung mit subjektiven Randnotizen. Und dem dünnen poetischen Netzhemd gelingt es m.E. nicht, sprachlich darüber hinwegzutäuschen. Insofern würde ich mich Ully anschließen: der Text ist vielleicht eher bei den Essays, Rezensionen, Kolumnen anzusiedeln.

Viele Grüße
Martin
 

chachaturian

Mitglied
http://www.umweltdebatte.de/fried-kontroversen.htm

Kontroversen zu Frieds Vietnamgedichten:
Über das politische Gedicht


Unter anderem über die Vietnamgedichte kommt es zu einer Kontroverse zwischen Günter Grass und Erich Fried. Im Gedichtband "Ausgefragt" (1) von Grass gibt es das Gedicht "Irgendwas machen", wo er sich über das Protestgedicht lustig macht. So meint er darin, die "Herstellungskosten" solcher Art politischer Gedichte seien gering, und sie wären zu abhängig von je aktuellen Konjunkturen. So schaffe beispielsweise die Aufrüstung den Raum für vermarktbare Anti-Kriegsgedichte.[...]

Das ist ein Auszug aus einer meiner Prüfungsarbeiten beim Diplom, insofern natürlich darauf hin verfaßt. Aber so würde ich die Problemstellung einschätzten. Wenn man sich zum Beispiel Tucholskys Gedichte im Vorfeld von 33 zu der braunen Entwicklung ansieht, dann wird sofort evident, warum konventionelle Formen an so einem Punkt nicht funktionieren. Ein zusätzliches Problem ist: Wenn man politische Gedichte eine Generation später liest und die Rahmenbedingungen fehlen, bleibt relativ unklar worum es überhaupt geht. Meine These ist
politische Gedichte müssen eine gewisse Klarheit haben. Häufig reicht es nicht aus hier und da eine Andeutung zu machen.

http://www.literaturpodium.de
 

Svalin

Mitglied
Hallo chachaturian,

Ich denke, die literaturwissenschaftliche Metaebene solltest du im Forum Lupanum besprechen. Dort kannst du deinen Text mit einer entsprechenden These gerne gesondert zur Diskussion stellen. In den Werkeforen sind solche Gebrauchsanweisungen eher Makulatur: "Beipackzettel". Gedichte müssen hier für sich selber stehen und sprechen können, ihre Wirkung aus sich selbst heraus entfalten. Das heißt: alle Bezugspunkte müssen darin verankert, alle Verarbeitungsspuren sichtbar sein. Der Fingerzeig zum Ideenhimmel nützt da wenig: das wäre intellektuelles Drachensteigen-Lassen. Experimentelle Lyrik beschäftigt sich nach meinem Empfinden auch und gerade mit Fragen der Erdung und Bodenhaftung. Insofern sollte eine Verbindung zum Abstrakten stets existent und erkennbar sein.

Viele Grüße
Martin
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Soweit ich es sehe, ist es ein aktuelles Gedicht. Es geht um den gegenwärtigen Machtkampf. Ich denke, Ully versteht es falsch. Ich glaube auch nicht, dass ein Ausdruck "Mief" (Mief der alten Sowjetunion) dem gerecht wird, bezweifle ich, sofern es sich auf das Gedicht bezieht. Gedichte dürfen politisch sein. Es geht jedenfalls am Kern vorbei. Der wahre Gehalt an der Aussage ist, dass das Gedicht die Kämpfe und Standpunkte beschreibt, bei denen das eine Rolle spielt.

Dass der Text ein Gedicht ist, zeigen verschiedene Merkmale:

1. Der Autor betrachtet es als solches.
2. Es ist in Strophen und Verse gegliedert.
3. Es verwendet Metaphern.

Die Frage ist, wie es chachaturian gelungen ist, das ganze in ein Gedicht zu fassen.

Ein Problem: Das Gedicht ist in einer abstrakten Ebene geschrieben. Es zeigt daher weniger die Gefühle und Probleme eines Einzelnen, als abstraktere Darstellungen. Wenn ich es vergleiche mit den Werken von Achmatowa, die ihre persönlichen Erlebnisse schildert, fällt mir auf, dass es mich weniger berührt.

Und doch ist es ein Gedicht.


Moderation:
Als Foren-Redakteur sind für mich ein Teil der Kommentare an der Grenze. Sie haben aber alle gerade noch Textbezug. deshalb blende ich sie nicht aus.

chachaturian hat sich (natürlich) nach dem ersten Kommentar versucht, zu rechtfertigen.
 

chachaturian

Mitglied
Es ist sicherlich nicht ganz grundlos gewesen, daß ich über viele Monate das Thema verfolgt habe und trotzdem Schwierigkeiten hatte, das Ganze in Form zu bringen. Dabei sind bestimmte Teile des Gedichtes für mich völlig okay. Die Probleme fangen dort an, wo man versucht die Folgen des orangenen Wandels in den Blick zu nehmen. Da hat man zunächst mal auch den Nachteil, daß man nicht direkt die Lebensrealität vor Ort aktuell aufnehmen kann. Freilich weiß ich aus verschiedenen Quellen, daß sich die wirtschaftliche Situation eher verschlechtert hat. Darüber hinaus ist mir völlig klar, daß jemand der politisch nicht interessiert ist, was in der Ukraine sich abgespielt hat, mit so einem Gedicht gar nichts anfangen kann. Aber ich gehe davon aus, daß das nicht auf 100% der Menschen zutrifft.

Literaturpodium
http://www.literaturpodium.de
 

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