Out of the dark

Michele.S

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Der Tacho zeigte 61 km/h.
Auf diesem Bereich der Landstraße waren 70 erlaubt. Roxana drückte sanft aufs Gas, nahm aber bereits bei 65 km/h den Fuß wieder vom Pedal.
Die Uhr im Auto zeigte 23:41 Uhr. Normalerweise lag sie um diese Zeit schon im Bett.
Sie merkte, dass ihre Sicht etwas verschwamm.
Hin und wieder war sie über den Mittelstreifen gefahren. Zum Glück gab es kaum Gegenverkehr.
Was es für Folgen haben würde, wenn sie einen Unfall verursachte, wusste sie nicht genau. Die Tavor, die sie am Nachmittag genommen hatte, war ihr ärztlich verschrieben worden.
Aber durfte sie damit Auto fahren? Roxana war der Überzeugung, dass sie unter Tavor sogar besser fuhr. Sie war dann ruhiger und kontrollierter.
Kleine Regentropfen schlugen nun gegen die Scheibe. Auch das noch.
Sie drosselte das Tempo auf 56 km/h.
Sie fühlte sich müde und gelangweilt, deshalb schaltete sie das Radio ein.
Es lief "Out of the dark" von Falco.
"Nein, danke", dachte sie und ging die übrigen Sender durch. Schließlich blieb sie bei "Wicked Game" stehen. Leider war der Song schon fast zu Ende. Sie würde danach auf den nächstbesten Sender wechseln.
Es ging ihr hauptsächlich darum, wach zu bleiben. Sie konzentrierte sich auf die nasse Straße vor ihr, die nur durch ihr Scheinwerferlicht ein paar Meter weit erhellt wurde.
Der Wald zu beiden Seiten der Straße war undurchdringlich schwarz.
Da seit Minuten kein anderes Fahrzeug mehr gekommen war, schaltete sie das Fernlicht ein.
Am Straßenrand stand ein Mann.
Er schien von einem Waldweg aus gekommen zu sein.
Er hob den Daumen. Er war schon etwas nass geworden und sah irgendwie bemitleidenswert aus, wie er da allein in der Nacht stand.
Sie hatte noch nie einen Anhalter mitgenommen. Gab es sowas heutzutage überhaupt noch? Man dachte da doch sofort an 70er-Jahre-Horrorfilme.
Aber ein Beifahrer würde sie immerhin wachhalten.
Und der Mann sah harmlos aus.
Normal.
Sie bremste und kam vor ihm zum Stehen.
"Wo willst du denn hin?"
"Tübingen", rief der Mann. Er hatte eine eher hohe Stimme.
Sie öffnete die Beifahrertür. "Dann steig ein."
"Ist echt total korrekt von dir", sagte der Mann, während er seine nasse Jacke auszog.
Roxana fuhr weiter, immer noch mit gedrosselter Geschwindigkeit. Für einige Minuten schwiegen beide.
Irgendwann wurde es Roxana unangenehm und sie fragte: "Wie heißt du eigentlich?"
"Ich? Alexander!", sagte der Mann, als wäre er überrascht über die Frage.
Während er seine nassen, dunkelblonden Haare im Rückspiegel richtete, fragte er: "Und wie heißt du?"
"Roxana."
"Okay. Wo kommt der Name her?"
"Ich bin Iranerin."
Der Scheibenwischer quietschte auf der Windschutzscheibe und kam immer wieder ins Stocken.
"Iraner gehören zu den intelligentesten Völkern der Welt", sagte Alexander schließlich.
Ein Auto kam ihnen entgegen und blendete kurz Roxanas Sicht.
"Kann sein, ich kenn mich mit sowas nicht aus", antwortete sie knapp.
"Es stimmt aber. Ich hätte übrigens nicht gedacht, dass du Iranerin bist."
Roxana blickte auf die Uhr. 23:59 Uhr.
"Soll ich dir sagen, warum?", fragte Alexander weiter.
"Ja, warum?", sagte sie tonlos.
"Weil du so schöne, grüne Augen hast. Gibt es viele Iraner mit grünen Augen?"
Sie kam in einen Kreisverkehr und nahm die zweite Ausfahrt.
Immer noch 17 km bis Tübingen.
"Nein, nicht sehr viele", antwortete sie.
"Dacht ich's mir."
Die gleichmäßig rauschende Klimaanlage strömte ihr warme, aber irgendwie abgestandene Luft ins Gesicht.
Sie betrachtete Alexander unauffällig von der Seite.
Er war nicht angeschnallt.
Sie zögerte kurz, sagte dann aber:
"Willst du dich nicht lieber anschnallen?"
Er antwortete schnell: "Nee. Das ist 'ne staatliche Zwangsmaßnahme. Früher haben die Leute sich auch nicht angeschnallt, und die Unfälle waren damals weniger tödlich."
Sie war sich sehr sicher, dass das nicht stimmte, aber sagte nur: "Ach so."
Mehr fiel ihr nicht ein und auch Alexander hatte anscheinend nichts mehr zu sagen. Sie schaltete das Radio wieder ein.
Es lief "Jeanny". Heute Nacht war anscheinend Falco-Marathon.
Sie wollte schon umschalten, da rief Alexander: "Das ist genial, der Song! Gänsehaut pur. Falco war seiner Zeit sowas von voraus"
"Ich mag den Song nicht", erwiderte sie knapp.
Alexander lachte. "Kann ich bei dir irgendwie verstehen. Ist halt immer 'ne Frage der Perspektive, oder?"
Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte.
Alexander war nun offenbar in Redelaune gekommen. "Ich treff mich in Tübingen noch mit ein paar Kollegen. Alles Studenten. Bisschen feiern, vielleicht noch Shisha-Bar. Sowas halt."
Roxana nickte nur kurz.
"Und was geht bei dir heute noch?"
Sie unterdrückte ein genervtes Stöhnen und gähnte stattdessen.
"Ich fahr zu meiner Oma. Sie hat heute Nacht wieder Bluthochdruck."
Alexander schien die Antwort zu amüsieren.
"Oh, du bist wohl 'ne ganz Brave, was?"
Sie antwortete nichts darauf.
"Aber find ich gut. Familie ist das Wichtigste. Hab ich erst spät gelernt."
Der Wagen war etwas überhitzt, da die Klimaanlage seit über einer Stunde eingeschaltet war.
Ein leicht übler Geruch hing im Wagen. Ob er von der Klimaanlage oder von ihrem Beifahrer ausging, konnte sie nicht sicher sagen. Außerdem beschlugen die Fenster langsam von innen.
"Iranerin also ...", murmelte Alexander.
"Ja", sagte sie nur.
Alexander drehte sich nun zu ihr.
"Die sind doch sonst immer voll streng. Kopftuch, Burka, kein Sex vor der Ehe und das Ganze."
Roxana stellte schweigend den Scheibenwischer aus, es regnete einfach zu schwach dafür.
"Aber du trägst kein Kopftuch. Du bist da lockerer, oder?"
Sie legte ihre Hände fest auf zehn und zwölf Uhr des Lenkrads.
Alexander erwartete offenbar eine Antwort auf seine Frage.
"Meine Eltern sind nicht besonders religiös. Und ich auch nicht."
Sie merkte, dass ihr Gesicht heiß geworden war.
"Stimmt was nicht bei dir?"
Ihr war aufgefallen, dass er sie fast ununterbrochen beobachtete.
"Mir ist nur etwas zu warm."
Alexander sagte: "Du hast ja auch so einen dicken Pulli an."
Sie betätigte aus Versehen den Blinker und brauchte eine Zeit, bis sie ihn wieder ausgestellt hatte.
Das Straßenschild zeigte Tübingen jetzt gar nicht mehr an.
Hatte sie sich verfahren?
"Es war ziemlich mutig von dir als Frau, nachts einen Anhalter mitzunehmen."
Weil ihr nichts Besseres einfiel, tat sie so, als prüfe sie den Kilometerzähler. "Warte kurz", sagte sie. Sie merkte, dass ihre Stimme bebte.
Ihr Bein auf dem Gaspedal fing an zu zittern.
Der Wagen ruckelte ein bisschen.
"Was ist denn mit dir?", fragte Alexander.
"Nichts. Mir ist nur kalt."
Sie schaltete in den fünften Gang hinauf, nur um etwas zu tun.
Er blickte sie schon wieder von der Seite an.
"Hast du nicht gerade eben noch gesagt, dir ist zu warm?"
Er sprach das aus, als hätte er einen Lügner überführt.
Roxana versuchte, das Radio wieder einzuschalten, aber schaffte es nicht. Ihre Hand zitterte zu sehr.
Die Straße machte eine Kurve um fast 180 Grad.
"Warum sind heute keine anderen Autos unterwegs?", dachte sie verzweifelt.
Alexanders Handy vibrierte.
Leise konnte sie die Stimme des Anrufers hören.
"Ja?"
"Wo bist du?"
"Auf dem Weg. Bin bald da."
"Man, Sascha, mach mal hinne. Die meisten sind schon weg."
"Ja, chill, Bruder, dauert nicht mehr lang. Paka."
Er drückte den Anruf weg.
Roxana atmete nun sehr schnell und umklammerte das Lenkrad so fest, dass es wehtat.
"Hast du nicht gesagt, du heißt Alexander?" In ihrer Stimme lag eine Art Flehen.
Die Antwort dauerte lange, als müsse er erst darüber nachdenken.
"Ja, wieso?"
Ihr wurde leicht schwindlig.
"Weil dein Freund dich gerade Sascha genannt hat."
Sie sah den Mittelstreifen, die vorbeiziehenden Leitplanken und die Umrisse der schwarzen Bäume unglaublich deutlich und intensiv.
"Ach so, das. Sascha ist nur mein Spitzname."
Ihr Herz stolperte.
Das Wageninnere schien sie zu erdrücken.
"Roxana, ich glaub, du hast Angst vor mir."
Er hatte sehr ernst gesprochen.
Sie blickte schnell auf die Geschwindigkeitsanzeige.
Nur 47 km/h.
War das zu viel oder zu wenig?
Aus dem Augenwinkel beobachtete sie Alexander.
Er hatte seine Hand in der linken Hosentasche.
Es schien, als wolle er etwas herausholen.
Kurz war alles ganz still.
Sie holte Luft.
Dann riss sie das Lenkrad so schnell sie nur konnte herum.
Ein Knall.
Ein unglaublicher Druck gegen ihren Oberkörper.
Dann kippte alles weg.


Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf dem Waldboden, in eine Decke eingehüllt. Überall um sie herum waren Menschen und blinkende Fahrzeuge. Sie konnte erkennen, dass die Frontseite ihres Autos völlig eingedrückt und die Windschutzscheibe zerbrochen war.
Sie drehte den Kopf nach links.
Jemand wurde in etwas Ähnliches wie einen schwarzen Müllsack eingepackt.
Sie konnte die Stimme einer Polizistin ausmachen. "...vermutlich am Steuer eingeschlafen und gegen einen Baum gefahren."
Roxana starrte in den dunklen Himmel. Ein paar einzelne Sterne waren zu sehen.
Die Polizistin sprach weiter: "Ein Toter. Alexander Petrow, 24 Jahre alt. Russischer Staatsangehöriger. Keine Vorstrafen."
Nach einer Pause fügte sie hinzu: "Genau, die Angehörigen kennen ihn wahrscheinlich besser als Sascha. Ja, Ralf, sowas ist einfach nur scheiße."
Roxana richtete sich etwas auf und wandte sich nach einem der Notärzte um: "Könnte ich ein Beruhigungsmittel bekommen? 'Ne Tavor oder sowas?"
Der Sanitäter lächelte: "Da muss ich kurz telefonieren, aber das wird sich wohl machen lassen."
Sie lehnte sich wieder zurück und flüsterte leise: "Vielen Dank."
 
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