rubber sole
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Vormittags in der Fußgängerzone einer mittelgroßen Stadt. Die beliebig austauschbare Kulisse ist von Ladengeschäften geprägt, die mit ihren Markenlogos und Aktionsplakaten um Aufmerksamkeit buhlen. Drumherum vereinzelt Gruppen von lärmenden Schulkindern. Zwischen Sparkasse und Drogeriemarkt sitzt hier, inzwischen auch ein fast schon typischer Anblick für solch eine Umgebung, ein Bettler auf einer schmuddeligen Matte. Seine ramponierte Kleidung lässt auf Obdachlosigkeit schließen; die ungepflegten Haare und ein ebensolcher Mehrtage-Bart verstärken diesen Eindruck. Neben ihm ausgestreckt ein Hund auf einer abgeschubberten Decke - dessen treuer Blick eignet sich gut als Blickfang für mitfühlende Passanten. Seitlich vor dem Hund steht ein graues Pappschild, auf dem in krakeligen Druckbuchstaben 'Bitte um Spende' zu lesen ist. Daneben eine Blechbüchse für diesen Zweck, in der sich zu dieser Zeit nur wenige Geldstücke verlieren. Hin und wieder ist das metallene Klimpern von einzelnen Münzen zu hören, die in die Dose geworfen werden. Die meisten Passanten gehen jedoch achtlos vorbei, blicken routiniert weitläufig darüber hinweg. Manche machen einen weiten Bogen um den Bettler mit Hund und Spendenaufruf. Diesen Vorbeigehenden sieht man an, sie fühlen sich unangenehm berührt, sie mögen es nicht, auf diese Weise um Geld gebeten zu werde. Und: Ein akzeptabler Verwendungszweck ist nicht zu erkennen. Selten nur kommt es zu einem kurzen Gespräch; zu wohlwollender Aufmerksamkeit noch seltener. In solchen Fällen auch nur kurz angedeutet, vorgebracht dann von eher erkennbar einfachen Menschen als von gutsituierten.
In dieser Szenerie sticht einer der Passanten hervor: ein Mann mittleren Alters in maßgeschneidertem Anzug mit hochwertigen Lederschuhen. In seiner Hand hält er eine Dokumentenmappe. Es ist ein Arzt, ein Herzchirurg auf dem Weg zu einer Veranstaltung im nahen Kongresszentrum. Er verharrt an dieser Stelle und mustert den Bettler mit routinierter Expertise. Sein fachmännischer Blick verrät: robuste Erscheinung dieser Wohnungslose, erstaunlich bei derartigen Lebensumständen. Einen Menschen ohne medizinischen Bezug zu betrachten, dies gelingt Ärzten selten. Der Passant fingert ein Geldstück aus der Tasche und lässt dieses in die Büchse fallen - als Dank erhält er ein angedeutetes devotes Lächeln. Schließlich ein letzter abschätzender Blick des Arztes auf den vor ihm Sitzenden, dann geht er seines Weges.
Später am Tag, bereits nach Ladenschluss, bei Anbruch der Dunkelheit. Der Mediziner betritt das nahe Parkhaus, in dessen schwacher Beleuchtung nur noch wenige Autos zu erkennen sind. Der Arzt geht in Richtung seines dort abgestellten SUVs. Er sieht nicht weit davon entfernt eine Gestalt, die soeben einen Mittelklasse-Kombi beladen hat und die Ladeklappe schließt. Er stutzt. Er meint, den Mann mit Langhaar und Mehrtage-Bart zu kennen. Dann ist er sich sicher, die Person ist der Bettler vom Vormittag. Statt in schmuddeliger Kleidung ist dieser nun im saloppen Freizeitlook gekleidet, nicht auffallend modisch, aber durchaus gepflegt - dazu passt der Hund auf der Rückbank. Als der Arzt in Richtung des Mannes geht, er möchte ihn etwas fragen, besteigt dieser das Fahrzeug und verlässt das Parkhaus.
Der Mediziner hält kurz inne und folgt dem Kombi. Kurz nach der Ausfahrt aus der Tiefgarage entdeckt er das Auto auf dem Parkstreifen vor einer Bankfiliale. Er kann durch die Außenscheibe des Geldinstituts in den Servicebereich blicken, dort wo die Geldautomaten aneinandergereiht stehen. Er beobachtet den Fahrer des Kombis, der eine größere Anzahl von Münzen sowie einige Geldscheine einzahlt. Daran anschließend geht er an einen anderen Automaten, offensichtlich mit der Absicht, eine Überweisung zu generieren. Der Beobachter betrachtet diese Szene, sieht hier einen unverfänglichen Vorgang und wendet sich ab, er fährt davon. Zuhause angekommen denkt er über die Begegnung mit dem Unbekannten aus der Fußgängerzone noch einmal nach und verifiziert dessen Namen und Anschrift über das Kfz-Kennzeichen.
Sonntags darauf, am späten Vormittag. Ein Besuch beim Obdachlosen, Bettler, Hundehalter, Kombifahrer, Geldeinzahler, in einem Mehrfamilienhaus in bürgerlicher Umgebung in der nahegelegenen Großstadt. Er klingelt an der Haustür, die von einem Mittvierziger in legerer Freizeitkleidung geöffnet wird. Der Arzt stellt sich vor: Dr. med. M., Facharzt für Kardiologie, Herzchirurg. Der Wohnungsinhaber sieht den Fremden völlig überrascht an, er kann sich keinen Grund für diesen Besuch vorstellen. Nach einer knappen Erklärung des Arztes, der auf den Wohnungsinhaber seriös wirkt, die zögerliche Aufforderung, einzutreten. Er meint, bei seinem Besucher die unausgesprochene Frage „Wieso?“ zu spüren; dessen Erscheinen an seiner Wohnungstür bleibt ihm jedoch ein Rätsel. Die beiden beginnen ein zunächst verhaltenes Gespräch, sie tauschen allgemeine Floskeln aus; dann wird das Gespräch persönlicher. Mit großer Aufmerksamkeit hört der Mediziner dem vermeintlichen Obdachlosen zu, unterbricht nur selten den Redefluss seines Gegenübers. Er hört Erstaunliches. Der Mann, von Beruf Landschaftsgärtner in fester Anstellung, verwendet seit Jahren fast seinen kompletten Jahresurlaub, um in der Rolle eines Bettlers in den Fußgängerzonen landesweit unterwegs zu sein. Der Grund: Geld für einen wohltätigen Zweck zu erschnorren, das er als Spende weiterreicht. Der Herzchirurg erfährt, dass das Netzwerk Organspende Nutznießer dieser Zuwendungen ist und somit auch seine Arbeit als Transplantationsmediziner indirekt von diesen Beiträgen profitiert. Inzwischen unterhalten sich die beiden entspannt miteinander. Als der Spendeneinsammler auf einen umfangreichen Ordner mit gesammelten Einzahlungsbelegen weist, wirft der Arzt nur einen flüchtigen Blick darauf.
In dieser Szenerie sticht einer der Passanten hervor: ein Mann mittleren Alters in maßgeschneidertem Anzug mit hochwertigen Lederschuhen. In seiner Hand hält er eine Dokumentenmappe. Es ist ein Arzt, ein Herzchirurg auf dem Weg zu einer Veranstaltung im nahen Kongresszentrum. Er verharrt an dieser Stelle und mustert den Bettler mit routinierter Expertise. Sein fachmännischer Blick verrät: robuste Erscheinung dieser Wohnungslose, erstaunlich bei derartigen Lebensumständen. Einen Menschen ohne medizinischen Bezug zu betrachten, dies gelingt Ärzten selten. Der Passant fingert ein Geldstück aus der Tasche und lässt dieses in die Büchse fallen - als Dank erhält er ein angedeutetes devotes Lächeln. Schließlich ein letzter abschätzender Blick des Arztes auf den vor ihm Sitzenden, dann geht er seines Weges.
Später am Tag, bereits nach Ladenschluss, bei Anbruch der Dunkelheit. Der Mediziner betritt das nahe Parkhaus, in dessen schwacher Beleuchtung nur noch wenige Autos zu erkennen sind. Der Arzt geht in Richtung seines dort abgestellten SUVs. Er sieht nicht weit davon entfernt eine Gestalt, die soeben einen Mittelklasse-Kombi beladen hat und die Ladeklappe schließt. Er stutzt. Er meint, den Mann mit Langhaar und Mehrtage-Bart zu kennen. Dann ist er sich sicher, die Person ist der Bettler vom Vormittag. Statt in schmuddeliger Kleidung ist dieser nun im saloppen Freizeitlook gekleidet, nicht auffallend modisch, aber durchaus gepflegt - dazu passt der Hund auf der Rückbank. Als der Arzt in Richtung des Mannes geht, er möchte ihn etwas fragen, besteigt dieser das Fahrzeug und verlässt das Parkhaus.
Der Mediziner hält kurz inne und folgt dem Kombi. Kurz nach der Ausfahrt aus der Tiefgarage entdeckt er das Auto auf dem Parkstreifen vor einer Bankfiliale. Er kann durch die Außenscheibe des Geldinstituts in den Servicebereich blicken, dort wo die Geldautomaten aneinandergereiht stehen. Er beobachtet den Fahrer des Kombis, der eine größere Anzahl von Münzen sowie einige Geldscheine einzahlt. Daran anschließend geht er an einen anderen Automaten, offensichtlich mit der Absicht, eine Überweisung zu generieren. Der Beobachter betrachtet diese Szene, sieht hier einen unverfänglichen Vorgang und wendet sich ab, er fährt davon. Zuhause angekommen denkt er über die Begegnung mit dem Unbekannten aus der Fußgängerzone noch einmal nach und verifiziert dessen Namen und Anschrift über das Kfz-Kennzeichen.
Sonntags darauf, am späten Vormittag. Ein Besuch beim Obdachlosen, Bettler, Hundehalter, Kombifahrer, Geldeinzahler, in einem Mehrfamilienhaus in bürgerlicher Umgebung in der nahegelegenen Großstadt. Er klingelt an der Haustür, die von einem Mittvierziger in legerer Freizeitkleidung geöffnet wird. Der Arzt stellt sich vor: Dr. med. M., Facharzt für Kardiologie, Herzchirurg. Der Wohnungsinhaber sieht den Fremden völlig überrascht an, er kann sich keinen Grund für diesen Besuch vorstellen. Nach einer knappen Erklärung des Arztes, der auf den Wohnungsinhaber seriös wirkt, die zögerliche Aufforderung, einzutreten. Er meint, bei seinem Besucher die unausgesprochene Frage „Wieso?“ zu spüren; dessen Erscheinen an seiner Wohnungstür bleibt ihm jedoch ein Rätsel. Die beiden beginnen ein zunächst verhaltenes Gespräch, sie tauschen allgemeine Floskeln aus; dann wird das Gespräch persönlicher. Mit großer Aufmerksamkeit hört der Mediziner dem vermeintlichen Obdachlosen zu, unterbricht nur selten den Redefluss seines Gegenübers. Er hört Erstaunliches. Der Mann, von Beruf Landschaftsgärtner in fester Anstellung, verwendet seit Jahren fast seinen kompletten Jahresurlaub, um in der Rolle eines Bettlers in den Fußgängerzonen landesweit unterwegs zu sein. Der Grund: Geld für einen wohltätigen Zweck zu erschnorren, das er als Spende weiterreicht. Der Herzchirurg erfährt, dass das Netzwerk Organspende Nutznießer dieser Zuwendungen ist und somit auch seine Arbeit als Transplantationsmediziner indirekt von diesen Beiträgen profitiert. Inzwischen unterhalten sich die beiden entspannt miteinander. Als der Spendeneinsammler auf einen umfangreichen Ordner mit gesammelten Einzahlungsbelegen weist, wirft der Arzt nur einen flüchtigen Blick darauf.