rubber sole
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Der Trauerzug bewegte sich in Richtung des Friedhofs am Stadtrand von Dingle, einem kleinen Ort auf der gleichnamigen Halbinsel im Südwesten Irlands. Connor O'Sullivans Wake war nach alter irischer Sitte zelebriert worden. Dazu gehörte auch, dass der Sarg mit den Füßen voran aus dem Haus gebracht werden muss, um zu verhindern, dass die Geister zurückkehren - und genau so ausgerichtet lag der Katafalk auf dem hölzernen Karren. Paula, Connors Tochter aus Berlin, fühlte sich erleichtert. Bis vor wenigen Tagen hatte sie nicht daran geglaubt, ausgerechnet bei dieser Art der Totenfeier Trost finden zu können. Und doch war es so. Sie hatte ihrem Vater dessen letzten Wunsch erfüllt, diese spezielle Beisetzungszeremonie für ihn auszurichten. Solch ein irischer 'Wake' geht oft über drei Tage und ist alles andere, nur keine Veranstaltung stiller Trauer. Der Verstorbene wird unter ehrerbietender Anteilnahme auf seinem letzten Weg begleitet. Er wird dabei mit einer Totenwache verabschiedet: lebensnah, mit Tränen und Lachen, mit Musik und Geschichten, sowie mit viel Whiskey und Bier. Ihr Vater hätte seine Abschiedsfeier sicher sehr gemocht.
Zuvor hatte Paula befürchtet, allein von den organisatorischen Anforderungen einer Überführung aus Deutschland nach Irland überfordert zu werden. Zusätzlich hatte der Vater ihr kurz vor seinem Ableben auch noch das Versprechen abgerungen, ihre Mutter zu dem Fest der Totenwache einzuladen. Diese, Claudia O'Sullivan, hatte Mann und Tochter vor fast zwanzig Jahren verlassen. Welch eine prekäre Gefühlslage für ein neunjähriges Mädchen! Mit Connors bestem Freund, Liam Murphy, ist sie damals ins dessen irische Heimat gezogen, wo beide bis heute leben. Paula hatte es nicht verstehen können, und dieses Thema später komplett verdrängt. Und dann die letzte Bitte des todkranken Vaters: „Sag ihr, dass ich ihr vergeben habe.
Zu Beginn des eigentlichen Wakes, der Sarg lag noch verschlossen auf dem Gerüst, traf Paula auf ihre Mutter. Knapp zwanzig Jahre hatten sie keinen Kontakt gehabt. Paula hatte nur noch schwache Erinnerungen an diese; die Umstände der Trennung hatte sie nie verstanden. Beiden Frauen war eine große Unsicherheit anzumerken. Die flüchtige Umarmung war daher der aktuellen Situation geschuldet. Ansonsten: Smalltalk zur vorsichtigen Annäherung.
„Du siehst ihm sehr ähnlich“, sagte Claudia ihrer Tochter.
„Scheint so. Hab ich heute schon mehrmals gehört.“
Dann kam Claudias Ehemann Liam dazu. Sein Blick verriet mehr Trauer und Bedauern als Schuldgefühl: „Dein Vater war mein bester Freund.“
„Ach was?! Und trotzdem hast du ihm die Frau ausgespannt?“
Liam zögerte, bevor er antwortete: „Ich verstehe deinen Zorn. Aber du kennst nicht die ganze Geschichte.“
Erzählungen-Workshop
Und er erzählte von Claudias lange andauernder Krankheit, einer chronischen Neuralgie, die in Schüben auftrat, verbunden mit starken Schmerzen, und nur mit schweren Medikamenten zeitweilig zu lindern. Claudia bestätigte diese Schilderungen und fügte hinzu:
„Da hätte ich Connor am meisten gebraucht. Aber er war selten da. Ich habe lange gehofft, er würde bleiben, wenn ich ihn brauchte. Doch er hatte ja ständig seine Auftritte. Von seinen Liebschaften ganz zu schweigen.“
An diese Zeit hatte Paula nur schwache Erinnerungen; vor allem an lautstarke, verstörende Auseinandersetzungen ihrer Eltern – die Hintergründe kannte sie nicht.
„Warum habt ihr mir nie davon erzählt? Auch später nicht?“
„Ich war in einer zu schlechten Verfassung. Und dein Vater? Der war ja dein Held. Und Helden können nun mal mit den eigenen Schwächen schlecht umgehen.“
Paulas Bild von ihrem Vater bekam Risse. Alle drei wollten jetzt aber nicht, dass ihre Begegnung in gegenseitigen Vorhaltungen versank. So schwenkte Claudia auf ein etwas unverfänglicheres Thema um.
„Weißt du eigentlich noch, dass ich mal Mathematik und Physik studiert habe?“
Paula nickte. „Ja, ich erinnere mich. Da hast du mir immer erzählt, Zahlen lügen nicht.“
„Meistens ist das auch so.“ Sie ergänzte dazu lächelnd: „Ist dir 'Schrödingers Katze' ein Begriff?
„Nicht so richtig. Ist das nicht was aus der Quantenphysik? “
„Genau. Eine Katze liegt in einer Kiste. Solange niemand hineinsieht, gilt sie gleichzeitig als lebendig und tot. Nicht wirklich, nur als gedankliches Experiment der Quantemechanik“. Sie neigte ihren Kopf in Richtung Sarg: „Für mich ist dein Vater gerade genauso.“
Paula erwiderte irritiert: “Aber er ist doch tatsächlich tot.“
„Biologisch gesehen schon. Aber: Solange wir nur einen Teil kennen, verharrt dieser Mensch in einem Schwebezustand. In Connors Fall, Held und Versager, Liebender und Verletzender. Lebendig und tot.“
„Wie das? Gleichzeitig fünfzig Prozent lebendig und fünfzig Prozent tot?“ fragte ihre Tochter zweifelnd.
„Rein mathematisch betrachtet, schon. Es gibt aber auch eine andere Sichtweise. Für Menschen gilt nicht nur die eine Wahrheit.“
Claudias Metapher verringerte spürbar die Spannung zwischen den beiden. Ihre Tochter lächelte leicht, und schloss das Gespräch mit einem fast heiteren Unterton: „Papa mochte keine Katzen.“
Dann ging Paula zum geschmückten Sarg, der zur eigentlichen Totenwache geöffnet worden war. Sie hatte ein intensives Gefühl für diesen Menschen dort, sie sah den, der für sie vieles gewesen war, den viele geliebt hatten, der aber auch versagt hatte, dabei etliches verschwiegen hatte. Ihre Bilder blieben ihr erhalten, keines löschte das andere aus. Zahlreiche Freunde waren nun bei der trauernden Familie eingetroffen. Jetzt begann die Feier erst wirklich. Man reichte mitgebrachtes Brot und Stew – dazu floss reichlich frisch gezapftes Stout. Die ersten Musikstücke erklangen. Für Paula besonders ergreifend, als drei Freunde ihres Vaters den Song 'Fiddlers Green' anstimmten, seine Lieblingsballade aus frühen Jahren. Dieses Lied beschreibt einen imaginären Sehnsuchtsort, an dem sich Fischer nach dem Tod wiedersehen - sofern sie nicht zur Hölle gefahren sind. Und immer wieder humorvolle oder wehmütige Geschichten über Connor O'Sullivan, von einem charismatischen Musiker und Frauenliebling, dessen Lieder selbst Fremde zum Mitsingen animiert hatten. An dieser Stelle fühlte Paula die Melange aus Traurigkeit und Lebensfreude besonders intensiv.
Am Vormittag des dritten Tages wurden nach altem Brauch die Stühle, auf denen die Teilnehmer der Totenwache gesessen hatten, umgedreht, und der Sarg - der Tradition entsprechend ausgerichtet - aus dem Haus getragen.
Zuvor hatte Paula befürchtet, allein von den organisatorischen Anforderungen einer Überführung aus Deutschland nach Irland überfordert zu werden. Zusätzlich hatte der Vater ihr kurz vor seinem Ableben auch noch das Versprechen abgerungen, ihre Mutter zu dem Fest der Totenwache einzuladen. Diese, Claudia O'Sullivan, hatte Mann und Tochter vor fast zwanzig Jahren verlassen. Welch eine prekäre Gefühlslage für ein neunjähriges Mädchen! Mit Connors bestem Freund, Liam Murphy, ist sie damals ins dessen irische Heimat gezogen, wo beide bis heute leben. Paula hatte es nicht verstehen können, und dieses Thema später komplett verdrängt. Und dann die letzte Bitte des todkranken Vaters: „Sag ihr, dass ich ihr vergeben habe.
Zu Beginn des eigentlichen Wakes, der Sarg lag noch verschlossen auf dem Gerüst, traf Paula auf ihre Mutter. Knapp zwanzig Jahre hatten sie keinen Kontakt gehabt. Paula hatte nur noch schwache Erinnerungen an diese; die Umstände der Trennung hatte sie nie verstanden. Beiden Frauen war eine große Unsicherheit anzumerken. Die flüchtige Umarmung war daher der aktuellen Situation geschuldet. Ansonsten: Smalltalk zur vorsichtigen Annäherung.
„Du siehst ihm sehr ähnlich“, sagte Claudia ihrer Tochter.
„Scheint so. Hab ich heute schon mehrmals gehört.“
Dann kam Claudias Ehemann Liam dazu. Sein Blick verriet mehr Trauer und Bedauern als Schuldgefühl: „Dein Vater war mein bester Freund.“
„Ach was?! Und trotzdem hast du ihm die Frau ausgespannt?“
Liam zögerte, bevor er antwortete: „Ich verstehe deinen Zorn. Aber du kennst nicht die ganze Geschichte.“
Erzählungen-Workshop
Und er erzählte von Claudias lange andauernder Krankheit, einer chronischen Neuralgie, die in Schüben auftrat, verbunden mit starken Schmerzen, und nur mit schweren Medikamenten zeitweilig zu lindern. Claudia bestätigte diese Schilderungen und fügte hinzu:
„Da hätte ich Connor am meisten gebraucht. Aber er war selten da. Ich habe lange gehofft, er würde bleiben, wenn ich ihn brauchte. Doch er hatte ja ständig seine Auftritte. Von seinen Liebschaften ganz zu schweigen.“
An diese Zeit hatte Paula nur schwache Erinnerungen; vor allem an lautstarke, verstörende Auseinandersetzungen ihrer Eltern – die Hintergründe kannte sie nicht.
„Warum habt ihr mir nie davon erzählt? Auch später nicht?“
„Ich war in einer zu schlechten Verfassung. Und dein Vater? Der war ja dein Held. Und Helden können nun mal mit den eigenen Schwächen schlecht umgehen.“
Paulas Bild von ihrem Vater bekam Risse. Alle drei wollten jetzt aber nicht, dass ihre Begegnung in gegenseitigen Vorhaltungen versank. So schwenkte Claudia auf ein etwas unverfänglicheres Thema um.
„Weißt du eigentlich noch, dass ich mal Mathematik und Physik studiert habe?“
Paula nickte. „Ja, ich erinnere mich. Da hast du mir immer erzählt, Zahlen lügen nicht.“
„Meistens ist das auch so.“ Sie ergänzte dazu lächelnd: „Ist dir 'Schrödingers Katze' ein Begriff?
„Nicht so richtig. Ist das nicht was aus der Quantenphysik? “
„Genau. Eine Katze liegt in einer Kiste. Solange niemand hineinsieht, gilt sie gleichzeitig als lebendig und tot. Nicht wirklich, nur als gedankliches Experiment der Quantemechanik“. Sie neigte ihren Kopf in Richtung Sarg: „Für mich ist dein Vater gerade genauso.“
Paula erwiderte irritiert: “Aber er ist doch tatsächlich tot.“
„Biologisch gesehen schon. Aber: Solange wir nur einen Teil kennen, verharrt dieser Mensch in einem Schwebezustand. In Connors Fall, Held und Versager, Liebender und Verletzender. Lebendig und tot.“
„Wie das? Gleichzeitig fünfzig Prozent lebendig und fünfzig Prozent tot?“ fragte ihre Tochter zweifelnd.
„Rein mathematisch betrachtet, schon. Es gibt aber auch eine andere Sichtweise. Für Menschen gilt nicht nur die eine Wahrheit.“
Claudias Metapher verringerte spürbar die Spannung zwischen den beiden. Ihre Tochter lächelte leicht, und schloss das Gespräch mit einem fast heiteren Unterton: „Papa mochte keine Katzen.“
Dann ging Paula zum geschmückten Sarg, der zur eigentlichen Totenwache geöffnet worden war. Sie hatte ein intensives Gefühl für diesen Menschen dort, sie sah den, der für sie vieles gewesen war, den viele geliebt hatten, der aber auch versagt hatte, dabei etliches verschwiegen hatte. Ihre Bilder blieben ihr erhalten, keines löschte das andere aus. Zahlreiche Freunde waren nun bei der trauernden Familie eingetroffen. Jetzt begann die Feier erst wirklich. Man reichte mitgebrachtes Brot und Stew – dazu floss reichlich frisch gezapftes Stout. Die ersten Musikstücke erklangen. Für Paula besonders ergreifend, als drei Freunde ihres Vaters den Song 'Fiddlers Green' anstimmten, seine Lieblingsballade aus frühen Jahren. Dieses Lied beschreibt einen imaginären Sehnsuchtsort, an dem sich Fischer nach dem Tod wiedersehen - sofern sie nicht zur Hölle gefahren sind. Und immer wieder humorvolle oder wehmütige Geschichten über Connor O'Sullivan, von einem charismatischen Musiker und Frauenliebling, dessen Lieder selbst Fremde zum Mitsingen animiert hatten. An dieser Stelle fühlte Paula die Melange aus Traurigkeit und Lebensfreude besonders intensiv.
Am Vormittag des dritten Tages wurden nach altem Brauch die Stühle, auf denen die Teilnehmer der Totenwache gesessen hatten, umgedreht, und der Sarg - der Tradition entsprechend ausgerichtet - aus dem Haus getragen.